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Jüdisches Volksblatt · 1903-09-15 · 39 (15.9.1903) · p. Seite 6

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Journal
Jüdisches Volksblatt
Volume
5 (1903)
Issue
39 (15.9.1903)
Date
1903-09-15
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Wien, Freitag Jüdisches Volksbiatt Nr. 39 25. September 1903 Ostrau. (Rußland, Woliner Gouvernement.) Wie uns ein Telegramm becichket, steht die Stadt Ost rau in Flammen. Dreihundert jüdrjche Häuser sind vollständig niedergebrannt. Zahlreiche Familien sind obdachlos. Das Klima Palästinas. ©me genauere Kenntnis der tti* matischen Verhältnisse Palästinas ist auch deshalb interessant, weil die in der Bibel gerühmte Fruchtbarkeit desselben mit den heutigen Zuständen in grellstem Gegensätze steht. Das wichtigste klimatische Element ist dort der Niederschlag, denn von seiner Menge und Verteilung hängt die Fruchtbarkeit des Landes in erster Linie ab. Eine von H. H i l d e r s ch e i d unlängst veröffentlichte Untersuchung der bisher vorhandenen Regenbeobachtungen in Palästina gibt darüber interessante Aufschlüsse. Hienach hat der südliche Küstenbezirk und das tiefer als der Meeresspiegel liegende Gebiet am Toten Meer und iin Jordantal eine durchschnittliche jährliche Regenhöhe von etwas unter 500, der höhere westliche Teil des Berglandes eine solche von 700 bis 750, das übrige Bergland 600 bis 700, die Ebene 500 bis 600 Millimeter. Der Monat Juli ist in Palästina so gut wie völlig regenlos; auch Juni, August und September sind fast völlig trocken, dagegen sind März und November die eigentlichen Regenmonate, in denen fast 0'9 aller Niederschläge fallen. Die Monate Mai bis September haben durchschnittlich nur 1 Prozent der jährlichen Regenmenge. In Jerusalem beginnt die Regenzeit ungefähr im letzten Drittel des Oktober und schließt anfangs Mai; an etwa 19:2 Tagen wird daselbst Regen beobachtet, die Trockenzeit umfaßt dagegen 173 Tage. Der Frühregen der Bibel fällt im Oktober und November, der Spätregen im Aprll und Mai. Ersterer ist für die Saaten der wichtigste; ist er spärlich oder bleibt er einmal aus, so kann auch ein reichlicher Spätregen den Feldern nicht viel nützen. Fast alle Regen treten in Jerusalem mit westlichen Winden ein und bringen Abkühlung. Bon 1860 bis 1882, also in 22 Jahren, brachten 14 Winter zu Jerusalem Schnee, der aber rasch schmolz; der bedeutendste Schneesall trat am 28. und 29. Dezember 1879 ein und verursachte eine Schneehöhe von 43 Zentimeter. Hilderscheid hat auch untersucht, ob sich das Klima Palästinas in geschichtlicher Zeit verändert habe. Er findet, daß die Bewaldung des Landes im Altertum nicht wesentlich höher gewesen sein könne als heutzutage; auch deuten die Angaben der Bibel wie des Talmuds nicht darauf, daß früher die Regenverhältnisse anders waren. Daraus schließt er, daß der heutige armselige Zustand und die dünne Bevölkerung des Landes nicht eine Folge klimatischer Veränderungen seien, sondern durch die geschichtliche Entwicklung bedingt würden, so daß bei einem gründlichenW andel der durch die türkische Unkultur hervorgerufenen Verhältnisse das heute verödete Land wieder in einen Zu st and der Blüte und des Wohlstandes gebracht werden könnte. Gegen den Antisemitismus. Je seltener ein katholische r Kirchenf ü r st seine Stimme für eine gerechtere Vcurreilung von Juden und Judentum erhebt, umso wohltuender ist es, ein derartiges Ereignis verzeichnen zu können. Der gefeierte Bischof von Cremona, Monsignore Bonomelli, hat soeben unter dem Titel „Gegen den Antisemitismus" eine viclbemerktc Schrift veröffentlicht, in welcher er diese „schmachvolle Bewegung" als reicht nur ungerecht, sondern „in ihrem innersten Wesen unchristlich" scharf verurteilt. Er bespricht die beiden Hauptanklagen gegen die Juden, ihre finanzielle Macht und die Rassen-Verschiedenheit und legt dar, daß der Kapitalismus,^ seine Ausschreitungen und seine Praktiken keineswegs „jüdische" seien, sondern zahlreiche Christen die Vorwürfe, welche man gegen sämtliche Juden erhebt, noch mehr verdienen, und daß eine Kirche, welche sich universell nennt, unmöglich eine Verschiedenheit des ethnischen Ursprungs anerkennen dürfe, um Steine auf die Juden zu werfen. In Bezug auf ersteren Punkt ist die Antwort sehr bezeichnend, welche Bonomelli bei seiner Anwesenheit in Berlin einem italienischen Landsmann erteilt hat. Derselbe zeigte ihm die von Juden bewohnten Prachthäuser und bemerkte dabei: „Sie werden sich nunmehr nicht verwundern, daß es hier Antisemitismus gibt." Entrüstet erwiderte der Bischof: „Wenn die Juden sie durch erlaubte, ehrliche Mittel erworben haben, so ist dagegen nichts einzuwenden. Es ist ihr Eigentum, wie es Eigentum der Christen wäre, welche verstanden, zu tun, was die Juden getan haben. Wenn sie getäuscht, gegaunert, betrogen haben, so gibt es Gesetze, und man belange sie. Behaupten, daß sie Diebe seien, weil sie reich sind, sie hassen und versuchen, sie, wenn möglich zu verjagen, ist widersinnig." Ueber den Rassen- Gegensatz äußert sich der Prälat wie folgt: „Im Vollbewußtsein dessen, was ich sage, erkläre ich, daß der Antisemitismus in seinem innersten Wesen unchristlich sei. Wenn ich einem Juden, wer er auch sei, begegne, dann denke ich, daß er ein Mensch ist, gleich mir, ein Werk desselben Schöpfers, von Natur mein Bruder, der dasselbe Ebenbild Gottes an sich trägt, wie ich auch. Ich denke, daß er ein Nachkomme Abrahams und der Patriarchen ist, welche ich verehre. Ich denke an die Propheten und die großen Heiligen, welche Juden waren. Ich denke an die Apostel, die Begründer der Kirche, welche gute Juden gewesen sind. Ich denke an jenen Apostel im wahrsten Sinne des Wortes, an den erlauchten heiligen Paulus, welcher sich rühmte ein Jude zu sein. Ich denke an die ersten Märtyrer der Kirche, welche Juden waren. Ich denke an die heilige Jungfrau, welche der Familie Davids entstammte. Ich denke an Jesus Christus." Monsignore Bonomelli faßt seine Ausführungen in folgernde Schlußsätze zusammen: „1. Wer die Juden haßt, die öffentliche Meinung erregt und gegen sie aufhetzt, weil sie Juden sind, der ist ungerecht und zu allerletzt ein Christ. 2. Für uns Christen hat die Nachkommenschaft Israels ein ganz besonderes, unveräußerliches Anrecht auf unsere Sympathie und unsere Dankbarkeit. 3. Wenn es Juden gibt, welche der Vergehen, ivelcher man sie anklagt, schuldig sind, so entlarve man sie, dehne aber den Vorwurf und die Verurteilung nicht auf die ganze Nasse aus, und vor allem mache man ihnen nicht aus ihrem Namen ein Verbrechen." Olmützer Brief. (Original-Korrespondenz des „Jüdischen Volksblattes".) „Es ist eine Freude, zu leben!" Dieses Wort hätte ein Olmützer Kultusvorstand prägen können. Das ist eine Welt, die zwischen einem Jom-Kippur und dem andern lebt und sich von dem Dämmerschein des jüdischen Erwachens nicht bange machen läßt. Die politische Selbstkastrierung ist das Programm unserer heutigen Gemeindemachthaber und diese geistige und moralische Impotenz die gelungenste Photographie der jüdischen Wählerschaft. Zndes dies bewährte Pochen aus die Indolenz aller Olmützer Juden entspringt denn doch einer allzu gemütlichen Generalisierung und die Billard- und Tarokjuden fühlen sich bereits geniert. Die Jugend, die ein wenig mehr Schamgefühl besitzt, fordert ihre Rechte, die Jugend, welcher das Gehirnweichbild des Kulturvorstandes zu enge geworden, und in ketzerischem Uebermute stürmt sie die sonst stillen, vom Parasitendufte seiner Beherrscher atmenden Hallen des Sitzungsaales. Eine Kultusvorstandsitzung in Olmütz, ein Gruppenbild, das auf dem Hintergründe von Ohnmacht und Beschäftigungslosigkeit seine Konturen gewinnt! Man kennt ja die Pagoden, die nur beim Schnürchen gezogen werden müssen, um mit dem Kopse zu nicken. „Auf kleinen Korkstühlchen sitzen sie dort" . . . Ach, und die enthüllte Armseligkeit! „Wieviel sind wir eigentlich?" „Acht Stück. Also noch «icht beschlußfähig." „Die Herren werden im Kasseehause sitzen, man sollte sie daran erinnern, daß heute Sitzung ist." „Vielen ist's hier zu rauchig." „Ja, wenn man nicht einmal rauchen dürfte, dann käme keiner." Arme Witztyrannen! Endlich '/Zl Uhr. Nun sind's schon 12—14. „Ich eröffne die Sitzung." Ein Gesuch der jüoischen Ferialverbindmig „Geullah" um Subvention, voll von Angriffen auf Deutschtum und Liberalismus, voll von jugendlicher Straft, wie sie nur edle Begeisterung diktiert. Die Worte werden kaum gehört, gilt es doch,'keine Beweise unverbrüchlicher patriotischer Loyalität zu bringen oder das ersehnte Ordensbändchen oder den „kaiserlichen Rat" einem Gemeindemächtigen zu gönnen. Der Referent beantragt 80 K und mit rührender Einstimmigkeit wird der Antrag genehmigt. Doch wie? Jst's nicht jämmerliche Kompromittiernng, nicht ein Wcttcrwechsel, eine Konzession, wenn man jüdische Vereine unterstützt? Und dazu Vollblutjuden, Zionisten, die frech genug sind, den .Kehricht der heutigen Kultnsstllben, „die Schmach des Judentums", angesichts des ohnehin nahen Verfallstages nicht länger prolongieren zu wollen? Welch glücklicher Zufall, die altkatholische Kirchengenreinde bittet um Subvention für den Bau eines Gotteshauses. Selbstredend bewilligt. „Ohne Unterschied der .Konfession." Immer unsere Devise gewesen. — Nun kommt das Schmerzenskind unserer Gemeinde, eure Eingabe des Rabbiners, in der über Barmizwahnnterricht, Jugendgottesdienst gehandelt wird. Man kann kaum rücksichtsloser alles in bares Geld ummünzen, als die klägliche Debatte über diese Angelegenheit es getan. Ter gewöhnlichste Anstand hätte es gefordert, diese etrvas nnsanberc Wäsche unter Ausschließung der Oesfentlichkeit anszuwinden. Freilich, den billigen Mut der gröblichsten Taktverletzungen gegen eine sogenannte Respektsperson wie den Rabbiner hatten die Herren gefunden, wo es aber gilt zu Fragen Stellung zu nehmen/ bei denen die Oeffentlichkeit weit mehr interessiert ist. Da wittert der Kahal Morgenluft und seine ganze Feigheit liegt in krassester Nacktheit zutage. Die zionistischen Vereine von Olmütz hatten um Ueberlassung des Sitzungssaales der Kultusgerneinde für ein Referat über den Vl. Zionistenkongreß angesucht. Bei versperrten Türen verhandelte man, und ohne Begründung wurde das Ansuchen abgewiesen. Die Kühnheit dieses Beschlusses, daß eine jüdische Gemeinde jüdischen Vereinen für einen jüdischen Zweck ihr Lokal verweigert, setzt uns nicht in Staunen, uns empört nur die Tatsache, daß eine Gemeinde noch so tief im Schlamme des schmierigsten Kapitels der jüdischen Geschichte, der Assimilation, steckt, daß sie es nicht wagt, im Interesse des jüdischdeutschen Schmarotzertums und des angeblich guten Einvernehmens mit dem in Agonie sich wmdenden Liberalismus, offen und ehrlich zu jüdischen Tagessragen Stellung zu nehmen. Wir kennen das abgeleierte Werkel der „Widerlegungen" des Zionismus sehr gut, wir kennen auch den aristophanischen Witz, mit dem die Impotenz der Gegner gegen uns zu Felde zieht, von altersher und glauben nicht, daß die Olmützer Kultusgemeinde darin um ein Haar vernünftiger ist als alle die vielen anderen westeuropäischen. Neue Argumente hatten wir also von einer Stellungnahme zum Zionismus kaum erwartet, allein mit dem verwerflichen Rückzuge der geheimen Sitzungen zu kämpfen, heißt unsere Geduld provozieren. Wir scheuen keinen Kampf mit Argumenten, ja, wir wünschen ihn, aber wir verlangen, daß man uns endlich klar und offen sag», warum man uns bekämpft. Die heutige Stellung der Olmützer Kultusgemeinde zum Zionismus ist sicher das Diktat der eigenen Ohnmacht und Hilflosigkeit, die köstlichste Frucht des Regimes ihres Kultuspräsidente«, der das Erbe seiner Vorgänger würdig zu vertreten weiß. Wie heißt doch jener Herr, von dessen freundlichem Gesichte zuvorkommende Amtskollegen alle Wünsche im Nu ablesen können, und der dann jedesmal besorgt prüfend im Kreise der Getreuen stets zustimmend nickenden Köpfchen begegnet? Wie heißt doch der Herr, der von seinem Präsidentenstühlchen ganze 24 Kultusvorstände beherrscht und ihren Heerbann gegen jene aufrührerischen Elemente entsendet, welche sich unter dem Erbteil ihrer jüdischen Ahnen etwas anderes als ödes Kalauern, gepaart mit/etwas Advokaten- und Journalistenroutine, vorzustellen wagen? Nein, es gibt nichts, das die klägliche Kleinheit der OlmützerKultusrepräsentavz besser bezeichnen könnte als die Tatsache, daß der Mann, dem seine Tischgesellschaft tagtäglich im Kaffeehause Bewunderungshymnen singt, Dr. Jakob E b e n heißt. Dieses an Groteske streifende Mißverhältnis zwischen der äußeren Repräsentanz und der wesentlichen Unbeträchtlichkeit in jüdischen Fragen ist es, was uns wieder einmal zur Abwehr herausfordert. Die Frage des Verantwortlichkeitsgefühles gegenüber dem ganzen jüdischen Volke hat sicherlich Herrn Dr. Eben bisher wenig geniert, allein sein Spekulantentum aus die Indolenz seiner Umgebung geht denn doch über die Schranken, wenn durch sein Vorgehen die gesamte jüdische Bevölkerung von Olmütz bedroht wird. Er, der unentwegte Kämpfer für Deutschtum, wagt es, sich vom Gemeinderate zur Ueberwachung der Schülerausnahme in die tschechische Volksschule delegieren zu lassen, damit durch Zurückweisung der vom Lande kommenden Schüler das berechtigte Begehren der hiesigen Tschechen auf Errichtung einer neuen Volksschule all absurdum geführt werde. Daß dann der„Pozor" gegen das jüdische Deutschtum, gegen den jüdischen deutschen Kultusvorstand Dr. Eben loszieht, daß die jüdischen Kaufleute der Gefahr des tschechischen Boykotts entgegengehen, wen kann dies wundern, der bedenkt, daß nur politische Idiotie deutschtümelnder Juden oder Unkenntnis der Statistik die baldigst bevorstehende Tschechisierung von Olmütz leugnen können? Man ist ja an vieles gewöhnt, man erinnert sich noch wohl, daß Dr. Eben es war, der gegen die Vergebung einer Arbeit von seiten der Stadtgemeinde an eine hiesige tschechische Firma protestierte, oder daß eben derselbe Dr. Eben eine Resolution im Stadtverordnetenkollegium beantragte, in der das Zusammengehen der deutschen Parteien (Dr. Eben und Dr. Lueger) begründet wurde, doch von Zeit zu Zeit muß manches festgenagelt werden. Dr.Ebens nicht geringe Verdienste um das Deutschtum hätten schon eine höhere Würdigung als das Mandat eines Stadtverordneten verdient. Sein Proßnitzer Kumpan, der Nordmährerheld Nies, ist schon Ehrenbürger von Schwauenberg geworden. — Diese göttliche Komödie unter der Direktion Dr. Eben wird wahrscheinlich nicht sobald von der Bildfläche verschwinden, allein wir werden stets wachsam gegen jede Verunglimpfung jüdischer Interessen uns schützen. Neugierig sind wir, wie lange das jüdische Publikum ruhig zusehen wird, daß in Olmütz eine Politik von seiten deS Kultusvorstandes gespielt werde, die den Antisemitismus besser zu erzeugen als zu bekämpfen vermag, neugierig, wie lange die Wurschtigkeit, mit der die jüdischen Interessen in den Händen germanomanischer Kultusvorsteher gehandhabt werden, noch dauern wird. O l m ü tz, September 1903. Josef Meist. Offener Brief an Dr. Byk. Löbliche Redaktion! Unter den vielen Deputationen, die Se. Majestät unser allergnädigster Kaiser bei seinem Weilen in Lemberg zu empfangen geruhten, befand sich auch eine jüdische, an deren Spitze der Reichsratsabgeordnrte Dr. Byk stand. Dir gestrige Nummer der „Zeit" brachte einen ausführlichen Bericht über die Anwesenheit Sr. Majestät in der Hauptstadt Galiziens, und nnter anderem hieß es, der Kaiser empfing gestern auch eine Deputation der jüdischen Kultusgemeinde. Abgeordneter B y k sagte unter anderem, daß die Juden nie daran vergeffen werden, daß sie unter der Regierung des Kaisers die Gleichberechtigung erhielten. Der Kaiser dankte in herzliche» Worten und sagte, daß die Treue der jüdischen Bevölkerung erprobt sei und daß er auf sie immer rechne. Er informierte sich über die Verhältnisse der jüdischen Gemeinde. Nach der Vorstellung der Rabbiner sagte der Kaiser, daß diese sicherlich ein rituelles Gebet verrichten wollen. Abgeordneter B y ck entschuldigte, daß infolge der Zeitkürze dies im Programm nicht anfgenommen wurde. Der Kaiser gab jedoch den Rabbinern rin Zeichen, bedeckte das Hanpt, was auch die Deputationsmitglieder taten und empfing den rituellen Segen. Ich frage nun diesen Herrn B y k, mit welchem Rechte er sich zum Führer einer jüdischen Gemeinde anfstellt, wenn tu ihm nicht der geringste Funke jüdischen Glaubens jüdischen Denkens wohnt. Wie faint ein Mann jüdische Interessen vertreten, wenn er zum Verräter an seinem Volke und sich selbst wird. Ich hätte wahrlich nichts dagegen, wenn Sie, Herr B Y k, sich ein für allemal und vor der ganzen Welt taufen ließen, dann würden Sie lvenigstens öffentlich bekennen, daß Ihnen längst der jüdische Glauben verhaßt nnd jüdische Gebräuche und Segenssprüche zum Ekel geworden. Nicht aber als Führer einer Lemberger jüdischen Gemeinde fungieren zu wollen um sich dann als Verräter derselben zu entpuppen. Führer anderer Religionen und Sekten haben nicht gescheut, lange Gebete zu verrichten, ohne zn fürchten, des allergnädigsten Kaisers Geduld auf eine harte Probe zu stellen. Sie aber haben auf die indirekte Aufforderung des Kaisers, ein rituelles Gebet zu verrichten, geantwortet, daß infolge der Zeitknrze dies ins Programm nicht ausgenommen würde. „Aber die Strafe folgte auf dem Fuße." Der Kaiser gab den Rabbinern ein Zeichen, bedeckte das Haupt, was auch die DeputationSmitglieder taten und empfing den rituellen Segen. Was dachten Sie da, Dr. Byk? Hat diese moralische Ohrfeige irgend welche Reaktion in Ihrem assimilatorischen Jdeenkreise hervorgerufen oder ist bei Jhneu Malz und Hopfen verloren! Was hat Sie eigentlich veranlaßt, vor Seine Majestät zu treten? Ihn, wie Sie sagen würden, der Treue des Judentums zu versichern I Wenn dies der Zweck war, warum haben Sie nicht die Bedeutung des rituellen Segensspruches studiert? Dann hätten Sie sicherlich ihn ins Programm ausgenommen. Liegt doch in diesem Segensspruch mehr als in all Ihrem Wortschwall. Als Patriot und Abkömmling des jüdischen Volkes wäre es Ihre Pflicht gewesen, den Lemberger Brüdern kund zu tun, daß Sie nicht würdig sind, als Führer einer jüdischen Gemeinde vor Se. Majestät zu treten, daß es Ihnen, einem Assimilatoren schlimmster Art, nicht möglich ist, mit solchen inneren Widersprüchen wie „Assimilation und Segensspruch" in das Antlitz unseres erhabenen Monarchen zu blicken, ohne vor Scham zu erröten. Dann wären Sie wenigstens als ehrlicher Verräter Ihres Volkes dagestanden und unseren Brüdern wäre es möglich gewesen, sich um einen ehrlichen Juden, dem das Wohl seines Volkes am Herzen lag und liegt, der mit ganzer Seele an den Traditionen des Volkes Israel hang undhängt, der mit allen Pulsschläge eines jüdischen Herzensseine Religion liebt und die Satzungen seiner heiligen „Thora" ehrt und schätzt, umzusehen. Dem Kaiser wäre es recht, dem Judentum zur Ehre und Sie selbst hätten sich die Verachtung vieler Ihrer Brüder erspart. Aber nein, Ihnen, einem „B y k", einem Doktor, einem so „aufgeklärten" Menschen, Ihnen hat es nicht mehr gepaßt sich mit solchen Lappalien, wie Segensspruch, zu befassen. Nein, nicht einmal zum ehrlichen Verräter wollten Sie werde», vielmehr als ganzer Assimilator oder besser Henker Ihres Volkes erscheinen. Herr Byk, kehren Sie um, bevor es zu spät wird, laden Sie nicht den Fluch unserer Kinder auf Ihre Nachkommen und möge Ihnen in den Stunden des Zweifels die Frömmigkeit nuferes edlen Monarchen zum Beispiele dienen. Mayer L e i st y n a, Zaleznia, Galizien. Die Distriktsversammlung des innerösterreichischen Distriktes. Das innerösterreichische Distriktskomitee hat in seiner Sitzung vom 18. d. M. beschlossen, die diesjährige Distriktsversammlung für Sonntag den 18. Oktober einznberufen. Die Ansschreibung der Delegiertenwahlen und Bekanntgabe der Tagesordnung wird in der nächsten Nummer erfolgen. Die diesjährige DistriktsbersamMlnng wird bei der immer mehr wachsenden Ausbreitung der zionistischest Bewegung und der! Wichtigkeit ihrer Aufgaben von großer Bedeutung sein. Sache unserer Organisation ist es, die künftige Zusammensetzung des Distriktskomitees nnd den Nahmen feiner Tätigkeit schon jetzt in reifliche Erwägung zu ziehen. Das neue Distriktskomitee wird die Lösung einer ganzen Reihe verantwortimgsvoller Aufgaben durchzuführen haben. Solche sind unter anderen: Das bereits spruchreife Projekt einer zionistischen Sparrmd Vorschutzkassa (nach Prager Muster), Errichtung einer zionistischen Schule in Wien (Vorschlag Weber), die intensive Ausgestaltung der Agitation für den Nationalfonds, die Durchführung der Beschlüsse des dritten Parteitages bezüglich der Organisation (Vorschlag Dr. Bernhardt, speziell Distriktsstatut), die Feststellung der Taktik zu den nichtzionistischen jüdischen Organisationsgruppen nsw. Somit harren des künftigen Distriktskomitees viele schwierige Arbeiten. Sollen diese eine gedeihliche Lösung finden, so mutz das Distriktskomitee zum Brennpunkt der zionistischen Organisation werden, bei allen Vereinen und Vertrauensmännern die stralnmste Unterstützung finden nnd die tüchtigsten unserer Parteigenossen in sich schließen, welche der durch die Zugehörigkeit zum Distriktskomitee übernommenen ernsten Pflicht sich vollkommen bewußt sind. Hat das innerösterreichische Distriktskomitee tu seiner rekonstruierten Gestalt schon innerhalb eines Jahres sich kraftvoll dnrchzusetzen verstanden, und trotz seiner bescheidenen Mittel mW geringer Unterstützung Anerkennenswertes geleistet (Kultuswahlen,, Makkabäerfeier, Provinzorganisationen, Kisehenewer Hilfsorganisation nsiv.), so mutz es bei zielbewusster Unterstützung aller Gesinnungsgenossen der zionistischen Bewegung in Wien den ihr gebührenden Platz erringen — das assimilatorische Wien mutz bei beu nächsten Wahlen ein zionistisches sein.

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