Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 160 (sequence 162)
- Language
- German
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160 Tony Brook : Begegnung mit dem Golem Eine Erzählung Meine Reise nach Prag war — genau genommen — eine Flucht. Ich floh vor der grauenhaften, genial organisierten Dummheit und Bösartigkeit, die (mich umgab, vor der Einsamkeit, die mich in den Nächten würgte und am Tage frösteln ließ, vor der Armut, die aus allen Ritjen meines minderen Mietzimmers grinste, vor dem verlockenden Traum eines schönen, selbstgewählten Todes, der mir süß sein schwarzes Lied ins Ohr sang. Am Abend stand es noch keineswegs fest, wohin ich fahren würde, nur daß ich verreisen mußte war klar, — es war — wenn es überhaupt noch Auswege gab —• der einzige. Meine Wirtin ließ mich gern ziehen: sie hatte es satt, von Ultimo zu Ultimo des Mietzinses wegen vertröstet zu werden und mir noch obendrein kleinere Beträge für die Notdurft des Tages borgen zu müssen. Sie war eine harte Frau, diese Wirtin, rechtschaffen und indiskret, aufdringlich und laut, und auch der schalste Rest von Liebe war aus ihrem erkalteten Witwenherzen geschwunden, sodaß es selbst bei der täglichen Züchtigung ihres kleinen Sohnes nicht weich wurde, wiewohl das Kind so markerschütternd schrie und schluchzte, daß selbst fremde Hausgenossen sich des Mitleids nicht erwehren konnten ... Dieses verfluchte Haus, genannt »Familienheim«, verließ ich freudig. Das war die einzige Freude in diesem trübsten Jahre meines Lebens, in dem mir die Welt als ein einziges gegen mich geschmiedetes Komplott erschien. Aber die Freude war matt, sie hatte nicht Kraft genug in sich, mich aufzurichten, in mir auch nur den Entschluß des Kofferpackens reifen zu lassen. Der Anblick des bunten Gewirrs aus Kleidern, Büchern, Manuskripten, das den schmutjigen Fußboden bedeckte, lähmte mich geradezu, ich warf mich — in Kleidern, wie ich war — aufs Bett, rauchte eine Zigarette nach der anderen, und starrte hinauf zu dem brüchigen Plafond, als könnte von dort die Gnade kommen, die mich erlöste. So fand mich Medardus, der einzige Freund, der nach dem Nachtmahl gekommen war, um sieh von mir zu ver-