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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 384 (sequence 14)
Language
German
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384 Von der Neise. ^9, [ Kissingen im Juli. [arum soll ich es leugnen. daß es mich aufrichtig gefreut hat, schon von der Abreise auf dem Anhalter Bahnhof bis zur Ankunft in Kissingen wenigstens zehnmal mit der Frage begrüßt zu werden: „Nanu, was wird jetzt aus den KarlsbaderBriefen?" Durfte ichdoch ausdiesentheilnahmsvollen Fragen die Ueberzeugung schöpfen, daß meine Leser mir gern in das schöne Böhmerland gefolgt sind und daran die Hoffnung knüpfen, daß sie mir auch ins schöne Baverland folgen werden. Freilich, leicht ist mir selbst dieser Tausch nicht geworden; aber das Geheiß meines strengen Arztes gestattete fein Zandern, und so sitze ich nun hier „im Feuer meiner Juligluth" und denke an das schöne Karlsbad und die lieben Frermde, die dort allnachmittaglich im Kaiferpark zu heiterem Anekdotenaustausch sich versammelten, mit Wehmuth zurück. Denn der Unterschied ist, ich muß es offen bekennen, doch gar zu groß. Auch hinsichtlich des Materials für meine Reiseplaudereien. Die Eigenart unserer östlichen Brüder ist eben schärfer ausgeprägt und dadurch charakteristischer und darum interessanter als die unserer süddeutschen Glaubensgenossen. Allerdings auch sie „habbe ihre Eicheart"; aber diese zu schildern, ist nicht ganz leicht und auch nicht ganz ungefährlich. So war ich in der ersten Zeit viel allein. Zum Glück leide ich nicht an der Krankheck, die der Franzose „!e mallieur de ne pouvoir pas etre seul“ nennt. Jndeß habe ich doch auch meinen Geselligkeitstrieb, der zwar nicht nach großer Geselligkeit verlangt, vielmehr die Einsamkeit liebt, aber die — Einsamkeit zu Zweien. Erft die Ankunft eines befreundeten Rabbiners, den die Leser früher viel öfter in diesem Blatte begrüßen durften als jetzt, erlöste mich aus meiner absoluten Einsamkeit. Später machte ich viele neue Bekanntschaften, und jetzt sitze ich schon im Foyer der — süddeutschen Orthodoxie, die hier im wahren Sinne des Wortes Trumpf ist! Zum Glück ist diese Orthodoxie nicht bekehrungssüchtig. Auch ist sie auf Reisen tolerant. Es ist dies vielleicht dieselbe Toleranz, die jener alte Breslauer Landrabbiner lehrte. Als man ihm zum Vorwurf machte, daß er mit einem Manne befreundet sei, der öffentlich die Speisegesetze übertrete, antwortete er in etwas derber, aber überaus charakteristischer Weise: „Warum uidjt? Wenn er treife ißt, mag er zerspringen — aber tolerant muß nmn sein!" Gleichviel. Ich habe die süddeutsche Orthodoxie hier nur von der liebenswürdigsten Seite kennen gelernt. Einige Herren und Damen — und diese gehören zu der strengsten Observanz — wurden mir sogar zu lieben Freunden. Ihre Namen will ich nicht nennen. um sie nicht „hier unter den Linden" zu blamiren; aber die Erinnerung an das Zusammensein mit ihnen wird mir stets eine angenehme bleiben. Sie haben auch nicht den schüchternsten Versuch gemacht, mich zu bekehren. Sie erinnerten mich auch nicht in einem Moment daran, daß sie zum Garderegiment gehörten, während ich doch nur ein gemeiner Trainsoldat sei. Aber auch die Anderen waren liebenswürdig und umgünglich. Bon jener starren und finsteren Orthodoxie, wie man sie im Osteil leider noch allzuhäufig findet, ist hier nicht die Rede. Der einzige gesellschaftliche Fehler der süddeutschen Orthodoxie ist vielleicht der. daß sie zuweilen -- Religionsp^ 0 tz e n sind. Namentlich bei gewissen Ceremonien und religiösen Uebnngen. So z. B. haben sie das Mesumen-Benschen zu einer rechten Kunst ausgebildet, in deren Ausübung sie mit wahrer Wonne schwelgen. So haben Moses Sofer und Akiba Eger nicht „gebenscht" wie ein Frankfurter „Hirfchianer". Nur ln Hamburg erblüht ihnen noch eine Konkurrenz. Und treffen nun so ein Frankfurter und Hamburger Orthodoxer zu gemeinsamem Mahle hier zusammen, so ist es gar ergötzlich zu beobachten, wie jeder von ihnen durch seine Melodie des Schir ha-Maalot die Tischgesellschaft zu captiviren sich bemüht. Wir Berliner kommen da gar nicht mit. Ueberhaupt Berlin! Als ein wahres Sündenbabel betrachten sie es; und die Antipathie, die seit den Tagen Mendelsohns gegen die norddeutsche Metropole im Süden Deutschlands herrscht, hat nicht nur nicht ab-, sondern vielleicht gar zugenommen, obwohl sie eigentlich kaum noch eine Berechtigung hat. Denn lvir sind ja in Berlin jetzt auch „fromm" geworden . . . Der Unterschied zwischen der Frankfurter und der Berliner Neuorthodoxie ist allerdings nicht geringer als etwa der zwischen Kissingen — und Karlsbad, zwischen Rakoczy und Sprudel! Und da bin ich denn glücklich und endlich bei dem Thema angelangt, von dem ich rechtmäßig Hütte ausgehen sollen. Die Szenerie am Brunnen hat des Morgens bei aller Verschiedenheit doch auch manche Aehnlichkeit mit der in Karlsbad. Selbst die „schwankenden Gestalten" fehlen hier nicht, die sich dort so oft dem trüben Blick gezeigt. Man munkelt sogar von der Anwesenheit eines chaffidischen „Rebbe". In der Kurliste habe ich aber trotz eifrigen Suchens mtr einen „Großrabbiner Danziger mit Sekretair und Gefolge ans Alexandrow bei Lodz" gefunden. Ob dieser Kollege von Zadoc Kahn der berufene Wunderrabbi ist, habe ich aber nicht herausbekommen können. Denn leider wird mit dem Rabbinertitel hier oft ein grober Unfug getrieben. So hat kürzlich ein russischer Schnorrer einer vornehmen Dame mitten in der Ausübung seines Berufes ein Portemonnaie gestohlen. Als man ihn verhaftete, nannte er sich „Rabbiner Abraham Segal" aus Riga. Man kann sich denken, was das für ein fetter Bissen für das Sigbsche „Vaterland" gewesen ist. Im Uebrigen ist die ganze Sache neu. Ich habe schon gehört, daß ein Rabbiner eine Predigt stiehlt, aber ein Portemonnaie — nein, das ist noch nicht dagewesen und wird wohl auch nicht Vorkommen. Inzwischen sitzt der ehrwürdige Abraham Segal im festen Gewahrsam. Aber er wird wohl bald herauskonunen, und es steht nichts im Wege, daß er dann seinen wahren Beruf entdeckt und — Mitarbeiter des „Vaterland" wird! Die Lektüre dieses trefflichen Blattes gehört hier zu meinen liebsten Beschäftigungen, und der köstliche Humor, den Dr. Sigl darin entwickelt, wenn es gegen Juden und Preußen geht, läßt keinen Groll aufkommen. Wie armselig nimmt sich dagegen der Witz der norddeutschen Genossen, z. B. des „Deutschen Michel" ans! Da muß man wirklich sagen: Spaß bei Seite; ich will jetzt den „Deutschen Michel" lesen! Das „Vaterland" und der „Simplicifsimus" sind unstreitig die besten süddeutschen Witzblätter. Im Uebrigen fehlt es auch hier nicht an der viel weniger amüsanten Spezies der norddeutschen Antisemiten. Mein erster Eintritt in den Knrgarten war durch das Anhören der folgenden, im reinsten ostelbischen Agrariertou vorgetragenen Erzählung beglückt: „Gestern war ich von meinem Arzt zum Souper eingeladen. Zwar ein Jude, aber sonst ein ganz netter Kerl!" Hoffentlich wird mein Ausgang ein angenehmerer sein. Ich werde es nicht unterlassen, die geneigten Leser darüber auf dem Laufenden zu halten. G. K. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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