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Jüdische Wochenschau · 1961-11-14 · 1923 (14.11.1961) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Wochenschau
Volume
22 (1961)
Issue
1923 (14.11.1961)
Date
1961-11-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German, Spanish
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E li von SCHALOM BEN-CHORIN „Seit neu >.u den Juden*’ ist ein Slogan, den man heute immer weder in der deutschen Eundes'epublik hört. Unumwunden gaben mir Deutsche guten Willens zu, dass diese Weisung in verschiedensten Formen an die Bevölkerung herangetragen wird, aber zugleich waren meine Gesprächspartner, meist, ernste evangelische Chnsten. zutiefst davon du; chdrungen, dass eine solche Haltung sicherlich nicht ausreichend ist. sondern duic-h echte Kenntnis des Judentums und eine tiefergehend.- brüderliche Beziehung zum ..jüdischen Menschen’’ untermauert werden miis'se. Zum ..jüdischen Menschen”. so sagt man h-ru;e in Deutschland. Der ..jüdische Mensch” gehört ins ntudeuische Vokabular, da m.,n sich instinktiv scheut „der Jude” zu sagen; es klir-gi nicht gut, so wie man heute nicht gern von einem ..Führer” spricht, oder ein Mitglied der CDU oder SPD, de; beiden führenden Parteien; als PG iParteigenosse ) bezeichnet. All diese Wörter sind belastet, sind in Misskredit geraten, — nicht von ungefähr. Der jüdische Mensch in Deutschland ist ein Problem. zunächst schon deshalb. weil es ihn kaum mehr gibt. 30.000 Juden in der Bundesrepublik unter ca. 55 Millionen Deutschen, — das ist kein wirklicher Faktor, aber man sucht — mit Lichtern — den jüdischen Gesprächspartner, man ist an einem jüdischen Element in der Bundesrepublik ehrlich interessie.t. Daher dis für uns so problematische Einstellung zu Rückwanderern, zu „Jordim" aus Drae] Man begrüsst sie in Deutschland, kommt ihnen entgegen, und das ist. naturgemäss von Deutschland her gesehen, auch vollkommen in Ordnung: vertriebene deutsche Staatsbürger, die in ihr Herkunftsland zurückkehren, müssen ja als Opfer der Rassenverfolgung entsprechend aufgenommen werden. Andererseits ist die Freundschaft. gegenüber dem Staate Israel in weiten Kreisen ehrlich und ohne Vorbehalt, sodass man gerade Rückkehrer aus Israel doch nicht mit ganz, derselben Freude zu empfangen vermag wie etwa Rückkehrer aus anderen Ländern. Während meine-, Besuches in Deutschland verstarb in Wiesbad?n Dr. Katz. Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichtshofes. Der Präsident der Bundesrepublik und der Bundeskanzler die Spitzen der Behörden waren bei der Beisetzung vertreten. Dr. Katz war Justizminister des Landes Schleswig-Holstein, ehe er an den Bundesverfassungsgerichtshof berufen wurde. In den Nachrufen in der deutschen Fresse wurden überall die Emigrationsjahre des allgemein verehrten Mannes in Amerika gebührend erwähnt, aber sein Judentum wurde verschwiegen. Ein Redakteur einer grossen deutschen Tageszeitung sagte mir: Wir würden es auch nicht für passend erachten, im Nachruf auf einen der höchsten Richter des Landes besonders zu erwähnen. ob er katholisch oder evagelisch war. Das ist sicher korrekt, und doch spüren wir. dass das nicht ganz dasselbe ist. Für die Bundesrepublik aber gibt es nur noch jüdische Deutsche, keine deutschen Juden, — und die Juden selbst bezeichnen sich nach wüe vor als ..Juden in Deutsenland”. Ein Zwiespalt, den die Zeit heilen wird: die jüdischen Deutschen werden allmählich ganz im neuen, europäisch orientierten Deutschtum aufgehen. — die Juden in Deutschland aber werden trotz aller Bereitschaft, die sich rings um sic findet, ihre jüdische Zukunft anderwärts. vor allem natürlich in Israel, suchen müssen. BEGEGNUNG AUF DEM FRIEDHOF In München rraf ich auf dem jüdischen Friedhof eine Dame, die muh von Israel her kannte und daher hebräisch ansprach: sie ist eine Nichtjüdin, die mit ihrem jüdischen Gatten 1934 nach Erez Israel auswanderte Der Mann, ein alter Zionist und JvJV-er,- konnte in Israel keine Wurzeln fassen und kehrle mit Frau und Sohn, der in Israel geboren war, nach Deutschland zurück. Nun ruht er auf dem jüdischen Friedhof in München. Die Witwe möchte so gerne nach Israel „heimkehren", aber der heute 20jährige Sohn widersetzt sich. Er hat inzwischen die Taufe genommen und will ein Deutscher unter Deutschen sein . Auch das gibt. es. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wenn mir die Mutter nicht ihr Leid geklagt hätte. — zwischen Gräbern, aui dem „guten Ort” der Juden. — sie. die niehtjüdisene getreue Israelin .. JUGEND-TREFFEN Dieser junge Sabre also sucht einen Fluchtweg aus seiner Herkunft und Vergangenheit. Andererseits suchen christliche junge Menschen jüdische Jugend Auf einer Aussprach? mit den evangelischen Studenten an der Technischen Hochschule in Berlin erhob sich ein junger Mann mit unverkennbar sächsischem Akzent und bat mich, ihm behilflich zu sein, ein Treffen evangelischer Jugend mit jüdischer Jugend „im Raum von Dresden” zu arrangieren Dieses Ansinnen zeigt die völlige Ahnungslosigkeit des jungen Mannes. ln Ostdeutschland. im ganzen Raum der DDR. gibt es heute nur noch etwa dreitausend Juden, zumeist, ganz alte Leute. Wie sollte es da zu einem christlich-jüdischen Jugendtreffen „im Raum von Dresden" kommen? Ich konnte dem jungen Mann nur vorschlagen, sich einer der nicht mehr seltenen Studentengruppen anzu. schliessen. die Israel bereisen und hier zu einem solchen Treffen mit jüdischer Jugend zu kommen Wie sinnvoll und erlebnisreich solche Studienfahrten sind, erweist ein soeben erschienenes Heft, der „Deutsch- Israelitischen Studiengruppe an der Kirchlichen Hochschule Berlin”, das Notizen einer Studienfahlt durch Israel vom Herbst 1960 vereinigt. PHILOSEMITJSMUS ln Berlin hatte ich Gelegenheit, zahlreiche, vor allem junge, geistig bewegte Menschen zu sprechen, die einen Zugang zu Juden und Judentum ehrlich suchen: nach meinem Vortrag an der Freien Universität gab es eine stundenlange Aussprache im evangelischen Studentenheim. Anderen Tages leitete ich dort eine Bibelarbeit über den 126. Psalm, der von Heimkehr nach Zion spricht. Im Kreise der Studenten oer Technischen Universität konnte ich über geteiltes Jerusalem und geteiltes Berlin eine Aussprache eröffnend referieren, und im Rahmen der Gruppe „Juden und Christen” auf dem Kirchentag gab es Möglichkeiten, mit zahllosen Deutschen jüdische Fragen zu erörtern. Am letzten Tag meines berliner Aufenthaltes aber musste ich diese Eindrücke in einer Studentgruppe in einer Warnung zusammenfassen: der .Warnung vor Philosemitismus. Das hört sich absurd an und entspricht doch der Wahrheit. So wie die Deutschen im Dritten Reich den Juden meist als „Untermenschen” sahen, ais Dämon und Vampir, so sehen sie ihn heute weithin als „Uebermensehen”, als leidenden Gottesknecht, als Verkörperung von Gewissen und Ethik, als eine Lichtgestalt und einen Lichtbringer. Nun, wir wissen, dass wir — im Durchschnitt — weder Untermenschen noch U eber men sehen. weder Teu- INTCRTUR N a c —'**«•* Su Agencio d« Vra|*t mm-***' k BARILOCHE mit C c tn t 1 Reservieren Sie telefonisch ihre Passage TU CUMA N S78 p- 4. — TE. 35-2567 u. 35-2779 HOTEL LAGO LEO KHN Saiscneroeffnung 1. Dezember ANMELDUNG ERBETEN 1 > RIO CEBALL0S Casilla Cer ree 34 ‘«■■.■■»•.v» r«%r*w. NO SOLO LA PLATEA!!! itos lugares que desde la pantalla le emocionan, le maravillan, te "transportan", VEA¬ LOS, CONOZCALOS, VIVALOS...^USTED 1 MISMO, EXCURSIONES "'EXODO VIAJES CORRIENTES 2063 - PLANTA BAJA, OF. 9,10,14 y 16 I. E. 49-3491 / 45-4957 /49-0433 / 45-7607 / 49-1229 LITERATURA Der “Papst der Es war Anfang des 16. Jahrhunderts (1815) da in Deutschland im Zuge der Emanzipation weitgehende Reformbestrebungen in den jüdischen Gemeinden um sich griffen und Funktionäre der Gemeinden manche geheiligte Tradition achtlos über den Haufen warfen. — als die grosse jüdische Gemeinde von Posen nach langen inneren Kämpfen zwischen den Neologen und den Orthodoxen den Rabbiner von Märkisch Friedland, Rabbi Akiba Eger zu ihrem geistlichen Oberhaupt wählte. Aehnlich dem Kampf heute zwischen Reformisten, Konservativen und Orthodoxen herrschte damals das Ringen zwischen „Fortschrittlichen” und „Reaktionären”. Dieser Kampf ging so weit, dass die Gegner des neuen Rabbiners sogar beim Oberpräsidenten der Provinz gegen die Anstellung dieses „Fanatikers” protestierten, der Informationen einholen liess, in denen das Charakterbild de? Kandidaten aber so günstig war, dass gegen seine Berufung nichts unternommen werden konnte. Rabbi Akiba Eger war zwar als streng gläubig bekannt. keineswegs aber als weltfremd. Schon 3807. als eranlässlich der Errichtung des Grossherzogtums Warschau durch Napoleon I. von den Gemeinden Posen und Lissa mit der Führung einer Deputation betraut wurde, hatte Rabbi Akiba Eger viel Verständnis für die Emanzipationsbestrebungen bewiesen. Es war wesentlich seiner Intervention zu verdanken, dass die Rekrutengelder beseitigt wurden, die den Militärdienstzwang der Juden zur Folge haben mussten, und dass die hohen Trauscheinvon MEIR FAERBi^tXi und Handlung* - Gebühren aulgeheben w’urden. Akiba Eger hatte eine bewegte Lebensgeschichte. Er war der Enke] des Rabbi Akiba Eger sr.. der sich als Rabbiner von Pressburg einen bedeutenden Namen gemacht. hatte, der Sohn der Gittel Eger, der einzigen Tochter des Pressburgers, und des Rabbi Moses Gins. Am 8. November 1763 h) Eisenstadt (Ungarn) geboren, besuchte er nach seiner Bar Mizwa die Jeschiwa seines Onkels Rabbi Benjamin Wolf Eger. der später Rabbiner in Leipnik war. in Breslau und leitete dann-in Polnisch Lissa. wohin er sich 3780 verheiratete, eine angesehene Jeschiwa. 3m Jahre 3790 brannte die Judenstadt in Lissa ab und auch die Familie seines reichen Schwiegervaters verlor das ganze Vermögen. Nun war er gezwungen, ein Rabbinat anzunehmen. obwohl er einen Widerwillen dagegen hatte, sieh für rabbinisebe Funktionen bezahlen zu lassen. Bereits mit 36 Jahren hatte er Schüler unterrichtet, und es z,og ihn immer wieder zum Lehrberuf zurück. Er wurde nach Märkisch Friedland als Rabbiner berufen. wo er von 1791 bis 3834 amtierte, bis er 3835 nach Posen iibersiedeite. Zwei Jahre vorher. 3833. hatte er sein« Tochter Sorel mit dem berühmten Pressburger Rabbiner Moses Sofer verheiratet. Von Posen aus verbreitete sich sein Ruhm als einer der bedeutendsten rabbinischen Gelehrten seiner Zeit über halb Europa. Besonders gepriesen wurde seine individuelle Lehrmethode, die viele Schüler anzog, und seine Geistesschärfe in ha- Ents Die Berliner ur burger Gemein; durch die üb Reformbestrebun entwegten Neue holt aus dem Gli gebracht, doch ai nes Gutachtens Reformatoren e gesetzt. Er ents der Gottesdienst scher Sprache; rung der überlie men stattfinden n lieber unterlass* solle. Da die Ref Abfall vom Jud mündete und Mis Massentaufen na; gab die Gesch Rabbi Akiba Ege 1831 brach in I ehe Cholera-Epi; die auch Pos heinisuchte. Hi Eger erliess klug rante Verhaltu geh, insbesonde Hohen Feiertage, tiefem, m^nschli ständnis und ir rungsvoll mutige die Krankci), lies seiner schwache! tion und der un Lebensgefahr i Krankenbesuchei rückhalten und mitunter ganze Krankenpflege. Dienste in der ] fe] noch Engel sind. Vielgelesene Bücher wie etwa „Exodus” von Leon Uris haben dazu beigetragen, das Bild des Israeli ins Heroische zu übersteigern. Wer nun mit diesen vorgefassten Meinungen an die Wirklichkeit herangehf — in Deutschland selbst oder auf einer Israel-Reise lebendigen Juden begegnet, der muss enttäuscht werden... und diese Enttäuschung kann zu einer rückläufigen Bewegung führen Philosemitismus kann aus Enttäuschung in Antisemitismus Umschlagen. Vor dieser Gefahr ist tatsächlich heute zu warnen. SCHEINJUDENTUM Wie siehj das Judentum aus. dem man heute in der bundesrepubl.kanisehen Wirklichkeit begegnet? Man muss es zunächst suchen, denn im Strassenbild. im öffentlichen lieben ist diese verschwindende Minderheit ja kaum zu bemerken. Der Sammelpunkt des Judentums in den verschiedenen Städten ist natürlich jeweils die Synagoge mit Gemeindezentrum, Vortragssaai. Bibliothek usw. Eine ganze Reihe prächtiger neuer Synagogen ist in Deutschland aus Geldern der Länder und der Stadtverwaltungen errichtet worden. Prachtbauten, um die wir ir. Israel die kleinen Gemeinden in Deutschland beneiden können. Kommt man aber an einem Freitag- Abend oder Schabbat-Morgen in diese Synagogen, so sind sie fast leer Ein paar alte Leute sitzen in den wundervoll polierten Bänken und hören mehr oder weniger gelangweilt einer Liturgie zu. der sie off nicht folgen können. Immer aber fand ich auch ein. zwei oder drei Kinder neben den Alten. Verlorene Seelchen, die ihr Ausnahmeschicksal irgendwo bewältigen müssen. In jeder Gemeinde trifft man unter den weniger Svn. agogenbesuchern Jordim aus Israel, die den Gast aus der Heimat freudig begrüssen. Sie all« fühlen sich zugehörig zu einer Vergangenheit, unter die sie offiziell den Schlusstrich zogen: eine seltsame Ambivalenz des Gefühls wird erkennbar, ein Riss geht mitten durch ihr jüdisches Herz. „Wir fremdeln’ alle”, sagte mir einer von ihnen. Sie waren hier bei uns in Israel meist nicht ganz heimisch: sie sind-es auch in Deutschland nicht mehr geworden. Ein unheilbarer Bruch ist verb'ieben. In einer deutschen Mittelstadt zeigte man mir die herrliche Synagoge, wozu der Vorstand elegisch bemerkte aber w:as wird aus HOTEL AEMO ISRAELS BEKANNTESTES TOURISTEN, EGANTE ZIMMER — ALLE j[,T i.AGE — ERSTKLASSIGE Kfr KlEH! FM ER AUFENTHALT — itpT] ~ MEER — ZIMMER AUCH Aviv, Jarkonstr. 90 (Vorherige Zimmerbestrhng ¡ erforderlich Tel, * “"btdij

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