Jüdisches Volksblatt
- Journal
- Jüdisches Volksblatt
- Volume
- 5 (1903)
- Issue
- 39 (15.9.1903)
- Date
- 1903-09-15
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 39 Wien, Freitag Jüdisches Volksblatt 25. September J 903 Seite 5 Chronik. Knianb. Gedenktage. September. 23. 1814 geb. i. Pest Samuel L. Brill, tüchtiger Talmudist, 1841 geb. i. Baja Dr. Samuel Kohn, d. 1. ung. Prediger. 24. 1483 Judenverfolgung in Prag, 1863 st. Lady Judith <Moses) Montefiore, 1880 st. i. Wien Oswald Hönigsmann. 25. 467 st. i. Snra Mar (Tubjume) b. Asche, 1812 st. i. Padua Js. Raphael Finzi M. d. Paris. Sanhedrin, 1869 st. i. Hamburg Mos. Haarbleicher, Dichter u. Historiker. 26. 1836 st. i. Metz Karl Bing, 1879 st. i. Hamburg Dr. Jos. Piza, Bearbeiter des Romanes „Maria Henriquez Morales". 27. 1871 st. i. Erlangen Prof. Jak. Herz. 28. 1741 st. i. Safet Elasar b. Schmelka fr. Rabb. in Amsterdam. 29. 1024 st. i. Cordova Henoch b. Moses am Thorafeste in der Synagoge, 1349 sielen Märtyrer in Krems, 1815 st. Js. Lunteschüh. Verf. e. Ein!, i. d. talmudische Methodik, 1865 st. 1. Padua Prof. Sam. Dav. Luzatto, 1865 st. i. Hamburg Therese Warendorf, Liederdichterin des dort. Tempels. 30. 1782 st. i. Main» Rabb. Teble Scheyer. Tischri. 1. 1812 geb. i. Wörlitz b. Dessau Baron Mor. v. Cohn, 1879 st. i. Kiew Rabb. M. L. Malbim fr. i. Wreschen und Kempen, 3. Ermord, d. Statthalters Gedalja durch Jsmael b. Netanja, 1861 st. Rabb. Jsr. Lipschütz (Danzig). 4. 1820 st. i. Wilna R. Abrah. Danzig „Chaje Adam, Chochmat Adam", 1890 st. i. New-Pork Benj. Frankl. Peixotto, Generalkonsul. 7. 1736 st. i. Prag Rabb. Dav. Oppenheimer, Besitzer e. reichh. Bücher- und Handschriftensammlung, 1762 geb. i. Frankfurt a. M. Rabb. Moses Sofer (Chatam Sofer-. 8. 1902 st. i. Halberstadt Rabb. Dr. Selig Auerbach. 9. 1865 st. i. Padua Prof. S. D. Luzatto. 10. 1308 st. i. Worms Alexander Wimpfen, 1814 geb. i. Prehburg Albert Cohn, Mäeen jüd. Wissenschaft u. Philanthrop. 11. 1888 st. i. Montmorency Laz. Isidor, Oberrabbmer v. Frankreich. 13. 1837 st. i. Posen R. Akiba Eger. 14. 1881 st. i. Manchester R.-A. Lewis Jak. MareuS, Ehrenbürger v. Schwerin. 15. 1818 geb. i. Wilna d. Gelehrte Sam. Jos. Finn. 16. 1878 st. i. Würzburg vor d. Thora Rabb. Seligmann Bär Bamberger. 17. 1829 geb. i. Jarotschin Abg. Dr. Ed. Laster, 1867 st. i. Prag Oberrabb. Sal. Löb. Rapaport. 18. 1809 geb. i. Straßburg der der. Arzt Michel Levy, 1827 geb. i. Birnbaum Dr. Man. Joöl Rabb. 19. 1797 st. R. Elia Wilna (Wilnaer Gaon). 21. 1802 geb. i. Trebitsch Wolfg Wessely, der erste jüd. Prof. ord. an der Universität. 22. 1862 st. Alex. Haindorf, Gründer u. Dir. d. isr. Lehrerseminars i. Münster. 23. 67 fiel Gamala eine der letzten galiläischen Festungen. 24. 1801 gsb. i. Prag Zach. Frankel, Sem.-Dir., 1879 st. i. Grätz R. Elias Guttmacher, vorher Rabb. in Pieschen. 25. 1839 st. i. Preßburg R. Moses Sofer. 27. 1718 st. i. Trebitsch Rabb. David 90 I. 29. 1864 st. i. Odessa d. Gelahrte Simcha Pinsker. Der neue Tempel im VH!. Bezirke. Vorige Woche fand die feierliche Einweihung des neu erbauten Tempels im VIII. Bezirke statt. - Der Tempel, das jüngste Werk Max Fleischer's, ist ein Ziegelrohbau in den ernsten Formen italienischer Frühgotik. In der Fassade kündigt sich schon die Jnnendisposition an: der breite, zum Giebel sich erhebende Mittelbau, der dem Hauptschiffe entspricht, die in ragende Türme mit überhöhten Kuppeln endigenden Seitenteile, die sich den beiden Seitenschiffen anpassen. Die Gliederung des mächtigen Spitzbogenfenstcrs über dem dreiteiligen Portal mit den schmucklosen Wimpergen entspricht den Stockwerken, welche durch Galerie und Orgelempore gebildet werden; im Giebelfelde über dem Fenster sind als Symbol die Gesetzestafeln zu sehen. Die Laternen der Kuppeltürme sind doppelt, die untere mit schlanken Spitzbogenfenstern verglast, die obere offen. Die strenge Einfachheit, welche in der Fassade gewahrt ist, finden wir auch im Jnnenraume wieder, der seinerzeit durch Polychromie in seiner Wirkung stark gehoben werden wird. Der hohe Raum macht einen freien und luftigen Eindruck; die Eisensäulen, welche die Galerie tragen, haben in Paaren abwechselnde Form: Auf jede Einzelsäule folgt ein schlankes Zwillingssäulenpaar und auf der Galeriebrüstung setzen wieder Säulen auf, welche die von Spitzbogenfenstern durchbrochene Ausmauerung des Hochschiffes stützen. Die Decke ist von Travee zu Travee flach eingewölbt, die einzelnen Joche sind durch Spitzbogen geschieden, die ihre Widerlager in der Seitenmauer haben. So ist es vermieden, daß der Raum durch Pfeilerwerk verstellt wird. Das Mittelschiff schließt mit dem erhöhten Altarplatze ab. Das Holzwerk — Sitzbäuke, Galeriebrüstungen, die Türen der Bundeslade — ist stilgemäß schlicht ornamentiert. Die Vorhalle und die Seitengänge sind geräumig und mit zahlreichen (15) Ausgängen versehen. Der imposante Ban, ausgeführt vom Baumeister Karl Mayer, ist in der außerordentlich kurzen Zeit vom Februar 1903 bis heute vollendet worden. Alles in allem hat Meister Fleischer eine glänzende Probe seines Könnens geliefert. Und doch scheiden wir mit geteilten Empfindungen von dem stolzen Ban. Man nehme die Gesetzestafeln von der Front der Gebäudes und setze zwei Kreuze auf die Turmspitzen, und — die Kirche ist fertig. So frappant ähnelt der Tempel in seinem Aeußeren einer Kirche. Das Ziel des Künstlers muß es sein, in seinen Werken die Empfindungen seines Volkes zum Ausdruck zu bringen, nicht fremde Kunst seinem Volke aufzudiäugen. Die Gotik ist dem innersten Wesen unseres Volkes fremd, und wohlverstanden bauen die meisten Künstler im maurischen Stil. Dieser Stil ist zwar nicht jüdisch, aber semitisch. Ist aber ein Künstler der alten Formen überdrüssig, so schaffe er neue. Die sezessionistische Richtung läßt ihm genug Spielraum, zumal sie viele assyrische Motive in sich schließt, Reminiscenzen an unser Stammland. Jedenfalls wähle er aber nicht die Goiik, dieses Symbol des bigotten Mittelalters mit seinen trübsten Erinnerungen für uns Inden. Jüdische Kommilitonen! Unser Ansuchen um Anerkennung der jüdischen Nationalität wurde von Seite des Wiener akademischen Senates mit dem Bescheide beantwortet, daß es der jüdischen Studentenschaft niemals verwehrt gewesen sei, »innerhalb der Grenzen der akademischen Gesetze ihren Anschauungen in Bezug auf ihre Nationalität Ausdruck zu geben\ Im Sinne dieser Erledigung unseres Ansuchens hat die Vertretung der zionistischen Studentenschaft beschlossen, eine Aufforderung an die gesamte jüdische Studentenschaft „Muttersprache" beim Nationale mit nur auf diese Weise akademischen Gesetze wir gegen unseren Gommer-Semester die Rubrik ziehungsweise „Nationalität" rj üdisch" auszufüllen; denn können wir, im Rahmen der verbleibend, verhindern, daß Willen, unter Zugrundelegung der in unserem Falle nicht ausschlaggebenden Muttersprache, anderen Nationen zugezählt werden. Jüdische Kommilitonen! Diesen Schritt müssen wir unternehmen, wollen wir nicht auf halbem Wege stehen bleiben. Was wir von euch verlangen, ist nur ein weiterer notwendiger Schritt unserer auf Grund der Massenversammlung vom 27. November und 4. Dezember 1902 eingeleiteten Aktion. Jüdische Kommilitonen! Wer von der Wichtigkeit dieser Aktion Überzeugt und durchdrungen ist, wem die berechtigten Forderungen unseres Volkstums am Herzen liegen, wird uns auch jetzt folgen, um den akademischen Behörden auch fernerhin durch die numerische Stärke unsere Solidarität in dieser Frage zu beweisen. Jüdische Kommilitonen! Wir setzen unser vollstes Vertrauen in eure Ueberzeugungstreue! Bereinigung jüdischer Hochschüler Jüdisch-akad. Verbindung „Bar Giora" „Kadimah" „Bar Kochba" „Jvria" „Erez Israel" „Unitas" „Leo Pinsker" „Libanonia" „Theologia" „Makkabaea" „Vereinigung Zionistischer Hochschüler". Löbliche Redaktion! Sie würden mich zu großem Danke verpflichten, wenn Sie die Güte hätten, in der nächsten Nummer des Blattes in geeigneter Weise festzustellen, daß nicht der Gefertigte, sondern Herr Samuel Bernhardt, Kaufmann in Fünfhaus, der bei Herrn Dr. Grunwald anläßlich seines Amtsantrittes er schienenen zionistischen Deputation angehörte. Hochachtungsvoll mit Zionsgruß Dr. Max Bernhardt dz. Obmann des innerösterr. Distrikts-Komitees. Unentgeltliche Stenographiekurse. Anfangs Oktober worden neue, zweimonatliche Abend-Freikurse für Schüler und Erwachsene (Herren und Damen) eröffnet. Die Einschreibungen finden Montag, den 28. September und Freitag, den 3. Oktober von '/^bis '/,9Uhr abends statt'in den städtischen Schulen im IV. Bezirke, Alleegasse 11, im VI l. Bezirke, Zieglergasse 49, im VIII. Bezirke, Albertplutz 7 und im IX. Bezirke, Glasergasse 8; ferner im I. Bozirke, Jasomirgottstraße 6 (Schreibschule Pick), im VIII. Bezirke, Alserstraße 7 (Maschinschreibschule) und im XV. Bezirke, Neubaugürtel 36 (Realschule Speneder). Auch brieflich wird Unterricht erteilt. Anmeldungen und Anfragen sind an den Zentralverein für Faulmann'sche.Stenographie,Wien Il/8,Engerthstraße 235, zu richten. Wien. Die Befer-Thora-Ginweihung im Bethause des Vereines „Schomer Haddas" fand am Sonntag abends bei großer Beteiligung seitens der Mitglieder und Gäste statt und konnte das geräumige Lokal an der Donaulände kaum alle Anwesenden fassen. Don gesanglichen Teil versah Kantor Einfeld mit seinen gutgeschulten Mischorerim in meifterhafter Weise und die Festrede hielt Rabbi Simon S ch u lm a n n nach Art der alten Maggdim, inhaltreich und begeisternd. Gegen 10 Uhr war die Feierlichkeit zu Ende, welche sicherlich allen Teilnehmenden in bester Erinnerung bleiben wird. — n Brände in Galizien. Unter den beim Brande in Monasterzyska umgekommenen sieben Personen befindet sich auch ein Infanterist. Es wurden eingeäschert: der griechisch-katholische Pfarrhof, zwei Synagogen, von denen eine achthundert Jahre alt war und bei ihrer Errichtung und nachher von polnischen Königen kmit verschiedenen Privilegien bedacht worden war; hundert Häuser sind im Vororte Folwarki niedergebrannt. Eine Person fand dort den Tod in den Flammen. Dre Feuersbrunst dauerte die genze Nacht. Von der Stadl Monasterzyska und dem Vorort Folwarki blieb kaum ein kleiner Teil. Die ganze innere Stadt ist ein Raub der Flammen geworden. Kojetein. (Installation des Rabbiners.) Sonntag, den 13. September, fand die Installation des hier neugewählten Rabbiners Dr. Feder, gewesenen Hörers des Wiener Seminars, statt. Nach feierlichem Empfange durch den Vorstand wurde der neue Rabbiner im festlich geschmückten Tempel vom Rabbiner und bisherigen Stellvertreter Dr. Frankl aus Kremsier mit einer Ansprache begrüßt, die an das Wort des Wochenabschnittes „Das Verborgene ist des Ewigen unseres Gottes" anknüpste. Hierauf hielt Herr Dr. Feder, ausgehend vom Texte: „Tue also wie du gesprochen," seine fesselnde, formvollendete Antrittspredigt. Dev Redner empfing vielfache Gratulationen. Ausland. Graf Leo Tolstoi. Der bereits gemeldete Unfall, welcher den Grafen Leo Tolstoi an seinem fünfundsiebzigsten Geburtstage getroffen hat, hat erfreulicherweise keine schlimmen Folgen gehabt. Die Anschwellung des Fußes ist zurückgegangen und Tolstoi hat seine üblichen Spaziergänge wieder ausgenommen. An seinem fünfundsiebzigsten Geburtstage erhielt Tolstoi gegen viertausend Glückwunschdepeschen, darunter sogar aus Japan, China, Port-Arthur und Charbin. Besonders rührend sind die Telegramme der Juden, der Armenier und der anderen Nichtrussen Rußlands, in denen Tolstoi als mutiger Kämpfer im Namen der Wahrheit und der Nächstenliebe gefeiert wird. Mit den abends eingetroffenen Gästen führte Tolstoi ein lebhaftes Gespräch, in dom er viele Tagessragen mit der ihm eigenen Geistesschärfe erörterte und durch seine tiefsinnigen Bemerkungen und Bonmots die Zuhörer entzückte und verblüffte. Ueber seine neueste Novelle „Madschi Murot", welche auf einem Schreibtische fast vollendet liegt, sagte T o l st o i selbst: „Ich bereite diese Novelle für den Druck vor, aber erst nach meinem Ableben." Er schrieb zwei Allegorien für das jüdische Sammelw erk nieder, welches demnächst in Warschau zugunsten der Juden in Kischenew erscheinen wird, und stellte dabei die Bedingung, daß die Allegorien ins Jüdische übertragen werden sollen. Im koimnenden Winter wird Tolstoi nicht wie gewöhnlich in Moskau, sondern in Jaßnaja Poljana verbringen. Diesen Entschluß hat T o l st o i gefaßt mit Rücksicht darauf, daß in Moskau viele Besuche ihm die Zeit rauben und ihm am Arbeiten stark hindern. Da er sich gegenwärtig mit neuen literarischen Plänen herumträgt, so will er in Jaßnaja Am 1. September fyai im Religionsschullokale am Hermesweg in Frankfurt a. M. eine Versammlung von mehreren russischen, rumänischen und anderen Rabbinern der neu errichteten Misrachi-Gruppe, welche vom Zionistenkongreß zurückgekehrt, unter Anwesenheit von vielen Gästen stattgefunden. An dieser Bersannnlung beteiligten sich auch Herr Jakob Posen von hier, der dem Zionistenkongresse in Basel als Gast beigewohnt batte, sowie die Gründer de- „Misrachi", Herr Rabbiner Rakob Reines aus Lida und Rabbiner Dr. Nobel auS Leipzig, der telegraphisch hierher berufen wurde. Nach einer längeren Debatte, an der sich auch Vertreter der gegnerischen Partei, darunter Herr L o e b und Dr. H e i n e m a n n beteiligten, wurde Herr Rabbiner Dr. Nobel mit der Ausarbeitung eines Programms für das „Misrachi" betraut, welches samt einem Aufrufe zum Beitritt iu Druck gelegt und verbreitet werden wird. Halberftadt. Bor einiger Zeit ist hier zur Pflege der Geselligkeit ein Verein „Casino" gegründet worden, dem bereits jetzt über fünfzig hiesige jüdische Familien beigetreten sind. Der Verein, der in das Vereinsregister des königl. Amtsgerichtes eingetragen ist, läßt jetzt mit einem Kostenaufwand von zirka Mark 120.000 an bester Lage ein Bereinshaus errichten, das nicht nur die Klubräume, sondern auch große schöne Räume für die hiesige Berand Le hm an-Loge, einen Saal für den etwa 80 Mitglieder zählenden Verein jüdischer junger Kaufleute, ferner ein öffentliches Restaurant mit einem 330 Quadratmeter großen Festsaal, eine Kegelbahn u. s. w. enthalten wird. Die Fertigstellung des Hauses, an dem fleißig gearbeitet wird, erwartet man zum nächsten Frühjahr und läßt sich bereits jetzt beurteilen, daß das Gebäude mit der wundervollen Fassade ein Schmuck und eine Zierde für die Stadt werden wird. Einem tüchtigen Wirte würde sich hier Gelegenheit zu einer voraussichtlich sehr guten Existenz bieten und verweisen wir in dieser Beziehung auf das in unserer heutigen Nummer enthaltene Inserat. Ein Rechtsspruch gegen den Nitualmord. Vor der Strafkammer des hiesigen Landgerichtes war der Schriftsteller Paul Koch wegen Beschimpfung der jüdischen Religion angeklagt, Die Beschimpfung war in einer Broschüre mit dem Titel: . „Der Nitualmord, eine Forderung des alten Testamentes" ont- - halten. In dieser Broschüre war dis Behauptung aufgestellt, ' daß auch die jetzige jüdische Religionsgesellschaft den Ritualmord als Gesetz habe. Diese Behauptung wurde vom Gericht aus eigener Erkenntnis als unwahr erklärt. Das Gericht sprach ans, daß es hiezu der Zuziehung eines Sachverständigen nicht bedürfe. Im Laufe der Verhandlung wurde festgestellt, daß der Angeklagte Koch den größten Teil seiner Broschüre aus einem Werke abgeschrieben hatte, das im Jahre 1842 in Braunschwetg erschienen ist. Dieses führt den Titel: „Der Feuer- und Molochdienst der alten Hebräer" und hat einen gewissen Daumer zum Verfasser. Koch, der auch eine hervorragende Rolle in der Konitzer Ritualmordaffäre spielte, wurds zu Gefängnis in der Dauer von drei Monaten verurteilt. Wiens ergehen zu lassen, schon im kommendeNPoljcma bleiben, um sich der Arbeit ungestört widmen zu können. Aus Rußland. Der Kaiser von Rußland bestätigte den Senatsbeschluß, der das Schächtverbot in Finnland wieder aufhebt. Das ist ein trauriges Lied. Die Finnen, die von den Russen unterdrückt werden, unterdrücken noch viel ärger die im Lande wohnenden Juden und geben den Russen Gelegenheit, Humanitätsapostel zu spielen. — 50 Christen in Kischenew haben einen Verein unter dem Namen „Bruderliebe" gegründet, dessen Zweck ist, jedem Einwohner, der in Not ist, ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung hilfreich zur Seite zu stehen. Es tut wohl, das aus Kischenew zu hören. Die Einweihung der großen Synagoge. Am 14. d. M., nachmittags um 3 Uhr, fand die Einweihung der restaurierten Bukarester großen Synagoge statt. Die Synagoge ist ein künstlerisch schöner Bau in ,maurisch-orientalischem Stil. Die Malereien im Innern des Gotteshauses sind gleichfalls in maurischem Stile und gereichen dem Maler Jos. Tendier, der sie ausgesührt hat, zur größten Ehre. Der Neubau wurde durch den Baumeister Herrn Marcu Hecht in musterhafter Weise ausgesührt. Der gestrigen Einweihungsfeier wohnte ein zahlreiches Publikum, darunter viele Rumänen, bei. Der Gottesdienst begann mit dem Hineintragen der Gesetzesrollen und der Absingung der Psalmen 188 und 24. Dann wurde die Eröffnung des heiligen Schreines vorgenommen und die vorgeschriebenen Gebete von dem Kantor und den Gläubigen gesprochen. Nach Beendigung der Gebete hielt Herr Prediger Dr. Beck die Festpredigt, in welcher über die Bedeutung der Gotteshäuser im Leben des israelitischen Volkes sprach. Die Feier schloß mit dem Gebete für den König und die königliche Dynastie und mit der Absingung der Königshymne. Wie schon gemeldet, waren zur Eimveihungsfeier auch der Ministerpräsident, der Unterrichtsminister und der hauptstädtische Primär eingeladen worden, doch war keiner dieser Eingeladenen erschienen. Herr Sturdza, der sich gestern in Constanza befand, richtete un den Vorstand der Synagoge nachfolgendes Telegramm: „Ich bedaure, nicht bei der Einweihung der großen Synagoge in der Hauptstadt anwesend sein zu können, da ich mich hier in Dienstesangelegenheiten befinde. Ich beglückwünsche Sie zur Einweihung des neuen Tempels, um Gebete zu Gott zu erheben. D. A. Sturdza." Der Unterrichtsminister hat aus die Einladung nachfolgende telegraphische Antwort gesendet: „Ich danke Ihnen für die Einladung, die Sie an mich gerichtet haben, um an der Feierlichkeit der großen Synagoge teilzunehmen. Ich bedaure vom ganzen Herzen, daß ich daran nicht teilnehmen kann, da ich durch Amtsgeschäfte zurückgehalten werde. Ich bin aber im Geiste in Ihrer Mitte. Spiru Harrt." Der Generalsekretär im Ministerium des Innern, Herr C. Nieolaesku, hat im Namen des Ministers des Innern ein Glückwunschschreiben gesendet. Die Vorstandsmitglieder der großen Synagoge, die Herren M. Hecht, A. Herdan und M. Meitzendorf, haben an S. M. den König nach Ragaz nachfolgendes Telegramm gesendet: „Sr. M. dem Könige Carol l. Ragaz. Wir teilen Ew. M. in tiefster Ehrerbietung mit, daß heute den 31. August anläßlich der Einweihung der großen Synagoge in der Hauptstadt für Ew. M„ für I. M. die Königin und für die erhabene Dynastie Gebete gesprochen! wurden. Es lebe Ew. Majestät! Es lebe I. M. die Königip Es lebe die erhabene Dynastie!" London. Die jüdischen Arbeiter, die in Wales hauptsächlich durch irische Arbeite« überfallen und verfolgt wurden, weil sie angeblich den englischen Arbeitsrn die Beschäftigung entziehen, werden nach Kanada geschickt werden. Die Leute' sind zumeist Polen. Als Tag der Abreise von Liverpool ist der Dienstag nächster Woche festgesetzt worden. Einige von ihnen werden nach Neuschottland gebracht, während andere Woodstock in Montreal vorgezogen haben. Die Zahl der Auswanderer beläuft sich auf 60 Köpfe. Da man am Samstag eine Erneuerung der Unruhen in Dowlais erwartete, war die Polizei bedeutend verstärkt worden, und der Ort wurde beständig abpatronilliert.