Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 69 (1905)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1905)
- Date
- 1905-02-10
- Page
- Seite 71 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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71 Vor vielen Jahren war er einsam hierher gekommen und hatte sich unter die'Jünger des Lehrhauses gemischt. Da, er noch ganz jung war, wagte er es nicht, mit verwegenem Mut sich auf das stürmisch tvogende Meer des Talmuds hinaus zu begeben, um die Untiefen der Gelehrsamkeit zu durchsegeln, und begnügte sich mit dem fortwährenden „Sagen" der Psalmen. Sein bescheidenes, zurückhaltendes Wesen gefiel einem kleinen Kaufmann, der ihn zum Eidam nahm. Er versprach ihm freilich „ewigen Haushalt", doch das war nicht von langer Dauer, denn der Alte starb bald darauf, in dem befriedigenden Bewußtsein, seine Tochter an einen. Gelehrten verheiratet 311haben. Chajim stand nun auf einmal rnittellos da, und da ivurde er Kinderlehrer. Er unterrichtete in den Ansangsgründen des Lesens. Fortan besuchte er das Lehrhaus nur noch selten und lebte zurückgezogen in seinem kleinen Häuschen, das er vom Schwiegervater ererbt hatte, in der Mühlengasse unweit der Brücke. Man erzählte sich, daß das Licht die ganze Nacht in seinem Zimmerchen nicht erlosch, und man fügte hinzu, er lvidlne sich mit großem Eifer dem Studium der Thora. Viele wunderten sich, daß Chajim es vorgezogen habe, eine Schule für Anfänger aufzumachen, während er doch imstande wäre, Unterricht in den höheren Fächern zu erteilen. Doch nach dein Verlauf von zwei Jahren nmchte er in der Stadt bekannt, daß er für das nächste Semester Knaben zürn Unterricht in der Bibel suche. Zahlreiche Eltern meldeten ihre Kinder bei ihm an, doch Chajim bedang sich aus, daß er in der Gemara noch vorläufig nicht 31t unterrichten habe. Um diese Zeit schlug einer der Peruschim in dem kleinen Häuschen an der Mühlengasse unweit der Brücke seine ständige Wohnung aus, und einige Monate lang drang nachts aus ben Fenstern ein gedämpftes Licht. Man erzählte sich, daß Reb Chajim Melamed fleißig studiere, gemeinsam mit dem Porusch, der bei ihm wachte. Der Müller, ein alter, gebückter Jude, erzählte, daß er die ganze Nacht hindurch, bis zum Morgengrauen die singende Lernweise der beiden vernehme. Und die Bewohner der Stadt wunderten sich noch mehr, warum Chajim nicht Gemara lehren wolle. Reb Chajim aber ließ sich nicht beirren und setzte allem Drängen nur die schlichte Antwort entgegen: „Geduld, Geduld! Die Zeit kommt noch." Doch die Zeit kam nicht. Der Porusch gewann schließlich die Ueberzeugung, daß die Fassungskraft seines .Schülers unzulänglich sei. Und eines Nachts, als sie sich besonders angestrengt hatten, rief der Lehrer erschöpft und mißmutig. „Lieber Reb Chajim, alle unsere Mühe ist vergebens, Ihr könnt diese Gegenstände nimmer bewältigen." „Ich will keine Anstrengung scheuen, ich will alles tun, was ich kann, ja inehr als ich kann," bat Reb Chajim. „Das Studium bedarf der Muße, sagen unsere Weisen," erwiderte der Porusch mild, „Ihr aber seid den ganzen Tag von eurem schweren Beruf in Anspruch genommen. In der heiligen Schrift wißt Ihr ja zur Genüge Bescheid, trachtet. Euch während der Mußestunden, die Eure Tätigkeit Euch übrig läßt, darin zu vervollkommnen und laßt es Euch dabei bewenden, auf das andere müßt Ihr schon verzichten." „Ich dachte, noch wäre nicht alle Hoffnung verloren," seufzte Reb Chajim bitterlich. „Zu spät, Reb Chajim, zu spät. Jetzt, da Ihr eineu Mühlstein um den Hals tragt, will sagen, da Ihr Frau und Kinder zu ernähren habt, da ist es schon spät, solch ein schwieriges Studium anzufangen. Das Fassungsvermögen will nicht mehr gehorchen, Reb Chajim, der Sinn hat nicht mehr die nötige Klarheit und Geschmeidigkeit." „Ich hoffte," seufzte Chajim. in einem fort, „ich hoffte, daß Gott sich meiner erbarmen und mir in seiner Gnade das tiefere Verständnis seiner Thora schenken werde . . . Ich war bereit, alle meine Kräfte aufzubieten . . . doch ich sehe ein . . . ja, ja, das Fassungsvermögen versagt ..." Hier erzählte Chajim dem Porusch ein wenig von seinen Erlebnissen, bevor er nach Keiwa kam. Bis zum zwölften Lebensjahre war er Gehilfe seines Vaters, eines Fuhrmanns, mit dem er jede Woche die Reise von seiner Heimat nach der Gouvernementsstadt machte. Als der Vater plötzlich starb, gab ihn die Mutter zu einem Schuster in die Lehre. Hier ertrug er drei Jahre lang die schlechteste Behandlung, ohne auch nur das geringste vom Handwerk zu lernen. Sein Lehrmeister, ein harter und rücksichtsloser Mensch, hielt ihn strenge und verwendete ihn überdies zu allerhand häuslichen Verrichtungen, er mußte den ganzen Tag, von früh bis abends, Holz spalten, Wasser bringen, die Stube ausfegen und das Spühlichtwasser hinaustragen; von der edlen Schuhmacherkunst, in deren Geheimnisse eingeweiht zu werden er sich so sehr sehnte, bekam er nichts zu sehen. Einmal, mitten im Winter, schickte ihn sein Herr mit einem Krug nach Wasser. Es war eine furchtbar strenge Kälte, der Knabe war schlecht bekleidet und schlecht beschuht, der Krug fiel ihm aus der Hand und zerbrach in Stücke. Die Wut seines Lehrherrn kannte keine Grenzen. Nur mit knapper Not entrann der Knabe, zerschunden, zerschlagen und blutend am ganzen Körper seinen Händen. Er entfloh zur Mutter. Doch im Hause der armen Witwe herrschte grimmiger Hunger und Kälte und Mangel am Allernotwendigsten. Sie befahl ihm, zum Lehrherrn zurückzukehren und ohne Murren sein schweres Joch 31t tragen. Aber er fühlte sich außerstande, diesem Befehl sich zu fügen, seine Kraft, zu dulden, war erschöpft. Er rettete sich daher nach einem der nächstgelegenen kleinen Städtchen. Hier fand er Zuflucht in einem Lehrhanse, wo er bald als einer der Jünger angesehen wurde. Es fanden sich auch Gönner, die für ihn sorgten und alle seine Bedürfnisse versahen. Eine zeitlang fühlte er sich vollkommen glücklich. Aber bald stellten sich die Gewissensbisse ein, die ihm eine furchtbare Qual bereiteten. Er, der unwissende Schusterjunge, der nicht einmal seine Kunst verstand, spielte hier die Rolle eines fleißigen Lehrjüngers und ließ sichs Wohlsein. Es war wie eine verborgene Hand,, die ihm insgeheim unaufhörlich auf die Brust klopfte und seine stete Beunruhigung bildete. Er schämte sich, den Menschen ins Gesicht zu blicken, ging mit gesenktem Haupt einher, da es ihm war, als stünde ihm der Betrug auf der Stirn geschrieben als müßte es ein jeder in seinen Gesichtszügen lesen können, daß er unmittelbar von der Hand seines Züchtigers, des Schustermeisters, in das Lehrhaus entronnen war, und während er vor der ausgeschlagenen Gemara saß, seine Wohltäter und Brotgeber hinterging, da er in dem Buch nicht einmal zu lesen imstande war. Es litt ihn nicht lange in derselben Stadt, er wanderte daher von Ort zu Ort, bis ihm endlich seine Lage gründlich zuwider wurde. Jetzt reute es ihm, daß er der Mutter nicht gehorchte, und er war bereit, in seine Heimatstadt zurückzukehren, seinen Peiniger um Verzeihung anzuflehen, um nur wieder Aufnahme bei ihm zu finden. Doch gerade um diese Zeit machte er die Bekanntschaft eines armen und außerodentlich fleißigen Jüngers, vor dem er fein Herz ausschüttete. Jener erbot sich nun daraufhin, ihn unentgeltlich zu unterrichten. Ein ganzes Jahr lang widmete er ihm mehrere Stunden, täglich, und im