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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-08-10 · Heft 32 (10.8.1900) · p. Seite 383

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 32 (10.8.1900)
Date
1900-08-10
Page
Seite 383 (sequence 13)
Language
German
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S8S „Was willst Du?" schrie er mich auf rohe Weise an. „Es steht auf dem Papier," stotterte ich, „nur zwei Worte." Er öffnete das Papier und las. „Deine Tochter! Was weißt Du von meiner Tochter?" „Ich weiß alles über sie," sagte ich leichtsinnig. „Dann weißt Du auch, daß meine Tochter keine Pilger empfängt." „Aber ich wünsche Deine Tochter zu empfangen," wagte ich scherzend mit einem Leichtsinn zu antworten, der etwas gemacht war. Er erhob seine geballte Hand, wie, um mich zu schlagen, und ich hatte das dumpfe Gefühl, als ob drei grüne Augen mich anglotzten. Trotzdem verhielt ich mich so kühl wie möglich und sagte in trockenem, formellem Tone: „Ich wünsche Bethulas Hand." Eine tiefe Dunkelheit überzog plötzlich sein kaltes Gesicht, als ob sein schwarzes Barett nach vorn geschoben worden wäre, und seine weißen Augenbrauen erschienen düster wie eine Gewitterwolke über den wehmutsvollen Augen. Ich schrak zurück; denn plötzlich hatte ich eine Vision von Wagen, die mit lautem Getöse den Broadway hinunterfahren in einer sonnigen vorwärtsstrebenden Welt, und der Wunderrabbi verwandelte sich in einen alten Vater mit bösartigem Temperament und einer schönen Tochter. „Ich bin ein reicher Mann," sagte ich, „ich besitze große Ländereien in meinem Lande." Das Abscheuliche, um Bethulah aus diese Weise zu werben, kam mir selbst, während ich es aussprach, zum Bewußtsein. Ein Geschöpf wie Bethulah, aus Duft und Mondschein gewebt, und — fette Ländereien. Und doch wußte ich. daß in Zloczczol eine Braut nur auf diese Weise gewonnen werden konnte. Aber der Rabbi sprang so schnell auf die Füße, daß sein hochlehniger Stuhl wie im Sturm schwankte. „Hund," schrie er, „Gotteslästerer." Ich raffte meine ganze amerikanische Kaltblütigkeit zusamnien. „Hund gebe ich zu, da ich Deiner Tochter wie ein Hund bescheiden und liebend folge. Aber Gotteslästerer? Sage lieber Anbeter; denn ich bete Bethulah an." „Dann bete sie an wie die anderen," wüthete er. Hätte ich nicht gesehen, er bete, würde ich geglaubt haben, der graue Patriarch müsse nach einen» solchen Anfalle zusainmenbrechen. „Ich danke Euch, ich lvill nicht, daß sie für mich zun» Hiinmel auffliegt, ich »vill, daß sie zur Erde herunterkoinmet von ihrem Thurine." „Sie »vird zu keinen» irdischen Gatten herunterkoinmen," sagte er sanfter, „Ganz i»u Gegentheil." „Dann »verde ich eine Seelenfahrt machen," sagte ich trotzig, „Geh zur Hölle zurück, Du Satansbrut," donnerte er rvieder. „Oder »veil Du »veder ziveifelst »»och glaubst, Du sonderbarer Sohn der neuen Welt, bleibe ewig zivischen Hiinmel und Hölle." „Vorläufig bin ich aber hier," antwortete ich gutmüthig, „zwischen Dir und Deiner Tochter. Sei vernünftig, gieb ste mir, Du bist ein alter Mann, wo wirst Du in Zloczczol einen besseren Mann für sie finden?" „Der Herr, dem sie geweiht ist, vergebe Dir Deine Gotteslästerung," sagte er mit veränderter Stimme und klingelte, damit der nächste Applikant hereinkäme, und ich mußte gehen. Es war klar, das Mädchen wurde als geheiligte Unvermählte, als eine Art vestalische Jungfrau gehalten; Bethulah bedeutete in» hebräischen Jungfrau, das wurde mir plötzlich klar. Aber wie kamen solche Gebräuche ins Judenthum mit seinem heiteren Glaubensbekenntniß: „Wachse und vermehre Dich." Und Chassidim, hatte ich bisher geglaubt, sei die personifizirte jüdische Heiterkeit. Nach Parchis Aussagen war sogar daS adamitische Leben gestattet. Ich suchte »»»eine ganze Kenntniß der Bibel zusaminen, dachte an Jephtas Tochter, aber nein, es konnte kein Gelübde sein, es war ein neues chassidäisches Geheimniß. Die Krone und das Sterbehemd, Das Sterbehemd der Entsagung, die Krone des Sieges. Und »vegen irgend einer phantastischen Schattenmythe sollte ein schönes junges Leben geopfert werden. Mein Respekt vor dem Chassidim schwand so schnell wie er geko»»»men. Aber ich war machtlos. Ich konnte nichts thun als warten bis die Fluth der Pilger sich verlief, wie das Wasser es gethan hatte. Dann würde Bethulah vielleicht wieder auf den» mondbeleuchteten Berghügel oder auf dem Kirchhofe, der geheimuißvoll „Haus des Lebens" genannt wurde, wandeln. Die Bußzeit mit ihrem Posaunen und Schrecken, Urtheilschreiben und Siegeln »var endlich vorbei, i»nd das Lanbhüttenfest kam »vie ein neuer, frischer Luftzug. Harchi hämmerte eine kleine Holzbude in» Winkel seines Gärtchens und hing Weintrauben und Rosinen an ein loses Dach von Zweigen, durch welches, während wir aßen, die Sterne zu uns herunterlugten. Dieser Gebrauch gefiel mir außerordentlich, und wunderte ich rnich sehr, warum das amerikanische Judenthum ihn abgelegt hatte, — Bevor die Laubhütten abgebroche»» ivaren, waren die Pilger weggezogen, »>nd die alte Schläfrigkeit lag »vieder über Zloczczol, Da wurde ich eines Morgens durch eine fröhliche Parade in Erstaunen gesetzt. Es war ein Theil eines Hochzeitszuges, >vie ich »nich überzeugte, als ich, durch den Lärm der Tambourins und Trommeln gelockt, hiitauslief, — der eine Braut begleitete. Da es keine Chassidim, sondern einfache Juden waren, die im Zuge nach der Synagoge schritten, war ich erstaunt, so viel Aufwand zu sehen. Ich ging den ganzen Weg bis zum Vorhofe der Synagoge mit, wo uns der Rabbi mit dem Bräutigam entgegentrat, der, wie es schien, mit gleichem Pomp bis hierher geleitet worden >var. Der glückliche Bräutigam, der höchsteiis 16 Jahre zählen konnte, war in Festkleider!» mit weißen Schuhen, auf der Stirn die Teffiliui, darüber cin Käppchen aus schwarzen» Sammet. Als er die Hand der Braut ergriff, rief die versammelte Menge dreimal: Peru, Uru, sei fruchtbar und mehre dich und warf Weizenkörner über den Kopf der Braut. Aber gerade, als ich glaubte, die Zeremonie würde beginnen, war die Braut »veg, und wir traten in die Synagoge, un» ihre Rückkehr zu erwarten. Ich war in traurige Träumerei versunken — vielleicht ivar der Vergleich mit »»»einem eigene»» unglücklichen Roman zii groß — als ich fühlte, daß sich der Zuschauer eine leidenschaftliche Bewegung bemächtigte. Ich blickte anf und sah eine hohe weibliche Gestalt im »veißen Todtenhemd mit verschleiertem Angesicht, auf dem Haupte eine Krone aus Myrthen, Rosen und Oelzweigen, Ein Schauer durchrann »nein Blut. Bethulah, rief ich halblaut. Meine Nachbarn lächelten, und ich fuhr fort die Braut anzustarren. (Forts, folgt.)

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