Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 •die Tradition des alten. Gebetbüches beibehalten, dieses aber verdeutschen, erläutern, verkürzen und verbessern sollte. Die Entscheidung fiel — vor allem auch infolgedessen, dass der Rabbiner der Hauptgeineinde, Dr. Caesar Seligmann, energisch für die Aufrechterlialtung der Tradition eintrat, zugunsten der letzteren aus. Und darin liegt eben das hochbedeutsame dieser neuen Einrichtung, dass sie als folgerichtige Weiterbildung des alten Gottesdienstes gedacht ist, und nicht als eine, die bisherigen Grundlagen desselben negierende Neuerung." Uber die Wirkung des neuen Gottesdienstes (der zunächst in den ersten sechs Jahren von 1904 bis 1909 in einem grossen Saal •des Westends und nur an den Hohen Festtagen abgehalten wurde), äussert sich in dem erwähnten Aufsatz* Dr. Ernst Auerbach: „Der für jedermann verständliche, ästhetisch ansprechende Gottesdienst verlief in der würdigsten Weise und machte auf die Teilnehmer •einen tiefergreifenden, erhebenden Eindruck. Der Versuch ist nach jeder Richtung hin vorzüglich gelungen. Gar manche haben diesem Festgottesdienst beigewohnt und sind mit innerer Befriedigung ihm gefolgt, die seit vielen Jahren -kein Gotteshaus mehr besucht undsich von jeder religiösen Betätigungals Juden fern gehalten haben; sie dem Judentum zurückgewonnen oder sie an demselben festgehalten zu haben, ist das Verdienst dieser Einrichtung ....Die Frankfurter Gemeinde kann mit Stolz und Genugtuung auf diesen Versuch zurückblicken, denn er zeitigte einen wirklichen und durchschlagenden Erfolg. In seiner Einfachheit und Würde hat dieser stimmungsvolle Gottesdienst mehr für die Erlialtung des Judentums getan, als seit vielen Jahren in anderer "Weise versucht worden ist.....Möchte der glänzende Erfolg bewirken, dass dieses treffliche Beispiel auch anderwärts Nachahmung findet". Und es darf heute gesagt werden, daß die neue Westendsynagoge nicht nur eine Wiedergeburt des lange Jahrzehnte nahezu toten liberalen Judentums in Frankfurt bedeutete, sondern dass sie auch weithin in die Ferne gewirkt und den ersten Austoss zur Begründung der Weltvereinigung des liberalen Judentums gegeben hat. Um von dieser unserer neuen Synagoge, ihrem Gottesdienst und der Wirkung, die davon ausging, zu berichten, wurde ich von Mr. Claude G. Montefiore nach London berufen .und musste dort vor einem erlesenen Publikum der jüdischen Aristokratie Londons von dem erzählen, was wir in Frankfurt geschaffen hatten. Die Folge dieses geschichtlich bedeutsamen Meetings war die Gründung der grossen Londoner Jewish Religious Union, aus deren Schosse unter der tatkräftigen Führung 7von Miss Lily H. Montagir (neben Claude G. Montefiore) und Die Presseäbteilung der .Reichsvertretung der deutschen Juden teilt mit: Die .Reichsvertretung, als die verantwortliche Führung des Judentums in Deutschland, hat auf der Grundlage der neuen Reichsgesetze Massnahmen in die Wege geleitet, die für eine planvolle Gestaltung jüdischen Lehens von entscheidender Bedeutung sein werden. Die Reichsvertretung wird ihre Pläne nach Fühlungnahme mit den berufenen Stellen bekannt geben. des feurigen Rabbiners Israel I. Mattuck die World Union for progressive Judaism hervorgegangen ist. So steht die Frankfurter Westendsynagoge an der Wiege der Weltvereinigung für das liberale Judentum. Wer sich über die Entstehung unserer Westendsynagoge, insbesondere über die Grundsätze, nach denen das Gebetbuch bearbeitet ist, und über die Lage und Stimmung der Zeit vor fünfundzwanzig Jahren innerhalb des Judentums, die "so vielfach von der Lage und Stimmung unserer Zeit verschieden ist, näher unterrichten will, sei auf die „Denkschrift zu' dem im Auftrag der israelitischen Gemeinde in Frankfurt a. M. bearbeiteten neuen israelitischen Gebetbuch" hingewiesen, von dem'inzwischen eine zweite und dritte Auflage erschienen ist. — Die Westendsynagoge ist ein redendes Zeugnis von dem wiedererwachten Willen zu lebendigem Judentum nach einer Zeit tiefer Erschaffung und langen Stillstands innerhalb des liberalen deutschen Judentums. Sie ist eine wegweisende Neugestaltung des alten jüdischen Kultus in enger Anlehnung an die traditionelle Form, eine Neugeburt, die nicht erst der äusserlich verwandelten Zeit ihr Entstehen verdankt, sondern in einer Stunde ins Leben trat, in welcher kein tragisches Schicksal religiöse Sehnsucht und jüdische Gefühle neu. entfachte. Die ursprüngliche Liturgie hat im Wandel eines Vfbrteljahrhunderts eine Veränderung nach der positiv-historischen Seite erfahren, was vor allem durch Vermehrung des Hebräischen seinen Ausdruck fand. In einer Zeit entstanden, da das deutsche Judentum und die Frankfurter Gemeinde in hoher äusserer Blüte stand, was in der baulichen Schönheit der Synagoge sichtbaren Ausdruck fand, ist die Westendsynagoge heute den Zahllosen, die an jedem Freitagabend ihre Räume fast bis zum let2ten Platze füllen, ein Ort innerer Erhebung geworden, eine Zuflucht in der Schwer«.- unserer Tage. Das Schriftwort Mosches Kampf mit dem Tod von Max Dienemann Mit dem Simchat-Tora-Tage, dem Tage der Fretide an der .'.Tora, schliesst die Feiertagsreihe ab. Ein Freudentag! Und doch ist in seine Freude die Wehmut gemischt, denn der Beschluß des letzten Toraabschnitts ist der Bericht vom Tode Mosches, unseres Lehrers. In den Pijutim, die den Gottesdienst dieses Tages schmückend erweitern, klingt noch der Ton der Trauer an; als sie dem Gehet noch Farbe gaben, war die an sich schon „edle" Freude dieses Tages noch vergeistigt und geadelt durch die 'Trauer um Mosches Tod. Warum mußte er sterben, ehe Israel 1 ins Land einzog? Die heilige Schrift hat mit dem Hinweis auf Mosches Sünde beim Haderwasser geantwortet. Wie war es überhaupt möglich, daß der Tod Gewalt über ihn hatte, den unvergleichlichen Vater des Volkes? Die Schrift erzählt nüchtern von seinem Tode, von Gottes Ankündigung, seiner Tage Ende sei gekommen. Nichts ist erzählt von dem, was in der Seele Mosches vorging. Wie nahm er den Beschluß Gottes auf? Hier setzt die dichtende Aggada ein. Von seinem Nicht-sterben-wollen und Sterben-müssen berichtet sie in einem großangelegten Stück, das — heute in ein- MmmmmmmmmmMmmBmmmmmmmmm Für den Herbst und.Winter neue Seidenl und Wollstoffe, Samt, Metall- und Fantasiegewebe. in allen Mode- und Abendfarben, in jeder Preislage! SCHWARZS Ro0marktl3 Gegvt767