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Die Stimme · 1932-12-29 · Heft 260 (29.12.1932) · page 5

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Journal
Die Stimme
Volume
5 (1932)
Issue
Heft 260 (29.12.1932)
Date
1932-12-29
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Nr. 260 — 29. Dezember 1932 DIE STIMME Seite 3 KUNST UND WISSEN Bella ae dev „Stimm«“ Kurdisfanische Juden Von Dr, Waller Vischel I Die Kurden sind unter den Völkern des Ostens sicherlich diejenigen, die am eigentümlichsten und am wenigsten bekennt sind. Die Nachrichten aus Kurdistan gelangen nur sehr spärlich nach Europa und nur jene, die nach dem Weltkrieg bekannt wurden, können als zuverlässig angesehen werden. Es ist nicht allgemein bekannt, daß Saladin ein gebürtiger Kurde war und daß seine Wiege in jenem rauben Gebirgsland gestanden ist, das wahrlich eine natürliche Festung darsteUt, über die eine Hülle ewigen Mysteriums seit Menschengedenken lagert. Kurdistan ist kein politisch einheitliches Gemeinwesen. Das Land ist jetzt zwischen drei Staaten, und zwar Persien, Türkei und Irak geteilt. Ueberdies gibt es noch eine ansehnliche kurdische «Diaspora» in Nordsyrien, Ruß'and, Afghani' «tan, Belutschistan usw. Mein« Reisen durch Mesopotamien und Persien führten mich hauptsächlich zu jenem Teil der Kurden, die unter der Verwaltung Iraks stehen. Dieser Teil enthält eine unglaubliche Vielfältigkeit von Sekten, Rassen und Nationalitäten, wie sie annähernd in keinem anderen Land gefunden werden kann. Es sind nicht zwei benachbarte Dörfer von Menschen der gleichen Rasse bewohnt, man spricht nicht die gleiche Sprache, noch gehören diese dort wohnenden Menschen der gleichen Religion an. Neben den Arabern leben dort unzählige kurdische Stämme, Christen aller Bekenntnisse, Nestorier, Assyrier, Jacobiter, Armenier, Chaldäer. Syrer, Katholiken und die bemerkenswerte Sekte der Yezidier oder Teufelsanbeter, Tscherkessen und Turkomennen — kurz: ein lebendiges ethnographisches und religiöses Museum; ein wahrhaftes Paradies für Philologen und Historiker. Unter den verstreuten UeherbleibseJn alter Nationen lebt dort auch eine nicht unbedeutende Gemeinschaft von Juden, Nachkommen der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft oder der (verloren gegangenen) zehn Stämme. n. Es ist bekannt, das einige Städte, wie Kirkuk, Erbii und Mossul, ganz ansehnliche jüdische Gemeinden beherbergen. Aber trotzdem kam die Tatsache, daß in den kurdischen Ortschaften Juden wohnen, durch einen bedauerlichen Zwischenfall zu meiner Kenntnis. Auf einem gefährlichen Gebirgspaß hatte ein Autounglück einen Todesfall verursacht. Als wir in die nächste Ortschaft, namens Schaklawa, kamen, fanden wir Frauen und Männer auf dem Marktplatz versammelt, die in dem Toten ihren Angehörigen betrauerten. Auf meine Frage, wurde mir der Bescheid, daß das Op er eine «Jeuhdi» gewesen und daß die versammelten Leute Juden aus dem Nachbardorf seien Ich habe nie eine pitorreskere Trauerversammlung gesehen und der Eindruck war ebenso traurig, wie seltsam. Juden in diese Gegend! Zu denken, daß diese starken und wildaussehenden Menschen, von denen einige bis «an die Zähne bewaffnet» waren, meine — Brüder sind. Es war schwer zu glauben! Sie, ihrerse'ts, hielten mich anfangs für einen «Anglizi» (Engländer), bis Ich einige hebräische Worte, wie «Schemah Israel», «Zion», «Jerruscholajim» sagte, was sie erst von der Wahrheit überzeugte! Dieses Ereignis förderte wertvolle Informationen über diesen Teil des jüdischen Volkes zutage Es gibt kaum eine Niederlassung in diesem Gebirgsland, in dem sich keine Juden befinden. Jede Ortschaft beherbergt fünf bis zehn Familien, «Ile isoliert und gänzlich fernstehend irgendeiner größeren jüdischen Gemeinschaft. Es gibt weder eine Statistik über die Anzahl der kurdischen Juden noch irgendeine eigene kommunale Organisation. Mündlichen, an Ort und Stele von der Mitte der Bevölkerung erha’tenen Auskünften zufolge, kann «Ke Zahl der Juden Kurdistans auf 15 000 bis 18.000 Seelen geschätzt werden, die über hunderte von größeren und kleineren Ortschaften zerstreut sind. Ich bemühte mich, darüber Auskunft zu erhalten, we’chen Ursprungs die Juden dieser Gegend sind und wieso sie sich in ihrer Eigenart erhalten konnten. Die erste Lösung dieses Rätsels ist bei den dort angetroffenen Juden selbst zu finden gewesen. Wenn auch die Zuverlässigkeit ihrer Angaben historischer Genauigkeit entbehren, so deuten sie doch die vorherrschenden Ansichten Uber den Ursprung der kurdischen Juden an und stellen ein wertvolles Material ihrer Volkseigentümlichkeiten dar. Vollkommen einmütig und unbestritten bezeichnen sich die kurdischen Juden als die Nachfolger der «zehn Stämme Israe's». Die Legende von den verloren gegangenen zehn Stämmen Israels ist m der jüdischen Ueberlieferung mit dem Wunderstrom «Sambation» verbunden, an dem diese zehn Stämme gelebt haben sollen. Von den Tagen des Josephus (erstes Jahrhundert) bis zum Fürsten Manasse ben Israel (siebzehntes Jahrhundert )war im Volke der Glaube an diesem Wunderstrom vorherrschend, obgleich dessen geographische Lage niemals festgestellt werden konnte. Auch jetzt gkurbt man noch, daß die Juden Kurdistans Reste der zehn Stämme sind Die in diesem- Gebiet befindlichen zwei Flüsse Sah oder Zab sollen Zeugen dafür sein und man vermeint deren Rauschen und Brausen noch heute zu hören, Diese Tatsache Sie werden dir erzählen, daß der Berg Gerisim jener Berg ist, auf dem Erzvater Abraham seinen Sohn opfern wollte. Sie werden dir erzählen, daß ihre alten Schriften von einem Sohne Arons geschrieben worden seien, daß sie das einzig echte Judentum vertreten und daß ihre Gemeinde die älteste in der ganzen Welt sei. ln jedem Jahre wird die Zahl der Touristen größer, die nach Nablus kommen, um sich das Pessachfest der samaTitanischen Juden anzusehen. Chaluzim wandern zu Pessach nach Sichern, besteigen den Berg Gerisim und beobachten die Samaritaner, wie sie ihr Osterlamm im Steinofen kochen, wie sie es teilen und verspeisen, wie sie darauf achten, daß kene Fleischfetzen an den Knochen bleiben und ja kein Knochen zerbrochen wird. So schreibt es Moses’ Gesetz vor. Die Gemeinde der Samaritaner ist sehr klein. Höchstens 100 Personen. Sie wohnen in Weinen Häuschen, wie ihre arabischen Nachbarn. Ein hochgewachsener Sohn des Hohepriestern läuft in der Hauptstraße Sichems jedem Auto nach und empfiehlt sich als Führer zur Besichtigung der Ueberreste der ältesten jüdischen Gemeinde der Welt. Er will uns die alten Thorarollen zeigen. Die ältesten von ihnen befinden sich aber in den Museen von London, Paris und Berlin. Aber er nimmt von einer Stellage ein Cfoumesch herunter, das nach seinen Angaben vor 500 Jahren geschrieben wurde. Die Samaritaner wurden im Jahre 1616 «entdeckt» und bilden seither ein Studienobjekt der Gelehrten. Der kleine Ueberrest, der heute noch vorhanden ist, dürfte sich seit dem Jahre 72 v. Clir. in Sichern befinden. Sichern war immer ein wichtiger Ort in Palästina. Im Jahre 722 wurde es von den Assyriern erobert und deren Führer Sargon soH 27.229 in die Kriegsgefangenschaft geführt haben. In Sichern wurde efn fremder Stamm angesiedelt. Er soH, wie erzählt wird, durch Löwen, welche in die Stadt drangen, viele Verluste gehabt haben. Die zurückgebliebenen Israeliten sollen aber von der Löwenplage verschont geblieben sein. Da hätten nun die neuen Einwohner sich jüdische Priester kommen lassen und seien zum Judentum übergetreten. Das erzählt die Sage. Sicher ist, daß die Samaritaner Mischlinge aus der Verbindung von Juden mit Nichtjuden sind und daß das Heiligtum am Berge Gerisim mit dem Tempel in Jerusalem rivalisierte. Im Jahre 430 heiratete Menasse, ein Sohn des Hohepriesters von Jerusalem, eine Samaritanerin und wurde deswegen von Nehemia vertrieben. Er übersiedelte nach Sichern, das jetzt Nablus heißt, und begründete den Tempel am Berge Gerisim. Im Jahre 322 gestattete Alexander die Errichtung eines großen Tempels am Berge Gerisim, der 200 Jahre später zerstört wurde. Er wurde von Herodes wieder aufgebaut und später abermals zerstört. Die Römer erbauten dann den Samaritanern einen neuen Tempel als Anerkennung für die Hilfe der Samaritaner in den Kämpfen gegen Bar Kochba. Der Ritus der Samaritaner ist derselbe geblieben, den ihnen Menasse aus Jerusalem brachte. Die Schriften der Propheten wurden ihrer Religion nicht einverleibt. Die Reform Esras blieb von ihnen unbeachtet. Ihr religiöses Recht wurde nicht kodifiziert. Sie anerkennen nur die Gesetze, die Moses den Juden gegeben hat. Von ihrer Geschichte im Mittelalter weiß man sehr wenig. Als man sie im Jahre 1616 «entdeckte», behauptete ihr Hohepriester, er sei ein direkter Nachkomme von Arons ältestem Sohn. Diese Linie ist ausgestorben und die späteren Hohepriester bezeichnen sich als Nachkommen des Usiel, des Sohnes des Kebatfh. Die älteste liturgische Schrift der Samaritaner stammt aus dem |ahre 1250. Interessant ist das Pessachfest der Samaritaner. Am Vorabend des Pessachfestes wird ein junges, fehlerloses Lamm geschlachtet. Es wird peinlichst darauf geachtet, daß ja kein Knochen des Lamms gebrochen wird. In jedem Jahre machen die ‘Samaritaner große Vorbereitung für das Pessachfest, das Fest des Lamms. Sie besteigen den Berg Gerisim. Das Lamm wird auf einem Steine geschlachtet. Die Alten umstehen den Opferstein, die anderen Samaritaner lagern auf den Felsbiöcken und beobachten die Riten zusammen mit den Touristen. Dann wird das Lamm gekocht und verzehrt und die Existenz selbst unterscheidet die Juden Kurdistand von den übrigen orientalischen Juden und zwar nicht nur physiologisch, sondern auch — genealogisch. Die sprachliche Besonderheit ste’lt die kurdischen Juden in eine Sonderklasse von jüdischem Typus gegenüber allen übrigen bekannten Typen, die wir im Lau e der langen jüdischen Geschichte kennen gelernt haben, was im Folgenden unter Beweis gestellt werden soll. (Aus dem Englischen von Bruno R a b i n o w i t z.) Die Zahl der Samaritaner nimmt ständig ab. Interessanterweise überwiegt bei ihnen das männliche Geschlecht. Da sie nur Jüdinnen heiraten, die Juden Palästinas aber jede Vermischung mit ihnen ablefrnen, sind sie zum Aussterben verurteilt. Die jahrhundertelange Inzucht verurteilt sie zur Degeneration. Es ist wahrscheinlich nur mehr eine Frage der Zeit, wie lange noch das Pessachfest am Berge Gerisim gefeiert werden wird. (fteißmomn-yetien&abendl — £i«*c gectttii^cfic ^ciKtt»om ^11JCCIICHI* UIIIUIIE Der m ucn <sjuaiöCi.en ivünstlerspielen» siaageiunuene uedenkabend für Jona K e i 15 m a n n nanm in Anwesenheit vieier repräsentativer personiicnKeiten aus dem jiidiscnen politischen und geseuscnaftlichen Leben Wiens einen überaus würdigen Verlaut. In seiner Gedenkrede hob Kultusvorsteher M. S i nge r die Bedeutung und das unvergeßliche Wirken Jona t<eißmanns für das jüdische Theater und die jüdische Kultur nervor. Die hohe echte Kunst des Verstorbenen könnt* nicht sinmätiiger geehrt werden als durch eine glanz- ‘ volle Aufführung eines Stückes des größten jüdisctien Humoristen. Scnalom Alejcnems «Tewje, der Milchige» in der Verkörperung durch Morris Lampe wurde das Erlebnis des Abends. Daß dieser Gedenkabend für einen Künstler, dessen Spiel stets zum Lachen und zum Weinen rührte, ein echter und ungemein genußreicher Schalom Alejchem- Abend wurde, dessen ßühnenvorgängen das Publikum mit einem nassen und einem heiteren Auge, wie es sich für einen Schalom Alejchem-Abend geziemt, folgte, ist ausschließlich das Verdienst des Hauptdarstellers Morris Lampe aus Warschau, der sich als ein wunderbarer Bühneninterpret Schalom Alejchems, als ein Darsteller von ganz großem Format erwies. Dieser urwüchsigen, erdgebundenen Gestalt des Tewje, eine der köstlichsten Figuren Schalom Ateijchems, diesem grenzenlos liebenden Vater, der gottergeben und naturgebunden fröhlich ist, diesem prächtigen Dorfjuden verleiht Lampe in seiner Darstellung den ganzen Reichtum der jüdischen Folklore. Lampe schöpft gleich Schalom Alejchem aus dem Vollen, aus den Schätzen und Tiefen der jüdischen Volkspsyche. Sein Tewje ist zart und kraftvoll zugleich, tragisch und humorvoll, gläubig und fröhlich, extatisch uni lyrisch, gleich groß und menschlich nah in den he'teren Augenblicken, da er als einfältiger Dorfjude für jeden einen guten Rat findet, wie in den tragischen erschütternd, da er als gebrochener Vater um seine verlorene Tochter trauert — ein Tewje, wie wir in Wien keinen zweiten gesehen. Und noch etwas soll zum Schluß nicht unerwähnt bleiben: Der Abend war durch das plötzliche Absagen einiger jüdischer Kunstkräfte, die in letzter Minute erfolgte, nahezu gefährdet. Nicht gerade ein schönes Zeichen jüdischer KUnstlersolidarität. Morris Lampe, der seit Wochen an einer schweren Venenentzündung leidet, mußte vom Krankenbett weg auf die Bühne im vollsten Sinne des Wortes gebracht werden. Um so heroischer ist daher das Spiel und die grandiose Leistung Lampes zu werten, die nicht einen Augenblick lang durch die quälenden körperlichen Schmerzen beeinträchtigt wurde. Morris Lampe, der hleher zu einem kurzen Gastspiel gekommen war und nun im Spital in schwerkrankem Zustande liegt, sei an dieser Stelle im Namen alt jener gedankt, die sich an seiner Kunst einen Abend lang restlos erfreuen konnten und die um seine Schmeft zen nicht io wußten wie Jakob R o s e n t h a Der Rest Sichern« Von Harltn AbaUon Im Alter von 70 Jahren verstarb kürzlich in Nablus Isaac Ben Amram, der Hohepriester der Samaritaner, «Cohen Hagadol» genannt. (Anm. d. Red.),

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