Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 14 (1935-1936)
- Issue
- 1 (10.1935)
- Date
- 1935-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 In meiner. Weiherede, die sich das Wort der Heiligen Schrift: „Hier ist mein Gott, und ich will ihn verherrlichen, der Gott meiner Väter, und ich will ihn erheben", zum Text gewählt hatte, führte ich aus, daß der Idealismus auch in unserer als materialistisch verschrieenen Zeit nicht aus unserem Kreis geschwunden sei. Zeuge dessen sei dieses wunderbare Gotteshaus, das dem ewigen religiösen Urtrieb und dem unzerstörbaren jüdischen Gemeinschaftswillen sein Entstehen verdanke. Jedes Geschlecht und jede Gegenwart aber habe das Recht und die Verpflichtung, die Formen der Gottesverehrung, bei aller pietätvollen Bewahrung des überkommenen heiligen Erbguts, so zu verjüngen, daß sie wieder zum Herzen der Jugend und der Entfremdeten reden, um so den Gott unserer Väter zu unserem eigenen Gott zu machen. Aber der ewige Gott unserer Väter ist es, zu dem auch wir hier in der heiligen Sprache unserer Väter und den altehrwürdigen Formen ihrer Gottesverehrung beten. So haben wir, bei aller Verjüngung, Verdeutlichung und Verschönerung des Gottesdienstes, -die geschichtliche Kontinuität und Eigenart Tjewahrt An die Weiherede schloss sich das Entzünden des ewigen Lichtes. Mit Gebeten der Rabbiner Dr. Lazarus und Dr. S a 1 z- 1} e r g e r schloß die tief ergreifende Feier. Überwältigend war die Zahl und Kostbarkeit der Weih egeschenke an Thorarollen und Thoraschmuck, Vorhängen für die Heilige Lade, Schulchan-Decken, Teppichen, Leuchtern, Kiddusch- und Hawdala-Geräten, die von frommen Stiftern der . _ Synagoge dargebracht wurden. Der erste Gottesdienst fand eine Woche später an Kosehhaschono statt. „In einer gedankenreichen Ansprache führte Rabbiner Dr. Salzberger am Vorabend aus", so heisst es in dem erwähnten Bericht des Dr. Benario weiter, „wie jeder sich freuen werde, in dieses Gotteshaus zu kommen, weil er durch die Einführung des neuen Gebetbuchs mit seinen stimmungsvollen, tiefergreifenden Gebeten, nicht mehr nur mit den Lippen beten kann, sondern auch mit dem Herzen. Wie wir aber beten sollen, hat Rabbiner Dr. Seligmann am gleichen Tage auseinandergesetzt. Uns im Gebet den Spiegel des eigenen Ichs vorzustellen und uns so sittlich zu läutern und zu vertiefen, darin liegt der Zweck und die Kraft des Gebets." „Und^ nichts ist geeigneter, unsere Gedanken in Gefühle zu zerschmelzen, als eine Kultusform, die unserm ästhetischen Empfinden angepasst ist, und innerhalb solcher wieder die Musik. So wurde denn auch in verständiger Weise der Musik ein breiter" Raum innerhalb des Gottesdienstes eingeräumt." V Eine Neueinrichtung, dieerst in schwerem Kampf gegen den konservativen Teil der Gemeinde durchgesetzt werden mußte, war, daß die Frauen nicht mehr auf der Empore (oder gar hinter Gittern) dem Gottesdienst beiwohnen durften, sondern im Hauptraum auf gleichem Boden mit den Männern ihre Plätze erhielten. Eine Einrichtung, die sich ausgezeichnet bewährt und \ auch anderwärts Nachahmung gefunden hat. Heute sind Frauen i und Mädchen, die so> lange die Aschenbrödel der Synagoge waren, j mit der zahlreichste und andachtvollste Teil der Besucher unserer Westendsynagoge geworden. * Der Einweihungsfeier wohnten Hermann Cohen und Paul Ehrlich bei. Von ihrer Anwesenheit schreibt Dr. Benario: „Und so war es für mich mehr als ein Symbol, daß die Einweihungsfeier zwei der grössten Juden zufällig auf benachbarte Plätze geführt hat,' den großen Religionsphilosophen und den großen Naturforscher". Dieses Zusammentreffen bedeutete für den feinhörigen Beobachter, daß nur dasjenige Judentum eine Gegenwart und Zukunft haben könne, das mit der Geisteswissenschaft einen Bund geschlossen habe und sich nicht gegen die gesicherten Ergebnisse der Naturwissenschaft auflehne. «r Die Errichtung der Westendsynagoge und ihr neuer. Kultus ist auf die Anregung eines Komitees zurückzuführen, das, bekannt unter dem Namen Anti-Tauf-Komitee, eine Eingabe an den Vorstand der Israelitischen Gemeinde gerichtet hatte, in der es heisst: „Eine Anzahl von Mitgliedern der hiesigen Gemeinde haben sich zu dem Zwecke vereinigt, um gegenüber dem in letzter Zeit überhandnehmenden Abfall vom Judentum in Beratung darüber einzutreten, in welcher Weise diesem Missfand wirksam entgegengetreten werden könne. Neben anderen Mitteln und Massnahmen ist man in dem Kreise dieser Interessenten auch darüber einig gewesen, daß durch Einführung eines modernen, den Lebensanschauungen unserer heutigen gebildeten Kreise entsprechenden Gottesdienstes, vor allem an den Hohen Festtagen, nicht nur die Erwachsenen am Judentum festgehalten werden, sondern daß dadurch insbesondere eine nachhaltige Wirkung auf die Kinder a\:sgeiibt' werden kann, welche unter den heutigen Verhältnissen einem in hebräischer Sprache abgehaltenen Gottesdienste überhaupt nicht mehr zu folgen in der Lage sind". Als unerlässliche Bedingungen dieses modernen Gottesdienstes wurde in dieser Eingabe gefordert: „a) der Gottesdienst müsste (soweit als möglich und jedenfalls zum weitaus größten Teile) in deutscher Sprache abgehalten werden, b) der Funktion des Rabbiners müsste ein breiterer Spielraum gewährt werden, c) der gesangliche Teil des Gottesdienstes wäre einer besonderen Pflege zu unterziehen, d) der Gottesdienst müsste eine ganz erhebliche Verkürzung erfahren, e) am Versöhnungstage müsste eine mehrstündige Pause eintreten". Auch sollte nur am ersten Neujahrstag Gottesdienst stattfinden. Ich wurde zum Referenten über die Vorschläge des Komitees - bestellt und erstattete ein ausführliches schriftliches Referat, in welchem ich mich entschieden g e g e n die radikalen Forderungen der Abschaffung des zweiten Festtags, der Pause am Jomkippur, der allzu starken Verdrängung des Hebräischen aussprach und meine weitere'Mitarbeit, insbesondere die Schaffung des neuen Gebetbuchs, das von mir erwartet wurde, von der Annähme meiner Thesen abhängig machte. Uber, die Kämpfe, die sich um die Prinzipienfrage innerhalb der von der Gemeinde eingesetzten .Kommission abspielten, berichtet der damalige Korreferent, Rechtsanwalt Dr. Ernst A u e rb a ch, der am nachdrücklichsten die radikalen Wünsche vertrat, in der Allgemeinen Zeitung des Judentums (Jahrgang 1904 S. 538): „ Bei der Einrichtung dieses Gottesdienstes galt es nun zunächst, die Grundfrage zu beantworten, ob man etwa nach dem Vorbild der alten Andachtsstunde des Philanthropins in Frankfurt oder der Reformgemeinde zu Berlin, die Bahnen der hergebrachten Gottesdienstordnung verlassen und Neues, Besonderes schaffen, oder ob man vielmehr DEUTSCHE EFFECTEN.UND WECHSEL,BANK Konstabier Wacheß All*rh»lllgenstram Osthafen Hanaueriandstresse 125 Bockenheim l*1pzigersfrasse SO vormals L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt.-Ges. seit 1872 F RA N Kl U R T AM NA IN Kaiserstrasse 30 Individuel le Beratung Auch in den Städten: Höchst a. M. DalbargsfMSM 3 Ottenbach a. M.; Frankfurientrasse 54