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Neue jüdische Presse · 1903-06-26 · Heft 34 (26.6.1903) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 34 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 54. nehmerinnen des Kommerses konnten jetzt ungestört ihre Eindrücke austauschen, was sie mit Gesang und Musik noch geraume Zeit beisammenhielt. j Düsseldorf. Rabbiner Dr. Hochfeld aus Frankfurt a. Öder ist zum Rabbiner der hiesigen Gemeinde gewählt worden. Bielefeld. Eine sehr nachahmenswerte Bestimmung der Statuten der hiesigen jüdischen Gemeinde verpflichtet den Rabbiner, bei allen Beerdigungen, Trauungen u. s. w. als Prediger und Vollzieher der .religionsgesetzlichen Ritualien unentgeltlich zu wirken. Es ist ihm nicht gestattet, irgendwelche Entschädigungen dafür, sei es in barem Gelde oder in Fornr von Geschenken, anzunehmen. Für diese Tätigkeit erhält der Rabbiner aus der Gemeindekasse neben seinem Gehalt jährlich eine Renumeration, die nicht pensionsberechtigt ist; diese Renumeration wird durch die allgemeine Kultussteuer aufgebracht; besondere Beiträge der Gemeindemitglieder dürfen zu diesem Zweck nicht erhoben werden. Ratibor. Zum Rabbiner der Synagogen-Gemeinde wurde einstimmig Or. Max Dienemann aus Breslau gewählt. Rogasen. Herr Rabbiner Dr. Rosenblüth aus Fürth ist zum Rabbiner der hiesigen israel. Gemeinde gewählt worden. Lublinitz. Am I. Juli wird unser Rabbiner, Herr 0 r. F r i e d m a n n, sein 25jähriges Amtsjubiläum feiern. Oesterreich-Ungarn. Schlan. (Ehrung.) Anläßlich des 70. Geburtsfestes war Herr Rabbiner Leopold Thors.ch am 14. d. Mts. Gegenstand ehrender Kundgebungen. Der Kultusvorstand mit dem Kultusvorsteher Herrn Löwner an der Spitze überreichten eine Adresse. Vertreter der jüdischen Ortsvereine unter Führung des Herrn I. Herz übermittelten die Glückwünsche dieser Körperschaften für den Jubilar. Seitens des isr. Landeslehrcrvereines und des Peusionsvercines, dessen Obmann der Jubilar durch viele Jahre gewesen ist, war eine dreigliedrige Abordnung erschienen. Ter Obmann .Herr Sigmund Springer sprach namens des isr. Landeslehrervereines, Herr Rabbiner M. Freund (Bodcnbach) namens des Pensionsvereines. Aus Nah ui.id Fern waren Telegramme und Glückwunschschreiben angelangt. Prag. Abg. Dr. Stranskh als Protektor des A n t i s e m i t i s m u s. Das Organ des jungtschechischen Abgeordneten und Vizepräsidenten des jungtschechischen Reichsratsklubs, Tr. Stranskh, „Lidovü Noviny" brachte in letzter Zeit wiederholt Artikel von antisemitischer Tendenz. Gegen diese Artikel wendet sich nunmehr das Organ der tschechischen Juden „Ceskozidovske Listy", in welchem es in einem Aufsatz von Dr. Eduard Lederer u. a. heißt: „Der Gründer, Inspirator, Miteigentümer und Leiter der „Lidovö Noviny" ist der getaufte Jude Dr. Stranskh. Wir sind nicht so töricht» um Jemandem vorzüwersen, daß er sich taufen ließ. Das ist Sache icdes Einzelnen. Aber soviel Noblesse sollte Herr Dr. Stranskh doch haben, um uns mit dem Antisemitismus in Ruhe zu lassen. Sein Blatt schrieb mit. 24. Mai, daß die Juden ihrer Abstammung nach nicht Tschechen sein können. War das geweihte Wasser, welches auf die Locken des Herrn Dr. Stranskh bei dessen Taufe träufelte, von so ätzender Wirkung, daß es sein semitisches Blut in arisches verwandelte? Wurde sein semitisches Profil infolge der Taufe in ein slavisches verwandelt? Oder wollte er sich bei seinem katholischen Volke einschmeicheln, indem er an sich das serbische Sprichwort bewahrheiten wollte: „Der Renegat ist ärger als der Türke?" Schweiz. Basel. Der Jüdische Buch- und Kunstverlag in Brünn errichtet in Basel 'zur Zeit der . Verhandlungen des VI. Kongresses ein Korrespondenzbureau, welches über die Kongreßsitzungen zweimal täglich ausführliche Mitteilungen herausgibt und versendet. Wir sind überzeugt, daß diese Neuerung allseits mit großer Freude begrüßt werden wird. Das Unternehmen ist geeignet und berufen, das Interesse für den Kongreß in die weitesten Schichten zu tragen und diesen möglichst rasch zuverlässige und umfapende Nachrichten zu vermitteln. Der Buch- und Kunstverlag in Brünn nimmt jetzt schon Abonnements entgegen. Der eingezahlte Betrag von 3 Rubeln für Rußland, Mk. 6 für Deutschland berechtigt zum Bezüge der Kongreßmitteilungen, welche zweimal täglich frankiert an die Abonnenten abgeschickt werden, so daß die Interessenten sofort über die Verhandlungen informiert sein'werden. Bestellungen und Abonnementsbeträge sind zu richten an: Jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn. Rußland. Lodz. Sonntag, den 15. Juni, kam es in unserer Stadt zu großen jüdischen Arbeiteransammlungen. Eine Menge jüdischer Arbeiter, gegen 5000 Mann, durchzog gegen 6 llhr Abends die Hauptstraßen, wobei einige Teilnehmer rote Fahnen in den Händen hielten. Die Polizei war schon vorher von dieser Arbeiterdemonstration unterrichtet, und selbstverständlich wurden.alle Maßregeln ergriffen, damit dieselbe keine großen Dimensionen annehmen sollte. Auch wurden Kosaken requiriert. Die Menge verhielt sich sehr ruhig, aber nichtsdestoweniger wurde sie seitens Frankfurter Israelitisches Familienblatt. der Polizei schonungslos behandelt. Die Polizei schlug ein, die Kosaken darauf, und es kam zu blutigen Zusammenstößen. Die Polizei zog die Säbel blank. Verhaftungen wurden sofort auf der Straße vorgenommen. Während des nun enttandenen Handgemenges wurde ein Polizeirevieraufeher tödlich verwundet. Ter betreffende Verletzte wollte einem Manifestanten eine rote Fahne entreißen, und dabei wurden ihm von einer Gruppe Manifestanten sieben Stichwunden beigebracht. Es spielten sich schreckliche Szenen auf der Straße ab. Zur Hilfe der Polizei wurden die polnischen Hauswächter (Strushy) herbeigeholt, und wurde ihnen seitens des Polizeimeisters Chrzanowski (eines bekannten Antisemiten) die Anweisung erteilt, die Juden schonungslos zu behandeln, lind sie erfüllten diesen Auftrag mit dem größten Eifer. Aus dem Wege nach dem Polizeiarrestlokal schlugen die Hauswächter auf die verhafteten Manifestanten mit Fäusten, Knütteln, Stöcken ein, sodaß es kein Wunder ist, daß von den ca. 100 Verhafteten alle mehr oder weniger schwere Verletzungen haben. Vielen von ihnen wurde das Nasenbein eingeschlagen, einem wurde der Schädel zersplittert, andere erlitten Hand- und Beinbrüche. Aber nicht genug mit diesen Gewalttätigkeiten auf der Straße, wurden die Verhafteten im Arrestlokal des betreffenden Polizeibezirks von neuem auf das schwerste mißhandelt. In der Stadt geht das Gerücht um, daß gegen 10 Inden erschlagen wurden. Das Arrestlokal war mit Blut .bedeckt. Die Aerzte der freiwilligen Rettungsgesellschaft wurden herbeigeholt und hatten gdgen 5 Stunden zu arbeiten. In der Stadt herrscht vorläufig Ruhe, man erwartet aber dieser Tage christliche Arbeitermanisestationen als Gegendemonstration- Die Polizei hat also von amtswegen eine Judenhetze hier arrangiert durch die hiesigen polnischen Hauswächter. Tie Hauswächter der anderen Polizeireviere sind mißvergnügt darüber, daß es bei ihnen keine jüdischen Manifestanten gegeben hat. Sie erklärten, sie würden alle Jude» niedergemetzelt haben. Am 15. Juni traf hier der Petrikauer Gouverneur Eeheimrat K- Miller ein, woraus man schließen kann, daß etwas Ernstes erwartet wird. Die jüdische Bevölkerung ist gegen den hiesigen Polizeimeister Chrzanowski, der schonungslos mit den jüdischen Arbeitern umging, aufs äußerste erbittert. Ilm den religiösen Fanatismus der Bevölkerung gegen die Juden auszustacheln, soll die Polizei das falsche Gerücht verbreitet haben, die Juden beabsichtigten, über katholische Prozessionen herzusallen. Petersburg. Auf den traurig bekannten Urheber der Kischinewer Exzesse wurde von einem jüdischen Studenten ein erfolgloses Attentat versucht. — Der Freund des Zaren Pater Johann von Kronstadt, der auf die ersten aus Kischinew kommenden Nachrichten hin seiner Entrüstung über die Vorgänge in einem offenen Briefe Ausdruck gab, hat diesen Brief nunmehr widerrufen. Welche Einflüsse ihn dazu veranlaßt haben, entzieht .sich natürlich der Beurteilung. Frankreich. Paris. Der jüdische Bildhauer Emanuel H a n n a u s aus Metz hat auf der Pariser Ausstellung für seine Gruppe „Dichter und Sirene" die große goldene Medaille erbalten. Das Werk soll im Museum Luxemburg aufgestellt werden. Amerika. New-Aork. Das Gebäude des jüdisch-theologischen Seminars ist nunmehr seiner Bestimmung übergeben worden. Die Kosten des Baues (Doll. 280000) bestritt der bekannte Philantrop. Herr I. H. Schiß. Er und die Herren Levinsohn und Guggenheimer haben außerdem ~600 000 Dollars für die Besoldung der Lehrer gestiftet. _ Frankosurtia. 21. Juni. Das gesetzestreue Judentum unserer Stadt hat einen seiner treuesten Bekenner verloren und ihm heute das letzte Geleite gegeben. Rabbi tlerachmiel Hirslbberq ist am Sabbat, den 25. Siwan, am frühen» Morgen heimgegangen. An einem Sabbat hat seine reine Seele die Fesseln des gebrechlich gewordenen Körpers gesprengt, um in eine höhere Ordnung der Dinge einzugehen, in ein Leben einzutreten, das wir als einen vollen Sabbat zu bezeichnen pflegen. Herr Hirschberg stammte aus den Ostmarken unseres Vaterlandes. Vor mehr' als 25 Jahren siedelte er aus seiner Heimat nach Frankfurt über, um hier eine zweite Heimat zu suchen und zu finden. Seine Knaben- und Jüngtingsjahre waren dem Studium der jüdischen Wissenschaft geweiht. Einer der gefeiertesten Großen der talmudischen Wissenschaft in der Zeit nach dem Tode des Gaon Rabbi Akiba Eger, R. Eliah Gutmacher, Rabbiner zu Grätz (Provinz Posen), war derjenige seiner Lehrer, dem er die meisten Anregungen verdankte, und dessen er bei jeder Gelegenheit mit ehrfurchtsvoller Pietät gedachte. In den Jünglingsjahren legte er so das Fundament zu seiner eigenen hervorragenden Gelehrsamkeit, zu einem Wissen, das er unermüdlich bestrebt war zu erweitern und zu vertiefen. Der Heimgegangene war einer jener Männer, die leider immer seltener werden, einer jener Männer, die das Thorastudium nicht nur für eine amtliche Seite 3. Berufspflicht, nicht nur für eine Domäne eines bevorrechteten geistlichen Standes halten, von der sich die Laien scheu oder bequem fern halten dürften: ihm war das Thorastudium eine persönliche Herzenssache, eine allgemein menschliche Pflicht, ein Anliegen jedes Gliedes der jüdischen Gesellschaft. Aber so groß auch sein Wissen war,, wie tief er auch eingedrungen war in die Schachte der heiligen Weisheit, die in Schrift und Talmud uns niedergelegt ist, noch größer war seine Frömmigkeit, noch hervorragender seine rein menschlichen Tugenden. Er war ein Mann nach dem Herzen unserer Mischnahlehrer, die den Grundsatz aufgestellt, daß das Thorawissen auf Bestand und fruchtbare Wirksamkeit nur bei einem solchen Manne Aussicht habe, dessen Sündenscheu und Charaktereigenschasten größer sind als seine rein theoretische Gelehrsamkeit. So war er hervorragend als Talmudgelehrter, noch hervorragender aber in seinem sittlichen und religiösen Lebenswandel, mit einem Worte: ein vorbildlicher Jchudi. Was er aber seinen Mitmenschen war, davon legte die zahlreiche Schar, die seiner Bahre folgte, ein deutliches Zeugnis ab. Kaum vermochte die Halle auf dem Friedhofe der Israelitischen Religionsgesellschast die Menge derer zu fassen, die dem Heimgegangenen die letzte Ehre erwiesen. Für den schlichten, einfachen, anspruchslosen Mann, der mit irdischen Gütern nur mäßig ausgestattet war, gestaltete sich das Leichenbegängnis zu einer ergreifenden Huldigung über das Leben hinaus. Es zeigte sich dabei» wie die reine religiöse Begeisterung, die sittliche Makellosigkeit des Verllärten ihres Eindruckes auf alle, die ihn je gekannt, nicht verfehlten. Er, der im Leben nie nach Ehre und Auszeichnung gehascht, er hat zum ersten Male — im Tode geglänzt. Was er aber im Leben gewesen war, seine Bedeutung als Talmudist, seinen religiösen Enthusiasmus, seine rein menschliche Tadellosigkeit, das alles hat Herr Rabbiner Tr. Breuer mit seiner bezwingenden markigen Beredtsamkeit in seinem Nachrufe zu wirklich hinreißendem Ausdruck gebracht. Ter Verstorbene war, so etwa äußerte sich der ehrwürdige Redner, ein Talmudist nicht nur von reichem und umfassendem Wissen, sondern auch ein tiefgründiger Geist, der mit Scharfsinn in die verwickelten Probleme der talmudischen Wissenschaft eingedrungen war. Die Beschäftigung mit der talmudischen Wissenschaft sei seine höchste Lebensfreude gewesen. Er habe aber nicht nur gelernt, sondern auch gelehrt- Er war nicht nur der Lehrer seiner Söhne und Enkel, er hat vielmehr alle, die nach dem Gottesworte durstig zu ihm kamen, den Brüsten der Thora zugeführt und getränkt. Die Thora war nicht nur die Heimat seines Geistes, sie erzeugte vielmehr auch das heilige Feuer, welches in seinem Herzen glühte, sie war die Triebfeder seines ganzen Lebens, seines Tuns und seines Lassens. Sie hat nicht nur in ihm gelebt und gewaltet, er hat fie auch triebkräftig in Geist und Herz seiner Nachkommen eingepslanzt. Er habe nicht nur seine Söhne und Töchter für das Leben nach den Worten des Gottesgesetzes erzogen und gewonnen, sondern auch Schwiegerkinder gesucht und gefunden, die von demselben Geist erfüllt find und die Flamme der religiösen Begeisterung in der nächsten Generation anfachen werden. Studium und Gesinnung, Forschung und Leben, Denken und Handeln waren in dem Heimgegangenen zu einer unlöslichen Einheit verwoben. So habe sich eine Persönlichkeit zu einem Odom Koscher, zu einem jüdischen Frommen entfaltet, dessen Andenken fortleben wird, nicht nur im Kreise seiner Familie, sondern bei allen, die Genossen seiner Gesinnung und seines Strebens sind- Nachdem der Herr Rabbiner seine ergreifende Rede beendet hatte, sprachen noch Herr Joseph Fromm und Herr Isidor Slobotzki. Jener nahm Abschied von dem Heimgegangenen Freunde und Verwandten, dem er warme Worte huldigender Verehrung widmete. Herr Slobotzki, der älteste Enkel des Verllärten, Hankte voll Rührung und Wehmut im Namen aller Enkel für alle Güte, die sie von ihrem Großvater erfahren, besonders aber für die Hingebung, mit welcher der begeisterte Greis sich auch noch der religiösen Belehrung und Erziehung seiner Enkelschar gewidmet hat. Kinder und Enkel, Freunde und Gesinnungsgenossen, ja eine ganze Gemeinde hat heute an der Bahre dieses frommen und guten Mannes getrauert. Gar manchem von uns aber zog angesichts dieser erhebenden Kundgebung der sehnsüchtige Wunsch des heidnischen Sehers durch den Sinn: Möchte auch meine Seele den Tod dieses Frommen sterben, möchte auch mein Ende dem seinigen gleich sein! A. W. ■* » * ' Frankfurt a. M., den 24. Juni 1903. Montag den 22. l. M. fand im Rechneisaal der Schekeltag der hiesigen zionistischen Bereinigung statt. Der Vorsitzende, Herr Fritz Sondheimer, begrüßte die zahlreich Erschienenen und erteilt zunächst Herrn I. Goitein das Wort zu einem kurzen Referat über den Schnell Herr Goitein führte ungefähr folgendes aus: Der Schekel hat seine alte Bedeutung von der Zeit her, da Israel noch nicht zum ewigen Wanderer geworden war. bei den Zionisten beibehalten. Wie er einst dazu diente, die Zahl der waffenfähigen Mannschaft zu zählen, so zählen auch die Zionisten nach ihm die Zahl derer, die dem heroischen Ringen des jüdischen Volles ...

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