Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Hand und Kult
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 565 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Hand und Kuli Ein weit verbreiteter Glaube sagt, daß die Fingerspitzen — das Zentrum der feinsten und empfindlichsten Nerven —, die sich zum Himmel erheben, besonders befähigt seien, Gottes Sendungen und Ausstrahlungen zu empfangen. Vor dem jüdischen Morgengebet heißt es: „Höre die Stimme meines Gebetes, wenn ich zu Dir flehe, wenn ich meine Hände erhebe zu Deiner heiligen Stätte!" Es ist auch zu beobachten, daß die Juden stets die Hände als segenspendendes Instrument betrachteten. Das bloße Wort genügte ihnen nicht. Schon die Patriarchen legten segnend die Hände aufs Haupt ihrer Kinder. In seltsamer Form faltet der Hohepriester im Tempel die Hände vor seinem Angesicht, wenn er das Volk segnet. Er legt die Fingerspitzen des Daumens und Zeigefingers beider Hände zusammen, gewissermaßen um einen elektrisch-fluidalen Strom zu schließen; in den Zwischenräumen der Finger ruht die Heiligkeit Gottes. Bis auf den heutigen Tag erheben die jüdischen Priester die segnenden Hände in gleicher Weise und es ist in vielen Gemeinden verboten, während dieser feierlichen Handlung den Blick auf die Priester zu richten, weil kein menschliches Auge es ertrüge, Gottes Heiligkeit zu schauen. Auf den Grabsteinen verstorbener Priester finden sich zwei segnende Hände als Symbol ihres hohen Berufs. Hier steht die gemeißelte Hand für den ganzen Menschen. Beim Lichtentzünden zum Sabbat - Eingang und beim Sabbat-Ausgang werden die Hände betend dem Licht entgegengehoben. Der bekannte Ausspruch „Ich wasche meine Hände in Unschuld" wird meist auf Pilatus zurückgeführt (Math. Kap. 27, Vers 24). Tatsächlich ist diese symbolische Handlung jedoch weit älteren Ursprungs. Im fünften Buch Mose gibt es die folgende Bestimmung: Wird auf freiem Feld ein Erschlagener gefunden, so sollen die Ältesten des nächstliegenden Orts über einer jungen Kuh, der man den Hals abgehauen hat, die Hände waschen und also sprechen: „Unsere Hände haben das Blut nicht vergossen, so haben es auch unsere Augen nicht gesehen." Das gleiche Symbol verwendet Shakespeare in der nächtlichen Szene der Lady Macbeth. Es wußten aber nicht nur die Juden von je um die Heiligkeit der Hände. Wohl der Kult aller Völker hat bestimmte Das Februarheft enthielt u. a.: Leo Baeck, Europa I Ignaz Maybaum, Die jüdische Betreuung der nichtpcdäslinensischen Auswanderung / Heinrich Lemle, Vernachlässigung aus Armut? Im Aprilheft schreiben u. a.: Joachim Prinz, Amerika — hast du es besser? / Früz Benjamin, Diesseits und jenseits vom Äquator / S. Samuel, Aufklärung im Osten 565