Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 18 (1901)
- Issue
- 29 (19.7.1901)
- Date
- 1901-07-19
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Skr. 29 Vr. & Wochenschrift. Seite 49f> geisterung für sein Volk und seinen Glauben zu wecken geeignet ivären, ooer iiberhaupl kein L e h r b u ch in Gebrauch zu nehmen und dasselbe durch selbststandlge Boriräge 11116 Dictate nach Möglichkeit zu ersetzen — ein Ausweg, dessen Nachtheile und Schwierigkeiten dem Zehrer genügend bekannt sind. In dem Brann'schen Lehrbuch ist endlich der lesbare und brauchbare Leitfaden geschaffen, der mit Aussicht aus einen guten Erfolg als Basis eines wirkungsvollen Geschichtsunterrichts dienen und der den Schülern mit der Ueberzeugung in die Hand gegeben werden kann, daß sie daraus Selbstachtung 11110 Begeisterung für ihr Volk und ihren Glauben schöpfen werden. Denn das neue Lehrbuch ist keine trockene Samnilung und mechanische Aneinanderreihung von Tyatsachen, ytamen und Jahreszahlen; es ist vielmehr ein mit wohlthuender Wärme und Innigkeit gezeichnetes Lebens- und Leidensbild des jüdischen Voltes. Die Lebendigkeit der Darstellung ist besonders dadurch wirkungsvoll gehoben, daß uns die geschichtliche Entwicklung nicht durch nüchterne Erzählung der einzelnen Gejchehnisfe, welche meist mehr oder minder kalt lassen, vermittelt wird, sondern baß Uns die lebenswahren Gestalten der Hauptträger jener Ereignisse plastisch vor Augen geführt und dadurch die um sie gruppirten Ereignisse ullserem Gefühl und Verftändnjtz näher gerückt werden. Wir glauben uns bei der Lectüre des Braun'schen Lehrbuches nicht in ein finsteres Archiv versetzt, wo uns aus staubigen Acten und vergilbten Urkunden alte, unverständliche Geschichten erzählt werden, sondern wir vermeinen meiner Aynengalerie zu sein, wo die scharfumrissenen Bilder unserer Väter plötzlich aus ihrem Rahmen treten und in beweglichen Worten, bald mit Thränen der Wehmuth, bald mir mühsam verhaltenem Zorn von ihrem Leben und Leiden erzählen, welches zugleich bas Leven und Leiden ihrer ganzen Zeit gewesen ist. Und wir yaben dabei die Empfindung: das l st Blut von u n j e r e m Blute und Fleisch von unserem Fleische! Und damit ist der Hauptzweck des jüdischen Geschichtsunterrichtes erreicht: zunächst Interesse, dann Sympathie und schließlich Begeisterung für die Vergangenheit und damit auch für die Zukunft des Judenthums in der studirenden Jugend zu wecken. Die zahlreichen und meist gut gewählten Leseproden aus allen Zweigen der jüdischen Literatur fördern diesen Zweck bedeutend. Es müßte merkwürdig zugehen, wenn dieser Erfolg an der Hand des Brann'schen Buches bei richtiger Führung seitens des Lehrers nicht erreicht wurde, Nach dem Gesagten ist taum erst noch yervorzuheben, daß aller unnöthige Gedächtnißkram in dankenSwerther Weise vermieden wurde; von den angeführten Namen und Jahreszahlen wäre kaum erne zu entbehren. Dagegen will rmr scheinen, vaß die Kurze und Knappheit der D a r st e l l u n g inr Allgemeinen an vielen Stellen zum Nachtyeil des Verständnisses und der Kla rheit übertrieben wurde. Die Stoffwahl soll gewiß knapp bemessen sein, aber die D a r st e l l u n g dieses thunlichst reducliten Stoffes könnte stellenweise breiter und ausführlicher fein, um dem Schüler das Verstänoniß zu erleichtern und seinem Gedächtniß zu Hilfe zu kommen; je zahlreicher die Fäden find, welche um einen Kerngedanken geschlungen werden, umso fester heftet sich derselbe bekanntlich ans Gedächtniß. Keinesfalls aber darf die Kürze der Darstellung fo weil getrieben werden, daß der Schüler einen Satz mehrmals lesen und über denselben grüvem muß, um seinen Inhalt zu ergründen und seinen Zusammenyang Mit dem Vorhergehenden oder Folgenden festzuftellen; ein Lehrbuch für Geschichte muß fließend zu lesen und zu verfteheii sein. Die Rücksicht auf den größeren Umfang und die damit vielleicht verbundene Berlheuerung des Druckes kann so gewichtige sachliche Bedenken nicht besiegen. An einzelnen Stellen mag die Unklarheit aus einer mechanischen Herüberuahme niancher Stellen aus dem zweibändigen Geschichtswerke oesfelben Verfassers zu erklären sein. (.Das neue Lehrbuch wird im Vorwort ausdrücklich als Umarbeitung der zweibändigen Geschichte bezeichnet.) Aus demselben Umstande erklären sich wohl auch einige inallaeguate Eapltelüberschriften und manche stylistische Unebenheiten, welche bei der nächsten Auslage gewiß von selbst verschwinden werden. Als ein besonders rühmenswerther und nicht zu unterschätzender Vorzug des Buches verdient noch die selbstbewußte und freimüthlge Art Erwähnung, mit welcher die Stellung und die Beziehungen des JudenthumS zu seinen Tochrerreligionen, insbesondere zum Ehristenthum behandelt werden. Ohne im Geringsten die Gefühle Andersgläubiger zu verletzen, wahrt die Darstellung doch in allen Stücken den Standpunkt und die moralischen Interessen des Judenthums. Die vorliegenden beiden Theile des Lehrbuches, welche sich in durchaus würdiger Ausstattung repräsentiren, behandeln nach einer kurzgefaßten llebersicht über die Geschichte vom Auszug aus Egypten bis zum babylonischen Exil die Epochen von der Zerstörung des ersten bis zur Zerstörung des zweiten Tempels (Theil I.) und von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zum Ende des Gaonats (II. Theil). Unser. Urtheil über diese beiden Theile läßt sich am besten zusammenfassen in dem Wunsche: Mögen die beiden letzten Theile nicht zu lange auf sich warten lassen; sie werden mit Freuden begrüßt werden. Das Talmudstudium in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in den Jeschibot zu Nikolsburg» Posen und Preßbnrg, von Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r, Wien 1901, Verlag von Dr. Arnold A j ch e r. Diese neuerliche Schrift des bekannten überaus fleißigen Gelehrten ist ebenso interessant als wichtig für die Geschichte des Judenthums im neunzehnten Jahrhundert; sie breitet uns ein ehrwürdiges Stück Geschichte unserer unmittelbaren und doch von uns schon längst vergessenen Vorfahren aus, läßt vor unseren Augen mit einfachen und doch so bestechenden Farben ihr erhebendes Leben und Wirken, ihr Sinnen und Dichten vorüberrollen, das uns in seinen Licht- und Schattenseiten gleich tief ergreift. Alles ist hier mit ursprünglicher Frische als Selbsterlebtes und unmittelbar überliefert Empfangenes, und deshalb so anmuthend wirkend dargestellt. Was wir hier erfahren, das finden wir in keinem Buche verzeichnet, es ist Alles selbst Geschautes, oder von Mund zu Mund lleberliefertes, und wir wissen dem Verfasser großen Dank, daß er das, was er selbst erlebt und von seinem so hochgelehrten und würdigen Vater, der selbst mitten in dem Leben, das er schildert, steht und von seinem Lehrer gehört, mitgetheilt; denn, wie gesagt, was er erzählt, es ist Geschichte, Geschichte im eminentesten Sinne, ebenso köstlich als kostbar, und verdient im hohen Maße der Nachwelt überliefert zu werden. Gewiß, wer die Geschichte des Judenthums des letzten Jahrhunderts schreiben wird, wird in unserer Schrift ein Material verbreitet finden, das sicherlich der Vergessenheit anheimgefallen wäre, wenn nicht unser rastloser Verfasser es uns erhalten hatte. Um die drei Beherrscher der jüdischen Wissenschaft in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, Rabbi Marcus Benedikt in Nikolsburg, Rabbi Akiba Eger in Posen und Rabbi Moses S 0 f e r in Preßburg, gruppirt der Verfasser das ganze Mische Leben jener Zeit, nichts bekrittelnd, nichts belächelnd, sondern Alles begreifend und selbst die Schattenseiten mit dem Lichte kindlicher Pietät verklärend. Die Schatten der Reaction, welche Rabbi Moses Sofer in Preßburg über die ungarische Judenschaft ausgebreitet, sie werden von dem Lichte, welches seine große Förderung des ThorastudiumS verbreitete, gemildert und in den Hintergrund gerückt. Wir haben hier M e n s ch e n, bedeutende Menschen vor nns, Menschen von großen Tugenden und Fehlern, Menschen, an denen Alles menschlich ist, und das versöhnt uns mit ihren Jrrthümern. Als Motto möchte man vor jedes Capitel, das einer dieser Beherrscher im Reiche des jüdischen Geistes schildert, die Worte hinsetzen: Homo aum, nihil humaui a me alienum puto. Sehr anregend und naturgetreu-zeichnet der Verfasser das rege Leben und Wirken der Jeschibot und die hervorragenden Männer und Gelehrten, die sie gezeitigt; nicht um Rabbiner zu erzeugen, waren sie da, nein, um die Wissenschaft des Judenthums zu verbreiten. Wie wehmüthig klingen die Worte des abgeklärten und so überaus sanftmüthigen und so liebevoll urtheilenden Verfassers: „Es kann jedoch nicht geleugnet werden, daß aus den alten Jeschibot, die noch in den ersten Decennien des neunzehnten Jahrhunderts in Ungarn, Mähren, Böhmen rc. in schönster Blüthe standen, Männer hervorgegangen sind, die am Horizonte der jüdischen Literatur als Sterne erster Größe hell leuchteten und von den Jüngeren der modernen Rabbinerseminare, bis nun noch nicht überragt worden find." (Seite 30.) „Noch nicht überragt worden find!" Wie wild klingt das, und welch' ein schwerer Vorwurf liegt darin! Unter vielen! höchst Interessanten erfahren wir auch, daß das Leben unter der Herrschaft des Talmud nicht blos „ein Leben unter dem Gesetz' war, sondern daß man auch bestrebt war, das Handwerk unter der jüdischen Jugend zu verbreiten. So hatte der Eultusvorstanv in Preßburg schon im Jahre 1820 eine „Anstalt zur Beförderung israelitischer Handwerker" ins Leben gerufen. Man lese nur die näheren Bestimmungen und Statuten dieser Institutionen in unserer Schrift nach und man wird seine. Freude an der herrlichen Ausführung anregender Gedanken haben, welche auch von dem hochorthodoxen Rabbi Moses Sofer unterschrieben sind Kurz, die Schrift ist nicht nur eine sehr intereffante Lectüre, sie hat bleibenden historischen Werth, einer Empfehlung bedarf sie nicht. Pascheles' illustrirter israelitischer Volkskalender für das Jahr 5662 (1901—1902) ist soeben in Samuel W. Pascheles' Verlag, Prag, Zeltnergafse erschienen. Der 48. Jahrgang dieses nützlichen und vielfachen Interessen des religiösen und wirthschaftlichen Lebens der israelitischen Gemeinden dienenden Volksbuches dürfte den besten Anwerth finden. Es ist in denselben Traditionen und in demselben Geiste gehalten» wie die stattliche Zahl seiner Vorläufer. Jllustrirt ist der Kalender mit den Porträts des jüngst verstorbenen Wilhelm Karl Freiherrn v. Rothschild und des Schöpfers der Oper „Carmen", des jüdischen Componisten Bizet. Dr. Schornstein.