Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 164)
- Language
- German
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162 bin, mache ich eine kleine Reise — sie ist ein Surrogat; weiter nichts.« Der gute Medardus machte zage Versuche, mich aufzuheitern — es war nicht mehr nötig. Ich begann, Glas um Glas des herrlichen Weines hinuntergießen, freute mich an der Benommenheit, die über mich kam, an der Scheinkraft, die mich erfüllte. Ich wünschte mir rotes Weinlaub, um es ins Haar zu flechten, und sang, sang, daß die Gäste in der Wirtsstube halb belustigt, halb verärgert mir zuhören mußten, ob sie wollten oder nicht. Wie ich nach Hause kam, weiß ich nicht mehr genau. Aber ich entsinne mich sehr deutlich des Augenblicks, da ich durch heftige Schläge gegen die Türe geweckt wurde. Mein Freund Medardus, der friedlich neben mir im Bette schlummerte, war rascher munter als ich. Er eilte an die Türe, um zu fragen, was es gäbe. »Der neue Mieter ist da, um einzuziehen.« Die Stimme der Wirtin bebte vor Entrüstung. Verschlafen wie ich war, konnte ich doch feststellen, daß der Mann zu Recht den Raum begehrte. Es war Mittag vorbei und ich lag noch immer in den Federn. Daß ich den Prager Zug versäumt hatte, versteht sich von selbst. Fluchtartig — was blieb uns anderes übrig — verließen wir mein Elendszimmer, indes der neue Mieter nervös im Flur auf und nieder ging. Wie immer, nach starkem Alkoholgenuß, brannten mir Hals und Magen, und boshafte Kobolde hämmerten auf mein armes Gehirn los. Ich verhockte den Tag lesend, rauchend, dösend in einem Cafe, ärgerte mich über mich selbst, ekelte mich vor der Welt bis zum tatsächlichen Erbrechen, und fuhr schließlich mit dem Abendzug doch noch — den Weg über Klagenfurt nehmend — nach Prag. * Es bleibt nachzutragen, daß die Stadt, aus der ich floh, meine einstmals heitere, jetjt von irrwitjigen Barbaren unterjochte Vaterstadt München war, die ich überschwänglich liebte und deren »Fall« ich beweinte — ein bayerischer Jeremias. Es bleibt ferner nachzutragen, warum ich diesen Bericht der Begegnung mit dem Golem nicht an Ort und Stelle — in Prag — beginne, sondern weitschweifend (und wie man-