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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1918-03-27 · Heft 13 (27.3.1918) · p. Seite 148

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
82 (1918)
Issue
Heft 13 (27.3.1918)
Date
1918-03-27
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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- 148 Man spricht gegenwärtig so viel von einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums. Aber man wird gut daran tun, ehe man daS Dach baut, den Grundstein zu legen und das Haus zu errichten. Erst, wenn der Sinn für die Wissenschaft des Judentums in die breiten Massen gedrungen ist, erst wenn jeder es für seine heilige Wicht erkennt, in die Probleme dieser Wiffenschaft eingesührt zu werden, kann eine solche Bemühung gedeihliche Früchte tragen. Die Sorge für Kranke und Arme, Erwerb und Wege der Grabstätten, Herstellung und Erhaltung würdiger Synagogen soll in keiner Weise beschränkt werden; die Bemühungen für Religionsschulen sollen weiter im Vordergrund der Tätigkeit der Gemeinden stehen; aber namentlich die Großgemeinden und auch die kleineren nach ihren Kräften und Mitteln müßten als oberstes und unverbrüchliches Gesetz erkennen: » Pfleget den Gei st! * Diese Nummer erscheint am Anfang des Frühlings oder Pessachfestes. Für die Frommen ist es eine alte Sitte, an Festtagen andere zu erfreuen. Mögen unsere Frommen an diesem Tage des Vaterlandes gedenken. Gewiß bleiben noch einige Wochen übrig, rim sich an der achtenKrie g s a n l e i h e zu beteiligen, aber auch für diese Spende gilt der alte Satz: „Wer schnell gibt, gibt doppelt." Ungläubige und Wortklauber sind geneigt, sich über dieses Wort lustig zu machen mit der kühlen Bemerkung, das Gegebene verdopple sich nicht so schnell. Ihnen gegenüber mag man auf die tiefere Bedeutung des Spruches Hinweisen, die in folgendem besteht: Wer rasch gibt, bereitet sich selbst dadurch die Möglichkeit, noch einmal die Gabe zu wiederholen, so daß er in der Tat als ein doppelter Spender erscheinen mag. Und ferner gerade, wenn er schnell gibt und wenn die Kunde davon durch ihn selbst oder andere verbreitet wird, so kann sie anregend wirken, viele zu ähnlichem Tun veranlassen und dadurch in der Tat als eine doppeltwirkende erscheinen. Darum beeile sich jeder, sein Scherflein zur Kriegsanleihe beizusteuern. Vor allem aber muß der falsche Gedanke bekämpft werden, als käme es auf die Gabe des einzelnen nicht an. Es ist eben außerordentlich wichtig, daß ein jeder den Ruf als an sich ergangen fühlt, daß ein jeder zu der Ueberzeugung kommen muß, gerade auf seine Gabe würde gerechnet, gerade sein Beispiel sei das ausschlaggebende, gerade sein Tun würde erwartet. Es ist natürlich quantitativ von viel größerer Bedeutung, wenn die größeren Bankinstitute mit ihren Millionen aufmarschieren, aber wie eine Armee nicht nur aus Generalen besteht, sondern durch den Haufen der gewöhnlichen Kämpfer eine unüberwindliche Macht bildet, so müssen auch die Zeichner der Kriegsanleihe sich als eine geschloffene Schar betrachten, die alle, ohne eine Ausnahme, sich vereinen, um die Mittel zu beschaffen, die notwendig sind, um den ungeheuren Krieg zu beenden. * Und so möge diese Nummer hinausgehen am Feste des Frühlings und am Feste der Befreiung. Gewiß, der Frühling ist da; er steht nicht bloß im Kalender, wenn auch in der Natur noch alles sehr zurück ist und rauhe Winde den zarten Pflänzchen Verderben drohen, die sich hervorgewagt haben. Auch mit der Freiheit ist es nicht allzugut bestellt. Die Befreiung von unseren Gegnern im Westen steht noch trotz eben erlangter glänzender Erfolge in sehr ferner Aussicht, und auch unsere innere Befreiung läßt noch recht viel zu wünschen übrig. Wir wollen nicht aushören zu wünschen und zu hoffen. Wir sind und leben der Ueberzeugung, daß die Menschheit nicht gedeihen kann ohne Frühling und ohne Freiheit, und wir hegen an dem Feste, das wir nun begehen, keinen innigeren Wunsch, als daß Friede und Freiheit uns bald in ausreichendem Maße gewährt würden. Alls Moltk-Franb. Von I. Land a u. er siebzigste Geburtstag einer Schriftstellerin von Verdienst und Erfolg lenkt die Aufmerksamkeit auf eine bedeutsame Erscheinung, die biSher die gebührende Beachtung und Würdigung noch nicht gefunden hat. „U. Frank", vielfach auch Ulrich Frank, nennt sich die Schöpferin vieler Romane und Novellen, lebensvoller Schilderungen der Berliner Gesellschaft, liebedurchwärmter und farbenreicher Darstellungen des jüdischen Familienlebens. Es ist längst kein Geheimnis mehr; denn alle Nachschlagebücher verraten es, daß sich hinter dem Schriststellernamen Ulrich Frank Frau Ulla Wolfs in Berlin nicht allzu ernstlich verbirgt. Ulla Wolfs, geborene Hirschfeld, erblickte am 2. April 1848 das Licht der Welt in Gleiwitz, wo ihr Vater, Dr. Hirsch Hirschfeld, durch Jahrzehnte der vielverehrte, in der jüdischen Gelehrtenwelt heute noch in hohem Ansehen stehende Rabbiner war. Mütterlicherseits ist Ulla Wolff-Frank eine Enkelin des hochgefeierten Rabbi Akiba Eger. Es drängt sich nun die Wahrnehmung auf — und sie fordert eine ernstere Beachtung - -, daß die Kinder und Enkel unserer Großen in Israel so vielfach als Hochschullehrer oder als Schriftsteller sich betätigen! Es kann unmöglich ein Zufall sein, daß die Nachkommen eines Abraham Geiger, eines Ludwig Philippson, eines Dr. Adolf; Jellinek, eines Dr. Hermann Joöl, all dieser führenden Geister 'im modernen Judentum, als Professoren an unseren Universitäten!, als Gelehrte und Forscher den ererbten Ruhm des Namens gemehrt haben, daß so viele Söhne und Töchter unserer Rabbiner als Schriftsteller zu Bedeutung gelangt sind. Hier liegt offenbar eine gewiffe Gesetzmäßigkeit vor. Sie ist auch leicht genug zu erkennen, wenn wir untersuchen, ob und in welcher Weise sie Leben und Lebensaufgabe ihrer Väter, in äußerlich etwas veränderter Form, unmittelbar fortsetzen. Der jüdische Priester ist kein „Pastor", kein „Hirt" seiner Gemeinde, sondern ihr „Rabbi", das heißt ihr Lehrer. Er ist auch nicht Seelen Hirt, nicht einmal nur Seel s o r g e r — so schön dieser Beruf auch ist —, sondern ein Führer der Irrenden, ein Erleuchter der im Dämmer tappenden Seelen, ein Erwecker der Geister. Die Kinder eines solchen Rabbi — wörtlich „mein Lehrer" — setzen nun den väterlichen Beruf gradlinig fort, wenn sie auch ihrerseits zu Führern und Lehrern werden, gleichviel ob sie auf Kanzel oder Katheder zu ihren Gemeinden sprechen, gleichviel ob sie durch lebendige Rede oder durch bleibende Schriftwerke ihren Einfluß üben. Es ist eben» nur eine starke Erweiterung des ererbten Berufs, wenn sie seine Wirkung nicht auf die eine enge, stets gleiche Gemeinde beschränken, sondern! auf rasch sich folgende Studentenscharen oder auf eine breite Oeffentlichkeit erstrecken. Den Dichtungen von U. Frank, auch denen, die sich nicht die Schilderung des jüdischen Heims, seiner Freuden und Leiden zur Aufgabe machen, ist der wohltätige Einfluß des räbbinischen Elternhauses in allen seinen Vorzügen leicht anzumerken. Eine gewisse Schärfe des Forscherblickes bei aller Milde des Urteils, eine gewiffe Sicherheit in dem Geschick, die Gegensätze zu erkennen, aber auch zu versöhnen: das ist die unverkennbare, wertvolle Mitgift des Elternhauses für den schriftstellerischen Beruf. In einer Reihe von Romanen und Novellen hat uns Ulla Wolfs das Werden und die Entwicklung der Reichshauptstadt plastisch veranschaulicht, hat sie das Leben Berlins geschildert, das sie seit zweiundvierzig Jahren mit aller Sorgfalt des Forschers beobachtet und mit künstlerischer Hand nachgestültet. Aus dem von wissenschaftlichem Streben und literarischen Interessen belebten Elternhaus in Glerwitz entführte sie eine früh geschloffene Ehe mit dem dortigen Rabbiner Dr. Frankfurter nach Bielitz in Oesterreichisch-Schlesien. Früh zur

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