Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- Seite 448 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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448 würde, ans dem „Verwaltungswege" die Juden allmälig unter Ausnahmegesetze zu stellen. Jüdische Offiziere gibt es nur noch zwei in der ganzen bulgarischen Armee, und jüdische Richter wurden niemals ernannt, obgleich es genug bulgarische Juden giebt, welche im Auslande Jura studirt haben. Auch im Volke beginnt der künstlich geschürte Judenhaß die traurigsten Früchte zu zeitigen, wie die jüngsten Ereignisse in Sofia, Küstendil rc. beweisen. In vielen Städten und Dörfern haben sich antisemitische Vereine gebildet, welche die Juden terroristren und sie unablässig aufs Gröblichste beleidige«. Die Ueberfälle, die Plünderungen, Verletzungen und Tödtungen von Juden mehren sich in bedrohlicher Weise, und die Lage unserer Glaubensgenossen in Bulgarien verschlimmert sich von Jahr zu Jahr sichtlich. Auch eine antisemitische Presse schäbigster Art ist in Bulgarien entstanden. Es sind das „Gvlgof" in Burgas und „Post" und „Otsyw" in Sofia. Ihre Abonnenten suchen diese Revolverblätter auch unter den Juden, indem sie dieselben in Privatbriefen bedrohen und Schweigegelder in Gestalt von einem Abonnement auf 30 Jahre fordern. Wie unwissend diese Blätter und ihre Redakteure sind, beweist die Thatsache, daß, als die Sobranje auf Antrag Radoslawows ein Gesetz annahm, welches von dem verantwortlichen Redakteur eines Blattes eine gewisse höhere Bildung forderte, die obengenannten antisemitischen Blätter alle drei sofort eingehen mußten. Sie konnten keinen gebildeten Menschen als Redakteur finden! 4 Die Thatsache, daß neben mehreren nichtjüdischen auch leider eine jüdische Anarchistin anläßlich des empörenden Attentats von ruchloser Hand auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten Mac Kinleh verhaftet wurde, giebt natürlich den Antisemiten willkommenen Anlaß, von einem „jüdischen Anarchistennest" in Chicago zu saseln und zu sagen: „Juden sind demnach die Komplizen des Mordbuben und die Führer der anarchistischen Propaganda in Amerika, wie ja auch in Rußland die nihilistische Verhetzung unter jüdischer Oberleitung geschieht." Daß der Mordbube und seine intimsten Freunde Nichtjnden sind, genirt diese Leute nicht! Emma Goldmann steht für sie im Mittelpunkte der Bewegung, die doch Johann Most leitet. Dabei wird natürlich rasch die nicht weniger unwahre Behauptung angefügt, daß auch in Rußland die nihilistische Verhetzung „unter jüdischer Oberleitung" geschieht. Wenn einmal von Verhetzung die Rede ist, so kann mail die jüdischen Nihilisten, deren Prozentsatz sicher ein geringer ist, viel eher und mit mehr Recht die Verhetzten als die Hetzer nennen. Im Uebrigen haben diese mit dem Judenthum, das sie immer verleugnen und oft sogar schmähen, auch nicht das Mindeste zu thuu. Nie jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee. Von Dr. Wilhelm Neu mann, li den unharmonisch klingenden Vokabeln, mit denen der Jargon die deutsche Sprache „bereichert" hat, gehört das Wort „Schnorrer". Es dient, wie männiglich bekannt, zur Bezeichnung einer Spielart des Gewohuheitsbettlerthuins, zu dessen Merkmalen eine in unserem Lande ungewohnte Tracht, ein zwischen Unterwürfigkeit und Arroganz , schwankendes, nur in der Aufdringlichkeit konstantes Auftreten! und ein sarkastischer, stets bereiter Witz gezählt werden. Um seines, wenn auch oft frivolen Bettlerhnmors willen wird dem Bittsteller manches verziehen, und von den Vielen, die sich durch das Weitererzählen von Schnorrerwitzen für die schlechten Erfahrungen ihrer Prüfungslosen „Gntmüthigkeit" schadlos halten, legen sich nur allzu Wellige die naheliegende Frage vor: wie ist dem das Ansehen unserer Glaubensgemeinschaft beeinträchtigenden Bettelunwesen abzuhelfen? Die durch Darreichung eines Almosens bewirkte momentane Beseitigung der Belästigung nützt in wirthschaftlicher und moralischer Beziehung so viel wie etwa der Gebrauch von Beschwichtigungsmittel gegenüber den Beschwerden einer geschwächten Konstitution: es wird nichts gebessert, die Nothlage des Armen erfährt keine Abstellung, und die durch das Vagantenleben bedingten ungünstigen Einflüsse werden nicht gehoben. Am schlimmsten wirkt die Entwöhnung von geregelter Thätigkeit. Mit dieser Erkenntniß ist auch das Heilmittel gegeben: Wiedergewöhnung an Arbeit und Pflicht! Diese Handhabe soll nun energisch ergriffen werden. Das erste sichtbare Resultat der mühevollen Arbeiten einer vom Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde einberusenen, aus den kundigsten Sachverständigen aus ganz Deutschland zusammengesetzten „Kommission zur Beschränkung der Wanderbettelei" liegt nun vor; es ist die auf dem vom früheren Rittergutsbesitzer Herrn Ludwig Meyer geschenkten Terrain mit Hilfe des von der llevvisll Oolonisution Association (Baron Hirsch-Stiftung) gewährten Darlehns errichtete Jüdische Arbeiterkolonie in Weißensee bei Berlin. Der Bau ist unter Beobachtung der Vorschriften der technischen Praxis und der Hygiene vollendet worden. Wer mit den Resultaten der auf sozial-wissenschaftlichen Grundsätzen beruhenden modernen Armenpflege nicht vertraut ist, mag leicht die Frage aufwerfen: Was ist denn eigentlich eine Arbeiterkolonie, und welche Art voll Arbeit wird von ihren Insassen geleistet? Die Antwort lautet: Eine Arbeiterkolonie ist ein Genesungsheim für wirthschaftliche Rekonvaleszenten. Solche Ar„ beiten werden in ihr verrichtet, die auch von »»geschulter Hand leicht erlernt werden, dabei zur körperlichen Uebung und geistigen Regeneration dienen, kurz die Herstellung von Artikeln, wie sie gewöhnlich in Gefangenenanstalten angefertigt werden. Durch den Arbeitsertrag sollen die Betriebskosten des Instituts vermindert, vor allem aber den Insassen ein Spar' groschen gesichert sein, der ihnen sehr zu gute kommen wird, sobald sie die Befähigung für freie Beschäftigung, die ihnen durch jüdische Arbeitsnachweisbüreaus vermittelt werden soll, erlangt haben werden. Wer sich für diese Frage noch näher interessirt, lese die Berichte einer der dreißig in Deutschland existirenden nichtjüdischen Arbeiterkolonien und die erklärten Freunden unserer in jüdischen Kreisen noch nicht eingeführten Wohlthätigkeitseinrichtung gern zur Verfügung gestellten Publikationen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes. Nur halte man mit allzu bereiten Einwänden zurück. Diese zu erheben, ist um so leichter, je schwieriger ein neues Unternehmen ist. Die reiche Erfahrung der Theoretiker und Praktiker, die an dem Reformwerke mitgearbeitet, das Wohlwollen der Staatsbehörden, die der Anstalt die Rechte einer milden Stiftung zuerkannt haben, die aus anderen Kreisen des In- und Auslandes vorliegenden günstigen Erfahrungen bieten eine genügende Bürgschaft des Gelingens, vorausgesetzt, daß das Unternehmen in jüdischen Kreisen die verdiente Förderung erführt.