Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1903-06-26 · Heft 34 (26.6.1903) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
1 (1902-1903)
Issue
Heft 34 (26.6.1903)
Date
1903-06-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2692297-2692298-2692331--00329-2694699
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. um seine Existenz und seine Ehre nicht als teilnahmslose Zuschauer kalt gegenüber stehen möchten; die Zionisten zählen nach ihm die Häupter derjenigen, die Mannes genug sind, um den Kampf für die Gegenwart und die Zukunft des jüdischen Volkes aufzunehmen und zu gutem Ende zu führen. Hier kann nur die Gesamtheit etwas ausrichten, aber nicht der einzelne, mag er auch von dem besten Willen beseelt sein und viele Millionen spenden, wie es der sel. Baron Hirsch getan, darum heißt es auch bei den Zionisten: «Der Reiche gebe nicht mehr, der Arme gebe nicht weniger!" damit alle Kreise an dem Rettungswerke sich beteiligen können. Klein ist das Opfer an Geld, das wir von Ihnen fordern, schließt Redner, groß aber ist der moralische Gewinn, den wir Ihnen bieten, indem wir Ihnen Gelegenheit geben, dem gesamten jüdischen Volle in alter, ererbter Treue sich anzuschließen und Ihr jüd. Herz zu bekunden. — Hierauf ergreift Herr Asseffor Fricdemann das Wort zu dem angekündigten Referat: «Reise-Eindrücke in Palästina". Leider gestattet uns der uns zur Verfügung stehende Raum nur eine gedrängte Wiedergabe der mit großem Beifall aufgenommenen, äußerst interessanten Ausführungen. Herr Dr. Friedemann bemerkt einleitend, er gehöre nicht zu dm Leutm, die 5 Tage in einem Lande weilen und darüber ein dickes Buch schreibm. Immerhin aber genügt auch ein kurzer Aufenthall, um Eindrücke zu gewinnm. besonders, wmn man sich beschränkt und die Gegenstände der Beobachtung in Vorhinein gegebm sind, wie es bei chm der Fall war. Wenn er, sagt Redner, dm Gesamt-Eindruck, dm er in Palästina empfangen habe, vorweg nehmen soll, so muß er chn dahin zusammmfassm, daß er eine sehr angenehme Enttäuschung erlebt habe. Als skeptische Natur habe er immer das Verlangen gehabt, sich durch eigmm Augmschein zu überzeugen, ob und in welchem Maße das Land unserer Väter geeignet sei, Großkolonisation lohnend zu gestalten. Nun war er hierzu in der Lage und was er gesehen und von verläßlicher Sefte bestätigt bekommen, übersteige bei weitem seine gehegten Erwartungen; er sei gehobenen Mutes und mit verstärkter Zuversicht zurückgekommen, denn das Land Israel ist noch immer, trotz aller Verwahrlosung, bas Land, wo Milch und Honig fließt Mit beredten Worten schildert Redner die Gefühle, die eines Juden Herz beim Betreten dieses heftigen Bodens beschleichen. Die Schönheiten des Landes, die mancherorts geradezu unvergleichlich genannt zu werden verdienen. Schon in der Nähe von Jaffa spürt man die balsamische Luft, die ganz von Orangendüsten durchtränkt ist. Jerusalem! Leider vermag der Berichterstatter nichtsSchönes von Jerusalem zu. melden. Die einstige „Königin der Städte" ist ein wüster Schmutzhaufen, in der die herrenlosen Hunde die Sanitätspolizei machen. . . - Ihre Schönheit ist eine geistige Natur, weil alle Menschen, soweit sie von religiösen Gefühlen getragen werden, sich dorthin andachtsvoll wenden. Es folgt eine ausführliche Schllderung von den Streifzügen im Lande; eine nächtliche Fahrt im Mondschein, deren überwältigender Zauber jedes Gespräch verstummen macht, wird mit großer Spannung angehört. In der Nähe Hebrons, mitten in einer Sandwüste, haben sich zwei Kvlonisten-Familien niedergelassen, und mit geringen Mitteln, ohne alle Unterstützung haben sie fruchtbare Gärten und Felder erstehen lassen, um zu zeigen, was Begeisterung und Fleiß in Palästina auch in einer Wüste auszurichten vermag: Den guten Boden, sagen sie auf Befragen, überlassen sie gern andern, dort ist nicht so viel Ehre zu holen, wenn auch größerer Gewinn . . Die Kolonien in Judäa, die sogenannten Rothschildschen Dörfer, sind von großer landschaftlicher Schönheit, die paradiesisch genannt werden muß; leider sind die Verhältnisse im Innern nicht so verheißungsvoll, denn das verkehrte System, das auf Grundlage der Wohltätigkeit Bauern erziehen wollte, ohne sie selbständig werden zu lassen, ohne sie des Gefühls der Verantworllichkeit inne werden zu lassen, hat anstatt Bauern — Keine Rentiers erzogen, deren Arbeiten auf dem Felde Araber verrichten. Es ist vorgekommen, daß ein Kolonist 80 000 Franken dem Baron schuldete. . . . Tiefe sinnlose Mißwirtschaft ist Gott sei Dank in den galiläischen Dörfern nicht eingerissen; bieten diese Dörfer äußerlich keine so prachtvolle Anblicke, wie die ersteren, so sind dafür darin wirkliche jüdische Bauern zu Hause, die fleißig mit Weib und Kind alle Arbeiten verrichten. Der Referent erwähnt ferner in scharfer Kritik die Mißstände der „Chaluka". Dadurch, daß Chaluka - Nehmer zugleich die Vertellung derselben in Händen haben, kommt es, daß notorisch Wohlhabende mit großen Beträgen bedacht werden, während die wirllich Bedürftigen darben, so erhalten die armen bucharischen Juden überhaupt gar nichts. ... - Zum Schluß folgt eine Besprechung der Unzulänglichkeit der derzeitigen Verwaltung in Palästina. Krasse Beispiele hierfür sind, daß wenn z. B. die jüd. Bauern einen Sumpf austrockcnen wollen, oder eine Brücke ausbessern, was doch die Ausgabe der Regierung wäre, sic um die Erlaubnis hierzu zu erhallen — Backschisch geben müssen . . . Ueberhaupt, wenn man in Pcftästina eine scchrbarc Straße, eine sichere Brücke sieht, so kann man überzeugt sein, r frankfurter Israelitisches Familienblatt. daß — ein jüdisches Dorf in der Nähe sei. Wenn diese Uebclständc nicht wären, könnte man um Vieles billiger kolonisieren, darum hat der Zionismus es ausgesprochen, daß nur dann das Gelingen einer Aroßkolonisation gesichert sein wird, wenn die Selbstverwaltung gesichert ist. Dies ist das Ziel, für dessen Erreichung die zionistische Partei ihre gesamte Kraft cinsetzt. Allseitigcr Beifall lohnte den Redner. B. (Nachdruck verboten.) SeuiMon „Die Kronenberg's." Erzählung von B. Leiser. (Fortsetzung.) Größere Gegensätze als die verstorbene und die jetzige Frau konnte cs nicht geben! So innig und fest jene mit ihrer Häuslichkeit, init ihrer Familie und den großen Interessen ihres Mannes verknüpft gewesen, ebenso sehr war die heutige Herrin der Welt und ihren Vergnügungen, dem rauschenden Treiben da draußen ergebe». Und so sehr ihr Gatte ein derartiges Leben verabscheute, er konnte sich ihm nicht gänzlich entziehen. Er war an ein friedliches, inniges Familienleben gewöhnt und haßte häusliche Szenen und Auftritte. So lösten sich denn unmerllich die Bande der Freundschaft, die hüben und drüben geknüpft worden waren. Niemals kam die schöne, elegante Frau Kronenberg bis an das trennende Gitter im Garten. Manchmal flog sie wohl wie ein Wirbelwind in ihrer Equipage auf der Straße dahin, an der auch die großen Miethäuser standen, oder sie lenkte geschickt ihren hohen Ponnywagen vorüber, niemals aber betrat sie das Haus, in welchem die erste Frau so oft und gern verkehrte. . . . Es gab auch ein Kind in dein prächtigen Hause außer dem etwa neunzehn Jahre zählenden Sohne aus erster Ehe, ein reizendes, kleines Mädchen, äußerlich das Ebenbild der schönen, stolzen Mutter. Die kleine Elisabeth wagte sich schon eher in die. Nähe der scheidenden Eisenwand, um mit bewundernden, sehnsüchtigen Augen in den Nachbarhof zu blicken, wo sehr oft die beinahe erwachsene Judith Leviton mit ihrem Brüderchen um die Wette tollte. Hinüber aber durfte sie nicht! Strenger als das trennende Gitter schied sie der Wille der schönen Mutter von den Nachbarskindern. Einmal aber, als die Erzieherin, die fast immer um die Kleine war, sich außer Sehweite befand, — die Mutter brauchte sie direkt nicht zu fürchten, die sah sie fast nur bei den Mahlzeiten, — hatte die kleine Elisabeth mit Judiths Hilfe cs gewagt, ungeachtet, ihres prachtvollen Kleidchens, hinüberzuklettern. Und sie vergnügte sich auf dem spärlich bewachsenen Grasplatz unter der ehrwürdig alten Linde so köstlich, daß es Judith.Mühe kostete, sie hinüberznbefördern, als die Erzieherin wieder auf der Bildfläche erschien. Glücklichertveise bemerkten die kurzsichtigen Augen der Mademoiselle diesen Schritt vom Wege nicht. In der alten Linde rüttelt und schüttelt es. Hei, wie lustig es sich da oben sitzt auf dem schaukelnden, dicken Ast, ganz ungefährlich und so wonnig und leicht! Das rote Wollkleid ist vorsichtig zusammcngenommen. Ein paar schmale, zierliche Füßchen kommen zum Vorschein, die graziös auf- und abwippen. Zuweilen taucht ein Köpfchen aus, dessen Haar in der Sonne flimmert im warmen Glanz tizianischer Frauenköpfe, und tiefblaue, dunkelbewimpertc Augen lugen vorsichtig in den jenseitigen Garten hinaus . . . „Judith, Judith," erklingt es abermals. Vorsichtig, heftig forschend wird dieses Mal der Name gerufen. „Judith, hören Sie mich?" Das junge, noch sehr junge Mädchen lehnte den Kopf an den Stamnr der Linde und blickte durch die Zweige hinunter. Drüben, jenseits des Eisengitters lag der älteste und einzige Erbe des reichen Herrn Kronenberg auf dem sein geschnittenen Rasen und blickte strahlend zu ihr enipor. Gut, daß die schöne, stolze Müller nicht sah, wie vertraut ber ühr ohnehin unsympathische Stiefsohn -mit der Tochter eines Angestellten verkehrte. Es hätte eine böse Szene gegeben. . . . „Judith, hören Sie mich?" . . .. „Nun?" ... »Ich möchte Ihnen so gern etwas erzählen!" . . „Also bitte!" . . . Ihre Hand griff spielend in das grüne Laubdach, während sie lächelnd auf den müßig unten Ruhenden blickte ... „Ich habe Sie furchtbar lieb, Judith!" . . . „Das weiß ich schon lange. Sonst nichts?" . . . Wie spaßig, haß er ihr diese Tatsache so geheimnisvoll heute anzuvertrauen gedachte! Wie lange war cs, daß sie instinktiv gefühlt, daß er sic gern, mochte! Seit dem Tage, da er, ein zehnjähriger Junge, dort im schwarzen, spitzenbcsetzten Sammetanzuge, verlegen grüßend, am Gitter stand und mll verhaltenem Atem und leuchtenden Augen zusah, wie sie zierlich und flink den Baum hinaufkletterte. Während er ihre Elastizität und Gewandtheit anstaunte, waren ihre unerfahrenen Kinderaugen förmlich geblendet; Nr. 34. durch die Eleganz seiner Kleidung. Und so blieben sie eine Weile stumm einander betrachtend. Endlich hatte sic ihn gefragt, wie er denn heiße? „Sigismund." Darauf ein lautes Lachen, ein Lachen, das ihn entzückte und zugleich verletzte. Wie man nur Sigismund heißen könne, das sei doch ein zu sonderbarer Name! Es wollte ihm gar nicht einleuchten, daß es so überaus seltsam sei, Sigismund zu heißen- Allerdings Judith war, das umßte er zugeben, ein ungleich feinerer Name. Aber da Halle er eine Gegenfrage: Warum sie denn so große Schuhe trage? Das war nun für sic ein erschreckender Wissensdurst. Sic wußte _ gar nicht, was sie antworten sollte. Denn bis zu dieser Stunde waren ihr ihre Schuhe weder plump noch groß erschienen. Niemals hatte sie daran gedacht, daß sie wohl anders sein könnten. Daß die vorsorglichste aller Mütter und deren weiser Schuster sie auf ein rapides Wachstum berechnet hatten, konnte sie nur schwach ahnen. Sie ließ also feine Frage unbeantwortet, erllärte ihm aber, daß er, trotzdem er Sigismund heiße, ihr ausnehmend gefalle und von diesem Tage an datierte ihre Freundschaft. . . „Also Sic wissen es schon lange. Sie böses Mädchen? Aber Sic machen sich leider nichts daraus!" . . Er senkte den Kopf und pflückte einige Gräser. Nun flogen ein paar Stachelfrüchte in wohlgezieltem Wurfe auf das gesenkte Haupt des unten Liegenden. „Judith!" „Was wollen Sie nun schon wieder?" . . . „Sie sollen mir sagen, ob Sic mich auch gern haben!" ... Sie lachte laut und übermütig. „Wozu soll ich das, Herr Kronenberg? Wenn ich das nur wüßte!" „Wenn ich Ihnen nun erkläre, daß ich.Sie wirllich und wahrhaftig liebe, daß Sie später einmal meine kleine Frau werden sollen, sagen Sie es dann?" . . (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Cheiderkinder. Novelle ans dent Emigrantenlebett von S. Schachnowitz, Endingen (Schweiz). (Fortsetzung.) Es war ein Schmerzensschrei, wie ihn auch der auf diesem Gebiete viclerfahrenc Jakir nur selten gehört. Er sah das Mädchen an. Sie stand leichenblaß da und starrte mit verstörten uitd fassungslose» Blicken ihre Umgebung an, als hätte sie ein jäher Blitz getroffen ititb der Sinne beraubt. Da regte sich auch in der zähen Brust des Grenzagenten etwas Menschliches. Er hatte das Gefiihl, als hätte er mit plumper Hand etwas Unheilvolles angestellt. In seinem Bestreben aber, den plumpen Schlag zu mildern, wurde er, wie gewöhnlich in solchen Fällen, ohne sich dessen bewußt zu sein, noch plumper. „Ich kann es in der Tat nicht begreifen" — sagte er. — „Von diesem alten Gaulom, dein Jankel, war es ja nicht anders zu erwarten. Aber dieser flotte und resolute junge Mann. Wie verliert denn ein solcher sobald den Kopf? Wie, sage einmal Peter, war denn das eigentlich zugegangen?" Aber Peter konnte mit. dem besten Willen keine 'genaue Auskunft über diesen Punkt geben. Und zum Lügen mangelte es ihm an Phantasie. Rahe! kam inzwischen etwas zur klaren. Besinnung. „Aber wie ist denn dies möglich?" — brachte sie mit erstickter Stimme heraus. — „Wir sind ja zugleich hinüber? Wir haben ja sogar noch gesprochen; es war sicher auf dieser Seite." „Ja, da weiß ich nichts zu sagen!" — beteuerte Jakir und spielte ivciter. „Aber" — fuhr Rahel bebend fort — „es liegt gewiß ein Irrtum vor. Er ist ja mit mir zugleich hcrübergekommen" „Ein Irrtum!" — meinte der Agent wieder ganz gleichgiltig gestimmt — „solche Jrrtümer haben tvir hier täglich, Fräulein. Wer nicht , zeitig mit rüber kommt, bleibt halt drüben." Diese vernichtende Gleichgiltigkeit und Kälte trafen Rahel wie ein schwerer Hammerschlag auf die Brust und eiligst, als könnte jede Sekunde ihres Hierbleibens das Unglück vergrößern, lief sie zur Tür hinaus. Wohin? Da stand plötzlich im Hausflure Rosa vor ihr. Der Anblick des guten Mädchens erfüllte Rahel mit einein unaussaglichen Weh, mit einer Art von Beklommenheit, die ihr das Herz zerdrücken wollte. Sie empfand Scham und Milleid; sie schämte sich vor ihrer Pflegerin, die sie in ihr vermeintliches Glück, in ihren Selbstbetrug cingeführt; sie empfand Mitleid mit sich selber und brach in Tränen ans. Auch in den Augen Rosa's perlten zwei große Tränen, aber sie weinte nicht- „Wo wollen Sie denn hin, Fräulein? fragte sie. „Wohin? Da liegt ganz gewiß, Fräulein Robenscheiu ein Irrtum vor, oder ein anderes Unglück" — sagte Rahel mit vor Tränen halberstickter Stimme — »Ich will mich nun an der Grenze etwas umsehen." „Da geben Sie acht, daß Sie sich nicht auf russischen Boden wieder verlaufen. Oder" — fügte Rosa kurz entschlossen zu — „warten Sie einen Augenblick. Ich lege nur das Tuch um und gehe dann mll Ihnen!" Tie beiden Damen gingen am deutschen Zollamte vorbei direkt bis zur Grenzbrücke. Da war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.