Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 27 (5.7.1901)
- Date
- 1901-07-05
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 424 Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. Der Kegin» des 19. und -er Kegin« des 2V. Jahrhunderts. Von Rabbiner Dr. I. Niemirower-Jaffy. Das verflossene Jahrhundert, in dem das geschichtliche Leben der Juden viele Wandlungen durchgemacht hat, bietet der Betrachtung reichen Stoff. Wie immer wir über die Ergebnisse der Entwickelung Israels in der abgeschlossenen Periode denken, wir müssen zugeben, daß die Entwicklung bedeutsam gewesen, daß hervorragende Ereignisse sich abgespielt und gewaltige Persönlichkeiten in dieser Periode gelebt haben. Das jüdische Mittelalter hörte erst im 19. Jahrhundert auf. Die Ansicht Schleidens, daß die Juden in ihrer Entwicklung überhaupt kein Mittelalter gehabt hätten, trifft nicht zu. Man ist der Wahrheit näher, wenn man behauptet, daß auch wir ein Mittelalter gehabt, wennschon in anderer Zeit und teilweise auch in anderer Art, als die Ntchtjuden. Gewiß haben im eigentlichen Mittelalter am Himmel des Judentums große und freie Geister geleuchtet; seit dem 16. Jahrhundert aber hat sich das Bild wesentlich geändert. Auch bei uns wurde die Philosophie und Wissenschaft als die Magd der Theologie betrachtet, freilich so freundlich behandelt, wie nach dem humanen Gesetz des Judentums das Gesinde behandelt werden soll. Jedenfalls ist das Mittelalter für die Wissenschaft des Judentums und das jüdische Leben erst in der zweiten Halste des 18. Jahrhunderts, vielfach erst im 19. Jahrhunderts verschwunden. > Der ganze interessante Entwicklungsprozeß des gegenwärtigen Juden kann in verschiedener Weise verstanden und dargelegt werden. Mag man auch ein Gegner des Heroenkultus sein, so wird man immerhin für die Kulturgrößen Verständnis haben und von ihnen als den Gipfelpunkten des Geisteslebens aus ihr Jahrhundert betrachten. Man kann die Geschichte teils durch die Beobachtung der langsamen Entfaltung der Dinge, teils durch die Würdigung der großen Ereignisse im Laus eines Jahrhunderts erkennen. Man kann auch zur Erkenntnis der Geschichte Israels im 19. Jahrhundert durch die Behandlung der neuentstandenen Institutionen und Lebensformen der Juden gelangen. Man kann diesen Weg einschlagen, auch wenn man nicht mit dem Ausspruch. Johann Jakobis einverstanden ist, daß „die Begründung des kleinsten Vereins für die Kulturgeschichte wichtiger ist, als der größte Sieg auf dem Schlachtfeld." Drei Wege führen so zur Geschichtserkenntnis: die kritische Wertschätzung der Helden, der Ereignisse und der Institutionen im verflossenen Jahrhundert. In unserer Zeit des Dampfes und der Elektrizität liebt man es aber, große Geschichtsperioden mit Blitzesschnelle zu durcheilen. Um so — nach dem Talmudausdruck — „alles aus einem Fuß" zu behandeln, will ich eine Parallele zwischen dem Beginn des 19. und dem des 20. Jahrhunderts ziehen. Könnte eine poetische Phantasie mit dem Zauberstab des Genies Moses Mendelssohn, den Repräsentanten neuer Denkrichtungen im Judentum, und Israel Bael Schem, den Vertreter neuer Gesühlssormen in Israel, wachrusen und sie um ihre Ansichten über das von ihnen repräsentierte 18. und beeinflußte 19. Jahrhundert befragen, so würden wir viel und vieles hören. Unsere begrenzte Erkenntnis kann doch nur im Allgemeinen fest und sicher behaupten, daß wir seit einem Jahrhundert große Fortschritte gemacht haben. Die Volksprediger, Moralisten und Kritiker sind freilich anderer Ansicht und malen alle schwarz. Das erinnert uns an jenen „Marschalik", der in Gegenwart der Eltern einer Braut' diese als Waise besungen und auf die verwunderte Frage der Eltern, weshalb er das thue, gelassen geantwortet, daß der bequemere und gefälligere Reim das verschuldet habe. Auch der Moralprediger läßt sich oft, wenn er Gespenster herausbeschwört und finstere Mächte schildert, vom Reim, vom zündenden Superlativ bestimmen. In Wirklichkeit erreichte das Judentum im 18. Jahrhundert nicht die Höhe, zu der es im 19. gelangte. Als Mendelssohn den Mut hatte, den Pentateuch ins Hochdeutsche zu übertragen und dadurch beizutragen, daß die Juden der allgemeinen Kultur zugeführt wurden, stieß er auf heftigen Widerspruch vieler Rabbiner Deutschlands. Jetzt bedienen sich nicht nur die Häupter der Orthodoxie in Deutschland, sondern auch der hervorragende Vertreter des Chassidismus, Aaron Markus zu Krakau, der deutschen Sprache. Im 18. Jahrhundert war es ein ungewöhnliches Ereignis, daß Mendelssohn eine patriotische Festpredigt verfaßte und vom Rabbiner halten ließ; jetzt sind gottesdienstliche Vorträge, die nach Zunz' Beweisführung auch in alten Zeiten üblich waren, allgemeiner Brauck, der selbst bei den Jüngern der orthodoxesten Rabbinerschule zu Preßburg Anerkennung findet. Im 18. Jahrhundert rief das Rundschreiben Weffelys zu Gunsten der Begründung von Schulen einen heftigen Sturm hervor, während das moderne Schulwesen auch in Halbasien immer mehr an Boden gewinnt. Im 18. Jahrhundert wurden die erste hebräische Zeitschrift, die mit dem Namen Mendelssohn verbunden ist, und die „Measfim" als Kuriosum begrüßt, während es gegenwärtig an 150 jüdische Zeitschriften giebt, darunter mehrere mustergiltige, im Jargon und in hebräischer Sprache. Im 18. Jahrhundert begann eine neue Richtung im Talmudstudium, — die mit Elia Willna, Jesaia Pick und Tamim zusammenhängt — im Gegensatz zu der künstlichen, wenn auch großartigen Studiumsart von Eibenschütz, Landau u. s. w. Das 19. Jahrhundert weist sowohl Meister der alten Art, wie Jakob Liffa, Akiba Eger, Moses Sofer, Zalmen Margulies, Salomo Kluger, Joseph Saul Nathansohn u. s. w. und Meister der neuen Art, wie Lipschütz, Chajes Weiß, Dinner u. A. aus. Aus dem 18. Jahrhundert leuchtet uns die wunderbare Gestalt Israels von Mezebotsch entgegen und das 19. Jahrhundert besaß eine große Reihe hervorragender Chassidim, deren großes Leben leider noch immer nicht wissenschaftlich erforscht ist. Wenn man noch die großen Umwälzungen in Betreff der politischen Stellung der Juden in Betracht zieht und die Thätigkeit der Juden aus den Gebieten der Wissenschaft und Kunst, Literatur und Politik, Industrie und Philanthropie erwägt, dann muß man in unserer Geschichte das 19. Jahrhundert preisen, trotzdem man vom neuen Judenschmerz ergriffen ist, dessen Schilderung selbst in Nordaus subjektiv er-