Jüdische Rundschau
- Journal
- Jüdische Rundschau
- Volume
- XXXV (1930)
- Issue
- Heft 79-80 (10.10.1930)
- Date
- 1930-10-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2651273-2653156-2653230--21867-2680017- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 79/80. 10. X!930 JUED1SCHE RUNDSCHAU Seite 517 essengemein schaft mit jüdischer Bourgeoisie (Joint) nicht vcrzichtet worden sei. Die amerikanischen Delegierten stimmten darin überein, daß eine Ausschaltung der Parteigegensätze Voraussetzung einer erfolgreichen Arbeit am Palästina-Aufbau sei. Während jedoch Brown der Hoffnung Ausdruck gab, daß der gegenwärtige Kongreß einen künftigen vorbereiten werde, dessen Aufgabe Zusammenfassung der jüdischen Arbeiterkräfte in aller Welt und Erörterung des Gesamtkomplexes der jüdischen Arbeiterfragen sein solle, wandte sich Sh losberg cntschicden gegen eine solche Tendenz. Der Kongreß möge sich auf die Unterstützung der Palästina-Bewegung beschränken und sich die Mithilfe der jüdischen Arbeiter in aller Welt für dieses Ziel sichern. Weitergehende Programme würden, besonders in der amerikanischen Arbeiterschaft, auf energischen Widerstand stoßen, da es nicht möglich sei, von einem Kongreß ans Ziel und Weg der Arbeiterbewegung in den verschiedenen Ländern zu bestimmen. In Amerika könne der Sozialismus vorläufig nur Leitgedanke eines kleineren Kreises sein; es sei dort schon eine revolutionäre Tat, die großen Massen der Arbeiterschaft für einen bloßen ״Labourismus“ zu gewinnen. Wichtiger als das beste sozialistische Programm sei die Schaffung tatsächlicher Arbeitermacht durch Organisation. Die amerikanisch-jüdischen Gewerkschaften fühlen sich mit allen Arbeiterorganisationen verblinden, gleichgültig, welches ihre programmatische Grundlage ist. Man müsse es der Histadmth überlassen, sich ihre Ziele und ihr sozialistisches Programm zu wählen. — Abramowitsch (Linke Poale Zion) führte aus, auch die Arbeiterregicrung, die ja keine Klassenregierung sei, repräsentiere den englischen Imperialisnius, der sich schon seit langem auf die Seite der Araber gestellt hat. Der Arbeiterminister Lord Pa ssficld werde heute in Palästina in einem Atem mit dem zaristischen Minister Pleliwe genannt. Proletarischer Zionismus bedeute nicht Burgfrieden, sondern Kampf gegen die zionistische Bourgeoisie. In der Nachtsitzung kamen noch Lev ,Benderski, J a a r i, Ser 11 bowel und T i g e r zu Wort, worauf T a b e nk i n für die Histadruth das Schlußwort hielt. Der Führer der Linken, Scrubowel, gab seinem Erstaunen darüber Ausdruck, daß eines der wichtigsten Probleme, der Boykott des jüdischen Arbeiters in Palästina durch den jüdischen Kolonisten, auf dem Kongreß gar nicht zur Sprache gekommen sei. Ben Gurion habe sich gerühmt, daß seine Partei die Trägerin des Herzl* sehen Gedankens sei. Die Linke beziehe sich nicht auf Herzl, sondern auf Borochow. Sie sei nie bloß aut Palästina eingestellt gewesen, sondern sie habe die jüdische Arbeiterbewegung in allen Ländern im Auge behalten. Die palästincnsischen Arbeiter hätten infolge ihrer Herkunft vielfach eine bürgerliche Mentalität. Aus ihrem ״Konstruktivismus“ unter bürgerlicher Patronanz stamme auch ihre Abneigung gegen die jiddische Sprache. Der Kampf in Palästina und für die Öeffnung der Tore dieses Landes vor der jüdischen Einwanderung müsse gemeinsam mit der arabischen Arbeiterschaft geführt werden. Nachdem Tiger diesen Ausführungen scharf entgegengetreten war, stellte T a b c n k i n namens der Histadruth fest, daß die Linke Poale Zion sich stets darauf beschränkt habe, die die jüdische Arbeiterschaft betreffenden Ereignisse inner* und außerhalb Palästinas dialektisch zu kommentieren. Trotz kleinbürgerlicher Herkunft seien die meisten Arbeiter in Palästina mindestens sieben Jahre lang ununterbrochen in der Landwirtschaft, im Straßenbau, im Häuserbau tätig, während es viele Mitglieder der Linken Poale Zion gebe, die seit mehr als sieben Jahren nicht mehr Arbeiter sind. Die palästinensische Arbeiterklasse zeige im Gegensatz zur jüdischen Arbeiterschaft der Galuthlän* der keine Fluktuation, sondern bleibe bei der Arbeit Im Laufe der Nachtsitzung traf dn überaus herzliches Be* grüßungsschreiben des Dichters Schalom Asch ein. Nach Schluß der Generaldebatte wurde eine Reihe von Re* Solutionen ein gebracht, und zwar für die Histadruth von Rubäsehow, ftr die Linke von Serubowel, für Haschomer Hazair von L u r j e. Während sich die Resolution der Histadruth nur mit der politischen Situation in Palästina, Araberfrage und Mandatarmacht befaßt, berührte die Resolution der Linken auch Fragen der Arbeiterpolitik in Polen und enthielt heftig« Angriffe gegen die Rechte Poale Zion und die Histadruth. Der Kongreß einigte sich auf die Resolution der Histadruth, welche feststellt, daß England seine Aufgaben gegenüber dem jüdischen Volk und der Arbeiterbewegung in Palästina nicht erfüllt hat. Alle Versprechungen seien wertlos, solange nicht eine breite, zeitlich unbeschränkte Einwanderung zugelassen werde. Ein freies, autonomes Leben der beiden Völker Palästinas sei nur zu erreichen durch den gemeinsamen Kampf der arbeitenden Klassen beider Völker. Die Insinuationen des Berichtes der Shaw-Kommission seien aus drei judenfeindlichen Quellen geschöpft, nämlich den Informationen der britischen Kolonialbeamten, der arabischen feudalistischen Unterdrücker und der kommunistischen Feinde Zions. Die jüdische Einwanderung bewirke nicht Verdrängung der Araber, vielmehr können Millionen von Einwanderern ins Land kommen, ohne die wirtschaftlichen und sozialen Interessen der gegenwärtigen Bevölkerung zu beeinträchtigen. Rubaschow verlas ein Manifest an die jüdische Arbeiter- Schaft, die jüdische Jugend und die jüdischen Volksmassen. Zinn erstenmal in der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung — heißt es in dem Manifest — sei ein Kongreß zur Förderung des Aufbaus eines arbeitenden Palästinas zusammengetreten, hinter dem eine viertel Million von Wählern steht, Arbeiter und Intellektuelle, Menschen, die der zionistischen Arbeiterbewegung angeboren, und Menschen, die mit ihr aus sozialistischen oder nationalen Erwägungen heraus sympathisieren. Der Kongroß proklamiert eine Weltliga für das arbeitende Palästina und konstituiert sich als Gründungskongreß dieser Liga. Der Kongreß der Weltliga soll eine dauernde Institution sein und alle drei Jahre tagen. Die Liga gelobt der Histadruth treue Gefolgschaft, sie wird für deren wirtschaftliche und politische Autonomie kämpfen, und sie finanziell unterstützen. Das Manifest stellt fest, daß die jüdische Arbeiterschaft Palästinas nicht bloß eine Idee, sondern eine fertige Tat gebracht hat. Die Hilfe der jüdischen Arbeiterschaft in aller Welt nimmt sie nicht für sich selbst in Anspruch, sondern für das Ziel der Errichtung einer freien jüdischen Heimstätte, gebaut aut der Grundlage gerechter Arbeit, nationaler Befreiung, sozialistischer Verwirkl'ichung und internationaler Solidarität. Auf Vorschlag von Eliezer Kaplan wurde ein Rat der Liga geschaffen, der 25 Mitglieder zählen soll. 13 davon wurden vom Kongreß gewählt, die restlichen 12 werden von den einzelnen Ländern entsandt werden. Der Rat, welcher mindestens einmal im Jahre zusammentreten soll, wird sich eine ständige Exekutive wählen und deren Sitz bestimmen. Unter den gewählten Mitgliedern des Rates befinden sich Ben Gurion, Sprinzak, Neu- Stadt, Locker, Dobkin, Silberscheid, Napht a 1 i, Dr. H e 11 m a n n, Riga, Shipliakoff,Finestone, J a a r i; der Linken Poale Zion wurde ein Sitz reserviert. Nach einer Schlußansprache Ben Gurions, in der er die vom Kongreß geleistete Arbeit und die erzielten Resultate würdigte, wurde der Kongreß am Mittwoch, dem 1. Oktober, 10 Uhr vormittags, geschlossen. Der Kongreß stimmte in das Schwuohlied ein, während die Linke die Internationale sang. Das vom Kongreß erlassene Manifest an die jüdischen Arbeiter, die jüdische Jugend und die jüdischen Volksmassen lautet: ״Zum ersten Male in der Geschichte der jüdischen Arbeiterbewegung, zum ersten Male in der Geschichte des jüdischen Aufbauwerks in Palästina ist auf den Ruf der allgemeinen jüdischcn Arbeiterorganisation in Palästina ein Weltkongreß zusaminengetreten, der eine viertel Million jüdischer arbeitender Menschen repräsentiert und das Ziel verfolgt, die .Kraft des Ben Gurion (Poale Zion) Sprinzak (Hltachduth) Stkiplacoff (Amerika) organisierten jüdischen Arbeiters in Palästina zu stärken, seinen Kampf mitzukämpfen und ihm zu helfen, seine historische Mission zu erfüllen und die freie jüdische Gesellschaft der Arbeitenden in Palästina aufzubauen. Aus verschiedenen Weltteilen und aus verschiedenen ideologischen Richtungen kommen die Kongreßteilnehmer: Vertreter zehntausender jüdischer Arbeiter in Polen, tausender Wähler in Litauen und Lettland, Deutschlaud und der Tschechoslowakei, England, Belgien und Rumänien — aus 24 Ländern traten Angehörige aller Arbeiterrichtungen im Zionismus und außerhalb des Zionismus, Vertreter von jugendverbänden und Hechaluz-Organisationen, zusammen; solche, die sich als die Reservearmee der Palästina-Arbeiterschaft betrachten, und solche, die eben erst in die Reihen der Palästina- Freunde getreten sind; Sozialisten, die die gesellschaftserneuernde sozialistische Tätigkeit des jüdischen Arbeiters in Palästina bewundern, und Volksmänner, die die Aufgabe der nationalen Befreiung und der Volksgesundung, deren Verwirklichung der jüdische Arbeiter Palästinas sich zum Ziele gesetzt hat, richtig einzuschätzen wissen. Alle diese Elemente vereinigen sich, ungeachtet der Verschiedenheit ihrer politischen Anschauungen, In einem einigenden Pflichtbewußtsein zu dem Ziele, in der ganzen Welt eine vereinigte Kraft zu schaffen, um den jüdischen Arbeiter in Palästina zu schützen, seine Position zu festigen und seine Basis zu verbreitern. Indem der Kongreß gegenüber der ganzen Welt seine Einigkeit und Entschlossenheit demonstriert, diesen Willen in die Tat umzusetzen, legt er die Grundlage für eine die jüdische Arbeiterschaff in Palästina und die Histadruth einrahmende Voiksorganisation und proklamiert die Schaffung einer Weltliga für das arbeitende Palästina. Die Liga wird es als ihre Aufgabe ansehen, gegenüber dem in der Histadruth organisierten Palästina- Arbeiter ihre Treue und ihre Schicksalsgemeinschaft mit ihm, sowie ihre Entschlossenheit zu bekunden, sich in die Front des Kampfes zu stellen für sein Recht auf Arbeit, auf Autonomie, auf wirtschaftliche und kulturelle Betätigung, auf Schutz und Gleichberechtigung seiner neugeschaffenen Lebensformen (Kwuzah, Kibbuz, Moschaw). Die Liga wird es als ihre Pflicht ansehen, die Front des jüdischen Arbeiters zu stärken und Angriffe gegen ihn, kommen sie von welcher Seite immer, abzuwehren und Hirn volle moralische, politische und finanzielle Genossenhilfe zu gewäliren. Nicht allein als Träger einer Freiheitsidee tritt der Palästina- Arbeiter an seine Freunde in der Welt heran, sondern auch als Vollbringer eines großen Werkes; nicht weil er schwach ist, braucht er Hilfe, sondern im Hinblick aut seinen und unser aller festen Glauben und die klare Erkenntnis, daß das begonnene Arbeitcrwerk wachsen und groß werden kann, soll und wird, bis der Kampf ausgekämpft und ein freies jüdisches Heimatland in Palästina auf der Grundlage gerechter Arbeit, nationaler Unabhängigkeit, sozialistischer Verwirklichung und internationaler Solidarität aufgebaut sein wird. Der Hauptvorstand des Allgemeinen Deutschen Gewerksrhaftsbundes lud die Delegierten des Kongresses in seine Räume zu einem Tee. Etwa 100 Kongreßdelegierte und eine Anzahl Führer der deutschen Gewerkschaften waren anwesend. In Abwesenheit des Vorsitzenden Leipart, der in Amsterdam weilt, begrüßte der erste stellvertretende Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes, Abg. Peter Graßmann, die Gäste sehr herzlich. Es sprachen dann M. Neustadt, Morris Finestone, Alexander Kn oll, S. Rubaschow u. a. m. Die Delegierten wurden dann in vier Gruppen zur Besichtigung des ungeheuren Gewerkschattsapparates durch den Monumentalbau des Gewerkschaftsbundes geführt. Mn11111111111H11111111n111111111u11111111111111111111n1mntn11n11111t111unmu11111111111111111n11111111u11111i1111111Hn1111nn1111111111u1n1;1m1t11u111n1111)1111n11Bt1MH»w11u1UH11u1111BB1 Zeitschriften - Schau In der ״Zeitschrift des Deutschen Palästina- Vereins“, 1930, III, veröffentlicht Professor Dr. G. Kampffmeyer (Berlin) einen Aufsatz ״Die Stellung der Araber zu den Gegenwartsproblemen Palästinas“. Prof. Kampffmeyer ist seit Jahren ein enthusiastischer Vorkämpfer des jungen arabischen Nationalismus. Das ist gewiß sein , gutes Recht, und Jeder wird Verständnis dafür haben, daß er in seinem Aufsatz den Standpunkt der arabischen Nationalisten möglichst eindrucksvoll zur Geltung kommen lassen will. Aber seine Darstellung ist mangelhaft und unvollständig. Er zitiert die Kundgebungen der Araber zu dem Shaw-Bericht und den anschließenden politischen Vorgängen, wobei in vielen wichtigen Einzelheiten kan vollständiges Bild entwickelt wird. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß diese Darstellung durchaus a n t i zi oni s t! s ch ist. An manchen Stellen finden sich auch Tatsachenfehler. So schreibt z. B. Prof. Kampffmeyer: Die Küstenebene, die zur Baumkultur geeignet ist, umfaßt insgesamt 220 OCX) bis 230 000 Dunam, wobei die Juden bisher mehr als MO 000 Dunam gekauft haben,. Damit soll angedeutet werden, daß die Juden in Wahrheit schon jetzt die besten Bodenstrecken an sich gerissen haben, in Wirklichkeit aber beträgt das Areal der Küstenebene zirka 2500000 Dunam, also das Zehnfache des von Kampffmeyer angegebenen Ausmaßes, wovon die Juden bisher etwa 270000 Dunam besiedelt haben. Freilich ist der von Juden besiedelte und unter unsäglichen Anstrengungen aus fast wertlosem Land zu fruchtbarer Blüte gebrachte Teil heute besonders wertvoll, aber erst dank der jüdischen Arbeit. Der noch im arabischen Besitz befindliche Teil der Küstenebene Ist bis zum heutigen Tage über weite Strecken völlig extensiv bewirtschaftet, und das jüdische Kolonisationsprogramm beabsichtigt, dieses Gebiet für Juden und Araber voll auszunutzen. Dies ist nur ein Beispiel für die Ungenauigkeifen des Kampffmeyerschen Artikels, die auch dadurch nicht entschuldigt werden können, daß er sich die Aufgabe gesetzt hat, nur den arabischen Standpunkt, nicht aber die Probleme selbst darzustellen. Was aber äußerstes Erstaunen hervorrufen muß, ist der Schlußteil des Aufsatzes. Hier gedenkt Kampffmeyer der Hinrichtung der drei zum Tode verurteilten Araber. Bekanntlich wurde gerade in der ״Jüdischen Rundschau“ lange vor der Hinrichtung dafür plädiert, daß diese unglückseligen Geschöpfe begnadigt werden. Die englische Regierung hat dann, als sie die Mehrzahl der Verurteilten begnadigte, drei von der Begnadigung ausgenommen, denen mehrfacher bestialischer Mord nachgewiesen war. Von diesen Leuten spricht Kampffmeyer ohne jede Einschränkung als von großen Patrioten, die als ״Blutzeugen“ einer Idee gestorben sind, als von ״Helden, die den Kampf für ihr Vaterland mit ihrem Leben besiegelten“. So sehr wir für Unparteilichkeit Verständnis haben, müssen wir doch dem äußersten Erstaunen darüber Ausdruck geben, daß die ״Zeitschrift des Deutschen Palästinavereins“ und der Verfasser, Prof. Kampffmeyer, es für richtig gehalten haben, eine solche Darstellung, die nicht nur einseitige Parteinahme ist, sondern auch den wirklichen Sachverhalt verzerrt, ihren Lesern vorzusetzen. * In der englischen ״Nation“ sucht Leonard Stein, der sich gleich eingangs als Mitglied der Jevrish Agencv vorstellt, in sehr geschickter Weise darzulegen, daß die englische Entrüstung über das jüdische Memorandum und vor allem der Berieht der Mandatskommission durchaus unberechtigt sei, und daß ן tatsächlich Dr. Drumtnoad S hi eis selbst sich in einer ganzen ♦ _ liÜHmmiimiu'nmiiH» Reihe von Punkten deutlich vom Shaw-Bericht habe distanzieren und denselben Standpunkt einnehmen müssen, auf dem auch H. Sn eil mit seinen Vorbehalten zum Shaw-Bericht, ferner das Jüdische Memorandum und der Bericht der Mandatskommission ständen. Wenn Dr. Shiels recht habe, so sei z. B. das vom Shaw-Bericht gezeichnete Bild der Einwanderungsfrage nur eine Karikatur. Auch in anderen Fragen (Aufnahmefähigkeit des Landes) habe Shiels den Shaw-Bericht praktisch desavouiert, und so gezeigt, daß der Hauptinhalt des jüdischen Memorandums — nämlich der Nachweis, daß eine Reihe von Folgerungen des Shaw-Berichts unbegründet gewesen sei — ganz richtig sei! Es sei auch verkehrt, das jüdische Memorandum als bloße unverantwortliche Meinungsäußerung hinzustellen, denn die Agency sei ja vom Mandat eingesetzt! Stein weist dann in sehr interessanter Weise nach, daß die Sitzungsproto* kolle der Mandatskommission zeigten, daß die Kommission auch mit den Kapiteln des Shaw-Berichts über Einwanderung und Ansiedlung unzufrieden gewesen, aber ihrer Unzufriedenheit in ihrem Bericht — vermutlich, weil diese Fragen gerade von Sir John Hope Simpson genau untersucht wurden — keinen Ausdruck gegeben habe. Ebenso interessant ist Steins Nachweis, daß die — übrigens von einem großen Teil der englischen Presse wiederholte — Behauptung des englischen Memorandums, die Mandatskommission habe niemals wegen der Verringerung der Garnison Warnungen geäußert, unrichtig sei. Gewiß habe die Mandatskommission 1926 in ihrem Bericht gesagt, daß sie ״keinen Zweifel hege, daß die Mandatarmacht stets eine ausreichende Streitkraft zur Verfügung haben“ werde, aber die damaligen Sitzungsprotokolle zeigten, daß die Kommission beschlossen hatte, ״die Aufmerksamkeit der Mandatarmacht in dem Bericht auf die Gefahr unzureichender Streitkräfte zu lenken“. Das sei dann nur in der oben zitierten Form, die eine höfliche diplomatische Uni schreibung der Warnung gewesen sei, geschehen, und England habe den Sinn wohl gekannt. Stein betont endlich, daß eine Kritik an dem nicht sehr glücklichen englischen Memorandum keineswegs bedeute, daß man die Schwierigkeiten des Mandats verkenne oder die tatsächlich von England in Palästina erzielten sehr erheblichen Leistungen nicht anerkennen wolle. Im Gegenteil, man müsse Dr. Shiels durchaus zustimmen, wenn er sich gegen die Versuche wende, ״Beamte, die unter sehr schwierigen Umständen nach bester Kraft ihre Pflicht täten, dauernd zu kritt* sieren“. * in der ״Times“ vom 7. Oktober veröffentlicht Rudolf Said-Ruete eine Zuschrift, die sich auf den von uns an anderer Stelle wiedergegebenen Artikel vom 30. September bezieht. Der Briefschreiber wendet sieb dagegen, daß mail in Palästina, wo ein energisches Eingreifen notwendig gewesen wäre, monatelange Diskussionen über die verschiedenen Kornmissionsberichte zugelassen hat. Der Hauptpunkt für das |üdische Nationalheim sei die Frage, wieviel Immigranten das Land aufnehmen kann. Der Briefschreiber meint, daß sich erweisen wird, daß die Zahl der Immigranten, die noch ins Land gelassen werden können, nicht sehr hohe Ziffern erreichen wird. Abgesehen davon aber müsse auf die Grundfrage geantwortet werden, ob nach einer Periode von mehr als zehn Jahren die Maximalinterpretation der Balfour-Deklaration sich als durchfühlbar erwiesen hat oder ob sie sobald als möglich revidiert werden müsse. Balfour selbst habe 1927 gesagt, es handle sich um ein Experiment. Es sei daher zu empfehlen, diejenigen Modifikationen durchzuführen, die die Erfahrung als erforderlich erwiesen hat