Jüdischer Almanach
- Journal
- Jüdischer Almanach
- Volume
- 5697 (1936-1937)
- Date
- 1937-01-01
- Page
- Seite 169 (sequence 171)
- Language
- German
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169 »Es muß ein Irrtum sein«, entgegnete ich, »ich bin fremd hier: es ist unmöglich, daß Sie mich meinen«, und ich nannte ergänzungshalber meinen Namen. »Ja, eben Sie soll ich zum Tee bitten — zu Herrn Dr. Ciska«, sagte der freundliche Riese, »wollen wir zu Fuß gehen oder ziehen Sie es vor, ein Taxi zu nehmen?« »Ist es weit von hier?« Ich war selbst erstaunt über meine Frage, die einer Annahme der Einladung gleichkam. »Für Sie wohl«, meinte der Fremde, und maß mich herablassenden Blickes: ich war ein Knirps, ein Nichts neben ihm. Und damit faßte er mich an der Schulter. »Gehen wir«, sagte er, »hier ist es kalt.« Ich folgte ihm willenlos, bestieg mit ihm ein Auto (er mußte ein offenes wählen, da ein geschlossenes ihn nicht zu fassen vermochte) und dahin ging's durch die erleuchteten Straßen der abendlichen Stadt. Von den Kirchen schlug es acht. Der Wenzelsplatj schillerte in Rot und Grün und Orange. Die Stadt atmete Lust und Gefahr, Glück und Untergang, das Leben selbst saß auf den Kandelabern und sang ein tschechisches Lied. Unser Wagen raste in außergewöhnlichem Tempo, wie mir schien, durch das Gewirr der Straßen. Der Lenker buhte aller Verkehrsampeln. Der Wind pfiff mir um den Hut. Mit einem Male befiel mich entsetjliche Angst. »Ich bin verloren«, schrie es in mir, »ich werde entführt! Oh, ich Narr, warum bin ich diesem fremden Riesen gefolgt. Man wird mich über die Grenze bringen, verhaften. Man hat meinen Brief gelesen, hat mich beobachtet. Man wird mich langsam in einem Konzentrationslager zu Tode schinden. Oh, glückliches Los, in den Wellen der Moldau ertrunken zu sein; oh, Schönheit des Todes aus freier Entscheidung!« Ich wollte schreien, aber die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ich wollte aus dem rasenden Wagen springen, aber meine Beine waren so schwach, daß ich mich nicht erheben konnte. Ich saß reglos, wie von einem Albtraum befangen, keiner Gebärde mächtig. Der Riese neben mir redete kein Wort. Er machte den Eindruck eines Schlafenden. Teuflische Ruhe, dachte ich,