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Der Morgen · 1937-03-01 · Heft 12 (März 1937) · p. 564

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 12 (März 1937)
Article
Hand und Kult
Date
1937-03-01
Page
564 (sequence 2)
Language
German
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Helene Poritzky-Orzolkowski der Hand; sie sind entsprechend ihrer Form und ihren Zwecken aus ihr herausgewachsen. Jeder Hammer ist die zuschlagende Faust, jedes Gefäß die hohle schöpfende Hand, jeder Bohrer der Zeigefinger, kurz, es wird sich kein Handwerkszeug erdenken lassen, das nicht die Hand selbst zum Vorbild hätte. „Die Hand ist das absolute Werkzeug", sagt Hegel. Die erst einige Jahre bestehende Hand-Kultur-Lehre hat in vielen wissenschaftlichen Abhandlungen die Bedeutung der Hand für das Entstehen unserer gesamten Kultur nachgewiesen, die sich nicht nur im Handwerklichen und daran anschließend in allen künstlerischen Leistungen, sondern bis in den Sprachgebrauch hinein verfolgen läßt. Es zeigt sich nämlich durchgehend, daß die geistigen Werte sich an „greifbaren Begriffen" orientieren mußten, um zunächst dem „Fassungs"-Vermögen überhaupt entgegenzukommen. Der starke Symbolcharakter des Greifens, Erfassens ist in allen entsprechenden Ausdrücken deutlich erhalten. Was die Hand erfaßt, kann der Geist erkennen, sie ist die Mittlerin zwischen Welt und Mensch, zwischen einem erst allmählich erfahrbaren Außen und dem erlebten Innen. Die Hand ist die einzige Brücke zu den Taubstummen, ein Verständigungsmittel zwischen Fremden, die verschiedene Sprachen sprechen. Sie ist — bei temperamentvollen Südländern vor allem — ein fast unentbehrliches Ausdrucksmittel, um das gesprochene Wort zu unterstreichen und zu veranschaulichen. Die Hand ist es auch, mit der der Mensch dem andern Menschen Gutes und Böses austeilt; alles Geben und Nehmen, die Liebesbezeugung milden Streicheins, Strafe, Drohung und Gruß,. — alles spricht die Hand aus, allgemein verständlich und verbindend. So ist es „begreiflich", daß der Mensch, der schon in ältesten Zeiten diese „umfassende" Wirkung der Hand täglich neu erfuhr, in ihr etwas Großes und Heiliges zu sehen begann; der Glaube lag nahe, daß alles, was dem Menschen an Gutem oder Bösem begegnete, von einer außerirdischen Hand ihm zuerteilt werde. Die Hand Gottes ist aas Symbol seiner Macht, seines unerschöpflichen Gebens wie seines Strafens und lindernden Verzeihens. So heißt es im Gebet jüdischer Leidtragender: „In Deiner Hand sind alle Seelen aufbewahrt . . . Die Seele alles Lebenden ist in Deiner Hand, Gerechtigkeit füllt Deine Hände, erbarme Dich über den Rest der Herde in Deiner Hand und sprich zum Todesengel: Ziehe Deine Hand zurück!" Es ist eine gespenstische Hand, die Belsazar den Tod verkündet. Gott erwählt sich die Hand des Menschen zum Werkzeug seines Willens. Die furchtbarste Strafe, die den Sünder treffen kann — „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem, so verdorre meine Rechte!" 564

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