Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 82 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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147 Ich halte es für ganz un-möglich, daß -diese weitgehenden Forderungen erfüllt werden, ja möchte nicht einmal glauben, daß eine Erreichung solcher Ziele erwünscht wäre, überlaste aber gern den Oesterreichern die Beratungen und Entschließungen in dieser Angelegenheit. - ' 7 Die Israelitische Kultusgemeinde Krakau schreibt uns: »Auf- Grund einer Mtteilung des Jüdischen Preßbureaus in Stockholm ist in manchen Zeitnngen des neutralen Auslandes, u. a. in.der „Züricher Zeitung", eine Notiz erschienen, welche von Judenprogxomen zu berichten wußte, die angeblich anläßlich der wegen der Cholmfrage in-den galizifchen Städten veranstalteten Münifestationen, insbesondere in Krakau und Rzeszüw, stattgefunden hahtzn sollen. Diese Nachrichten sind vollständig aus der Lust gegriffen. Weder in Krakau noch in Rzeszdw haben sich derartige oder auch nur ähnliche Vorfälle ereignet. Wir erachten es als Ehrenpflicht, zur Steuer der Wahrheit dies öffentlich festzustellen." * In einer anmutigen Plauderei über Johann V. Jensen hat Georg Herrn an n den genannten dänischen Schriftsteller und manche andere Kollegen charakterisiert, die er bei einem kurzen Aufenthalt in Kopenhagen kennengelernt hat. Er gibt seine Unterhaltung mit dem Genannten wieder und kommt dabei auch aus den Z i o n i s m u s zu sprechen. Nachdem er konstatiert hat, daß er in Berlin selten dazu komme, von Zionismus zu .reden, in Dänemark aber einem solchen Interesse für diese Bewegung begegne, daß er oft darüber zu sprechen genötigt sei, fährt er in folgender Weise fort: Als an einer Sache der Ostjuden wäre ich ja nur akademisch am Zionismus beteiligt, trotzdem ich nicht die Notwendigkeit der Trennung von ihrer slawischen Umgebung einsehe, wenn diese wirklich nunmehr einer menschlich zu bewertenden Entwicklung entgegengeht. Für den Westjuden aber erblicke ich eine schwere Gefahr, wenn er sich irgendwie, auch nur geistig, aus seinem internationalen Kulturboden loslöste. Und wenn selbst der geringen Zahl von Westjuden das Vielfache an Ostjuden gegenübersteht, so ist doch feststellbar, daß alles, was von Juden bisher für die Weltkultur geleistet wurde und in dem großen Buch der — wie Nietzsche sagt — „europäischen Angelegenheiten" ... Heine war nach Nietzsche eine solche... verzeichnet, steht, bis heute von der kleinen Schar der Westjuden geleistet wurde, während die große Ueberzahl der Ostjuden sich durch Abseitigkeit, Neigung zur Proletarisierung — auch dort, wo es nicht nötig wäre — Anonymität und Mangel an für die Allgemeinheit zu bewertender Kulturarbeit ausgezeichnet hat. Das beweist natürlich nicht, daß sie nicht trotzdem ihre Probleme und ihre Zukunft haben. Aber sicher haben sie sie nicht dadurch, daß sie bestrebt sind, sich künstlich um zwei Jahrtausende zurückzuschrauben. Es ist wahrlich schon so eingezwängt genug in seinen mittelalterlichen Rock... bas Ostjudentum, daß es geistig kaum atmen kann. Ich verstehe auch das; im ganzen liegen die Dinge vielleicht doch tiefer, als ich hier sagen kann. Und das religiöse Moment, daS Staatenmoment, der Zionismus ist nur ein Maske. Letzten Endes wollen sie nicht zum Ttaat hin, sondern vom heutigen Staat fort. Aber . . . auch dann! Die Leute sahen mich ganz entgeistert an, wenn ich mit solchen Weisheiten loslegte. Daß es eine tiefe Rassenverschiedenheit zwischen Ost- und Westjuden gäbe, war den meisten noch nie aufgegangen, denrh Nathansohn, mit dem ich an einem Vormittag spazierenging, hatte sogar ein fast tränenschimmerndes Bedauern in der Stimme ob meines Mangels an Menschenliebe. * In Nummer 9 des „Israelitischen Familienblattes" hat Herr Rabbiner Dr. Gelles (Liffa) einen bemerkenswerten Artikel geschrieben: „Ein Weg zur Gesundung der Literaturvereine". Er führt darin unter anderem Gedanken aus, die ich in einem Leitartikel am Anfang dieses Jahrganges geäußert habe, indem er gegen die Einzelvorträge, die meist in -den Literatur- Vereinen gehalten werden, polemisiert und statt dieser zusammenhängende Zhklen -verlangt. Wenn er dabei zugleich fördert, daß diese Vorträge ausschließlich von heimischen Kräften gehalten werden sollen, so 'befindet er sich dabei, wie mir scheint, aus einem Irrwege. Denn das Publikum der Literaturvereine Hat das, wie ich glaube, gerechtfertigte Verlangen, auch auswärtige Redner zu Höven, und würde leicht, wenn es immer nur wieder von dem Lehrer oder dem Rabbiner oder einem sonst bekannten Mann -der heimischen Gemeinde angesprochen würde, die Lust an den Darbietungen verlieren. -Wichtiger scheint mir aber eine andere Forderung des Artikels zu sein, ja diese dünkt mich so bedeutsam, -daß ich etw as ausführlich er darauf ein gehen möchte. Herr Gelles verlangt nämlich, daß man die Literaturvereine zu einer G e m e i n d e i n st i t u t i o n mache, und belegt diese Forderung mit guten Gründen. Ich billige diese, möchte, aber doch den Gegenstand -etwas verallgemeinern. Ich habe in diesen Blättern zu wiederholten Malen auf die äußerlich und innerlich vortrefflichen Publikationen (Ouellensammlungen und Darstellungen) der historischen Kommission der Wiener Gemeinde hingewiesen und mein Bedauern ausgedrückt, daß etwas Aehnliches in deutschen Gemeinden nicht existiert. In dieser Beziehung muß, wenn auch nicht unmittelbar, so doch bald nach dem Eintreten des Friedens Wandel geschasst werden. Ob es möglich sein wird, -daß jede kleine Gemeinde bei ihrem beschränkten Etat und bei dem geringen Personal, über das sie verfügt, eine durchgreifende Aenderung eintreten lassen kann, steht dahin; die Großgemeinden: Berlin, Breslau, Köln, Frankfurt, Königsberg, Hamburg, München und Stuttgart, um nur die hauptsächlichsten zu nennen, müßten hier vorangehen. Sie müßten alle — und Vorbereitungen dazu ließen sich vielleicht schon jetzt tresftzn —• sich entschließen, eine literarische Kommission ins Leben zu rufen. Dieser müßte zunächst die Aufgabe zuge-wies-en werden, die Literatur-Vereine, dis allerdings dadurch eine wesentliche Umwandlung erfahren würden, zu einer Gemeindeinstitution zu erheben.' Dann aber die weitere und -viel wichtigere: geistige Arbeiten zunächst in bezug auf die Geschichte der Gemeinde, dann aber überhaupt zur Geschichte und Wissenschaft des Judentums zu unterstützen, ja ins Leben zu rufen. Unsere Großgemeinden, unter denen, wie man ohne Voreingenommenheit behaupten darf, die Berliner die: vorderste Stellung einnimmt, wirken vorbildlich für den Religions- und Fortbildungsunterricht; die Berliner Gemeinde besitzt ferner eine große Bibliothek und eine wertvolle Kunstsammlung. Sie müßte sichaber, und in ähnlicher Weise müßten dies auchdie übrigen großen Gemeinden tun, in viel höherem Grade als bisher, die Pflege der Wissenschaft des Judentums angelegen sein lassen. Eine solche Pflege aber darf nicht bloß erfolgen durch Zuweisung großer Summen, wie sie den bestehenden Institutionen in Berlin, z. B. der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, gewährt werden, sondern sie muß durch eigene Initiative geschehen. Eine solche literarische Kommission müßte in ähnlicher Weise für geistige Angelegenheiten wirken wie etwa die Armen-, die Fürsorge-, die Friedhofskommission auf ihren Gebieten. Nur durch eine Vertiefung und Ausbreitung des Wissens kann das Judentum -gerettet werden. In Berlin speziell müßte dieser Kommission die Bibliothek, die Kunstsammlung, der Literatuwerein, das Gemeindeblatt unterstellt werden. Außerdem müßte ihr aber die Aufgabe zugewiesen werden, die Quellen zur Geschichte der Juden in Berlin, Urkunden, Grabsteine zu sammeln und herauszugeben, müßte sodann die wesentliche Ausgabe -übernehmen, kleine und große Arbeiten über die verschiedenen Disziplinen der Wissenschaft des Judentums anzuregen, zu unterstützen und -womöglich selbst zu edieren.