Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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383 „Holla! — Ta geht's ja hoch her!" rief er Plötzlich über den Tisch. Als' wäre wer weiß was Passiert, fuhren alle Köpfe in die Höhe. „Ah, die Sammlung ist wohl für mich? fuhr der Zudringliche fort. „Aber, bitte, meine Herrschaften, behalten Sie Platz! — Allzuviel Ehre! — Bin zwar nicht geladen zur Hochzeit meines Neffen; doch die vielen Fisimatenten lob' ich einmal nicht! — Ja, ja, der rote Erdmann lebt noch immer, wenn Ihr ihn auch vergessen habt. Ist manches Jahr her, daß ich von Euch gehen mußte. Nun, ich denk', wir frischen die alte Freundschaft wieder auf. — War schlechte Zeit, die ich durchgemacht habe; bin auch in etwas desolatem Anzuge, daß ich wohl kaum an den Festtisch passe. Doch mein teurer Bruder wird gewiß aushelfen!" Damit wandte sich der Rotbärtige an des jungen Ehemanns Vater, der wie gelähmt die plötzliche Erscheinung anstarrte. — „Ja, kennst mich wohl nicht wieder, Heinrich, daß Du mich so verwundert anglotzt?" wirbelte der Sprachschütze weiter, indem er ohne Umstände das erste beste gefüllte Glas vom Tisch nahm und es aus eineu Zug leerte. „Hatte wirklich einen Durst, wie er mich manchmal beim Wollspinnen gequält hat!" fuhr er unverschämt fort. „Ihr feiert ja hier Hochzeit, und bei solchem Feste ist gutsein. Hab' lange keine Hochzeit mitgemacht. Möcht' auch mal wieder tanzen!" — Furchtbar hatte es bei diesen Worten in der Brust des alten Wichard gearbeitet. Der Angekommene war ja in der Tat sein jüngster Bruder, ein Tunichtgut, der immer dem Branntwein mehr zugetan war als ordentlicher Tätigkeit. Als der Trunkene einst mit dem Verwalter des nahen Gutes Streit gehabt hatte und dieser ihn durch die Knechte vom Hofe bringen ließ, rächte sich der Wütende dadurch, daß er in der folgenden Nacht ein Wirtschaftsgebäude anzündete, welches auch bis aus den Grund ein Raub der Flammen wurde und wobei der auf dem Boden schlafende Gänsejunge den Tod fand. Der rote Erdmann, wie man den Umgänger wegen seines feuerfarbenen Bartes nannte, ward aber als Täter entdeckt und wegen böswilliger Brandstiftung vom Schwurgericht zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Acht Jahre mochten seit der Zeit verflossen sein. Durch die Gnade des Landesherrn erhielt der Gefangene seine Freiheit zurück, denn er war in der Korrektionsanstalt arbeitsam und ordentlich gewesen, so daß ihn der Direktor selbst zur Begnadigung vorgeschlagen hatte. „Packe Dich, Verworfener!" rief der Ortsschulze zornig. „Ungeladene Gäste gehören vor die Tür! Kommst daher, um Skandal zu machen und unser Fest zu stören. Wir haben keine Gemeinschaft mehr miteinander, und Du tätest uns einen großen Gefallen, wenn Du wieder dahingingest, wo Du so viele Jahre gewesen bist. Für Dich ist bei uns kein Platz! Schmach und Schande hast Du Brandstifter über unsere Familie gebracht. Ich kenne Dich nicht mehr!" „Narr, der ich wäre, hier wieder sortzugehen, — ins Elend, nicht wahr? — während Ihr in Wohlleben praßt!" höhnte der Abgekanzelte. „Hätte ich nicht so gut Ansprüche auf den Hof wie Du? — Glaubst Du etwa, ich errate es nicht, daß Du es gewesen bist, der den Vater bestimmt, mich zu enterben? Mir willst Du Vorwürfe machen, während Du selbst als elender Erbschleicher dastehst? — Warte nur, der rote Erd mann läßt sich nicht ungerächt um sein rechtmäßig Hab und Gut bringen. Also nicht einmal eine Stätte ist für ihn geblieben, wo er ein paar Tage rasten kann? — Gut, so laß den Bruder durch die Knechte Hinauswersen! Aber dem ersten zerbreche ich die Knochen, der es wagt, mich anzutasten!" Mehrere der Hochzeitsgäste waren aufgesprungen, um sich des Störenfrieds zu bemächtigen. Als sich dieser aber in seiner mächtigen Gestalt ausrichtete und funkelnden Auges umherschaute, gleichsam einen Angriff erwartend, wichen selbst die kräftigsten Männer zurück. „Ich halte es unter meiner Würde, mich mit Dir weiter zu streiten, Du erbärmlicher Vagabond!" donnerte jetzt der Hofherr den Zuchthäusler an und trat drohend auf ihn zu „Des Vaters Testament kannte vor seinem Tode niemand! — Verdächtigen willst Du mich? — Sofort verläßt Du meinen Hof, oder ich lasse Dich, kraft meines Amtes als Ortsschnlze wegen Haussriedenbruchs in das Gefängnis sperren!" Jetzt schien der Zwist der feindlichen Brüder in Tätlichkeiten auszuarten. Erdmann hatte den Knittel erhoben, — seine Augen stierten, als wollten sie aus den Höhlen dringen, und den bebenden Lippen entwand sich kein Wort mehr. Da trat die junge Frau, die zitternd und zagend dem ganzen Streite zugehört und nur mit Mühe ihren Mann vom persönlichen Eingreifen zurückgehalten hatte, auf den ihr ganz fremden Verwandten zu. „Onkel, verdirb doch unser Fest nicht! — Es ist ja heute meine Hochzeit, und nun bereitest Du uns solchen Kummer!" sprach sie in mildem Tone. Wie wenn ein elektrischer Schlag den Wütenden durchzogen hätte, zuckte er beim Anblick der lieblichen Erscheinung zusammen. — „Wie? Du nennst mich Onkel, während der eigene Bruder mich verleugnet? — Jst's denn möglich? — Solch' hübsche Nichte Hab' ich, und wußte es nicht? — Deinetwegen will ich wohl gehen, wenn ich denn einmal störe! — Aber ich seh' Dich doch gewiß öfter?" fragte der plötzlich llmgewandelte in fast zärtlichen Tone, und als ihm keine Antwort auf seine Frage wurde, stürzte er wie besessen aus dem Zelte heraus und vom Hose herunter. Die Festfreude war getrübt. Man sah es den Mienen der meisten Gäste an. Einer nach dem andern verabschiedete sich. Wagen auf Wagen rollte aus dem Dorfe, und auch von den Einheimischen begaben sich die meisten nach Hause. Zudem sollte am anderen Morgen das Begräbnis .des verunglückten Helmke stattfinden, woran sich fast alle Bewohner des Dorfes beteiligen wollten. Sinnend stand die junge Frau in ihrem Hochzeitsstaat am Fenster, zerzupfte gedankenvoll eine ihrer Lieblingsblumen und schaute trüben Blickes den Scheidenden nach. „Sollte wirklich unsere Ehe keine glückliche werden?" seufzte sie leise vor sich hin. „Die ällerglücklichste, trotz der Unbill, mit welcher sie begann, meine liebe Kornblume!" tröstete der plötzlich hinzugekommene Gatte die Schwermütige und schloß sie innig in seine Arme. Vier Jahre sonnigen Eheglücks hatten Gustav und Marie miteinander verlebt, nur der Tod verursachte den Beiden schweres Herzeleid und tiefe Trauer. Des jungen Hofbesitzers Eltern waren kurz hintereinander in die Ewigkeit abgegangen. Seine Mutter, schon sehr lange kränklich, starb gerade ein Jahr nach dem Hochzeitstage an der Auszehrung, und der Gram über den Verlust seiner Lebensgefährtin nagte an dem Lebensmark des alten Wichard, bis ein Herzschlag den Leiden des Mannes ein Ende machte. Der „Rote" gefiel sich zu sehr in dem Vagabondenleben. Nur wenn die äußerste Not, der Hunger, ihn zwang, tagelöhnerte er hier und da im Dorfe; sonst streifte er^draußen in der Freiheit umher, stellte Vogel- und Hasenschlingen, oder