Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 13 (27.3.1935)
- Date
- 1935-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mag es scheinen, zumal MaimonideB, wie wir wissen, in ■seinem Amte, seinen Rechtsbescheiden und seinem persönlichen Verhalten kein Abweichen vom Gesetze duldete. Und dennoch war seine Frömmigkeit geadelt durch eine wundersame Milde, eine verstehende Nachsicht gegen]. Andersdenkende und selbst Böswillige. Wo immer seine Entscheidung von einer höheren Warte gefällt werden mußte, wo. ea Grenzfragen zu lösen, schicksalhafte Verkettungen anzuerkennen galt, tritt uns seine Seelcngrößc entgegen, die nichts vom kalten Buchstaben weiß,, sondern allein den-Geist walten läßt. Öfter betont er den rabbinischen Grundsatz: Die Frommen und Gerechten aller Völker haben-Anteil am ewigen Leben, der in so wohltuendem Gegensatze zu Augustins Meinung steht: Die Tugenden der Heiden sind glänzende Laster. Für ProBelyten hat er das Wort: Welch großen Schritt haben'sie getan, und wir sollten lieblos gegen sie sein? Dem Christentum, wie dem Islam wird er gerecht, indem er jenem zugute hält, daß es die Heiligkeit unserer Bibel unangetastet gelassen habe; dem Islam, daß er nur den. Einen, bildlosen Gott Verehre. „Vorstufen zum Gottesreiche" Bind sie nach seiner Schätzung, nicht minder als das Judentum. Und dem 1180 vollendeten „Mischne tora" ließ Maimonides im Jahre 1190 sein drittes Hauptwerk folgen, den berühmten „More Nebuchim" (Führer der Verirrten). Gewidmet seinem wissensdurstigen Lieblüigsjünger Joseph ibn Aknin, dem selbst Saadia, Gabirol oder Abraham ibn Daud nicht genügt hatten, hat er dies tief philosophische Werk den Wahrheitssuchern allesamt und durch sie, so wenig oder so viel ihrer Beien, der fortschreitenden, zum Lichte strebenden Menschheit geschenkt: ein Befreier aus Geistesnacht. Mit Befremden hörten wir in einem „zu Ehren" Maimonides' von einem Gelehrten gehaltenen Vortrag die geringschätzige Meinung äußern: daß die Größe Maimonides' allein auf dem „Mischne töra" beruhe, ohne den der „More" höchstens Stoff für Doktordissertationen strebsamer Jünglinge hergeben würde. Wir möchten im Gegenteil behaupten, daß es nicht der Verfasser des" großen Gesetzbuches, dieses nrimerhin nationalen Dokuments ist, den die Welt verehrt und feiert, sondern den meisterlichen Denker, der den „More" nicht allein mit seinem Geiste, sondern mit seinem Herzblute geschrieben hat. Denn wenn die Größe Griechenlands auf seinen Dichtern, Denkern und Künstlern beruht, die uns heute noch Unvergängliches zu geben haben, die Größe Italiens auf einem Dante, Räffael, Michelangelo und Lionardo, diejenige Englands auf Shakespeare, die Größe Deutschlands auf Goethe und Schiller, Kant und Fichte,, Bach und Beethoven — dann unsere Bedeutung seit dem Exil unter den Völkern außer auf der Nachwirkung unserer Bibel auf Philo und Gabirol, Leo Hebraeus und Spinoza, vorzüglich aber auf Moses Maimonides! Eingehender als andre hat Jakob Güttmann den weitreichenden Einfluß des „Doctor perplexörum" auf die christliche Scholastik und die beginnende Renaissance nachgewiesen: auf Albertus Magnus ünd Thomas v. Aquino bis zu Nikolaus Cusanus, Reuchlin, Bodin und Scaliger, von welch letzterem das Wort herrührt: More nebuchim non potest satis laudari (nie genug zu rühmen I). . Und für eine wichtige Partie seiner „Theodicee" schöpft auch Leibniz aus der gleichen Quelle. Hier im More geht es um die letzten und höchsten Fragen: Nach dem Dasein Gottes, seiner Einheit und Unkörperlichkeit, überhaupt seinen Attributen; es geht um die Frage: Ewigkeit der Materie zugleich mit ihrem ersten Beweger, oder Schöpfung aus der Freiheit Gottes und daher' wahre Weltregierung —, um die Stellung des Menschen im Universum, Willensentscheid und Verantwortung, Übel und Leid, in der Welt und . ihre Uberwindung; erst in zweiter und dritter Linie umdie Probleme des Judentums vom Wesen der Offenbarung und der Prophetie, sodann vom Zweck der. Tora und ihrer vor dem Forum, der Vernunft zu prüfenden Gesetze, Einrichtungen' und Riten. Sagen wir es getrost: Maimonides wird erst hier zum bahnbrechenden Befreier, zum edelsten Rationalisten bei ungeininderter Frömmigkeit und Demut. Nicht das Judentum allein, sondern die ringende Menschheit muß ':■ ihm dankbar sein, weil er die Gefahren des Anthropomorphismus, die Torheiten der, Astrologie, dieses Überbleibsels des Gestirndienstes, die Kulturfeindlichkeit des Fatalismus, der dem genialen Arzte sündhaft erscheinen mußte, bekämpfte und niederhielt. Es bleibt noch übrig zu bekunden, daß Maimonides vorzüglich durch seinen „More" auch die neueste Renaissance des deutschen. und damit des westlichen Judentums und seiner wissenschaftlichen Entfaltung inauguriert hat. Von dem bekannten Zeugnisse Mendelssohns bis auf Hermann Cohen herrscht hierüber Einmütigkeit. Nach Philipp Bloch z.B. ist der „More" es gewesen, „der dem Judentum allzeit den wissenschaftlichen Impuls gegeben und den philosophischen Trieb rege erhalten hat". Keiner vielleicht hat so eindringlich und überzeugend; wie Hermann Cohen nach- gewiesen, inwieweit Maimonides als der wahrhafte uberwinder des Aristoteles in den letzten Fragen, wie besonders in der Ethik angesehen werden darf. Er allein hat die sog. Beweise für die Ewigkeit der Welt entkräftet; er hat die Ethik aus der bloßen Anthropologie und Soziologie herausgehoben und sie in der Idee Gottes, als ihres heiligen Urgrunds und Strebeziels verankert. Er hat die Forschung bis dicht an die Kantischen größten Entdeckungen herangeführt: die Entdeckung der Ohnmacht der theoretischen Vernunft in der Erkenntnis des göttlichen Wesens Und die Begründung der Autonomie des ethischen Selbstbewußtseins des Menschen. ' , *'•' Was wenigen Sterblichen beschieden, war Maimonides vergönnt: er brauchte weder seine Feder jemals ruhen zu lassen noch sich der allsabbattichen Belehrung seiner Gemeinde zu entziehen. In wachsender Verehrung blickten seine Glaubensbrüder in Ost und West zu ihm. auf und brachten wichtige Entscheidungen vor seinen Richterstuhl. Mußte er auch des persönlichen Umgangs mit Ebenbürtigen entraten, so stand er doch mit manchen, z. B. den Weisen von der südfranzösischen Stadt Lüne], der Übersetzer-Familie Ibn Tibbon u. a. in. reger Korrespondenz. Sein Leben, das aufgeschlagen vor uns liegt, verzehrte sich im Dienste der Brüder; Entgelt nahm er nur für seihe ärztliche Kunst; Unzähligen ließ er auch diese unentgeltlich angedeihen. Als er noch vor Erreichung des Psalmistenalters am 27. Dezember-1204 heimging', war'die Traüer um ihn tief und allgemein. Wem es, wie dem Schreiber dieser Zeilen, vergönnt war, in Tiberias an seinem „traditionellen" Grabe zu weilen, vergißt alle Zweifel; er glaubt eine Stimme zu hören: „der Boden, auf dem du stehst, ist heilig 1" , Alle Forschung hat unser Geistesheros münden lassen in die von ihm allein klar erfaßte Idee der messianischen Zeit, in der die Erde voll der Erkenntnis Gottes sein wird, wie von Wogen der Meeresgrund, und Friede und Wohlfahrt das Glück aller Völker und Nationen bilden werden. Berliner Rabbinerfeminar nach Cordova ' eingeladen Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, hat das Rabbiner-Seminar in Berlin vom Festkomitee zur Feier des 800. Geburtstages von Maimonides die Einladung erhalten, an den Feiern in > Cordova teilzunehmen., Das Rabbiner-Seminar hat in einem Antwortschreiben seinen Dank für diese Einladung ausgesprochen und seinem Bedauern Ausdruck gegeben, daß es aus technischen Gründen nicht möglich sei, einen Vertreter nach Cordova' zu entsenden. In dem Schreiben wird weiterhin betont, es erfülle das, Rabbiner-Seminar mit großer Genugtuung, daß die Bpanischo Regierung den Mann ehre, der sich stets mit Stolz als spanischer Bdrger bezeichnet habe. Maimonides^Hriiiigen in Holland Amsterdam. . Anlaßlich der 800-Johr-Feicr der 'Geburt des Maimonides wird die Holländische Vereinigung :■" für ■■• jüdische 'Wissenschaften im Amsterdamer jüdischen Gemeindehaus eine Festsitzung abhalten, in der Oberrabbiher 3. Maarsen, Den Haag, Verfasser einer Reibe von Kommentaren zu den Werken Maimonides, über dessen Lebren sprechen wird. In der berühmten portugiesischen Synagoge findet am 30. März ein FcstgottesdicuBt statt, außerdem werden Gedenkfeiern im Haag und in Rotterdam ver- . anstaltet. Feiern an amerikanischen Univerfitüten New York. Dos Zentralkomitee für die Feier des 800. Ger burtstages des Maimonides kündigt Veranstaltungen in allen Teilen der Vereinigten Staaten am 14. April an. Zahlreiche amerikanische Universitäten, darunter auch die Columbia-Universität und dio Yole-Universitfit, werden besondere Feiern abhalten. Aach die Dorpaier Vnirerfltat feiert Maimonides Reval. Am 30. März findet in der großen Aula der Universität Tartu (D o r p a t) eine Maimonidcs-Feier statt, bei der der Inhaber der Lehrkanzel für jüdische Wissenschaft an der philosophischen Fakultät, Professor Dr. L. Gulkowitsch über „Das Wesen der maimonidiseben Lehre" und der Professor der medizinischen Fakultät G. Barkan über das Thema „Der Mediziner Maimonides" sprechen werden. Ein Berdilnß ' der Jüdifchen Gemeinde Saloniki Saloniki. Angesichts der Unmöglichkeit, zur Feier' des Maimonides-Jubiläum eine Abordnung nach Cordova zu entsenden, hat der . Rat der Jüdischen Gemeinde Saloniki beschlossen, an den Gemeinderat von Cordova ein herzliches Begrüßungsschreiben zu senden. In Saloniki selbst werden zur Feier de3 800. Geburtstages Maimonides öffentliche Vorträge über sein Leben und Schaffen voranstaltet werden. Verantwortungslose Elemente Gauleiter Streicher warnt vor Pogromen Nürnberg. Wie der „Fränkische . Kurier" vom 21. März meldet, hat Gauleiter Julius Streicher folgende Anordnung erlassen: Verantwortungslose Elemente hoben die Nachriebt verbreitet, daß die Juden gegen den Führer ein Attentat angezettelt hätten, und daß infolgedessen die Juden totgeschlagen1 werden müßten. Man ist sogar soweit gegangen, daß man Plakate anklebte, auf welchen zu dem Pogrom aufgefordert wurde. Im' Gau Franken befehle ich und sonst niemand. Ich habe den Geschäftsführer einer Kreisleitung wegen Disziplinlosigkeit entlassen. Ich' werde jeden unnaeh'sichtlich aus der Partei ausschließen und verhaften lassen, der sieb zu Unbesonnenheiten verführen laßt. Gauleitung Fronken. gez. Julius Streicher. als den Mann, der den Kampf gegen das Judentum entschlossen und ohne jeden Kompromiß führt. Diejenigen, die zeitweise geglaubt hätten, daß die Maßnahmen gegen die Juden gemildert würden, hätten sich verrechnet. Die Judenfrage, so betonte GrohÄ, werde einmal restlos und für immer gelöst werden, und zwar in der Form, wie wir sie aus dem „Stürmer" kennen. Streicher, mit stürmischem Beifall begrüßt, entwickelte hierauf in dreistündiger Rede seine bekannten Gedankengänge über das Weltjudentum. Die Ausführungen Streichers wurden mit stürmischer Begeisterung aufgenommen. Wir können sie im einzelnen nicht -wiedergeben/ da Streicher;die Presse-gebeten hattC) über seine Reden nicht mehr auszugsweise zu berichten, und, wenn eine vollständige Wiedergabe nicht möglich ist, lieber auf eine Berichterstattung ganz zu verzichten. Lotung der Judenfrage Nach' den Richtlinien des „Stürmer" in Köln Eine Rede Streichers Das „Berliner Tageblatt" läßt sich aus Köln berichten: Zum erstenmal nach der Machtübernahme sprach Gauleiter Julius Streicher auf einer großen Kundgebung der Partei in der bis auf den letzten Platz besetzten Rheinlandhollc, die bereits eine halbe Stunde vor Beginn wegen .Uberfüllung geschlossen werden, mußte. Gauleiter Grohe' begrüßte den'Rednor. Die Schüler-Auslefe In einem grundlegenden Erlaß des Reicfascrriehiwgsministers- Ruat für die höheren Schulen, in dem wesentliche Bestimmungen über die Schülerauslese getroffen werden, die sich auf körperliche, charäkterlichc, geistige und völkische Gesamteignung erstrecken, heißt es in bezug auf die nichtarischen Schüler: Arische Schüler dürfen hinter nichtarischen nicht zurückgesetzt werden. Es ist daher nicht angängig, an Nichtarier (im Sinne des Reichsgesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 und seiner Nachträge) irgendwelche Vergünstigtingen zu geben (Schulgelderlaß, freie Lehrmittel, Erziehungsbcihilfen und dergleichen), solange sie arischen Schülern versagt werden. Schüler, die durch ihr Verhalten in und' außer der Schule die Volksgemeinschaft oder den Staat wiederholt schädigen, sind von der Schule zu vorweisen. Neue Länder und neue Methoden Vorfchläge der Vereinigung „Emcol" für die jüdifche Auswanderung Poris. Die Vereinigung für Auswanderungshilfe und Kolonisationsarbeit „Emcol" veranstaltete unter dem, Vorsitz des früheren Ministers für jüdische Angelegenheiten in Litauen, Dr. Julius Brutzkus -eine Pressekonferenz;- inder die Gründe, die-für die Bildung der Gesellschaft maßgebend waren, sowie die Notwendigkeit, für die jüdische Auswanderung neue Länder und neue Methoden ausfindig zu 'machen, dargelegt wurden. Dio Referenten befaßten sich zunächst mit der allgemeinen Situation der Auawanderung und Hilfsarbeit. Sie wiesen darauf hin; daß Hunderttausende von Juden in Ost- und Mitteleuropa ihre Existenz verloren haben und auszuwandern gezwungen sind, während alle alten Einwandorungsländer, die Vereinigten Staaten, Kanada, Argentinien, Brasilien, Südafrika und Australien, ihre Tore fast völlig geschlossen haben ünd selbst Angehörige von Landeseinwohnern nur unter großen Schwierigkeiten zur Einwanderung zulassen. Sogar Länder wie Mexiko und Kuba, in denen sich in den letzten Jahren einige tausend Juden ansiedelten, haben die Einwanderung jetzt gesperrt. _ Dies sei nur zum Teil auf die Wo 11 wi r t seh a f t sk riso zurückzuführen. Viele Länder hatten sich gegen dio Einwanderung von Juden noch zu einer Zeit günstiger Wirtschaftslage abgeschlossen. Früher einmal seien Juden ala Kleinhändler und Handwerker, die zunächst in „Sweat shops" arbeiteten, eingewandert. Heute, wolle man keine Kleinhändler mehr, und gegen eine Einwanderung von Arbeitern wehren sich aus Konkurrenzgründen die Gewerkschaften. Deshalb sei „Emcol" zu der Uberzeugung gelangt, daß es unbedingt notwendig, ist, neue Länder für jüdische Einwanderung ausfindig zu machen und neue Methoden für die Ansiedlung der Einwanderer anzuwenden. In den alten Einwandcrungsländorn kommen die früheren Formen der Niederlassung nicht mehr in Betracht. Sie könnten vielleicht noch in einigen wenigen n e u o n Einwanderungsländern Anwendung finden, wie in Kolumbien, Venezuela, Ecuador, Peru, Bolivien und einzelnensüdafrikanischen .Kolonien-, diese Lander müßten nun. auf' diese Möglichkeit hin untersucht werden. Doch seien die Aussichten auf diesem Gebiet nicht 6ehr groß. ' Weit größere Aussichten biete landwirtschaftliche Kolonisation durch Schaffung oigonor jüdischer Siedlungen und Industriearbeit in neuen jüdischen gewerblichen , Niederlassungen, alsoebenfalls durch Gruppensiedlung, Bildung jüdischer Städtchen und Städte. Nur mit dieser Methode könne es vermieden werden, daß seitens der Landesbewohner sich Widerstand gegen die neüo Einwanderung geltend macht, und nur so sei die Überführung großer Massen von Juden in dünn bevölkerte Gebiete möglich. Von diesem Gesichtspunkt aus habe „Emcol" die folgenden Aufgaben Übernommen: 1. Systematische Ausforschung neuer zur Aufnahme von Einwanderern bereiter Länder; 2. Studium der Arbeit von Regierungen, sowie von jüdischen und nichtjüdischen Gesellschaften auf dem Gebiet von Auswanderung und Kolonisation; 3. Veröffentlichung des hierauf bezüglichen Materials; 4. Klärung' der Lago der jüdischen Auswanderer in den einzelnen Ländern und Maßnahmen zu ihrem politischen und wirtschaftlichen Schutz; 5. Unterstützung der Auswanderer bei der Schaffung politischer und wirtschaftlicher Selbsthilfe-Einriclitungen; 6. Verhandlungen mit Regierungen, dem Völkerbund und anderen Stellen mit dem Ziele, Erleichterungen für jüdischo Auswanderung und Kolonisation zu erzielen.