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Jüdische Rundschau · 1930-10-10 · Heft 79-80 (10.10.1930) · page 6

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Journal
Jüdische Rundschau
Volume
XXXV (1930)
Issue
Heft 79-80 (10.10.1930)
Date
1930-10-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 518 JUEDISCHE RUNDSCHAU Nr. 70/80, 10.X. 1930 Jüdische Siegfriedstellung ״Bindet den Helm fester!" In Nr. 39 der C.-V.-Zeitung vom 26. September d. J. nimmt Ludwig Hollaender, der Direktor des Central- Vereins, zu den Ergebnissen der Reichstagswahlen Stellung. Man muß in seinen Ausführungen die maßgebliche Aeußerung des Central-Vereins erblicken und darum wollen wir im nachstehenden auf den Aufsatz von Hollaender eingehen, der als Mensch auch in unseren Kreisen Freunde besitzt. Der erste Teil von Hollaenders Ausführungen versucht zu erklären, auf welche Weise die großen Erfolge der National- Sozialisten möglich geworden sind. Hollaender stellt wieder einmal das fest, was von vielen Seiten gesagt wurde und im Grunde genommen unerheblich ist, daß nicht alle Wähler der nationalsozialistischen Liste Antisemiten sind. Wir haben bereits dazu bemerkt, daß diese Feststellung am Problem vorbeigeht. Die 61/2 Millionen nationalsozialistischer Wähler haben Frick, Goebbels und Münchmeyer durch ihren Stimmzettel Vollmacht erteilt und die Vollmachtträger sind waschechte Rasseantisemiten, die aus tausend Gründen in ihrem parlamentarischen und sonstigen politischen Wirken auf die Betätigung des radikalsten Antisemitismus schon darum nicht verzichten werden, weil ihnen auf allen anderen Gebieten ihrer Politik, außenpolitisch, wirtschaftpolitisch usw., Erfolge versagt bleiben müssen. Ueberdies sind nicht nur die National- Sozialisten geneigt, in den Parlamenten judenfeindliche Politik zu machen. Die Deutschnationalen, die Konservativen, das Landvolk, viele Wirtschaftsparteiler und auch manche Volksparteiler, desgleichen die aus der Staatspartei ausgesc'iicdcnen Jungdo-Abgeordneten werden sicherlich den Nationalsozialisten keinen Widerstand gerade in deren antisemitisehen Politik entgegensetzen. Sie werden vielmehr entweder ganz offen oder stillschweigend gerade diesen Teil des nationalsozialistischen Programms unterstützen. Die Hollaendersehen Feststellungen scheinen überhaupt von der irrtümlichen Ansicht auszugehen, als ob die Reichstagswahlen für die deutschen Juden eine neue Situation geschaffen hätten. Das ist nicht der Fall. Sie haben bloß einen bestehenden, von uns stets als vorhanden bezeichneten Zustand entschleiert. Darum ist der Teil des Aufsatzes von Hollaender, der sich mit der Erklärung der nationalsozialistischen Erfolge beschäftigt, nichts anderes als ein Versuch, die Armut aus der Pauvertd zu erklären. Hollaender muß auf Grund des von ihm unentwegt verfochtenen Programmes an der Tatsache Vorbeigehen, daß die Juden in der Diaspora leben. Diese aber ist eine Krankheit — und auch die mildeste Krankheit ist keine Gesundheit. Im Schlußteile seines Aufsatzes drängt sich Hollaender, wte er erklärt, eine peinliche Bemerkung auf. Er schreibt: ״Es wird jetzt von jüdischnationaler Seite betont, die Frage der Ueberwindung der Nationalsozialisten durch die deutschen Juden sei vom Schicksal der Gesamtjudenheit nicht abzutrennen. Es sei zweifelhaft, ob die Arbeit überhaupt notwendig, ob sie möglich sei. In jedem Falle könne die Judenfrage im Galuth nicht gelöst werden. Die Methoden des Kampfes gegen den Nationalsozialismus müßten von Grund auf geändert werden.“ Schon dieses Zitat beweist, daß wir an Direktor Hollaender und am Central-Verein leider noch itfimer vorbeireden. Das Um und Auf der Judenfrage ist für zur jüdischen Gemeinschaft. Für uns ist das Wesen der Judenfrage letzten Endes eine innere jüdische Angelegenheit. Die Situation der Juden wird durch die Feindschaft der Umwelt erschwert oder durch ein günstiges Verhalten gemildert. Die Entscheidung bei einer Aenderung der anormalen Situation der jüdischen Gesamtheit liegt bei den Juden selbst, ln diesem Zusammenhange sei noch auf einen Umstand hingewiesen: Herr Hollaender fragt, ob die Zionisten verlangen, daß ״sich die Juden in Deutschland als eine Art nationaler Minderheit fühlen“ sollen. Diese Fragestellung ist abwegig. Es kommt nicht darauf an, als was sich die Juden fühlen und wie sie sich bezeichnen, der Kern des Problems Hegt darin, was die Juden sind. Tatsache bleibt, daß die Juden eine erkennbare, unterscheidbare und leicht angreifbare Gemeinschaft darstellen, die im Verhältnis zur Umwelt eine Minderheit ist. Und ob wir als Juden nun eine Minderheit nationaler oder konfessioneller Art oder eine eines bestimmten Lebensstiles sind, ist belanglos. Niemals haben wir Zionisten in Deutschland nationale Minderheitsrechte für uns in Anspruch genommen, die in irgendwelcher Form einen Niederschlag in der Gesetzgebung oder in der Verwaltungspraxis zu finden hätten. Wir haben nur stets darauf hingewiesen, daß wir aus historisehen Gründen und durch den Druck der Umwelt eine Einheit bilden, die Eigenleben besitzt und auf Grund dieses Eigenlebens eine ganze Reihe von Funktionen erfüllt, die nur autonom geübt werden können und die nicht immer nur auf dem Gebiete des gesonderten religiösen Bekenntnisses liegen. Wir haben es bereits mehrfach in der ״Jüdischen Rundschau״ zum Ausdruck gebracht, daß auch wir nicht in der Lage gewesen wären, das Schicksal der deutschen Judenheit so entscheidend zu ändern, daß derartige Erfolge, wie die Nationalsozialisten sie errungen haben, unmöglich geworden wären. Es ist richtig, daß wir sowohl mit dem Wesen wie auch mit den Methoden der Abwehrarbeit, wie sie im Central- Verein, dem Geiste und den Mitteln nach, jahrzehntelang getrieben wurde, nicht einverstanden sind, vor allem aus dem Grunde, weil dieser Geist stets bemüht war, die Juden in Deutschland über ihre wahre Situation hinwegzutrösten. Diese Arbeit ging von der Voraussetzung aus, daß mm vollendeten jüdischen Glücke in Deutschland nur eines gehört: das Verschwinden des Antisemitismus. Wir aber sind der Ansicht, daß Diasporadasein und Antisemitismus unlösbar zusammenhängen. Darum hat der Ausgang der Reichstagswahlen auf uns und auf die Kreise um den Cenfral-Verein verschiedentlich wirken müssen. Der Central-Verein hat eine grundsitz• liehe Niederlage erlitten, wir dagegen sind von einem neuen Unglück in der Reihe der schweren Prüfungen wihrend unseres Diasporadaseins betroffen worden. Wer seine jüdische Betätigung im wesentlichen nur darin erblickt hat, sich zu verteidigen und den Judenhaß abzuwehren, muß naturnotwendig bei der Erkenntnis, daß diese mühevolle, kostspielige Arbeit (kostspielig: intellektuell, moralisch und materiell) Schiffbruch erlitten hat, verzweifeln. Wir aber haben neben unserer Betätigung, überall wo wir leben, also auch in Deutschland, noch eine positive Aufgabe verfolgt: den konstruktiven Aufbau eines jüdischen Volkstums, die Revolutionierung der jüdischen Oeister und als Spitzenleistung und sinnfälligen Ausdruck all dieser Bestrebungen den Palästinaaufbau. Darum sind wir im Kern unseres Wesens von Wecliselfällen in der Diaspora viel weniger berührt als solche jüdischen Kreise, deren Judentum sich vornehmlich in defensiver . Betätigung auswirkte. Mit einer aus der Rittersprache lierrührenden Wendung ״Bindet den Helm fester“ mahnt Hollaender zu einer Ver- Stärkung der C.-V.-Arbeit. Er befindet sich auf einem strategischen Rückzug und da bleibt denn nichts als die Durchhalteparole übrig. Krampfhaft verlangt er die Beibehaltung der so wenig bewährten Grundsätze der C.-V.-Abwehrarbeit. Er will in aller Zukunft den Schutz der deutschen Judenheit von einem Gesinnungsverein mit Methoden, die restlos versagt haben, gewahrt sehen. Er will neuen Illusionen entgegenziehen wie der der Verkuppelung von demokratischer Partei mit dem Jungdeutschen Orden, welche den Segen (und nicht nur den Segen!)' des Central-Vereins gefunden hat. Weser Durchhalte- Forderung ״Bindet den Helm fester“ setzen wir eine andere entgegen, die, was Juden gemäßer ist, der biblischen Sprache entnommen ist: ״Gürtet eure Lenden!“ zum Ausmarsch aus einer alten Ideologie, die jahrzehntelang das deutsche Judentum beherrscht hat, machet euch innerlich stark, werdet Volljuden, damit ihr, seelisch besser gerüstet, den Kampf mit der Umwelt bestehen und mit größerem Gleichmut unvermeidliehe Schicksalsschläge des Golus zu ertragen vermöget und arbeitet mit allen Kräften an der großen konstruktiven Aufgäbe mit, deren Verwirklichung allein imstande ist, alle Juden der Welt zusammenzuschließen und den wahren Klal Jisroel zu schaffen, dessen Organisierung die einzig sinnvolle Voraussetzung zu einer Wendung des jüdischen Volksschicksals und auch zu einer Beeinflussung der Situation der Judenheiten in den einzelnen Ländern der Welt ist. m. w. Sammelschrltt ״Hygiene and Jndentum“ Demnächst erscheint im Verlag von Jac. Sternlicht, Dresden-A. 1, ein Sammelwerk ״Hygiene und Judentum“, welches Beiträge von zahlreichen hervorragenden Aerzten und jüdisehen religiösen Führern enthält. (Preis 3 M.) In der ״Elnführung‘ schreibt Herausgeb., Ministerialrat H. Goslar, u. a.: ״Zwei Gesichtspunkte lagen im wesentlichen der Anlage dieser Sammelschrift zugrunde: Einmal zu zeigen, daß das Religionsgesetz auch in seinen als ״hygienisch“ empfundenen Teilen nicht rationalistisch gedeutet und bestenfalls als kluge Vorwegnähme — um Jahrtausende! —■ viel später erst zum Teil wissenschaftlich-empirisch auch begründeter Vorschriften anerkannt werden kann. Zu gewaltig ist dieser Geistesbau, um Menschenwerk sein zu können, zu riesenhaft seine Quadersteine, als daß sie mit den schwachen Werkzeugen aus menschlichem Arsenal hätten behauen werden können. In unlösbarer Verschlungenheit und engster innerer Verbundenheit sind Bestimmungen aus allen Gebieten, auf denen sich menschliches Leben betätigen kann, inelnandergewebt. Nirgends kann das Seziermesser des geschicktesten Anatomen der Kritik sie trennen, ohne den Bau des Ganzen, die erstrebte Gesamtwirkung zu gefährden. Nicht durch einzelne als ״hygienisch“ erkannte Teile allein wirkt das Gesetz lebensspendend, sondern in seiner Ganzheit, und niemals erscheint die körperliche Gesundheit allein Selbstzweck, sondern als ein Effekt. Ewig, überzeitlich, in die fernsten Entwicklungszonen der Menschheit hineinprojiziert, durchzittert vom warmen Lebenshauch des Schöpfers, umwittert vom Sturmwind der geistigen Bergeshöhen, wo die ganz großen Gedanken geboren werden, und doppelt geheiligt von den Meeresfluten ]üdischen Blutes, das in mehr als zweitausend Jahren um seinetwillen geflossen ist, steht das Gesetz da und bedart zu seiner sich zu ihm durch die Tat zu bekennen, es wieder zu leben. Und so das Zweite: Den Juden der Gegenwart kann nicht oft und nicht eindringlich genug vor Augen geführt werden, was sie an seelischen und für ihre geistige und körperliche Gesundheit bedeutsamen, unersetzbaren — und auch unersetzt gebliebenen — Werten eingebüßt haben, als sie ihren religiös-kulturellen Eigenbesitz im 19. Jahrhundert In dem ״Assimilation“ genannten großen Prozeß aufgegeben haben. Mit der Abkehr von dem ״Baum des Lebens“, wie das Gesetz sinnvoll und im tiefsten Grunde wahrheitsgemäß genannt wird, schwinden auch die Lebenskräfte des jüdischen Stammes. Alle noch erzielte Leistung von überragender Bedeutung zehrt nur noch aus dem Reservoir, das die Väter durch Hochzüchtung in hundert Generationen angelegt und in hohem Pegelstand erhalten hatten, das jetzt aber vor der Gefahr des Austrocknens steht. Der — von den besten Juden aller Gruppen und Richtungen — erstrebt seelische Gesundungsprozeß des deutschen und Weltjudentums kann nie das Resultat irgendwelcher Experimente, sondern nur Folge der Wiedervermählung modern jüdischen Geistes mit der lebensspendenden Atmosphäre des Gesetzes der Thora sein.“ Der Abschnitt ״Das Religionsgesetz als Grundlage“ enthält u. a. Beiträge von Oberrabbiner Dr. Joseph Carlebach, Altona (Religionsgesetz oder hygienische Vorschrift?), Gemeinderabbiner Dr. Felix Goldmann, Leipzig (Die hygienische Bedeutung des jüdischen Ritualgesetzes). Der Abschnitt ״Die Ausstrahhmgen des Gesetzes“ enthält u. a. Beiträge von Rabb. Julius Samuel, Oslo (Der Sabbat), Dr. med. E. Schlüssel, Berlin (Hygienische Auswirkungen der Beschneidung), Dr. med. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. (Von jüdischer Sexualhygiene), Dr. Else Rabin, Breslau (Sexualethische Prinzipien und jüdischer Volksgeist), Dr. Jacob Segall, Berlin (Die sozialhygienische Bedeutung der jüdischen Ehegesetzgebung), Dr. J. Kaliner, Spandau (Schächtvorschriften und Volkshygiene), Dr. Alfred Nossig, Berlin (Die jüdische Volkshygiene als Erzieherin zur seelischen Vervollkommnung), Rabb. Dr. Max Eschelbacher, Düsseldorf (Das Morgengebet und die geistige Gesundheit), Prof. Dr. A. Baginsky, Berlin (Dreieinhalb Jahrtausend alte und doch modernste Hygiene). Im Abschnitt ״Das talmudische Schrifttum als Quelle der Hygienevorschriften“ schreiben Rabb. Dr. Barnberger, Schönlanke, über ״Jahrtausende alte lebendige Weisheit“, Dr. Max Grunwald, Wien, über ״Biblische und talmudisehe Quellen jüdischer Eugenik“, Dr. med. Oskar Wolfsberg, Berlin, über ״Einiges über die Hygiene des Säuglings- und Klndesalters im Talmud“, Dr. W. Rappaport, Berlin, jnbt ״Bernerkungen“. Der Abschnitt ״Aus großer Vergangenheit“ enthält Beiträge von Ernestine Eschelbacher, Berlin (Die jüdische Frau als Mitarbeiterin in der Hygiene), Dr. Jacobsohn, Weidmannslust, Dr. Hermann Vogelstein, Sanitätsrat Dr. Simon Scherbel. Der Abschnitt ״Im Wandel der Zelten“ bringt Aufsätze von Dr. med. Felix A. Theilhaber, Berlin (Die Sterblichkeit des jüdischen Nachwuchses und die Geburtenfrage), Prof. Dr. W. Hanauer, Frankfurt a. M. (Die bevölkerungspolitische Lage der deutschen Juden), Dr. med. Saul Mezan, Sofia (Morbus judaicus, Versuch einer jüdischen Sozialpolitik). Der Abschnitt ״Praktische Hy- S'enearbeit. — Zukunftsaufgaben“ hat folgenden Inhalt: a) eutschland: 1. Die doppelte Wurzel der modernen jüdischen Sozialhygiene. Von Eugen Caspary, Leiter des Wohlfahrtswesens der Jüdischen Gemeinde. 2. Zedakah und Sozialversicherung. Von Dr. Georg Baum. 3. Einrichtungen und Aufgaben der Gesundheitsfürsorge der jüdischen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Von Frieda Weinreich, Berlin, b) Der Osten: 1. Die Grundlagen der Tätigkeit der Gesellschaften für Gesundheitsschutz der Juden ״Ose-Toz“. Von Dr. L. B.; 2. Neue Formen der Mädchenerziehung im jüdischen Osten. Von Eva Landsberg, Krakau, c) Das neue Palästina: 1. Die jüdischen sanitären Institutionen. Von Isi Eisner. 2. Der Gesundheitsstand der Juden Palästinas. Von Josef. Burg. 3. Die Heilquellen Palästinas. Von Sanitätsrat Dr, Lachmaan, Bad Laadeck. Wochenschau Die junge Ehe zwischen deutschdemokratischer Partei und dem Jungdo, die überraschend vor den Reichstagswahlen geschlossen wurde, ist in die Brüche gegangen. Die Jungdo- Leute sind offenbar durch den großen Erfolg der Nationalsozialisten, den diese nicht zuletzt ihrer antisemitischen Parole zu verdanken hatten, ihrer neuen judenversippten Verwandtschaft in der demokratischen Partei überdrüssig geworden. Sie suchten nach Vorwänden, die Mesalliance zu lösen. Der staatsparteiliche Landtagsabgeordnete in Braunschweig, ein Jungdomann, ermöglichte durch Stimmenthaltung eine nationalsozialistische Regierung, die Berliner Jungdoleute veranstalteten eine Versammlung, in der sie gegen neugewählte Abgeordnete der Staatspartei, Demokraten, schwerste Vorwürfe erhoben und einer der bekanntesten Jungdofiihrcr, Reichstagsabgeordneter Abel, propagierte im ״Jungdeutschen“ den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, d. h. das Verlassen der von Stresemann jahrelang geführten Verstaudigungspolltik. Unter solchen Umständen überraschte es nicht, daß Mahraun und die Seinen wieder zu ihren Jugendansichten eines romantischen asemitischen Nationalismus zurückgefunden haben und die ramponierte deutschdemokratische Partei verlassen, die, aus der rein nichtjüdischen Verwandt- Schaft ohne Abfindung hinausgedrängt, ihren Schaden bejammert. + Der regelmäßige antireligiöse Feldzug der Jewsektia anläßlich der jüdischen Feiertage in Rußland hat in diesem Jahre noch weniger Erfolg gehabt als in den vorangegangenen Jahren. Sowohl in Moskau wie in anderen Städten ließen sich die jüdischen Massen von den Artikeln in den jiddisch-kommunistischen Zeitungen nicht abschrecken und begingen die Feiertage in althergebrachter Weise. Leider kam es in Berditschew zu Demonstrationen der jungjüdischen Kommunisten, ln deren Verlauf die Polizei gemeinsam mit den Anhängern der Jewsektia Gewalttätigkeiten verübten. Der Erfolg der Jewsektia in Berditschew sind einige tote und schwerverletzte Juden. Es muß mit Nachdruck festgestellt werden, daß diese Ausschreitungen ganz auf das Konto der jüdischen Kommunisten und nicht auf das Verhalten der Staatliehen Behörden zu setzen sind. — Der Ruhm der Gesinnungsgenossen in Sowjetrußland ließ die jungjüdischen Kommunisten Polens nicht schlafen. Sie versuchten in Warschau, Lodz und in Gora Kalwarye, dem Sitz des Gerer Rebben, antireligiöse Kundgebungen zu veranstalten. In Warschau waren die Speisehäuser der jüdischen Kommunisten, des ״Bund“ und der Linken Poale Zion am Kol Nidre- Abend geöffnet. Die Empörung bei den Juden, nicht nur bei der Orthodoxie, über diese dumme Taktlosigkeit ist allgemein. * Anläßlich der Feiertage sah sich der Vorstand der Frankfurter Israelitischen Gemeinde veranlaßt, die Gemeindemitglieder im Zusammenhang mit den letzten Vorgängen (gemeint sind die Reichstagswahlen) ״zur Besinnung“ zu mahnen. Der Aufruf des Oemeindevorstandes verlangte, daß man in der Kleidung alles Auffällige vermeide (wie uns berichtet wird, war darunter auch das Tragen der festlichen Zylinder Mite zu verstehen), vor den Synagogen Ansammlungen unterlasse und sich jedes Prunkes enthalte. Wir wollen nicht darauf eingehen, ob dieser Aufruf ein Zeichen von besonderem Selbstbewußtsein und von natürlichem Gefühl für Selbstachtung und Würde ist. Es genüge die Fest- Stellung, daß in einer der demokratischsten Städte in Deutschland, die Sitz des ersten deutschen Parlamentes war, es im Jahre 1930 als notwendig angesehen wird, derartige Aufrufe zu erlassen. Dies fast ein Jahrhundert nach der Emanzipation der Juden in Deutschland. 4t In Oesterreich ist die Regierung Schober zurückgetreten und im neuen Kabinett sitzen zwei waschechte Nationalsozialisten, die ihre Weisungen direkt von Hitler beziehen. Wie diese Weisungen aussehen, kann man sich leicht vorstellen. Zwar versucht Hitler, besonders im Auslande, den Eindruck zu erwecken, daß er sich nur legaler Methoden auf dem Wege zur Machtergreifung bedienen wolle. In einem Punkte will er jedoch nicht die geringsten Konzessionen machen, nämlich auf dem Gebiete der Judenfeindschaft. Im ״Völkischen Beobachter“ reagierte Hitler auf die Mahnungen seiner ausländischen Gönner aus England, die ihm rieten, den radikalen Antisemitismus aufzugeben, in der Weise, daß er Sondernummern der judenfeindlichen Verhetzung erscheinen läßt. Demgemäß instruierte er auch seine Gesinnungsgenossen im österreichischen Kabinett, daß diese bei den kommenden österreichischen Neuwahlen, in denen lauter antisemitische Parteien der Sozialdemokratie gegenüberstehen, wodurch sich die Juden in einer unangenehmen Zwangslage befinden, selbständig Vorgehen, um, durch keine Bindungen gehemmt, rücksichtslos das nationalsozialistische Programm, d. h. auch hundertprozentigen Rassenantisemitismus propagieren zu können. Somit kommen auch für die Juden im gemütlichen Oesterreich, die ja in punkto Antisemitismus nie verwöhnt waren, jetzt Wochen, in denen sie ununterbrochen Gegenstand heftigster Angriffe sein werden. Es geht jetzt dem Juden im deutschen Sprachgebiet sehr schlecht. Diese Situation erhält dadurch eine groteske Note, daß die Juden gerade vor einigen Tagen in Prag Objekt wüster antisemitischer Exzesse waren, weil sie Träger der deutschen Kultur In der Hauptstadt der Tschechoslowakei sind. * Ueber die antideutschen und antijüdischen Ausschreitungen in Prag veröffentlicht die letzte C.-V.-Zeitung (Nr. 40 vom 3. Oktober) unter dem Titel ״Ein Nachwort zu den Prager Ausschreitungen“ einen Bericht, den man als Kuriosum der Inkonsequenz bezeichnen möchte. In diesem Berichte heißt es, daß die Tschechen darum Antisemiten seien, weil in Prag jeder Jude ein Deutscher ist. Daß in dieser Behauptung ein Widerspruch liegt, kam dem Berichterstatter nicht zum Bewußtsein. Denn wenn die Tschechen die Juden nur darum hassen, weil diese Deutsche sind, so sind doch die Tschechen in erster Linie Deutschen- und nicht Judenhasser. Uns liegt es fern, zu behaupten, daß unter den Tschechen keine Antisemiten vorhanden sind. Es soll nur darauf hingewiesen werden, wie widerspruchsvoll ein derartiger deutschjüdischer Bericht aussehen kann. An einer Stelle heißt es fett gedruckt wörtlich: ״Man schlug im Deutschen Haus, dem Sitz des Prager Kasinovereins, der Zentrale der deutschbewußten Juden, die Fenster ein, weil man wußte, daß hier

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