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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1865-02-14 · Heft 7 (14.2.1865) · p. Seite 98

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
29 (1865)
Issue
Heft 7 (14.2.1865)
Date
1865-02-14
Page
Seite 98 (sequence 4)
Language
German
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i 88 sinnlose Gewohnheiten; Sie müssen Alles, was Vernunft? und Wissenschaft schaffen, für Ketzerei erklären und wenn Sie nicht nach Lust excommuniciren und verbrennen, so sind nicht Sie sondern nur die Zeit daran Schuld, die ' Ihnen so etwas nicht gestattet. Und fragen Sie endlich, was wir haben, so antworten wir Ihnen: wir haben die Thora, die Propheten, die h. Scribenten, die Weisen, das tradirte Gesetz, die viertausendjährige Geschichichte und Literatur, die große Entwickelung unseres Glaubens und Stammes als ein einheitliches, großes Ganzes, wir haben die wissenschaftliche und vernunftgemäße Bildung, den großen Gang der göttlichen Weltordnung und Vorsehung und die Culturentwickelung der ganzen Menschheit; wir haben die tiefe Ueberzeugung, die aus dem Boden des Mosaismus durch alle Jahrtausende heraufgewachsen und zur Harmonie der göttlichen Offenbarung mit der freien Bewegung des menschlichen Geistes beruft; wir haben ein geklärtes Judeuthum, das seine göttlichen. und geschichtlichen Wahrheiten von menschlichen Zuthaten und geschichtlichen Verlebtheiten zu unterscheiden weiß und seinen Bekenner nicht zu einem geistigen Paria oder Automaten verurtheilt; wir haben den veredelten Gottesdienst, die segensreiche Predigt, die verjüngte Schule, den eindringlichen Religionsunterricht, die neubelebte Gemeinde, die frisch aufblühenden Wohlthätigkeitsanstalten, die anstrebende Literatur, den neugeweckten Gemeinstnn, das wiederhergestellte Bewußtsein Judas und die zuversichtliche Hoffnung auf die Zukunft, weche ebenso wie die Vergangenheit unter der Obhut und Lenkung unseres Gottes steht. Alles dies haben wir, was Sie und die Ihrigen nicht haben. Wägt man dies „ehrlich" ab, so wird man Ihre Frage verwerfen und Ähr Machwerk der Vergessenheit übergeben, welcher es jetzt schon anheimgefallen wäre, wenn wir nicht noch einen Blick darauf zu werfen für nothwendig gehalten. Dies ist es, was wir über die jüngsten Bewegungen irn Iudenthume heute zu sagen hatten. Wer unsere Artikel noch einmal im Ganzen überliest, wird uns zugestehen , daß wir sie der Wahrheit gemäß gefchildert haben. Aber er wird auch eingeftehen, daß, wenn es auch auf den ersten Blick einen andern Anschein hat, hier doch von keiner Zerklüftung, ja nicht einmal von einer Zerfahrenheit wesentlich die Rede sein kann. Es ist Bewegung, Leben, Entwickelung — und da kann-nicht eine völlige Einheit und Uebereinstimmung gefordert werden. Aber die vielfache Nüancirung, die große Mannigfaltigkeit zeigt eben, daß sich dennoch ein einheitlicher Faden durch alle Erscheinungen zieht, daß ein einheitlicherStamm für Alle besteht und daß einzelne abgestorbene Reiser durch eine Menge frischer Triebe ersetzt werden. So werden wir auch aus dieser Betrachtung nur Kraft- Aufmunterung- und Zuversicht auf Gott/ unsere heilige Religion und den Stamm Israel ziehen! So weit waren wir gekommen, als wir folgenden Artikel von Frankfurt am Main erhielten, den wir darum hier hinzufügen, weil er schlagend erweist, wie richtig unsere Bemerkungen Über bic weite Entfernung der Neuorthodoxen von den Altorthodoxen sind, und wie wenig die letzteren gesonnen sind, die ersteren als „orthodox" anzuerkennen. Eine rabbinische EncMica aus dem 19. Jahrhundert. „Der Frosch schnappt wohl nach dem Kameel, aber er verschluckt es nicht." Ein vollkommenes Seltenstück zu der viel besprochenen päpstlichen Encyklica ist das anonym erschienene Schriftchen Lew Jwri, 1. Theil (76 Blatt), Ungwar, 1864. Dasselbe wird zwar keine religiöse Aufregung, aber sicherlich eine allgemeine Heiterkeit Hervorrufen. Der Verf. gibt sich als das' vollständigste negirende Princip aller Wissenschaft und Bildung zu erkennen und trägt eine solche geistige Versumpfung zur Schau, daß man mit vollem Recht sagen kann: seine talmudischen Kenntnisse gleichen einem goldenen Geschmeide an dem Rüffel eines Schweines. Die ehrwürdigsten Männer unserer Zeit, verstorbene wie lebende, Mendelssohn, Pleßner, Chajes, Sachs,. della Torre werden: von ihm besudelt und vorzüglich ist es die deutsche Neuorthodoxie, die deutsch-redenden und predigenden. frommen Rabbiner, gegen die seine Kapuzinade gerichtet ist. Wahrlich, wenn die Herabwürdigung so. vieler edler Männer und die frivolsten obscönsten Ausdrücke den Verf. nicht als einen in den finsteren Wäldern Ungarns sausenden Anachoreten kennzeichneten, so würde man diese Schrift für eine Satyre auf die Neuorthodoxie halten, deren System der Verf. recht ad absurdum führen wollte. Wer gibt euch das Recht, ruft er, derauf ihre Gesetzestreue so stolze aristokratische Orthodoxie , zu, ganze Kapitel aus unserm Codex zu streichen und zu bemessen, . worin man dem Zeitgeist nachgeben muß und wo nicht?.Wenn ihr euch her.Entscheidung des Schulchan-Aruchs bei einem zer-

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