Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
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149 Witwe geworden, übevsiebelte Mä Frankfurter mit ihren Kindern nach Berlin und betätigte sich hier bald als erster weiblicher Journalist im eigentlichsten, strengsten Sinne des Berufs. Durch viele Jahre war. sie die Vertreterin des altangesehenen „Hamburgischen Korrespondenten", nicht nur für das Theater, dem sie ein verständnisvoller und liebevoller Kritiker war — hatte sie sich doch selbst mit einigen Bühnenwerken aus den weltbedeutenden Brettern versucht —, nicht nur für gesellschaftliches Leben, sondern auch für Politik. Daneben entstand Roman um Roman, erschien in unseren vornehmeren Zeitschriften Novelle um Novelle, jede ein Bild scharferfaßten Lebens — gesehen und gestaltet durch ein warmes Gemüt. Aus besonders inniger Liebe erblüht, und Liebe zu dem Gegenstände weckend, nährend, sind aber ihre Erzählungen aus dem jüdischen Familienleben. Aus diesen größeren und kleineren Erzählungen, die so oft den wertvollen künstlerischenSchmuck der Jahrbücher des Verbandes der Vereine für jüdische Geschichte lind Literatur bilden, tritt uns das altjüdische Haus in all seinem stillwohligen, oft auch heiteren Behagen ent- _ gegen. Denn dafür, daß nicht nur der blitzartig grelle Witz, sondern auch der aus dem Gemüt geborene mildleuchtende warme Humor den Juden eigen ist, bilden die jüdischen Erzählungen von Ulrich Frank einen Beweis. Neben dieser reichen literarischen Tätigkeit aber hatte U. Frank auch noch Zeit und volles Interesse für ihren Haushalt — sie hatte sich in' zweiter Ehe mit dem Industriellen und Kaufmann Louis Wolff verheiratet — und für die musterhafte Erziehung ihrer Kinder. Dafür hat U. Frank die Genugtuung, am Vorabend ihres siebzigsten Geburtstages Frau Ulla ihre Söhne als -hervorgeb. am 2. ragende Rechtsanwälte und in der Kriegszeit als Kriegsgerichtsräte tätig zu sehen, die das überkommene literarische Erbe pflegen und reichlich mehren, indes die Tochter als Gattin eines höheren Bankbeamten und zurzeit höheren österreichischen Offiziers einem glücklichen, behagenerfüllten Haushalt vorsteht. Ihrem literarischen schaffen und den Bestrebungen für die soziale Gleichberechtigllng der Frauen widmet sich U. Frank bis zur Stunde mit nner ungeminderten Frische, die uns noch manche weitere Gabe ihres Talents und ihrer schöpferischen Phantasie verheißt. Mrgilas Lsilingrn. V^on befreundeter Seite wird mir ein hebräisches und V deutsches Manuskript unter dem genannten Titel übersendet, das die Schicksale einer kleinen jüdischen Gemeinde in Württemberg wählend der Pessachtage 1848 schildert. Ich laste es im AuSzuge hier folgen. ' Nachdem kurz von den Unruhen berichtet worden, die infolge der Pariser Februarrevolution in Europa im allgemeinen und in Deutschland im besonderen ausgebrochen waren, ferner davon, daß in Begleitung solcher Unruhen mancherlei Aufstände gegen die Juden erfolgt waren, heißt es: „Auch wir, die jüdischen Einwohner des Dorfes Baisingen, kamen in große Not. Es war das Gerücht verbreitet, daß die christlichen Einwohner benachbarter Dörfer uns überfallen, berauben und mißhandln wollen. In der Nacht auf den 13. März waren wir ängstlich ein jeder in seinem Hause, da kamen hiesige Christen und warfen in zehn Häusern von Inden die Scheiben ein. Die Nachtwächter sahen es mit an und halfen dazu. So sehnsüchtig wir auch dem Anbruch des Tages entgegensahen, so wußten wir uns dennoch auch am Tage nicht zu raten, denn das gemeine Volk war ganz gesetzlos und die Macht der Beamten im Augenblicke äußerst geschwächt. Die Politik riet uns, das Unrecht schweigend zu tragen. Nun aber waren am Mittag sieben ledige christliche Burschen aus dem nahen Dorfe Vollmaringen in den Ort gekommen und spazierten mit Beilen und Messern in den Händen in die Haushöfe der Juden und sprachen anmaßend und frech und höhnten: Heute nacht kommen wir mit noch vielen über euch. Die Christen im Orte hörten wohl teilweise diese Reden und sahen das Benehmen dieser Buben; allein niemand regte sich, uns beizustehen, niemand hatte ein tröstendes Wort. Die Vorsteher der Jüdischen Gemeinde wandten sich dieserhalb bittend an den Pfarrer, sich zu unserer Sicherheit zu verwenden. Dieser sandte auch zugleich einen Extraboten an den Schultheiß, welcher heute in Geschäften in einem benachbarten Orte war. Dieser kam auch gegen Abend und veranlaßte im Verein mit dem Pfarrer, daß die ganze christliche Gemeinde heute nacht bewaffnet wache, auf daß die Juden vor einem auswärtigen Ansalle geschützt seien. Wir Juden waren aber bereits zu ängstlich, und als es Abend wurde, flohen viele der unseren in benachbarte Orte, und viele von denen, die im Orte blieben und die Veranstaltungen des Schultheißen sahen, getrauten sich doch nicht, in ihren Wohnungen zu verbleiben, und flüchteten sich und ihre Wertsachen in christliche Häuser des Ortes, denen sie vertrauten. In derselben Nacht regte sich nichts. Von dem nächsten Tage an bezahlte die jüdische Gemeinde mehrere christliche Personen aus dem Orte, daß sie Nachtwache halten müßten, und auch von den Juden selbst hüteten immer einige mit. Die Ereignisse der Zeit waren nicht tröstlich, und einsichtige Leute fürchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in unserem Kahal (Gemeinde) Leute, welche nach einigen woiff-Lrank April 1848.