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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-08-11 · Heft 32 (11.8.1905) · p. Seite 384

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
Seite 384 (sequence 12)
Language
German
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384 ging mit seinem Frettchen auf den Kaninchenfang. Auf den väterlichen Hof durste der Tunichtgut nicht kommen, denn auch der junge Besitzer hatte sich seine Besuche verbeten. Jedes Jahr am Totenfeste besuchte Marie mit ihrem Manne den Friedhof, um die Gräber der Eltern mit Blumen zu schmücken. Dann legte sie auch innner einen Kornblumenkränz auf die Ruhestätte des verunglückten jungen Helmke, der gerade an ihrem Hochzeitstage gestorben war. Zwei niedliche Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, bildeten die größte Freude des Wichardschen Ehepaares. Wie selig blickte das junge Weib auf ihren beglückten Mann, wenU er den Knaben vor sich her auf den Dielen am sicheren Gängelbande zappeln ließ, oder wenn der Kleine, vom Vater angelockt, die hütende Hand der Mutter losließ und dem Nieder- . sitzenden jauchzend in die Arme lief. „Denkst Du noch immer an die bösen Vorbedeutungen zu unserer Ehe?" pflegte dann der lachende Mann sein Weibchen zu necken. „Was Ihr vom zarten Geschlecht doch von Vorurteilen befangen seid! — So abergläubisch kann ein Mann nie sein!" „Gustav, Du hast ja Recht, wie inuner!" lenkte dann die Mutter schelmisch ein und nahm dem Aufklärungsapostel den rotbäckigen Jungen aus den Armen. So hatten die glücklichen Eheleute eines Tages wieder miteinander getändelt, sich tüchtig geneckt und schließlich abgeherzt. Da sagte der Hofwirt nach dem klaren Himmel hinauf blickend: „Der Abend ist so schön, Marie, ich möchte nur, wenn der Mond ausgegangen ist, nach der Erbsenbreite sehen und den Wildschweinen mal gründlich eins aufbrennen. Alle Vorstellungen, das Gatter dichter und fester Herstellen zu lassen, haben bei dem Gutsinspektor nichts gefruchtet; wjr müssen uns wirklich selbst zu helfen suchen. Kommt mir die Nacht eins der Borstentiere in mein Erbsenfeld, ich schieße ungeniert danach, gleichviel ob es liegen bleibt oder nicht!" „Gustav," sagte die Frau besorgt, — „in später Nacht? Der Förster ist ein strenger Mann, — und dann Dein Onkel, der Tote Erdmann, der Dich haßt. Du weißt, gerade die Nächte weilt er gern im Waldesdunkel. Wenn er Dir nun begegnete V - „Hab' keine Sorge, mein Schatz! — Ein alter preußischer Soldat kennt keine Furcht!" „Aber dann bleib' auch nicht länger wie bis 12 Uhr draußen, und nimm Dich nur mir der Büchse in acht!" Der ehemalige Soldat konnte bei der letzten Warnung ein Lächeln nicht unterdrücken. „Ganz wie meine Kornblume befiehlt!" entgegnete er scherzend. Es mochte wohl 10 Uhr sein. Der Mond war goldig und groß am Himmel aufgegangen, fast Tageshelle überall verbreitend. Wichard hatte die Doppelflinte vom hoch befindlichen Haken aus der Schlafkammer geholt, lud beide Läuse mit starkem Schrot und hing die Waffe über die Schultern. Mit einem „Gute Nacht, meine kleine Marie!" und einem innigen Kuß trennte er sich von der noch immer beschäftigten Frau und verließ den Hof. Den treuen Kettenhund, welcher seinen Herrn durchaus begleiten wollte, mußte der nächtliche Wanderer mit Gewalt und unter Androhung von Züchtigung zurückhalten. Auf der Dorfstraße wandelten noch junge Burschen mit ihren Schätzen, immer zu Sechsen und Achten untergefaßt, so daß sie das ziemlich breite Pflaster einnahmen. Sie sangen gemeinschaftliche Lieder, und kaum vermochte der ihnen Begegnende ein Lachen zurückzuhalten, als er auch von den Mädeln ein Soldatenlied mitanstimmen hörte. Gekannt, mußten die Singenden den im Häuserschatten zweiter Schreitenden nicht haben, sonst wären sie nicht ohne Gruß an ihm vorübergezogen. Vor dem Dorfe schlug der Schütze einen Wiesenpfad ein, der den Weg ein bedeutendes Stück abkürzte. Dann führte ihn ein schmaler Steg über einen breiten Graben, und nachdem der zum Schutz seiner Felder Ausziehende noch eine Viertelstunde neben Kornfeldern und Kartofselbreiten weitergeschritten war, hatte er seinen Erbsenplan, erreicht. Der Acker stieß hier unmittelbar an die Gutsgemarkung, und die vereinzelt neben der Einfriedigung liegenden Stabhölzer bewiesen genugsam, daß das Wild sich mit Gewalt Bahn auf die Dorfflur verschafft hatte. Hinter einem dicht am Wege stehenden Dornbusch nahm der einsame Wächter Aufstellung, denn von hier aus konnte er die Breite überblicken und schlimmsten Falles auch mit der Flinte bestreichen. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Wilhelm von Scholz: „Der Jude von Konstanz". Tragödie in vier Aufzügen mit einem Nachspiel. München und Leipzig, Georg Müller 1905. Ein dusteres Zeit- und Kulturgemälde aus dem 14 Jahrhundert, das uns in das mittelalterliche Konstanz am Bodensee führt. Der Dichter hat es verstanden, auf einem dunklen, malerischen Hintergründe ein überaus farbiges, mit kulturhistorischem Kolorit gesättigtes, wahres Bild von der sozialen, gesellschaftlichen und religiösen Lage der Juden im Mittelalter zu entwerfen und den Fanatismus und die Rückständigkeit der großen Masse anschaulich darzustellen. Im Mittelpunkte der Tragödie steht ein vom Judentum abgefallener Arzt, Nasson, der seinen früheren Glaubensgenossen in der Stunde schwerer Gefahr zur Hilfe kommt und sie vor dem sicheren Untergange rettet. Er selbst aber, von Christen und Juden beargwöhnt, erleidet schließlich den Feuertod. Die in schöner Sprache in Jamben geschriebene. Tragödie bringt eine Fülle charakteristischer, individuell geschauter Gestalten, eine spannende, weitverzweigte Handlung und ist von edlem, dichterischem Feuer durchglüht. Wohltuend berührt die tendenzsreie Durchführung der Handlung, um so wohltuender,' als eine gewisse Richtung der gegenwärtigen kulturhistorischen Wissenschaft von einem chauvinistisch-nationalen Gegenwartsstandpunkte aus die deutschen Juden des Mittelalters in durchaus einseitiger und herabsetzender Weise darzustellen liebt. Mag man über Einzelheiten in dem vorliegenden Drama rechten und verschiedener Meinung sein, als Ganzes ist es ein Kunstwerk von einheitlichem Guß, das zwar ein selbständiges dichterisch-subjektives Gepräge trägt, aber in objektiver Weise Licht und Schatten in gerechter Weise verteilt. Die Bühnenwirksamkeit der Tragödie, die allerdings eine sehr sorgfältige Inszenierung verlangt, steht für mich außer Frage. Tr. S. Apfel-Barmen. $ — I. H. Weiß hat einige Wochen vor seinem Tode Herrn Dr. A. Kaminka, der am Bet hamidrasch Religionsphilosophie vorträgt, seine hebräisch geschriebenen, leider unvollendet gebliebenen Memoiren übergeben, mit der Bitte, dieselben für den Druck vorzubereiten und auf geeignete Weise zu publizieren. Es sind drei Hefte, deren Inhalt eine Fortsetzung der vom greisen Gelehrten bereits vor mehreren Jahren veröffentlichten „Sichronoth" bildet und sich bis zum Jahre 1896 erstreckt. In seinem bekannten fesselnden Stile und mit abgeklärtem Urteil erzählt der Verfasser u. a. viel Interessantes über die Prager Wirksamkeit des Predigers Dr. Michael Sachs, über Moses Sofer und die Preßburger Jeschibah, über Kreisrabbiner Z. H. CHajes, über das mährische Landesrabbinat und über die Familie Oppenheim (mit der sich Weiß 1842 verschwägerte); im dritten Heft bricht die zitternde Hand des Greises die fragmentarisch gebliebene Darstellung ab. — Wie wir erfahren, beabsichtigt Herr Dr. Kaminka, das wertvolle Manuskript demnächst zu edieren.' , Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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