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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1901-07-05 · 27 (5.7.1901) · p. Seite 426

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
27 (5.7.1901)
Date
1901-07-05
Page
Seite 426 (sequence 10)
Language
German
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Seite 426. Israelitische Wochenschrift. Nr. 27. Hunderte bekommt ein anderes Gesicht und verändert sich in ein Schauspiel mit glücklichem Ausgang: ein zu Grunde gerichtetes Volk regeneriert sich und einen ebenfalls zu Grund gerichteten Erdboden, die Wüste blüht wie eine Rose, und ein altes Geschlecht wird in der süßen Lust der Freiheit und Geborgenheit wieder jung. Welche Gelegenheit! Wie mein Freund Zangwill beim Makkabäerdiner sagte, wäre selbst das Experiment als solches schon den Versuch wert. Die Großen des Volks könnten sich sehr gut den Luxus des Abenteuers leisten. Es ist so billig, und es giebt so viele unsinnige Wege, das Geld zu vergeuden. Und wollen die Großen nicht, so müssen die Massen es thun. Die Aktien der Jüdischen Kolonialbank kosten nur ein Pfund Sterling pro Stück. Ob nun von Wenigen oder Vielen, ob von Juden oder wahren Christen — die Summe muß zusammengebracht werden. Ein unauslöschlicher Makel würde aus meinem Volk ruhen, seine Gebete würden zur Blasphemie werden. Aber ich will einen so häßlichen Spott, solchen Verrat an ihren Jahrhunderten der Trauer und an den Träumen ihrer Vorfahren nicht antezipieren. Ich will lieber die Vision eines einmütigen Volkes genießen, das einer materiellen Welt das Schauspiel eines glänzenden Jdeaelismus bietet. Th. Herzl." Dreißig Millionen Mark für die Erlösung der Judenheit — das wäre in der That eine „Mezio", rein gesunden! Aber so liegen die Dinge doch nicht ganz. Denn dreißig Millionen Mark werden hier von Dr. Herzl verlangt für ein Versprechen, das keine Geranten hat. Die großhexzige Gesinnung des Sultans in Ehren — doch diese Großherzigkeit ist keine wirtschaftliche Unterlage. Die I. C. A. besitzt mehr, weit mehr als die Summe, die Herr Dr. Herzl für nötig erklärt, und will fte ganz gewiß für die Zwecke verwenden, die Herr Dr. Herzl die seinen nennt. Den Leitern der I. C. A. kann er anvertrauen, was er mit Recht der Oeffentlichkeit gegenüber geheim hält. Wenn diese gewissenhaften und urteilsfähigen Männer sich von ihm überzeugen lassen, so ist das Geld vorhanden; wenn sie es aber nicht thun, so ist es mehr als verwegen, das Geld von denen zu verlangen, die in eine Prüfung der Sachlage gar nicht eintreten können. Herr Dr. Herzl hat, was begreiflich ist, in Betreff der Sache, die mehr und mehr seine persönliche Sache wurde, die Fähigkeit unbefangenen Urteils verloren. Darum ist bei ihm verzeihlich, was sonst unverzeihlich wäre, daß er ein hypothetisches Verdammungsurteil über die Juden ausspricht, die ihm nicht dreißig Millionen Mark zur Verfügung stellen wollen. Daß ihm das unbefangene Urteil abhanden gekommen, beweist Dr. Herzl, indem er sich aus Zangwills Tischrede im Makkabäerklub zu London beruft. Was dieser in leichtem Spott — wenn nicht gar in bitterem Hohn — gesagt hat, daß die Probe schon sich lohne, und daß er, Zangwill, seinen Kopsanteil, einen Dollar, gern zu opfern bereit sei, das nimmt Dr. Herzl buchstäblich und ernst auf! Er verlangt in erstaunlicher Naivetät eine Kopfsteuer von einem Dollar von Leuten, die in ihrer Mehrzahl keinen Heller haben! Freilich sind viele Millionen für gute wirtschaftliche Unternehmen leicht zu haben, oft sogar für schlechte wirtschaftliche Unternehmungen, wie beispielsweise seinerzeit für die Dachauer Bank der Adele Spitzeder. Aber Herr Dr. Herzl übersieht, daß die Leichtgläubigkeit nur innerhalb gewisser Grenzen mit dem Maß der Versprechungen wächst. Es mag auch in der That Leute geben, die keinen Zweifel hegen gegenüber der Versicherung, daß die Millionen nur in den Kaffen der Kolonialbank zu liegen brauchen, damit die Judenheit frei werde. Doch die Leute, die über solche Glaubenssummen verfügen, werden schwerlich in den Reihen derer zu finden sein, die auch über gemünzte Werte verfügen, weit eher dort, wo man geneigt ist. Andere der Engherzigkeit zu beschuldigen, weil sie für phantastische Experimente auch nur das Geld — Anderer hergegeben zu sehen wünschen. Der hypothetische Vorwurf des Verrats an die Adresse derer, die auch den größten Versprechungen und gerade den größten Versprechungen gegenüber nüchtern bleiben, ist eine hypothetische Verleumdung. Bruchsal, 3. Juli. (Landeswaisenverein.) Der Landesverein zur Erziehung israelitischer Waisen im Großherzogtum Baden hat den dreizehnten Jahresbericht herausgegeben. Dem Verein stehen jetzt vor die Herren Stadtrat Louis Marx, Bezirksältester Moritz Marx, Synagogenrat Alex. Dreifuß, Synagogenrat Emil Marx. Rabbiner Dr. M. Doktor, L. Groß, Synagogenrat N. Katz, Synagogenrat Dr. I. Kusel, sämtlich in Bruchsal, Rabbiner Dr. M. Appel in Karlsruhe, Bezirksältester B. Herzberger in Breiten, Rabbiner Dr. A. Lewin in Freiburg, Rabbiner Dr. L. Löwenstein in Mosbach, Rabbiner Dr. B. Mayer in Bühl, Bezirksältester I. Nordmann in Lörrach, Rabbiner Dr. M. Rawicz in Offenburg und Rabbiner Dr. I. Spitz in Gailingen. Dem Begründer des Vereins Herrn Rabbiner Dr. Eschelbacher in Berlin ist die Ehrenmitgliedschaft zugedacht, sobald die nächste Generalversammlung eine entsprechende Statutenveränderung vorgenommen haben wird. Die Anstalt hat im vergangenen Jahr 18 Zöglinge entlassen, 15 neu ausgenommen, so daß der Bestand bei Beginn der Lehrzeit 91 war. Von den 18 aus der Fürsorge der Anstalt entlassenen Kindern wunderten 7 nach Amerika aus, 4 haben ihre Lehrzeit (1 Knabe als Sattler, 1 Knabe als Bäcker und 2 Mädchen als Näherinnen) vollendet, 3 Knaben widmeten sich dem kaufmännischen Berus und 3 üben eine gewerbliche Thätigkeit bei ihren Familien aus. — Von den insgesamt zur Zeit in Fürsorge befindlichen Kindern sind 11 in Pflege bei dafür geeigneten Familien untergebracht, 4 Knaben werden zu Handwerkern (je einer hiervon mit Unterstützung des Vereins zur Förderung des Handwerks in Freiburg bezw. Karlsruhe) ausgebildet, 1 Knabe ist in einer Anstalt für Kretinen untergebracht, 1 Knabe ist Kausmannslehrling und die übrigen befinden sich gegen Zahlung von Erziehungsbeiträgen bei Verwandten. FürdieunmittelbarenVereinszwecke sind im Berichtsjahr etwa 14 800 Mark aufgewendet worden. Diese Aufwendungen fanden in den Mitgliederbeiträgen und Schenkungen mit M. 15 249.20 reichliche Deckung, so daß das Vermögen bei Jahresschluß auf M. 167 908.52 gestiegen war. London, 1. Juli. (Die Zweihundertjahrfeier der Bevis Marks-Synagoge.) Am Mittwoch Nachmittag hat die hiesige spanisch-portugiesische Gemeinde das zweihundertjährige Bestehen ihrer Synagoge in Bevis Marks durch einen

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