Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Verlaufe dieser Zeit nahmen sie die fünf Bücher der Thora durch. Der Freund war nicht nur sein Lehrer, sondern schützte ihn auch vor übler Nachrede, so oft er angefeindet, wurde. Aber das kleine Städtchen, wo er ein so schönes Jahr verlebt hatte, wurde Plötzlich von einem großen Brande heimgesucht. Beide Freunde verließen nun die Stadt, der Meister begab sich auf -die hohe Schule nach Wolosrn, der Jünger aber kam nach Keiwa. „Ja, ja," schloß Chajim seine Erzählung, „es gab eine Zeit, da ich mich in großen Hoffnungen wiegte, ich meinte, ich würde noch einmal ein Gelehrter werden. Aber ich habe in meiner Kindheit nicht umsonst so viel Hiebe auf den Kopf bekommen. Die spüre ich heute noch . . . Das Fassungsvermögen will nicht gehorchen . . ." Fortab schimmerte kein Licht mehr durch die Fenster des kleinen Häuschens in ' der Mühlengasse unweit der Brücke. Man erzählte sich, daß Chajim an Kopfweh leide und darum dem eifrigen Thorastudium entsagen mußte, weshalb er fortwährend so mißmutig und traurig gestimmt sei. Dafür begann er häufiger die Gesellschaft der Peruschim aufzusuchen und sich ihrer anzunehmen; und so ging im Verlaufe der Zeit die ganze Sorge für ihren Unterhalt auf ihn über. Jetzt war bereits viele Jahre dahin, seitdem Chajim treu und hingebungsvoll die Angelegenheiten der Peruschim verwaltete. Er erfreute sich des uneingeschränkten Vertrauens und der Hochachtung seiner Mitbürger. Zweimal im Jahre im Monat Nissan und im Monat Tischri, ging er von Haus zu Haus, um „Tage" für seine Schützlinge zu sammeln — und . keinem fiel es ein, ihm abzusagen; ein jeder ließ sich ins Register mit einem oder zwei Tagen der Woche eintragen, an denen er sich verpflichtete, einem Jünger die Mahlzeiten zu gewähren. Sobald das Register voll war, verteilte Chajim die Tage unter die jungen Leute noch Gutdünken. Es kam vor, daß der eine alle . Tage der Woche besetzt hatte, während manch anderer leer ausging. Neb Chajim handelte nach eigenem Ermessen, und von seiner Entscheidung gab es keinen Appell. Das gab vielfach Anlaß zu Klagen über grundlose Bevorzugung und Benachteiligung, doch schließlich stellte es sich immer heraus, daß Chajim recht gehandelt hatte. Nur in einer Beziehung hatte er eine Schwäche, der er stets nachgab, ohne aus ihr einen Hehl zu machen: er gab Ehemännern stets den Vorzug vor ledigen jungen Leuten. . „Er trägt einen Mühlstein um den Hals!" gab er stets den noch ohne den Segen der Ehe verharrenden jungen Leuten zur Antwort, wenn sie vor ihn mit Klagen über Benachteiligung kamen während ein soeben angekommener Ehemann sogleich mit allem Nötigen versorgt wurde. „Er hat eine Frau und will sich dennoch dem Studium der Thora weihen. Habt Ihr verstanden? . . . Die Fassungskraft will nicht mehr gehorchen... Der Kopf eines Ehemannes ist nicht mehr so frei, und das Studium erfordert Ruhe und Ueberlegung . . . Diesem muß man das schwere Joch erleichtern, man muß ihm die Anstrengungen tragen Helsen. Ihr aber, was seid Ihr denn eigentlich? Frei, wie die Vögel ..." So war Chajim Melamed beschaffen. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilchr Mitteilungen. — Jüdisch-literarisch eAbreißkalenderpro 1895 (5665/66)von Rabbiner Dr.Heppner-Koschmin. Verlag von Israel Tuch, Koschmin. Der nunmehr in seinem sechsten Jahrgang tretende Heppner'sche jüdischliterarische Abreißkalender kann nur aufs wärmste zur Anschaffung und Benutzung empfohlen werden, denn er bildet im Hinblick auf seine elegante und solide Ausstattung nicht nur einen hübschenWandschmuck, sondern bietet mit seinem reichen, zweckentsprechenden Inhalt auch eine nie versiegende und versagende Quelle der Belehrung und Unterweisung in allen Lagen des jüdisch-religiösen Lebens. Als besondere Zugabe finden sich einige Abbildungen hervorragender Männer vor, die gewiß gern und mit Interesse betrachtet werden. Der Preis des Kalenders ist ein recht mäßiger, wenn man in Betracht zieht, daß er sowohl das jüdische, als auch bürgerliche Kalendarium enthält. Der Kalender sei daher nochmals angelegentlichst empfohlen. ■ ' ' ■ - y- SprechlMl. Herr Redakteur! ^ln „Der Ungarische Israelit", Jahrgang II, S. 130, vom'23. April 1875 behauptet ein Herr—l., Moses Sofer hätte einen nentestamentlichen Ausspruch als talmudisch zitiert. . Die angeführte Stelle soll lauten: ^8. In der mir zu Gebote stehenden Ausgabe findet sich an der betreffenden Stelle, Chatham Sofer, Choschen Mischpat Nr. 196 ein Brief in welchem Moses Sofer die Gemeinde Triest wegen gewisser Unregelmäßigkeit in der Bereitung von Mazzoth zurechtweist. Am Schlüsse des Briefes verwahrt er fick gegen den Vorwurf, daß er in die Gerechtsame des dortigen Rabbiners eingreife, indem er sagt, der Ortsrabbiner könne in solchen Fällen nicht wirken, weil kein Prophet in seinem Väterlande gelte; er zitiert jedoch diesen Spruch (Math. 13,57) in meiner Ausgabe nicht als einen rabbinischen. Anderseits läßt es sich nicht gut annehmen, daß dieser Kritiker auswendig zitiert haben sollte, zumal in einer der nächsten Nummern Dr. M. Weiner eine Verteidigung Moses Sofers versucht, indem er auf eine etwas ähnliche Stelle in Aboth de rabbi Nathan hinweist, wo dem VTJ^ 'ptaT die ewige Seligkeit abgesprochen wird (Kap. 36, ed. Schechter p. 108). Dr. Weiner, wohl identisch mit dem inzwischen verstorbenen Rabbiner von Groß-Meseritsch, wird die Stelle wohl auch im Originaltext nachgesehen haben. Sollte es noch eine andere Ausgabe geben, in der sich die zitierte Version findet? . ' Zur Sache will ich bemerken, daß Rabbiner Simon Finkelstein in seinem Werke ^122 fVWl/ vor einigen Jahren in Baltimore erschienen, den Spruch des deutschen Dichters: „Der Buchstabe tötet und der Geist belebt" zitiert,, welchen er mit einer Idee von Ezechiel Landau in der Vorrede zum in Uebereinstimmung bringt. Cincinnati, 12. Januar. Ergebenst G. Deutsch. * Löbliche Redaktion! ^u dem „Brief aus Oesterreich in Nummer 3 Ihrer geschätzten ts Zeitung erlaube ich mir folgendes zu bemerken. Ad. 1. Die israelitische Kultusgemeide Brüx ist — von Prag mit seinen Vororten abgesehen — die 7. oder 8. größte Gemeinde unter den zweihundert Kultusgemeinden Böhmens; der Herr Berichterstatter scheint nicht genügend über die Kultusgemeinden Böhmens informiert zu sein. Ad. 2. Erlaube ich mir der löblichen Redaktion die Anregung, die am 2. Dezember 1904 in der „Oesterr. Wochenschrift" erschienvorzulegen. Ich habe in derselben nur verlangt, daß man das Andenken Maimunis nicht allein durch Vorträge, sondern hauptsächlich durch billige Volksschristen, welche wissenschaftlich und doch zu gleicher Zeit populär gehalten sind, feiern möge, daß aber außerdem an dem Sabbat in allen Synagogen Gedenkreden gehalten werden sollten. Dem Leser möge es überlassen bleiben, zu entscheiden, ob meine Anregung kleinlich gewesen. Prof. Dr. Adolf Biach, Brüx, 22. Januar. Rabbiner. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.