Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Die neue Berliner Bibel
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 125 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die neue Berliner Bibel offenbarungsmäßig Empfangenen zu und wo sind in der Bibel auch außerbiblische, aber mitwirksame fremde Religionen beteiligt? Diese uns von der allgemeinen Religionsgeschichte aufgegebene Frage spricht im Gegensatz zu den alten klassischen Übersetzungen bei dem Unternehmen jeder modernen Umschmelzung vernehmlich mit. Statt eines Ersatzes der Urschrift, statt einer echten Stellvertretung geht es jetzt um etwas völlig Anderes: um möglichst treue Interpretation, die das Fremde fremd und ungeläufig beläßt, und um entsagungsvolle Schlichtheit unter Preisgabe der Fiktion, als existiere noch eine Art von Lesern, denen der Blick auf die Vielfalt und historische Bedingtheit menschlicher Sinngebungen in Zeit und Raum noch nicht aufgegangen wäre. Auch eine Persönlichkeit wie Franz Rosenzweig — wie selten einer vertraut mit den verästelten Problemen der Wechselwirkung von Sprache und Religion — hat es ausdrücklich (in dem Brief vom 21. 4. 1927 an Jakob Rosenheim, Brief Sammlung S. 581) ausgesprochen: „Unsere Differenz von der Orthodoxie liegt darin, daß wir aus unserm Glauben an die Heiligkeit, also die Sonderstellung der Tora, und an ihren Offenbarungscharakter keine Schlüsse über ihren literarischen Entstehungsprozeß und über den philologischen Wert des auf uns gekommenen Textes ziehen können . . . Das ist ein tiefer Gegensatz, der, wie mir scheint, zwar durch gegenseitige Achtung, aber nicht durch Verstehen überbrückt werden kann; ich wenigstens verstehe die Glaubensgrundlage des Hirschschen Kommentars oder der Breuerschen Schriften nicht." Der Bibeltext ist der Sphäre der modernen Urkunden-Interpretation und profanen Geschichtsbetrachtung nicht mehr entrückbar. So muß die deutlich wieder erkennbar gemachte Zusammensetzung der Bibel aus Teilen zeitlich und weltanschaulich verschiedener Herkunft auch in der Übersetzung wieder sichtbar werden. Die wiederentdeckten Spuren alter Differenziertheit und alten Reichtums, die Umrisse und Farben der ursprünglichen Stücke, wie sie aus der Übermalung und Theologisierung einer späteren Zeit wieder herausgeholt wurden, dürfen auch von der fremden Sprache nicht mehr verwischt werden. Von der Bibel aus und von dem' Leserkreis aus kann heute keine „Volksbibel" in deutscher Sprache für deutsche Juden mehr entstehen. Das höchste, was eine kommentarlose Laienbibel heute bieten kann, ist ein sauber und exakt gearbeitetes handwerkliches Meisterstück, eine Filigranarbeit hellen Kunstverstandes, ein Erzeugnis der Gelehrsamkeit und des künstlerischen Sprachgefühls. Eine deutsche unerläuterte Bibel hat in der Gegenwart eine völlig andere Funktion als eine deutsche Hausbibel im nichtjüdischen Haus in vergangenen Zeiten oder der hebräische Text in Gestalt eines „Chumesch" oder „T'nach" im alten jüdischen Kreis. Weder „Zunz" noch „Buber-Rosenzweig" oder die neue „Berliner Bibel" führt heute als „das Buch der Bücher" 125