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Der Morgen · 1935-06-01 · Heft 3 (Juni 1935) · p. 126

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 3 (Juni 1935)
Article
Die neue Berliner Bibel
Date
1935-06-01
Page
126 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Feuchtwanger mehr eine Existenz für sich, wie sie etwa Postille und Bauernbibel einst geführt haben. Hebräischer Text, Kommentar und Wörterbuch stehen neben jedem modernen, wirklich gelesenen und täglich benützten deutschen Bibeltext, der sein Eigenleben und sein Amt als letzte Instanz über das biblische Wort endgültig eingebüßt hat. Die Übersetzungen — ihre Pluralität ist kein Zufall — sind ein Behelf, ein Nachschlagebuch neben Erklärungen, Urtext und Lexikon geworden, nicht mehr und nicht weniger als ein neuer Kommentar neben anderen (mit den dieser Form der Exegese besonders anhaftenden Grenzen, die darin bestehen, daß die exegetische und hermeneutische Entscheidung, die in jedem Wort und Satz steckt, nicht mit Entscheidungsgründen versehen ist). Das Übergewicht hat hier in der fortlaufenden, kommentarlosen Übersetzung die sprachkünstlerische Gestaltung, Klang und Wortwahl unter Synonymen. IL Geht man mit dieser deutlichen Erkenntnis des grundlegenden Bedeutungswandels einer neuen deutschen Bibelübersetzung an das Unternehmen der „Berliner Bibel" heran, so wird man gar nicht die Frage stellen, ob nun gerade sie die „beste" — die sinn\- und wortgetreuste — oder etwa die „schönste" in Satzbau, Wortwahl und rhythmischer Gliederung unter den vorhandenen Übersetzungen ist. Es handelt sich heute nicht mehr um die nationale oder religiöse Aneignung der Heiligen Schrift, sondern um ein Hilfsmittel, einen fremden Text wortgetreu zu verstehen, wie es verschiedene Grammatiken oder Wörterbücher gibt. Übersetzt die „Berliner Bibel" den Text richtiger oder schöner als die bisherigen deutschen Bibeln für den innerjüdischen Gebrauch? Sie ist aus einem Bedürfnis der Berliner Jüdischen Gemeinde entstanden und reicht in ihrem Plan in die Zeit vor dem Krieg zurück. Vierzehn Übersetzer haben sich schließlich an der Arbeit beteiligt: Elias Auerbach, Emil Bernhard-Cohn, Max Dienemann, Julius Galliner, Sally Gans, Benno Jacob, Emil Levy, Ludwig Levy, Seligmann Pick, Georg Salzberger, Hermann Schreiber, Caesar Seligmann, Harry Torczyner, Max Wiener. Die vereinheitlichende und oft tief greifende Redaktion des Ganzen besorgte der auf dem Gebiet der semitischen Sprachwissenschaft bewährte und erfahrene Gelehrte Harry Torczyner. Diese „Harmonisierung" durch einen bekannten „Bibelkritiker", der über die einheitliche Wiedergabe sich wiederholender Partien, Ausdrücke und Worte hinaus den Stilcharakter des Ganzen bestimmte und dem vor allem die Endentscheidung über Prosa oder rhythmische Gliederung in der typographischen Anordnung oblag, schloß auch die Hineinarbeitung rein wissenschaftlicher, vom Hergebrachten abweichender Auffassungen in sich, allerdings in den Grenzen, die „Richtung und Zweckbestim- 126

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