Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1901-07-19 · 29 (19.7.1901) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
18 (1901)
Issue
29 (19.7.1901)
Date
1901-07-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021385-3021415--11021-3035534
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 494 Br. Blvch's Woäzrnfchriftr Nr. ss gleitung in Neufeld war. fand er die kleine Flora gut aufgehoben bei der alten Schlafstätterin und war damals die Rede davon, daß Frau Amalie Rosenberg sich des Kindes annehmen werde, sobald dieses das zum Schulbesuche nothwendige Alter erreicht haben werde. Doch sagte sich David, daß im Leben gar oft Verhältnisse und Veränderungen eintreteu, wo bei einem so jungen Menschenkinde, welches unter fremden Leuten ausgewachsen war und bei ihnen daß Gnadenbrot aß, das Bedürsniß nach rückhaltloser Aussprache eintritt. Sie standen ja beide so allein in der Welt, und was war wohl natürlicher, als der Wunsch Davids, daß sie sich wieder einmal sehen, und ferner in Fühlung miteinander bleiben. Auch dünkte es ihm sehr herzlos zu sein, daß er sich bisher so wenig um das Schicksal seines in der Welt umherirrenden Vaters gekümmert habe. Er, David, lebte jetzt im Wohlstände, ja man konnte sagen, im Ueberflusse, und der arme Alte irrte noch immer bettelnd in der Welt herum. Wenn er es auch noch nicht so weit gebracht hatte, um seinem unglücklichen Vater ein sorgenfreies Alter bereiten zu können, so viel vermochte er dennoch, um dessen Lage bedeutend zu mildern, wenn er all' das funkelnde Geschmeide, das ihm von seinen begeisterten Verehrerinnen geschenkt wurde, zu Geld machte. Vorerst jedoch mußte er deffcn gegenwärtigen Aufenthalt ausfindig machen, und zu dieser Nachforschung das Städtchen, wo seine Mutter ruhte und seine Schwester lebte, zum Ausgangspunkte machen. Vielleicht konnte ihm Cheile oder Flora etwas Positives sagen. Zar Ordnung all' dieser Angelegenheiten war die Reise nach Böhmen unvermeidlich. Wie zur Kriegsführung sind auch zu einer längeren Reise drei Dinge unumgänglich nothwendig: Geld, und noch Geld, und wieder Geld! Daran gerade fehlte es unseren jungen Reisenden nicht. Jenen Theil Böhmens, wo Neufeld lag, das er zu feinem Reiseziele erwählt hatte, war wohl damals mit der Residenzstadt durch keinen Schienenstrang verbunden, jedoch war man damals nicht derart verwöhnt wie heutzutage, wo selbst ein Courierzug für die Eile, mit der man reisen wollte, viel zu langsam dahinschleicht. Damals hatte man Zeit. Man wollte alle Reiseeindrücke gemüthlick in sich aufnehmen und behaglich verdauen. Die gute alte Postkutsche mit ihrem behäbigen Gespanne brachte David nach einigen Tagen — Stunden würden heute dazu erforderlich sein, — nach Neufeld. Sein erster Gang, nachdem er in einem außerhalb der Judenstadt gelegenen Gasthofe abgestiegen war und in dem Zimmer, das ein dieustbefkfsener Kellner dem vornehmen jungen Manne im eleganten Reiseanzuge eingeräumt hatte, seinen äußeren Menschen etwas erfrischt und herausgeputzt Hatte, begab sich David zur Judengaffe in das am Bache gelegene baufällige Häuschen, aus dem man damals seine Mutter hinausgetragen. Bei dieser Erinnerung traten Thränen in Davids Augen. Daselbst angelangt, überschritt David nur zögernd die ausgetretene, wacklige Schwelle. Er fürchtete immer das Fluchen und Schelten zu vernehmen, desien Zeuge er oftmals in dieser oder einer anderen Schlafstatt gewesen, als er noch mit dem Vater herumgezogen war und das ihn so sehr angewidert hatte; doch heute war es ganz still drinnen. Das Schnurren des Spinnrades, an dem Frau Cheile saß, war das einzige Geräusch, welches er vernahm, als er in das Zimmer getreten. Da saß sie ganz allein, die alte Mamme. Ihre Stirne war von tieferen Furchen durchzogen, wie damals, als er sie das letztemal gesehen, die Haarscheiteln noch fuchsiger geworden. Sonst war alles gleich geblieben — die braunen Feuchtflecken an den Wände», der verräucherte Misrach, der alte Tisch, die wackligen Stühle. Aber auch das milde, gütige Lächeln auf den verwitterten Zügen war das alte geblieben, und als Frau Cheile den Ankömmling die Hand zur Begrüßung reichte, hatte die wahre unverstellte Freude ihre welken Züge fast verschönt. Gottswillkumm, David!" lautete die kurze innige Begrüßung. »Setz' Dich Jung' und laß Dich anschauen! Es ist etwas Rechtes aus Dir geworden. Der Musikant hat Wort gehalten/ »Was macht Flora?" so lautete Davids erste Frage, womit er die lobenden Aeußerungen der alten Frau unterbrach. »Ist ein prächtiges Mädel geworden, lernt sehr gut. Der Melamed*) ist ganz zufrieden mit ihr. Na, die wird sich mit Dir freuen. Sie ist ja glücklich, wenn ich ihr von Dir erzähle. Du gehst ja zu Rosenbergs? »Eigentlich gehe ich nur ungern in ein fremdes Haus, aber es wird sich diesmal nicht umgehen lassen. Es wäre undankbar von mir, wenn ich nicht die Wohlthäter meiner Schwester besuchte." „Gewiß", sagte Cheile. »die Flora ist bei ihnen wie das eigene Kind gehalten. Nur um etwas bitte ich Dich, Davidleben! Du erlaubst doch, daß ich Dich wie früher „Du" nenne? »Aber bitte, gerne, wie denn anders?" »Also sag' dem Mädel nicht, daß ihr Schnorrerkinder seid, es möcht sie kränken. Sie meint, daß ich ihre Muhme bin, und sagt mir Dante; sie glaubt nicht anders, als daß ihre Mutter hier bei mir gestorben ist, und daß es meine eigene Schwester war. Laß sie dabei, sie ist schämig, sie könnte niemals im Leben glücklich werden, wenn sie Alles wüßte." »Natürlich werde ich schweigen", versprach David. »Und da muß ich Ihnen wohl auch Tante sagen, wenn ich Floras Bruder bin." „Nur wenn sie dabei ist, daß sie nichts merkt." »Aber nein, immer, immer werd ich es Ihnen sagen." »Wie Du willst, mein Kind! Ich habe ja auch auf der ganzen Welt keinen als Euch." »Und jetzt Tante möchte ich das Grab meiner Mutter besuchen." »Das geht heute nicht, es ist ja Uoseii edoäesett?)" »Also morgen?" »Morgen, so Gott will! »Und jetzt noch eine Frage. Was haben Sie über ihn, den Vater gehört?" »Nichts!" »Gar nichts?" „Nein!" - „Also teht er nicht mehr?"' »Ich weiß es nicht." — — — — — — — — Das Wiedersehen der verwaisten Geschwister zu schildern, wer vermöchte dies? Wer fände Worte, um das Uebermaß des Entzückens zu schildern, das Flora überfiel, als sie ihren einzigen Bruder so un'vermuthet vor sich sah, so schön, so stattlich, so vornehm! Die Geschenke, die er ihr gebracht hatte, waren so kostbar, daß klein Flora sie immer wieder hervorzog und sich an den funkelnden Dingen gar nicht satt sehen konnte. Auch ein anderer tiefgefühlter Wunsch war ihr durch den Bruder in Erfüllung gegangen. Wie weh that es immer dem jungen Waisenkinde, daß kein Grabstein die Stätte bezeichnete, wo das gute Mütterchen die letzte Ruhe gefunden, bei keiner anderen Gelegenheit hatte Flora das Gefühl des Neides empfunden, jedoch bei Anblick des niedern mit Gras bewachsenen Grabhügels, Worunter die Ueberreste ihrer Mutter ruhten, überkam sie dieses Gefühl und steigerte sich öfters bis zur Bitterkeit. Oft ballte das Kind das kleine Händchen zur Faust, womit sie so gerne die prunkvollen Marmorsteine zertrümmert hätte, welche auf den Gräbern der Reichen errichtet wäre»!. Dieser Umstand hatte dem Kinde den Friedhofsbesuch verleidet. Jetzt sollte es anders werden. David suchte den Steinmetz auf und bestellte bei ihm einen einfachen Grabstein, aus dem bloS die Worte eingegraben waren: ^,Hier fand Ruhe nach langer Irrfahrt Blimele, das Eheweib Feibisch Goldfingers, ein braves Weib, eine gute Mutter. Bevor David Abschied von seiner Tante nahm, händigte ihm diese ein Paket vergilbter Papiere ein, welche sie, in einem alten Tuche eingehüllt, am Grunde ihrer Truhe verwahrt hatte, als Bermächtniß feiner Mutter, ein. (Fortsetzung folgt.) Literatur- Dr. Braun, Lehrbuch der jüdischen Geschichte, für die Oberstufe der österr. Mittelschulen» Th. I. und II. Das vorliegende Lehrbuch, welches seine Entstehung einer ehrenvollen Aufforderung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde in Wien an den bekannten Historiker des Breslauer Seminars verdankt, wird der großen Mehrzahl der israelitischen Religionslehrer an österreichischen Mittelschulen als eine Erlösung von unleidlichen Zuständen erscheinen. Bisher hatte der Religionslehrer nur zwei Möglichkeiten. Entweder den Schülern eines der ttockenen und oft geradezu unverdaulichen Lehrbücher der jüdischen Geschichte und Literatur in die Hand zu geben, welche dem Schüler mehr Widerwillen gegen die Geschichte seines Volkes einzuflößen, als die Bei) Lehrer. *) Neumondstag.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.