Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1932-12-29 · Heft 260 (29.12.1932) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 260 (29.12.1932)
Date
1932-12-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3053752-3053963-3054014--3295-3058799
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite d DIE STIMME IM. ZvM z't. Lkzember 1932 VON NEUEN BÜCHERN Der «Divan» von Von Simon Ernst, Tel-Awiw Dr. S. B e r n s t e i n, der die hebräische literaturhistorische Forschung mit der neuesten Herausgabe des «Divans» von Emanuel Francis bereicherte, überrascht nun die interessierten Kreise mit der ersten vollständigen Wiedergabe des «Divans* von Jehuda Arie aus Modena, von dem nur eine einzige Handschrift in der berühmten Bodleianer Bibliothek zu Oxford bestand. Jehuda Arie aus Modena war eine schöpferische Persönlichkeit, deren Einfluß auf das geistige Leben des Zeitalters in den jüdischen Kreisen bedeutend und nachhaltig war. Für seine Zeitgenossen war Jehuda Arie vor allem der gelehrte Interpret der talmudischen Agadah («Haboneh» — zu «Ein Jaacob»), Es war aber auch ein revolutionärer, ewig gärender Geist. Hat er doch den schärfsten Kampf gegen die Auswüchse des religiösen Fanatismus und die kabbalistischen Schwärmereien geführt: «Brüllender Löwe» hieß — im sprachlichen Gewände der Zeit — seine polemische Schrift gegen die Traditionobesessenen. Ein begreiflicher Entrüstungssturm, den diese Schrift entfesselte, drohte, den verwegenen Dichter und Kämpfer in Bann zu legen — um so näher wird dadurch Jehuda Arie unserem heutigen Empfinden. Es war eine schiHemd vielseitige Persönlichkeit. Rabbiner, Prediger, Sprachforscher, Buehkorrektor, gesellschaftlich tätiger Mensch, Reisender, Dichter, Bibelexeget — es gibt kaum noch ein Gebiet der Forschung und Literatur, an dem sich der Unermüdliche nicht beteiligt, das er nicht befruchtet hätte. Was uns hier interessiert, ist sein dichterisches Schaffen, das im jetzt erschienenen «Divan» gesammelt wurde. Daß diese lyrische Schöpfung bisher sich nur in die Gebettbücher hinübergerettet hat, liegt an den Zeitverhältnissen. Die Epoche war zu bitter ernst, zu schwer lasteten die Verfolgungen und verdüsterten den Seelenzustand der jüdischen Massen, als daß rein poetische Ergüsse, noch so talentvoll, Anspruch auf besondere Aufmerksamkeit der Gebildeten erheben durften. Erst unserer Zeit blieb es Vorbehalten, die Wertung des dichterischen Schaffens von Modena vom rein künstlerischen Standpunkte vorzunehmen. Es soll damit nicht gesagt werden, daß er auch für unser Empfinden ein absolut hohes Niveau des gedanklichen Inhalts aufzuweisen vermag. Die Wertung muß sich im Rahmen des Historischen Mafien. Wir sehen vor uns «Lieder der Weisheit», Lobhymnen, Freundschaftslieder, Klagelieder, Epistel in Versen u dgl. Nun, mögen die Themen dieser Poesien wenig ansprechend sein, mag auch die Form, namentlich der Gebrauch der talmudischen Ausdrücke und die Vorliebe für tändelnde Wortspiele dem verfeinerten hebräischen Sprachempfinden der Heutigen anstößig erscheinen, so ist die historische Bedeutung des vorliegenden Dichterwerkes hoch anzuschlagen. Viele Poesien Modenas werfen ein grelles Licht auf das Leben der italienischen Juden jener Zeit. Als Beispiel mag hier das 13. Lied zitiert werden: «Hymne auf den Sabbat» «Ate wir von Frevlerbanden überfallen wurden...», wo ein erschütterndes Bild des gequälten Daseins im Ghetto mit •einem ewigen Bangen gegeben wird. Dabei bot bekanntlich in Italien die päpstliche höchste Autorität immerhin noch einen Schutz den Juden vor schlimmsten Ausschreitungen, die sie in anderen, besonders deutschen, Ländern heimsuchten. Aber auch innere Zwistigkeiten in der jüdischen Gemeinde spiegeln sich in den witzigen Versen des unerbittlich scharfen Richters von Dichtergnaden. Die Folge war ja auch, daß einige der harmlosesten Ausfälle dieser *) The Divan of Modene, by Dr. S. Bernstein. i. thihmseu»! Canaan Trusteeshlp Co„ Jerusalem niD&'nttiBN man twa ö’awni 8 Informationen, Ideen, Vorschläge, Pläne, BP l«I«V Programme, Kostenvoranschläge, die Gründung, Abwicklung, Leitung und W109 wag« Ueberwachung von Unternehmungen oder Geschäften in Erez Israel. Vertreter für Oesterreich: Ludwig Outmenn, Wien, L, Fleischmarkt 22, IL, III, 56. Mü<i che Besprechung nach vorheriger schriftlicher oder telephonischer (R-25-7-79) Vereinbarung. Modena*) Art vom Rabblnertcotlegium des Landes verpönt und verboten wurden. Die Dichtungen Modenas lassen uns auch sein persönliches Schicksal erkennen. Ein beständiger Kampf mit dem Elend war ihm beschieden. Den Privatlehrer, den Launen reicher Brotgeber ausgeliefert, führte sein Lebensweg zum Beruf des Predigers einer kleinen Gemeinde, festbesoldeten Seelsorgers, der aber sich bitterlich beklagen mußte über die Vertragsverletzungen und er rächte sich in seiner dichterisch witzigen Art, indem er auf der Wand der Synagoge die frommen Besucher zum Nachdenken aufforderte, ob es recht und billig sei, daß der Vermittler zwischen ihnen und Es war ein glücklicher Gedanke des jüdischen Buch- und Kunstverlages, in Form von Sammelmonographien die Geschichte der alten Judengemeinden auf dem Gebiete der tschechoslowakischen Republik herauszugeben. Mit Ausnahme von Deutschland besitzen wir sehr wenige Monographien über alte Judengemeinden, die doch die eigentlichen Bausteine für eine synthetische Geschichte der Juden bilden. Im vorliegenden Band werden uns von einer Anzahl jüdischer Historiker auf gründlichem Quellenmaterial aufgebaute Beiträge zur Geschichte der altehrwürdigen Judengemeinde Bratislava (Preßburg) gegeben. Der StHtarchivar Dr. Ovidius Faust, David Groß, Dr. Eugen Forbat und der bekannte jüdisch-mährische Historiker Dr. Heinrich Flesch schildern uns ln ihren Beiträgen, wiederum auf erste Quellen gestützt, in überaus interessanter Weise in allgemeinen Zügen die Geschichte der Preßburger Juden 9eit den ältesten Zeiten. Nebst dem äußeren Verlauf der Geschichte der Juden, ihrem wirtschaftlichen Tun und Handeln wird uns auch ein tieferer Einblick in ihr geistiges Leben gewährt. Auf Grund dieser Studien erfahren wir, daß bereits in dem Freiheitsbrief, den der letzte König aus dem Hause Arpads, Andreas III., im fahre 1291 der Stadt Preßburg verlieh, auch den jüdischen Einwohnern das gleiche Recht wie den christlichen Bürgern eingeräumt worden ist. Aus jüdischen Quellen ist ersichtlich, daß hier um die Mitte des 13. Jahrhunderts eine ansehnliche jüdische Gemeinde bestanden hat. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts zählt die Gemeinde bereits 800 Personen und wird von einem Judenrichter, der ein Christ war, verwaltet. Bis zum Jahre 1360. in dem Ludwig I. die Juden aus Ifngarn vertrieb, entwickelte sich die jüdische Gemeinde überaus gut. Nach ihrer Vertreibung aus Preßburg ließen sie sich im benachbarten Hainburg nieder, von wo erst 1368 ach Preßburg zurück durften. Nach ihrer Vertreibung ließen sich die Juden am Schloßgrund, der hart an die Stadt grenzt, nieder. Die letzte Vertreibung der Juden aus Wien und Niederösterreich, 1670, nahm auf die Entwicklung der Preßburger Judengemeinde, wohin die Vertriebenen in großer Anzahl kamen, großen Einfluß. Wohl verlangte die Stadt unaufhörlich ihre Vertreibung, die jedoch vom Grafen Johann Palffy nicht erfüllt wird. Irn letzten Dezennium des 17. Jahrhunderts wurde endlich die G. n-Hnde gegründet, und aJs erster Rabbiner wird *) Herausgegeben von Hugo Gold, Jüdischer Buchverlag, Brünn-Prag, 1932. dem Allerobersten in seiner Inbrunst vom gewöhnlichsten Hunger gepeitscht werde? Ein sittlicher Idealmensch war allerdings Modena beiweitem nicht. Hat doch seine Rache an den stammesverwandten Zeitgenossen die Form einer Denunziation abergläubischer Gebräuche angenommen, die vor dem gierigen Hohn der christlichen Welt, im Buche über die jüdischen Riten, bloßgestellt wurden. Der Herausgeber Dr. S. Bernstein hat eine schwierige textkritische und philologische Aufgabe mit großer Genauigkeit und Liebe bewältigt. Alle irgendwie lückenhafte oder sinnverwirrende Stellen sind mit einem auf den Grund gehenden Glossenapparat versehen. Eine umfangreiche Einleitung entrollt vor dem Leser die wichtigsten Momente in» Leben und Schaffen des großen Sonderlings Arie Jehuda Modena. Noch einer, Haibausgestoßener von den jüdische» Zeitgenossen, kehrt in die Schatzkammer des nabonalei» Schaffens, geläutert durch den Zeitabstand, ein Ein warmef Dank gebührt Dr. S. Bernstein für die verdienstvolle Arbeit« Rabbi Jomtow Lippmann genannt. Mit dem im Jahre 1714 vom Grafen Nikolaus Palffy erteilten Schutzbrief wird das Rechtsverhältnis zwischen der Judengemeinde und der Familie Palffy geregelt, sowie die weitere Entwicklung der Ge* meinde ermöglicht. So wurde Preßburg im Laufe det 18. Jahrhunderts die einflußreichste und bedeutendste Judengemeinde Ungarns, an deren Spitze neben dem berühmten «Stadlanim» große Gelehrte als Rabbiner standen. Bis itl das Jahr 1848 hinein bildete die Preßburger Judengemeindt eine eigene Welt für sich mit einer selbständigen richterlichen Judikatur und vollständigen Verwaitungsautonomie. Mit der Berufung des großen Rabbiners und Talmudgelehrten Moses Sofer (Chatam Sofer) aus Mattersdorf zum Preßburger Rabbiner (1807) beginnt der eigentliche Auf» schwung des geistig rabbinisenen Lebens m Preßburgi Rabbi Moses Schreiber konzentrierte seine Tätigkeit nicht bloß auf die Bekämpfung der Reformbewtgung, die die Assimilationstendenzen in die jüdische Masse hineintrug, sondern auf die Schaffung eines Stabes von talmudisch geschulten Rabbinern und Gelehrten, die im Zeichen der Erhaltung des traditionellen Judentums der Retormbewegunft ein Bollwerk entgegenstellen sollten. Die von ihm begründet# Jeschiwah wurde nun die Erziehungsstätte, die Jahrzehnte? lang weit über die Grenzen Ungarns berühmt gewesen ist; Rabbi Moses Sofer folgten dann im Rabbinatsstuhl sein Sohn Samuel Schreiber (1839 bis 1872), Reb Simcha Bunin» Schreiber (1872 bis 1906), gegenwärtig Akiba Schreibet (seit 1906). Die Preßburger Jeschiwa bildete unter ihren Zöglingen eine große Schar von bekannten Rabbinern und Talmudgelehrten aus, die in unzähligen Judengemeinden Europas wirkten. Auf wirtschaftlichem Gebiete waren die Juden voiw wiegend als Kaufleute und Händler tätig, was selbstverständlich — hauptsächlich im Mittelalter und in der frühen Neuzeit — zu unaufhörlichen Konflikten mit dem Bürget tum, das in ihnen nur «Schädlinge der Käufer» sah, führte. Es ist daher klar, d$ß über Beeinflussung des Bürgertum# die Landtage des öfteren Verbote erließen, die die wirtschaftliche Betätigung der Juden beeinträchtigten. Im 18. Jahrhundert standen die Preßburger Juden besonders mit Mähren in reger Geschäftsverbindung. Seit 1711 begegnen wir vielen Preßburger Juden als Besuchern der Leipziger Messe,*) ein Moment, das leider vom Verfasser der Studie Über di# *) Dr. Max Freudenthal: Leipziger Messegäste. Leipzig; 1928, S. 197. Schmerzerfüllt geben wir die traurige Nachricht vom Hinscheiden unseres vielgeliebten, unvergeßlichen Gatten, Vaters bezw. Bruders, Schwiegersohnes und Schwagers Daniel Wischnitzer (Gablonz a. N.) welcher hier Freitag, den 23. Dezember abends im 47. Lebensjahr jäh und unerwartet verschieden ist. Wir haben den teuren Toten Montag, den 26. Dezember, auf dem Neuen Jüdischen Friedhof zur ewigen Ruhe getragen. iraan Wien, Ende Dezember 1932. Dr. Mark Wltchnllitr Regln« Dalaban Sara G# her Erna Llabinann als Geschwister Sophl# Wischnitzer als Gattin Hcrmtnn und Hellmuth als Kinder Friedrich und H«nrl«fft Wischnitzer als Schwiegereltern Dipl. in*. Leo Balaban. Rahcl Wlsc nitzer-Bernatem Dr. N. M. Geiosr. Dr. flermann U#bmann, Sldl und Dora wischnitzer als Schwäger und Schwägerinnen Die Juden und die Judengemeinden in Bratislava in Vergangenheit und Gegenwäri*)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.