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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1901-09-20 · Heft 38 (20.9.1901) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
65 (1901)
Issue
Heft 38 (20.9.1901)
Date
1901-09-20
Page
Seite 449 (sequence 7)
Language
German
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449 Noch eine Frage: Was brauchts einer besonderen jüdischen Arbeiterkolonie, neben den 30 in Deutschland vorhandenen, auch den Juden offenstehenden und benutzten Anstalten? Die Antwort gebe folgende Stelle aus einem Schreiben des Herrn Pastors Mörchen, eines bewährten Mitarbeiters des von unserm Kaiser so hochgeschätzten Pastors von Bodelschwingh zu Bethel bei Bielefeld, die zugleich eine zutreffende Kritik des vielfach bei uns üblichen Unterstützungssystems enthält. . Das Geben und immer wieder Geben ohne Prüfung der Würdigkeit und Bedürftigkeit ist die theuerste und unzweckmäßigste Art und dient den Meisten eher zum Ruin als zur Aufrichtung. Man schüttelt sie nur ab, das ist keine Wohlthätigkeit, sondern eine Bankerotlerklärung der Wohlthätigkeit. Das Gewissen aufrichtig strenggläubiger Juden in Bezug auf Sabbath- und Speiseordnung und Fröminigkeitsübungen verdient Achtung und Schonung; für sie liegt in dieser Gesetzestreue und der Schonung derselben auch eine Kraft, sich aufrecht und widerstandsfähig zu erhalten. Das ist aber natürlich in besonderen jüdischen Zufluchtsstätten leichter zu erreichen als in allgemeinen." An Insassen wird es der jüdischen Anstalt bei systematischem Vorgehen nicht fehlen. Da sind die bisher aus nichtjüdische Zufluchtsstätten Angewiesenen, da sind die sich wegen ungenügender Schulung vergeblich an die jüdischen Büreaus für Arbeitsnachweis wendenden Arbeitswilligen, da sind die bei fehlendem Familienanhang von der Gefahr des Rückfalles bedrohten entlassenen Strafgefangenen, da sind die zahlreichen arbeitskräftigen Wanderbettler, denen die Ausrede genommen ist, daß sie keine Beschäftigung finden können. Nicht mehr fern ist die Jahreszeit, wo auch in dem ruhelosen Wanderer die Sehnsucht «ach dem umfriedeten Herd erwacht. Doch nur, wenn dem zum Betriebe der Arbeiterkolonie gegründeten Verein die Mittel zur Durchführung seines ohnehin so vielfach schwierigen Unternehmens zur Verfügung stehen, kann die Eröffnung der Arbeiterkolonie erfolgen. Es gilt, aus Beiträgen von Gönnern einen jährlichen Etat von mindestens 14 000 Mark zu decken. Eines Zuschusses in dieser Höhe bedarf es. Diese von der systematisirten Wohlthätigkeit geforderte Summe ist nur ein kleiner Theil dessen, was durch das bisherige Planlose Spenden für Eisenbahnfahrkarten derjenigen verausgabt wird, die jetzt nicht nur seßhaft werden, sondern durch eigene Arbeit zu ihrem Unterhalt beitragen sollen. Die so ersparten Mittel sollen nach unserm Wunsche nicht etwa der Wohlthätigkeit entzogen werden, sie sollen den Arbeitsunfähigen, den Alten und Schwachen, den Gebrechlichen zu Hilfe kommen. Die sollen erst recht nicht mit ihrem siechen Körper umhergehen müssen, kargen Unterhalt, menschenunwürdige Beherbergung und Weiterbeförderung zu erbetteln. Wenn unsere Glaubensgenossen ihre Pflicht erfüllen, und wir bitten darum herzlich und dringend, dem zunächst durch das Büreau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin 'W., Steglitzerstraße 85, verwalteten „Verein zum Betrieb der Arbeiterkolonie" mit einem nach eigenem Ermessen zu normirenden Jahresbeitrag sich anschließen, dann wird ein Mißstand, der das Judenthum der Gegenwart verunziert, bald einer kaum begriffenen Vergangenheit airgehören, dann wird man es nur noch aus litterarischen Quellen kennen, das jüdische Vagantenthum, das Schnorrerthum! Benjamin Wppners Predigten. Von Dr. Philipp Bloch in Posen. Aufgaben sind nicht leicht, welche der jüdische Prediger der Gegenwart zu lösen hat. Er muß vor allem mit der Charaktereigenschaft seiner Hörer rechnen, wonach diese dem Wort des Redners sich nicht ruhig und unbefangen hingeben, den beabsichtigten Eindruck nicht rein und frei auf sich wirken und ausklingen lassen, vielmehr es lieben, ihre Subjektivität dem Gehörten gegenüber energisch geltend zu machen oder an einem einzelnen losgelösten Punkt mehr oder minder leidenschaftlich haften zu bleiben, je nachdem er das individuelle Interesse des Hörers zur Zustimmung oder Ablehnung erregt hat. In früherer Zeit fand der Hang zur Kritik au der heiligen Scheu seine Grenze, mit der man den Mochichim, den Wanderpredigern, welche in heftigen Strafreden zur Buße und Einkehr mahnten, wegen ihrer frommen und asketischen Lebensweise entgegeukam. Vor der talmudischen Gelehrsamkeit hatte man vollends einen so unendlichen Respekt, daß man es stets als ein besonderes Ereigniß empfand und kritiklos hinnahm, wenn die talmudische Autorität der Gemeinde sich herabließ, in einem religiös erbaulichen Vortrag zur großen Masse zu sprechen, da man ihre eigentliche Aufgabe religiöser Belehrung darin erblickte, daß sie vor der talmudischen Geistesaristokratie der Gemeinde religionsgesetzliche Themata erörterte und diskutirte. Der als Talmudist wie als Mensch hochgefeierte Rabbiner von Posen, Akiba Eger, hat jahrelang zum Kol Nidre-Abeud, eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen er in der Synagoge predigte, dieselbe Predigt stets wiederholt, ohne daß mau hieran Anstoß nahm. Einstmals nach den Feiertagen warf einer seiner Lieblingsschüler, der nachmals als Lexikograph wohlbekannte, zu Breslau verstorbene Professor Levy, beiläufig die Bemerkung hin: „Dieses Mal hat der Rabbi in seiner Deraschah den Alschech vergessen." Der Alschech ist der Verfasser eines erbaulichen Kommentars zur Bibel, der von den alten Predigern vielfach benutzt und citirt wurde, und der auch in der ständigen Kol Nidre-Predigt Egers seinen festen Platz hatte. Eger soll geantwortet haben, daß es dieses Mal für eine Remedur zu spät sei, daß er jedoch für nächstes Jahr zur rechten Zeit daran erinnert werden möge. Derartiges hat also die Hörer nicht gestört. Mau war es zufrieden, wenn man irgend einen Kernspruch, einen exegetischen Gedanken auffangen oder gar einen gelehrten Brocken nach Hause tragen konnte. Was „der heilige Sch'loh" bringt, was „der fromme Alschech" sagt, was „der herzliche Bechaj" schreibt, das wollten unsere Altvorderen erfahren oder doch wieder bestätigt hören, denn daraus zumeist setzte sich der Weisheitsschatz und Lebenstrost des Ghettos zusammen. Der Prediger selbst wollte nur durch Belehrung auf Geist uud Gemüth wirken und ging darauf aus, einen schwierigen oder auffälligen rabbinischen Ausspruch zu lösen und zu erläutern. Rednerische Technik lag ihm völlig fern, sein Wort ward von keiner rhetorischen Dressur „in spanische Stiefel eingeschnürt", es irrlichterirte in der Heranziehung und Erklärung biblischer und aggadischer Stellen die Kreuz und die Quer munter darauf los. Als rhetorisches Kunstmittel kam einzig und allein die Parabel, das Gleichnis;, das Maschal zur Anwendung, welches noch heute in den Reminiscenzen des Ghetto eine große Rolle spielt. Bevorzugte Geister erzielten damit allerdings ernste und große Wirkungen, aber bei der großen Mehrzahl der

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