Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1905-02-10 · Heft 6 (10.2.1905) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
69 (1905)
Issue
Heft 6 (10.2.1905)
Date
1905-02-10
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228636-3228643--61477-3275299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

69. Jahrgang. Jio. 6. Der Gemeindebore. Berlin, 10. Februar 1905. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK ZudentumK" lkorrrkpondrn?rn und Sschnchten. Deutschland. 8. Berlin, 6. Februar. Wie wir erfahren, hat nunmehr auch leider Herr Landgerichtsrat Loew e sein Amt im Gemeindevorstand niedergelegt; es sind infolgedessen zwei Ersatzwahlen für die Aeltesten- Stellvertreter erforderlich. Aus gutunterrichteter Quelle hören wir ferner, daß für diese ehrenamtliche Tätigkeit wiederum zwei bekannte Gemeindemitglieder in Vorschlag gebracht worden sind, deren Wahl als sicher betrachtet werden kann. s. Berlin, 3. Februar. Der „Verein Jüdische Lesehalle und Bibliothek" hielt am 26. v. M. die elfte Generalversammlung ab, zu welcher sich die Mitglieder in stattlicher Anzahl eingefunden hatten. Der Vorsitzende, Dr. Max Ginsberg, erstattete eingehenden Bericht über die Entwicklung und die Wirksamkeit' des Vereins, welche in jeglicher Hinsicht als befriedigende bezeichnet werden dürfe. Durch Eintragung ins Vereinsregister hat der Verein Rechtsfähigkeit erlangt. Die Bibliothek, welche auf 4736 Bände (gegen 3962 im Vorjahre) angewachsen ist, hat insgesamt 2469 Bücher (975 mehr als im Jahre 1903) an 1709 Personen (im Vorjahre 1026), die sich, aus nahezu allen Berufsständen rekrutierten, ausgeliehen. Die Lesehalle, in welcher 63 jüdische Blätter '(28 deutsche, 9 englische, 8 hebräische, 4 französische, 3 jüdisch-deutsche, je 2 russische und polnische, je ein rumänisches, italienisches und spanisches) und 7 Tageszeitungen ausliegen, wurde im Durchschnitt von 100 Personen täglich besucht. Der gesteigerten Frequenz Rechnung tragend, hat der Vorstand die. Lesezeit wesentlich erweitert und zwar auf 1—5 Uhr, am Sabbat und Sonntag auf 1—2, an den letztgenannten beiden Tagen und am Dienstag außerdem von 7—10 Uhr Abends festgesetzt. Die längst gehegte Absicht, das Institut, den ganzen Tag oder zumindest stets auch an den Abenden geöffnet zu halten, scheiterte an dem Mangel an Mitteln, denn, wenngleich die Mitgliederzahl und damit die Einnahmen gewachsen sind, die letzteren reichen kaum hin, um den gegenwärtigen Anforderungen zu genügen. Frau Franziska Ginsberg hat der den Namen ihres unvergeßlichen Gatten tragenden Stiftung abermals 600 Mark zugewendet; eine Reihe von Wohltätern hat die lebenslängliche, Frau R. Reisenberg für ihren verstorbenen Gatten die immerwährende Mitgliedschaft erworben. Nachdem der Vorsitzende sodann den im vorigen Jahre abberufenen Herren Justizrat H. Staub und Willy Bambus pietätvolle Worte des Gedenkens gewidmet, schilderte er in interessanten Darlegungen die Geschichte der Begründung und der Entwicklung des Vereins während seines zehnjährigen Bestehens. Sodann erstattete der Schatzmeister, Herr Benas Levy, den Kassenbericht, wonach die Einnahmen 3607,57, die Ausgaben 3506,93 Mark betrugen. Auch Herr Levy betonte, daß das Institut nur dann dem Bedürfnisse entsprechend ausgestaltet werden könne, wenn demselben größere Beiträge zufließen würden. Besonders bedauerlich sei es, daß nur 162 Mark für Bücheranschaffungen aufgewendet werden konnten; wenn sich die Bibliothek trotzdem in erfreulicher Weise vergrößerte, so sei dies lediglich den zahlreich einlaufenden Bücherspenden zu verdanken. Nachdem die Revisoren die ordnungsmäßige Prüfung der Bibliothek und der Kasse bestätigt hatten, wurde der Vorstand entlastet und nach einigen Worten dankbarer Anerkennung seitens mehrerer Redner wiedergewählt. Auf Antrag der Herren Benas Levy und Dr. Zlocisti wurde beschlossen, das zehnjährige Stiftungsfest in würdiger Weise zu begehen, um so innerhalb weiterer Kreise das Interesse für die jüdische Lesehalle lebhafter zu gestalten. Mit einem Appell an die Anwesenden, für das segensreiche Institut bei Freunden und Bekannten werbend sich einzusetzen, schloß hierauf der Vorsitzende die Versammlung. 8. Berlin, 5. Februar. Ueber antisemitische Bemerkungen auf Anschlägen in der Stadtbahn beschwerte sich der „Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" bei der Eisenbahnverwaltung. Die königliche Eisenbahndirektion erteilte daraus folgenden Bescheid: „Wir haben angeordnet, daß das Plakat mit der Inschrift „Hinaus mit den Juden! Schlagt sie tot!" aus dem Stadtbahnwagen III. Klasse 3816 entfernt wird. Die Dienststellen'sind angewiesen, ständig darauf zu achten, ob auf den Aushängen in den Abteilen der Stadtbahn und Vorortwagen etwa ungehörige oder unzüchtige Bemerkungen von unnützer Hand gemacht worden sind. Solche Aushänge sollen sofort beseitigt werden. o. Königsberg, 4, Februar. Auch hier hat ein Kommers , des Vereins Deutscher Studenten stattgesunden. Dort hat Professor D. Benrath eine Ansprache gehalten, die wir zum Teil dem Wortlaute nach wiedergeben, da sie von hohem Interesse ist gegenüber den Tiraden, die auf dem Berliner Kommers desselben Vereins gegen die Juden gerichtet wurden. Professor Benrath sagte: „Meine Herren Kommilitonen! Seine Magnifizenz, der Rektor der Albertina, verhindert, selbst zu erscheinen, hat mich gebeten, in seinem Namen Ihnen seine Wünsche zu Ihrem Stiftungsfeste auszusprechen. Ich darf dazu den Dank für die freundliche Einladung seitens der hier anwesenden Mitglieder des akademischen Lehrstandes fügen. Von den nahezu 45 Jahren meiner amtlichen Wirksamkeit an unserer Albertina habe ich jetzt annähernd sieben Jahre lang als Mitglied des Senates fungiert — der Senat ist bekanntlich auch die Disziplinarbehörde für die Studierenden — und soweit ich zurückdenke, ist in den Jahren nie etwas Gravierendes betreffs Ihres Vereins dort vorgekommen. Auch kann ich bezüglich.einer besonderen Frage, die anderswo im Verein Deutscher Studenten leider viel Lärm erregt hat und noch erregt, nämlich der des Antisemitismus, dem Königsberger Verein bezeugen, daß er sich in den Zeiten, seit ich ihn habe beobachten können, von Gehässigkeiten fern gehalten hat. Schon die gentlemanlike Art des Mannes, dessen telegraphischen Glückwunsch Sie vorhin an erster Stelle vernommen haben — des Geheimrats Zorn — der wie ein Protektor jahrelang über Ihren Verein gewaltet hat, würde solches nicht zugelassen haben. Und so geleiten wir Sie mit besten Wünschen in da^ dritte Jahrzehnt hinein. Wir schließen uns dem an, was jüngst bei dem glänzend verlaufenen Reichskontmers Ihres Vereins in Berlin der dortige Rektor gesagt hat: „Es ist nicht deutsche Art auf Lorbeeren auszuruhen — darum streben Sie weiter, den hohen Zielen zu, wie sie Ihnen gesteckt sind!" Lp. Ans -er Provinz Posen, 6. Februar. Justizrat Pinner in Kosten ist zum Stadtverordnetenvorsteher daselbst gewählt worden. — Die Begründerin des israelitischen Frauenvereins in Rogasen, Frau Henriette Löwe, ist daselbst im Alter von 93 Jahren gestorben. — Kaufmann David Meyer in Neuenburg, Mitglied der Handelskammer, beging neulich unter zahlreicher Ovation sein 25 jähriges Geschäftsjubiläum. — Die Vertretung der Synagogengemeinde in Gollantsch hat den Bau eines neuen Gotteshauses beschlossen. — Das Julius Feldmann'sche Ehepaar in Greisfenberg beging kürzlich das Fest der goldenen Hochzeit. Herr Feldmann ist seit 40 Jahren Vorsteher der Synagogengemeinde und der „Chewra Kadischa" daselbst. t. Königsberg i. N., im Februar. Als ein recht erfreuliches Zeichen dafür, daß die hiesige Stadtverwaltung die Verdienste ihrer Mitbürger, gleichviel welchen Glaubens, zu schätzen weiß, ist die Wahl des Herrn Sanitätsrats Dr. Peyser, eines in weiten Kreisen geschätzten Mannes, zum Ratsherrn anzusehen. Seit ca. 26 Jahren ist der'Herr nicht allein erster Vorsteher unserer Gemeinde, für deren Wohl und Erhaltung er unermüdlich tätig ist, seit derselben Zeit ist er auch Stadtverordneter und hat als solcher, . durch seine strenge Unparteilichkeit und sein segensreiches Wirken, sowie durch seine hervorragende Betätigung auf dem Gebiete sanitärer. Verbesserungen sich eine solche Liebe und Verehrung erworben, daß er nunmehr von der Stadtverordnetenversammlung einstimmig zum Ratsherrn gewählt wurde, ein Fall, welcher bei einem jüdischen Bürger seit langen Jahren nicht mehr vorgekommen ist. Die königliche Regierung zu Frankfurt a. O. hat' die Wahl bestätigt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.