Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 1 (1902-1903)
- Issue
- Heft 34 (26.6.1903)
- Date
- 1903-06-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2. Schulaustritt keineswegs vollendet ist, ja daß es, wie mir scheinen will, fast noch wertvoller und bedeutsamer ist, ein aufmertsames Auge auf die Jugend in den Jahren zu haben, in denen sie sich frei und selbständig zu bewegen beginnt und dann im erwachenden Hochbewußtsein des eigenen Jchs gar. oft nur zu gerne abschüttelt, was ihr drückendes Joch dünkt. Man hat deshalb für die Dauer der Lehrzeit den schulentwachsenen Knaben noch Verpflegung nnd Wohnung gewährt, letztere bisher allerdings in ermieteten Räumen. Jetzt wird das anders, jetzt sind sie getrennt von den „Schulbuben" und doch vereinigt. Freilich, Trennung muß sein; nicht nur bei Tisch, sondern auch bei Arbeft und Schlaf. Me Interessensphäre wird ja allmählich eine ander«, — größere, weitere — ob immer „reinere nnd reichere"? . . Darum haben auch die „Kleinen", deren Zahl natürlich weit übcrwiegt; ihren besonderen Arbeitssaal, die „Großen" desgleichen. Doch das Auge des Gesetzes wacht — der Herr Verwalter überschaut Große und Kleine. ' Wird er vielleicht gar vor Tisch oder nach dem Spaziergang noch Generalmusterung halten? Wird, er wohl da den Wildfang rügen, weil er seine Garderobe in dem Raum, der so gut gelegen ist, unordentlich ausgkchängt hat? Oder den lässigen Trägen strafen, der seine Stiefel nicht blank genug geputzt hat? Kinder, ich kann euch nicht helfen, Ordnung muß sein und bequem habt ihrs reichlich, wo ihr unten jeder euer besonderes Stiefelgefach habt! Du neugieriger Beuget dort mußt auch die' Nase überall haben! Fall' mir >tiur nicht in einen von den mächtigen Kesseln in der? Waschküche! Und streng' Deine schwachen Aermchen nicht umsonst an, um in dem Fleischkühlraum die Deckel der großen Schränke zu heben. Und die Vorratskammer geht Dich nun gar nichts an. Du Grünschnabel, wenn auch Grünes genug drin liegt! Aha, der Heizraum, der lockt Dich besonders, wenn Dir auch die 'Dunkelheit drin nicht ganz geheuer vorkommt! Den Regulator nmß Du doch betasten und das Barometer bestaunen und die selbsttätige Notpfeife bewundern, die bei Ueberhitzung durch die großartige Niederdruckheizung sofort Warnsignal giebt! Marsch jetzt. Du hast Mch lange genug Herumgetrieben! Sonst — sonst wandern wir in den Karzer, mein lieber Zunge, wenn er auch im dritten Stock liegt- Aber vorher schauen wir uns noch ein wenig im zweiten Stock um. Sie können mitgehen, mein Herr, denn wahrlich, er ist^ehenswert. 58 weiße Waschbecken mit Ausguß prangen an der Wand, jedes einzelne mit warmer und kalter Leitung, und auch einen besonderen Leinen Wandschrank hat jeder Junge! Hier die Schlafsäle, 5 an der Zahl, mit etwa 50 neuen weißgestrichenen Betten und Bettchen, die vor Sauberkeit förmlich leuchten! Das Herz geht Ihnen auf und Sie strahlen vor Freude über all' die Lieblichkeit, Reinlichkeit und Annehmlichkeit, die man den Waisen bereitet! Ja, Sie strahlen darob mit gutem Recht! Aber ich sehe einen Leinen Zug der Verwunderung, fast des Mißbehagens sich hinein stehlen? Was bedeutet das? Ach so. Sie sind ängstlich, daß die Knaben morgens beim Aufwachen sofort zu ihren Waschbecken laufen, die mehr als vier Ellen von den Betten entfernt sind, obgleich die religiöse Vorschrift das ausdrücklich verbietet? Getrost, mein Herr, hier ist ein jüdisches Waisenhaus, in dem nichts verletzt wird, wir werden schon Karaffen mit Wasser in die Nähe der Betten stellen. Hier ist ein jüdisches Waisenhaus! Wollen Sie davon mehr Beweise? Betrachten Sie einmal die Synagoge im ersten Stock, die ein Schmuckkasten zu werden verspricht. Oder das Bibliothekszimmer mit den schönen Sforimschränken. Oder den lichten, fteundlichen Festsaal, in dem sichs z. B. am Chanukka so herrlich feiern läßt. Hei, wenn erst das alles elektrisch strahlt! Einstweilen müssen wir uns ja mit Gasbeleuchtung begnügen, bis der elektrische Strom hierhergeleitet ist, doch die Vorrichtungen sind für alle Fälle heute schon da. Und jetzt rasch hier im dritten Stock noch eine Perle unseres jüdischen Waisenhauses: die SuLoh! Ah, welche Pracht, rufen «Ae aus! Wie hoch, wie hell, wie schmuck ausgestattet! Und brauchbar bis in die Ecken! Ja, wir sind auch stolz aus unseren Bau, stolz auf das, was ich Ihnen gezeigt und nicht gezeigt habe, so auf die Bäder mit den Douchen, auf den großen Garten, aus die Krankenzimmer, die wundervollen Trockenböden, auf die Prachtwohnung unseres Verwalters! Aber stolzer noch und inniger beftiedigt und beglückt müssen die edlen Spenderinnen sein. Ihrer wollen wir ui tiefster Dankbarkeft uns erinnern und wollen es uns zum Ziele machen, den Geist, in dessen Zeichen das Haus erbaut wurde, den Geist Wilhelm Carl von Rothschilds immerdar hier walten zu lassen, wollen mit aller Kraft und Selbstverleugnung dahin zu streben trachten: sittlich reine Menschen und ganze Jehudim zu erziehen! Dazu uröge uns des Mlmächtigen Beistand werden! Das fünfzigjährige Jubiläum der Synagoge zu Ziegenham, Reg.-Bez. Caffel, am 21. Juni 1993. Bo» Lehrer Höxter-Jesberg. Anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens obengenannten Gotteshauses hatte die Gemeinde zuZiegen- Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Hain beschlossen, die Wiederkehr des Tages würdig zu begehen, das. Jubelkind, das h. Gotteshaus dementsprechend in ein neues Gewand zu werfen, hatte doch dazu eine Famllie Stern ini serueu Amerika, Ziegenhaiu entstammend, einen namhaften Betrag gespendet. Die Vorbereitungen für den Festtag hatten den gewünschten Erfolg und bald eine große Anzahl Festtellnehmer herangerusen. Unentgeltliche Eintrittskarten, eine Vorsichtsmaßregel, die der Ueberfüllung vorbeugte, verschafften dem Besucher der aufs prächtigsten geschmückte» Synagoge herrliche Stunden. Punkt 3 Uhr, nachdem Herr Landrat v. Schwertzel, der Magistrat und sämtliche Stadtverordnete, viele Beamte und Bürger, eingetreten waren, begann ein Präludium der Lange'schcn Kapelle unter Mrigie des Herrn Lehrer Strauß, der mit dem Synagogenchor zu Marburg erschienen war. Es folgte 2) Psalm 113, Gemeindegesang. 3) Psalm 116, Vers 12—19 und Psalm 117. Vorbeter (Herr Lehrer Strauß-Marburg) und Chor. Nachdem die' Klänge des Haudu in. der Chanukamelodie vorgetragen, verrauscht, bestieg Se. Ehrwürden Herr Provinzialrabbiner Dr. Munk- Marburg die Kanzel, um in meisterhafter nach Form und Inhalt gleichbedeutender Weise die Festprcdigt zu halten. Chanukaklänge, so führte Redner aus, waren es, die Ihr eben vernommen, ein Chanukafcst ist es, welches heute die Gemeinde Ziegenhain begeht, aber im Gegensatz zu jenen tapferen Makkabäern, die den Tempel zu Jerusalem, nachdem er Dezennien hindurch in heidnischem Besitz gewesen, wieder aufs Neue einweihten. Ein fünfzigjähriges Jubiläum, eine Restaurierung gab hier den Anlaß zu dem Feste. So ziemt es sich, einen Blick in die Vergangenheit und Zukunft zu werfen. Am heutigen Tage steigt das Bild Eurer Eltern vor Euerem geistigen Auge auf, wie sie Euch als kleine Kinder mit hierhergenommen, wie Ihr als Barmizwa in die Glieder der Gemeinde cingereiht wurdet. Hier ist die Stätte, wo Gott Lob, Preis und Dank wird, es ist das Bes hakneses in Tagen der Freude, wie der Trauer. Hier ist die Stätte, wo Euch gelehrt wird: „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst", wo Dir gesagt wird: „Die Dich drücken, sollst Du nicht wieder drücken," „Du sollst lieben den Fremdling, denjenigen, bei dem Du als Fremdling betrachtet wirst, in Deinein Vaterlande," „Du sollst kein zweierlei Maß haben deulenigen gegenüber, die bei Dir zweierlei Maß anwenden," hier ist wo Euch Eintracht,' Friede, Verträglichkeit, Einigkeit gelehrt wird, die flüchtigen Stunden des Gebetes sind nichts: gleich dem Baum, der Blüte, dem Strom, der die Auen tränkt, gleich dem Gesang des Vogels, dem Planetenheer, die das Lob des Schöpfers verkünde», seit auch Ihr dazu berufen, den Gottesgedanken, den Ihr hier empfanget, hinauszutragen. Auf Deinem Wandel begleite sie Dich die Lehre, auf jedem «schritt und Tritt, wenn Du sitzest in Deinem Hause, wenn Du gehest auf dem Wege, wenn Du Dich niederlegst und wicderaufstehest; die Fenster im Tempel zu Jerusalem waren von innen klein, von außen groß, damit das Licht, das von innen kommt sich draußen verbreite, das sei auch Dir ein Symbol, das Licht, die Lehren, die Du hier empfängst, die sollst Du hinaustragcu auf den Markiges Lebens, daß sie sich hier verbreiten zum Wohle der Menschheit, so erfüllst Du Deine Aufgabe als Sendbote der Göttlichkeit.. Das waren nur einzelne Gedanken einer von Herzen kommenden und zu Herzen gehenden Rede, das waren Worte, die umsomehr Tank und Anerkennung verdienen, als sie den Wert und den Nutzen so mancher in den Tagen des Wahlkampfes gehaltenen Reden, die vom starren Egoismus diktiert, so recht zu kennzeichnen wissen. Ich glaube, daß der Hörer der Munk'schen Rede unwillkürlich diese Parallele gezogen hat. Zum Schluß erflehte der Redner Gottes Segen über die Gemeinde und alle ihre Institutionen, über die, die zur Verherrlichung des Gotteshauses beigetragen, über den Vertreter der Kgl. Regierung, die Stadtbehörde, über alle Glieder der Menschheit. (Eine diesbezügliche Anregung, .daß der Herr Redner eine Rede, die. verdient, die weiteste. Verbreitung zu finden, dem Drucke übergiebt, dürfte wohl genügen.) Nun folgt 5) Psalm 24, Vers 7—10, dann 6) Gebet für den Landesvater durch Herrn Lehrer Dillof vorgetragen, zu 7) als Schlußgesang die Keduschah, von Herrn Strauß und dem Synagogenchor meisterhaft vor- Strauß und den« Synagogenchor meisterhaft vorgegetragen, auf alle Zuhörer überwältigend einwirkend. Nach dem Gottesdienst fand bis 7 Uhr Konzert statt, und damit auch die Jugend zu ihrem Rechte kam, um 9 Uhr Abends Ball. Alle Besucher des schönen Festes haben schöne Stunden verlebt, wozu aber am meisten der Synagogenchor zu Marburg und sein bewährter Dirigent beigetragen haben, die unentgeltlich ihre Kraft in den Dienst der guten Sache gestellt haben. An dieser Stelle sei Allen nochmals herzlichster Dank. Zu unserem Bilde! Es ist das Gefühl der Dankbarkeit, das uns veranlaßt, die 'Photographien der beiden bedeutendsten Schriftsteller Rußlands, des Grafen Leo Tolstoi und Maxim Gorkij's, zu bringen. Bel jener traurigen. Nr. 34. mit dem Willen der russischen Regierung angestisteten Katastrophe, durch die jüngst die Gemüter der ganzen zivilisierten Welt in Aufruhr gebracht worden, sind, waren es diese beiden Männer, die kotz ihres russischen Herzens sich die echte Menschenwürde zu wahren wußten, indem sie mit kraftvoller Freimütigkeit ihr vernichtendes Urteil über die geschehenen Greueltaten ällten und ihrer Sympathie für die unglücklichen Opfer Ausdruck gaben. __ Aus aller Welt. Deutschland. Wiesbaden. In seltener Rüstigkeit begingen Herr Jacob deJong e.Vorsitzender des Vorstands der Kölner Synagogen-Gemeinde, und seine Frau Gemahlin am Montag, den 16. Juni, das Fest der goldenen Hochzeit. Die Kölner Gemeinde hatte zu diesem Ehrentage des hochgeachteten Paares eine Abordnung nach Wiesbaden gesandt, die eine prächtige künstlerisch ausgeführte Adresse überreichte. Köln a. Rh. Auf einem zwischen der Otto- Nußbaumer- und Vorortsringsttaße gelegenen Flächenraum von 21500 gm wird demnächst mit dem Neubmi des Jsral. Asyls für Kranke und Altersschwache begonnen werden. Köln. Am 28. Mai, abends 9 Uhr, fand in der Nheinlandloge die ordentliche Mitgliederversammlung des Vereins für jüd. Krankenpflegerinnen statt. Vor Einkitt in die Tagesordnung gedenkt der Vorsitzende Herr Dr. B. Auerbach der leider zu ftüh verstorbenen Vorstandsmitglieder, der Herren Ph. Neckarsulmer und Fritz Rothschild, die in aufopfernder Tätigkett sich stets niit Herz und Hand des Vereines angenommen haben. Herr Neckarsulmer hat letzttvillig dem Pensionsfond 10 000 Mark vermacht; von den Angehörigen des Herrn Rothschild wurde demselben Fond 1500 Mk. überwiesen. Die Anwesenden erhoben sich zu Ehren der Verstorbenen. Der Vorsitzende erstattete alsdann einen 'ausführlichen.Vereinsbericht. Nach Verlesung des Kassenberichtes, der von den Rechnungsprüfern als richtig befunden worden ist, wird dem Vorstand Entlastung erteilt. Die bisherigen Rechnungsprüfer, die Herren Titus Baer und Jacob Sttauß. wurden für 1903 wiedergewählt. Für den verstorbenen Herrn F. Rothschild wird als Mitglied des Vorstandes Herr Simon Herzbach gewählt, der das Amt des Schatzmeisters übernimnit. Der Vorsitzende spricht Herrn I. Strauß den wärmsten Dank aus für das rege Jnterepe, das er dem Verein entgegengebracht und durch die Werbung zahlreicher neuer Mitglieder bekundet hat. Auf eine Anfrage aus der Versammlung nach den für die Privatpflege verfügbaren Schwestern erwiderte der Vorsitzende, daß eine ausgebildete Pflegerin wegen Heirat aus dem Verein ausgeketen, eine zweite wegen schwerer Erkankung ihrer Mutter auf unbestimmte Zeit beurlaubt worden sei und dadurch die Zahl der Schwestern für die Pflege in Familien sich auf 5 vermindert habe; naturgemäß sei der Verein mit diesen Straften noch nicht in der Lage, allen an ihn von hier und auswärts gestellten Anforderungen zu entsprechen. Bei der Entsendung von Schwestern werde immer die Reihenfolge der Anmeldung und die Schwere der Krankheitsfälle in Rechnung gezogen. Die bisherige fortschreitende Entwickelung des Vereins lasse eine stetige Zunahme der Zahl der Pflegerinnen erhoffen. München. Eine antisemitischeZeitung in München. Die verhältnismäßig große Stimmenzahl, die bei der Reichstagswahl auf den antisemitischen Kandidaten fiel, soll eine der christlich-sozialen (äntisemittschen) Partei geneigte Persönlichkeit veranlaßt haben, die zurUmwandlungdes antisemitischenDeutschen Vollsblattes in ein Tägblatt größeren Stils erforderliche Summe zur Verfügung zu stellen. Der bisherige Herausgeber des Deutschen Vollsblattes Wenn« soll wegen Uebernahme dieser Neugründung seine bisherige Stellung im Bund der Landwirte aufgeben. München. Festkommers der christlichsozialenVereinigung. Zum möglichst kräftigen Abschluß der Wahlbewegung, haben sich die Christlichsozialen die Wiener christlich-sozialen Führer und Abgeordneten Schneider und Bielohlawek als Assistenz verschrieben. .Ihnen zu Ehren fand am Montag in den Zenttalsälen ein Festkommers statt. Nach Eröffnungs- und Begrüßungsansprachen Glasermeister Wagners und Redakteur Wenngs überbrachte Abg. Schneider den »Segen" des Wiener Bürgermeisters Dr. Lueger für die Münchener Antisemiten und gab dann einen Rückblick über die Entwickelung der Wiener christlich-sozialen Herrlichkeit. Abg. Bielohlawek, gekommen »als Helfer im Skeit", sprach in ungemein »saftiger" Rede über das Judentum und dessen »Schutztruppen", als da angeblich sind Liberalismus, dessen uneheliche Tochter die Sozialdemokratie u. s. w. Recht glimpflich behandelte er begreiflicherweise das Cenkum. Nach dem üblichen Sermon an die Frauen schloß der Redner mit einem schwülstigen Appell zur energischen Wahlarbeit und dem Rufe: »Nieder mit den Juden I" Minutenlanger, tosender Beifall lohnte den Redner. Der Bereinigungsvorsitzende meinte nach kurzen Dankeswotten an den Redner, es dürfte heut genug geschehen sein, nun solle die Fidelitas in ihre Rechte treten, hatte aber die Rechnung ohne Professor Schnepper gemacht, der in endlos langer, phrasenreicher Rede Ziele und Zwecke derchristlich-sozialen Bewegung wiederholl Hartegte. ^Endlich.war auch das übersüuden und die zahlreichen Teilnehmer und Teil-