Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 29 (1865)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1865)
- Date
- 1865-02-14
- Page
- Seite 97 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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I Ulles devöd et und verwüstet hinter sich liefen, verketzern. — Was die geheimen Gedanken dieser Leute ausmacht, deutet der Vers. S. 37 an. Sie wollen Glaubenstribunale in ultram ontanfter Fornn Und da heucheln sie denn den „Gewissenszwang", unter dem sie „Tag für Tag, ja Stunde für Stunde leben müssen." Von der Schechita des Gemeindefchächters dürften sie nicht essen; der Schreiber der Tephillin und Mesusa, ja der Thoradollen ist ihnen verdächtig; der Beschneider ist muthmaßlich nicht religiös; die Trauungen und Scheidungen haben keine Giltigkeit; zum Minjan können sie nichtorthodoxe Juden nicht zählen, ebenso nicht zum gemeinschaftlichen Tischgebet!!! So schreibt der Herr Kutna und belegt es mit Stellen. Nun wisset ihr, Gemeinden Israels, was ihr zu thun habt. Wählt euch einen neuorthodoxen Naßi, der setze in jeder Gemeinde ein neuorthodcxes Tribunälchen ein, das nicht blos den Rabbinen, den Cantor, die Lehrer, den Schächter, den Mohel u. s. w., sondern auch alle einzelnen Gemeindemitglieder vor seinen Tisch lade, ihr Leben untersuche, die Glaubensartikel ihnen abfragt, in ihre Familien dringe und erkläre, ob sie zum Minjan und Mesumen-Benschen gezählt werden dürfen! Man sieht, diese Leute sind auch hier bloße Nachahmer und Nachtreter, nur daß sie ihre „Jüdischkeit" nicht so weit treiben, um nicht im Nachbuhlen auch auf andere, nichtjüdische Gebiete sich zu begeben. Dagegen meint Herr K., gäbe es doch für den gebildeten Juden gar keinen Gewissenszwang; er könne ja die alten Gebete mitbeten, die Trauungen, Scheidungen und Chalizaacte eines strenggläubigen Rabbinen haben für ihn nicht an Geltung verloren und die gottesdienstlichen Vorträge der frommen Rabbiner verletzen ihn nicht. Wir können das Gegentheil behaupten. Wir haben „Gottesdienstlichen ^Vorträgen frommer Rabbinen" beigewohnt, welche tief verletzten, weil sie die Religion in tiefster Erniedrigung zeigten und den Hörern mit den abgeschmacktesten Dingen belästigten und doch mußte man zuhören; wir haben Trauungen — von Get und Chaliza gar nicht zu reden — gesehen, die jeden Menschen von religiöser Empfindung verletzen mußten und doch war das Brautpaar gezwungen, sich diesen zu unterziehen. Wie viele müssen einem ungeordneten und unverstandenen Gottesdienste anwohnen, in welchem Roheit und Geschmacklosigkeit die Herrschaft führen, sie müssen es, wenn sie nicht allem Gottesdienste entsagen wollen. Vielleicht sind dies Dinge, die der Herr K. nicht nachzuempfinden vermag; wir wollen eS ihm daher Nachsehen. — Aber hervorheben wollen wir noch,, mit welker Unverschämtheit er seine Genossen den Männern der Entwickelung, den Bekennern des geschichtlichen und darum geschichtlich sich entwickelnden Judenthums gegenüberstellt, jenen die Fülle des religiösen Lebens und der religiösen Schätze, diesen Leere und Armuth zuschreibt. Wir, ruft er aus, wir haben die tausendjährigen Gesetze und Principien, haben die Offenbarung, die Propheten und Weisen, das schriftliche und mündlich tradirte Gesetz, die tausendjährigen Gebräuche und Sitten, die das religiöse Leben ordnenden Codices u. s. w. u. s. w.; ihr aber, was habt ihr, deren religiöse Meinungsrichtung als geschichtliche Existenz kaum in das 17. Jahrhundert zurückreicht? So Herr K., und es fiel uns dabei ein, was wohl der sel. R. Akiba Eger, Moses Sofer u. A. gesagt hätten, wenn man ihnen diese Phrasen vorgelesen hatte. Sie hätten den Herrn K. nicht minder sortgewiesen und seine schönklingenden Phrasen für trefenes Zeug erklärt. Doch gemach Herr K., Sie sind nicht der „ehrliche" Mann, für welchen Sie sich ausgeben. Denn erstens nehmen wir gar vieles von dem, was sie aufzählen, auch als unser Eigenthum in Anspruch; die Thora, die Propheten und die Weisen sind auch unser, nur daß wir sie besser verstehen und ihr Wort und ihren Geist besser begreifen als Sie und die Ihrigen; die tausendjährige Geschichte und Literatur gehört auch uns, nur daß wir von Geschichte und Literatur einen klaren Begriff haben, während sie Ihnen und den Ihrigen ein wüster, todter Trümmerhaufen sind; selbst das mündlich tradirte Gesetz ist unser, nur daß, weil es eben mündlich tradirt ist, wir ihm keine Unveränderlichkeit und Unbedingtheit zuschreiben. Nur von den alten Sitten und Gebräuchen überlassen wir Ihnen vieles, obschon wir sehen, daß auch Sie den allergrößten Theil derselben aufgegcben und ganz andere Sitten und Gebräuche angenommen haben, wie schon Ihr Buch selbst bezeugt. Doch sind Sie zweitens auch darin nicht „ehrlich", daß Sie lange nicht Alles aufzählen, was Sie haben. Denn sehen Sie, Sie haben auch eine große Masse Aber- und Köhlerglauben; Sie stellen sich Gott als ein Wesen vor mit flammendem Schwerte, das er über jeden zuckt, der nicht zu Ihnen sich gesellt, mit furchtbarer Zuchtruthe über jeden , der irgend einen der vielen tausend kleinen Vorschriften verletzt, welche in einem Winkel der „das Leben ordnenden Codices" stehen. Sie haben die Bornirtheit und die Geistesbeschränktheit, welche sich am todten Buchstaben festhalten; Sie haben Mißbräuche und 7*