Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 12 (März 1937)
- Article
- Hand und Kult
- Date
- 1937-03-01
- Page
- 566 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Helene Poritzky-Orzolkowski: Hand und Kult Normen und Formen der Handhaltung für das Gebet eingeführt. Alte Stämme, selbst noch die Römer, haben die Gottheit durch Handaufwerfen begrüßt. Auf die Bedeutung des Kreuzschlagens im katholischen Christentum hinzuweisen ist in diesem Zusammenhang fast unnötig. Immer sind Hände der konkrete Ausdruck der leidenschaftlich sich Gott anvertrauenden Seele: „So nimm denn meine Hände und führe mich!" Als im alten Indien die neue rein geistige Lehre des Buddha sich auszubreiten begann und Wurzel faßte, wollte die Volksseele sich von den altangestammten Göttern nicht völlig trennen. So wandelte die Gestalt des Lehrers Buddha sich allmählich zum höchsten Himmelskönig um, der mit unzähligen Händen dargestellt wird. Jede davon hält ein anderes Symbol, und die Hände selbst sind Träger und Hüter des gesamten Kults. In Bali, einer der Kleinen Sunda-Inseln, ist der Kult undenkbar ohne die Mudragebärden. Die Hände der Priester verrichten in vorgeschriebenen seltsamen Stellungen, geradezu wie selbständige Wesen, ihre beschwörenden Gebete, deren zwingende Wirkung durch die zur Riesenlänge gewachsenen Fingernägel ins Dämonische gesteigert wird. Die Araber verehren Fatme, Mohammeds Tochter, als Beschützerin und tragen Fatmes Hand in eigenartiger Fingerstellung als Talisman und Schmuck in künstlerischer Filigranarbeit stets bei sich. Die Besitzer dieser Hand glauben sich gefeit gegen alles Böse. Der Glaube geht soweit, daß die Araber ihre eigenen Hände in Farbe, Öl, Lehm tauchen und in jener Fingerstellung an die Häuser abklatschen, um sich und all ihr Hab und Gut vor Unheil bewahrt zu wissen. Manche primitiven Völker legen bei Bestattungen größten Wert auf die Handstellung; so erzählt der Afrikaforscher Leo Frobenius, daß die am Abhang des Tschebtschi-Gebirges lebenden Dakka ihre verstorbenen Könige nach aller sonstigen Vorbereitung heimlich bei Nacht zum Begräbnisplatz schaffen und dort die Leiche auf die linke Seite legen, die linke Hand unter der linken Wange, die rechte oben herüberfallend. Bei den Tschamba im Benue-Faro-Gebiet herrscht ein ähnlicher Brauch, der folgendermaßen begründet wird: „Legt man die Leichen nicht so, daß die rechte Hand oben auf dem Kopfe liegt, so kann der Tote nicht als Kind wiederkommen." Das sind nur wenige, willkürlich herausgegriffene Beispiele. Aber schon sie zeigen, daß die Hand die entscheidende Helferin des Menschen ist und nicht nur die Formung des Lebens, sondern alle geistigen und kultischen Werte führend gestaltet und bestimmt. 566