Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 65 (1901)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1901)
- Date
- 1901-09-20
- Page
- Seite 450 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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450 Maggidiiu artete es in Geschmacklosigkeit aus, das Gleichniß wurde zur Karikatur, wobei die grenzenlose Berwahrlvsung in Sprache und Form so grell hervorstach, daß eine heftige Reaktion hiergegen eintreten mußte und auch eintrat, sowie die deutsche Judcnschaft in den Kreis moderner Bildung eingeführt war. Damit begann der Kampf um die deutsche Predigt; er setzte sich selbst au so großen Ceutren wie Breslau und Posen bis zum Anfang der vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fort. Man nahm leidenschaftlich Partei dafür und dagegen. Auf die gesammte jüngere Generation wirkte es jedoch faszinirend, in der Synagoge eine deutsche Rede, eineDeraschah in reinem Hochdeutsch, nach den Kunstregeln der Homiletik zugestutzt, Allen verständlich, vernehmen zu können. Die deutsche Predigt war das neue, ersehnte Gericht, um den wahren oder vermeintlichen Hunger nach Gottes Wort zu stillen; die Thatsache des deutschen Wortes genügte, um auch auf die säumigsten Synagogenbesucher ihre Anziehungskraft nicht zu verfehlen. Wenn es der jüdischen Kauzelberedtsamkeit gelungen ist, in verhältnißmäßig kurzer Zeit, seitdem Joseph Wolf am 22. Oktober 1808 zum ersten Mal in der Synagoge zu Dessau als deutscher Kauzelredner aufgetreten ist, eine Reihe von Rednern ersten Ranges, wie Salomon, Mannheimer, Jellinek u. A. hervorzubringen und sich in ihrer Art ebenbürtig neben jede andere zu stellen, so verdankt sie solchen Aufschwung dem Umstand, daß sie von der allgemeinen Gunst, ja Begeisterung trotz gegnerischer Anfechtungen gefördert, getragen und gehoben wurde. Daß der heiße, stürmische Eifer allmälig in ruhigere Bahnen überlenkte, war nur natürlich. Aber heutzutage hat ein öder Jndifferentismus Platz gegriffen, dem es ganz gleichgiltig ist, ob und was in den Synagogen gepredigt wird, der weder geistige Erbauung sucht, noch nach religiöser Belehrung verlangt, und selbst wenn ihn die Anwandlung einer solchen Gefühlsschwäche einmal überkommt, dem Wissen und Können des Predigers mißtraut. Das Vorurtheil, das gegen die Kanzelrede überhaupt besteht, erhebt dieselben schematischen Vorwürfe gegen die jüdische Predigt: Monotonie, Mangel an Aktualität, abstrakte Gemeinplätze, schablonenhafter, wenig origineller Stil n. dergl. Um so erfreulicher ist es für die Freunde jüdischer Homiletik, als Gegenbeweis eine eben erschienene Predigtsammlung anführen zu können. Aus dem Nachlaß des leider allzufrüh dein Judenthum wie seinen Freunden abgestorbenen Benjamin RiPPner hat Dr. B. Jakob, Rabbiner in Göttingen, 130 Predigten und 27 Gebete zu einem Andachtsbuch für Synagoge und Haus zusammengestellt (Predigten, Betrachtungen und ausgewählte Gebete von Dr. Benjamin RiPPner s. A. 671 S„ Berlin 1901, M. Zülzer L Comp.) Diese Predigten sind nicht monoton und nicht abstrakt und nicht trivial; populär, klar und treffend im Ausdruck, aus der Wirklichkeit des Lebens geschöpft, wird das Buch Jeden fesseln und Niemanden ohne Gewinn entlassen. Ein geistvoller Mann hat irgendwo gesagt: Der Prediger muß der bestunterrichtete Mann auf Gottes Erde sein. Er muß alles sehen, alles untersuchen, sich für alles interessiren; er muß unter Menschen leben und mitfühlen, was sie sind und woran sie denken; er muß Augen haben, um zu sehen, Ohren, um zu hören, und ein Herz, um zu verstehen. Wenn ans irgend Jemand, traf dies auf RiPPner zu, soweit solch ideale Forderungen in dem Bereich der Erfüllbarkeit liegen. Philosophisch durchgebildet, von scharfem psychologischen Blick, stets selbständig denkend, versteht er es, den abgegriffensten Themen neue, originelle Seiten abzugewinnen. Die Sprache fließt in geistvollen, originellen Wendungen so frisch und klar und lebhaft dahin, daß man manchmal glaubt, religiös-erbauliche Feuilletons zu lesen, wobei die meisten das Judenthum interesfirenden Fragen in milder, sachlicher und lehrhafter Weise behandelt werden. Es sei beispielsweise hiugewiesen auf „Das Beispiel des Gebildeten" (S. 415), auf „Salomo und Elisa ben Abujah" (S. 556), auf „Aller Anfang ist leicht" (S. 567), auf „Akedah" (S. 597), welche Betrachtung, ein Abdruck aus dieser Wochenschrift, der RiPPner ja ein treuer Mitarbeiter war, bei ihrem Erscheinen durch ihren Geist und ihren Freimuth allgemeine Aufmerksamkeit erregt hatte, u. a. m. Der öde Jndifferentismus, der in unseren Tagen gerade von den Gebildeten unseres Stammes kultivirt wird, hat eine arge Verwüstung in der Kenntniß unserer Glaubensgeschichte angerichtet. Es ist unglaublich und wird selbst in den Schulen bereits unangenehm vermerkt, wie sehr unsere Glaubensgenossen in der Kunde von den ersten Elementen des biblischen Schriftthums von Andersgläubigen übertroffen werden, welche Unkenntniß der einfachsten biblischen Erzählungen unter uns ei»- gerissen ist. Was ehedem im Ghetto als blanke Trivialität belächelt wurde, schmückt gegenwärtig seinen Mann als hohe Weisheit. Der jüdische Kauzelredner darf daher heutzutage gar keine Kenntniß der biblischen Dinge und Worte voraussetzen und hat in erster Reihe die Pflicht, zu jeder Zeit recht viel und möglichst anregend aus der Bibel zu erzählen, seine Bilder und Beispiele aus ihr zu wählen, um die Gemüther zu ihrer Lektüre zu reizen und aufzurütteln. Die Bibel ist und bleibt das Grundbuch des Judenthums. RiPPner war sich dessen bewußt, und er beweist darin eine große Geschicklichkeit, wie er überall die biblischen Erzählungen einflicht, verwerthet und ihren Reflex auf moderne Verhältnisse fallen läßt. Ebenso muß der Scharfblick anerkannt werden, mit dem er die Berichte und Aussprüche der talmudischen Aggadah modernisirt, und wie er mit Vorliebe die Anschauungen und Gepflogenheiten des Ghetto dem Leser zu insinuiren versteht. Es sei verwiesen auf „Ein alter Sederabend" (S. 172), auf „Die dritte Sabbathmahlzeit" (S. 593) und noch besonders ans „Märtyrer" (S. 233), wo er seine überaus humane und duldsame Denkweise gegen jedes Bekenntniß, die das ganze Buch durchweht, deutlich ausspricht. Die Reden und Betrachtungen tragen durchwegs belehrenden Charakter. Es steht dies im Einklang mit der Auffassung, die RiPPner von der Kanzelrede hatte, und die er in einer „Predigt" überfchriebenen Betrachtung (S. 526) kurz und klar auseinandersetzt. Demgemäß soll die Predigt nicht rührselig in Empfindung und tönende Phrasen aufgehen, sondern sie soll unterrichten und aufschließen. In der That entspricht solcher Auffassung schon die geschichtliche Entwickelung der jüdischen Predigt, und diesen belehrenden Charakter hat sie auch iu der Jetztzeit festzuhalten. Stimmungsbilder sind wohl für Neujahr und Versöhnungsfest gerechtfertigt, sonst aber soll vom Gotteshaus das Wort der Unterweisung und der Lehre ausgeheu; Erkenntniß und Belehrung sollen sich zumeist wie ein Baum darstellen, von dem der Hörer die Frucht sittlicher Mahnung und religiöser Erhebung am besten sich selbst pflücken kann. Von der Erörterung an heiliger Stätte braucht nichts ausgeschlossen zu werden, es sollen im Eegeutheil alle Gedanken und Strebungen der Zeit, alles, was den Pulsschlag der Gegenwart treibt und erregt, zu Worte kommen, sie sollen gleichsam sud speeie aeterni betrachtet, über den Staub und Streit der