Jüdische allgemeine Zeitung
- Journal
- Jüdische allgemeine Zeitung
- Volume
- 15 (1935)
- Issue
- 13 (27.3.1935)
- Date
- 1935-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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BERLIN 27. Märx 1935 ^to/^^ PREIS 25 PF. Nr. 13 / IS. Jahrgang JUDISCHE AUGEMEME Bohrfttleltunif nnd GcachaftaBtollo: Berlin W lß, Ohlandatr. 168. Fernruf: 3 2 Oliva 0568. Bankkonto: Kreditveroin für Handel und Gewerbe eOmbH, Berlin (T 24. — Bozngaprolü: RSf. 1 —-monatlioh (mzügl. RM. 0,10 Zcitnngagobühr und Beatollgeld), boi Strelfbandvoraand tuiügl. UM. 0,30. Vorlag: VerlagaKonoBBOnaohaft in DoutBohland anaassigor Juden zu Berlin oGnibH., Berlin W15, Ohlandatr. 1G8. Anioigonprolso: Die lZgoBpaiton« mm-Zeilo BM. 0,15, f. FamillonaoMlgon RSf. 0,10, f. Btellonioaucho RM. 0,08. Bei unverschuldeter NiohtbeUoforung besteht koin Anapruch auf Vergütung. NEUE FOLGE DER JÜDISCH- LIBERALEN ZEITUNG Maimonides Nicht nur die jüdische Welt begeht in diesen Togen «nd Wochen den 800. Geburtstag des großen Philosophen, Gesctzcskodifikators und Arztes Moses ben Mnimon. In fast allen Kulturstanten wird das Gedächtnis dieses Großen in Israel gefeiert. So ehrt die spanische Regierung ihren großen Sohn, der am 30. Marz 1135 in Cordova zur Welt kam und als 13jnhrigcr infolge der Judenverfolgungen Spanien verlassen mußte, durch eine Reihe repräsentativer Festlichkeiten. Zahlreiche amerikanische Universitäten werden besondere Feiern veranstalten, um den Mann zu ehren, der die gesamte Bildung seiner Zeit mit dem Schatz der jadischen Literatur und Philosophie zu einer Einheit verschmolzen hat. Rabbi Moses ben Maimon, der mit seinem arabischen Namen Abu Imran Musa ibn Maimun ihn Abdallah hieß, war nicht nur einer der größten Denker des Judentums, der die Entwicklung der jüdischen und nichtjudischen Geisteswelt in höchstem Maß beeinflußte, er war auch ein Arzt von Bedeutung und vielleicht der bedeutendste Theoretiker der medizinischen Wissenschaft von Spanien bis Indien. Nur einmal in Jahrhunderten erscheint ein solcher Stern am Horizont unserer Geschichte. Aber auch Jahrhunderte hindurch leuchtet das Licht seines Geistes. Wie sehr schon die Zeitgenossen die Bedeutung des Rabbi Moscb ben Maimon gewürdigt haben, geht aus dem überlieferten Spruch hervor: „Von Moses bis Moses war keiner wie Moses". Zum 30, März Von Rabbiner Dr. S. SAMUEL Es ist gewiß, daß ein Gedenktag, wie die 800. Wiederkehr des Geburtstages von Mtjses Maimonides, sich auch im ruhigen ^Gleichmaß anderer Zeiten als ein hoher, goldumrandeter Festtag abgehoben hätte. Es ist aber ebenso gewiß, daß er heute für die Juden der Welt und besonders Deutschlands eine erhöhte Bedeutung gewinnt, weil er in eine für sie tief schmerzliche Zeit fällt. Da mag er wohl ihr gebeugtes Gefühl hervorheben, -ihren gesenk - ten Blick nach der Geburtsstätte eines Geisteshelden ihrer Geraeinschaft lenken; nach Cordova in Spanien, wo der Gefeierte vor 800 Jahren das licht der Welt erblickt hat. Ist es doch dasselbe Spanien, das unter Vorantritt seines Staatspräsidenten am 30. März d. J. einen seiner größten Söhne jüdischen Stammes ehren will, das einst am 31. März 1492 das Edikt der Vertreibung aller Juden aus seinen sonnigen Gefilden erließ, weil sie der kirchlich-politischen Maßnahme der strengen Glaubenseinheit aller Untertanen widerstrebten. Wer war dieser Mose ben Maimon? Um es kurz zu sagen: Er war dem Juden ein Befreier, geistiger Uberwinder seines Mittelalters. Als Sohn einer durch Frömmigkeit und Gelehrsamkeit in vielen Generationen, geadelten Familie, wie ein Prinz, der einmal eine Krone tragen sollte, erzogen, und in allen Wissenschaften und Fertigkeiten der Zeit ausgebildet, brauchte er freilich keinen andern Ehrgeiz zu hegen, als der erste Mose: seinen unter dem Drucke der Zeit seufzenden Brüdern beizustehen.. Die Schrecken der Kreuzzüge hier, der Fanatismus der berberischen Almohaden dort — bedrohten die aufgeblühten Gemeinden des Westens, die die Erbschaft des ermatteten Orients angetreten hatten. Entscheidend für sein Leben wurde, daß er schon seit dem vierzehnten Lebensjahre Not und Verfolgung mit den Seinigen durchkostete, als Jüngling die berühmte Gemeinde in Fez mitten in Todesängsten antraf, weil ihr nur Annahme des Islam oder Auswanderung oder Tod zut Wahl stand, und er doch es vermochte, ihr mit besonnenen Worten und Ratschlägen Festigkeit und Trost zu verleihen.. Als er zudem auf dem geheiligten Boden Palästinas den wogenden Kampf zwischen Kreuz und Halbmond vorfand, endlich in Ägypten, wo die Familie zu Fostat sich niederließ, eine in politisch-sozialen und religiös-geistigen Nöten schmachtende Jüdenjieit gewahrte; war seih Entschluß gefaßt: seiner körperlichen Schwäche, der Neigung zur Beschauhchkeit; der Mißgunst übelwollender nicht im geringsten zu achten, sondern alle Kraft einzusetzen, das Joch seiner Brüder zu lösen. ' # Man hat längst bemerkt, daß drei Hauptwerke des Meisters, die sich aus der unabsehbaren Fülle Xr***4 linfJI . (n±n) pd»o p nt#D n Moses Maimonides Nach einer von Professor Reggio in Gdrz aufgefundenen und für mutmaßlich echt erklärten Abbildung aus dem Thesaurus antiquitatum sacrarum Ugolini Aufn, seiner Schriften abheben, ebensolche Epochen seiner Entwicklung bedeuten. Das erste, der sogen. Sirag' (d. h. Leuchte) ist ein lichtvoller Kommentar zur Mischna, bestimmt, den Fachgenossen das Studium dieses zweiten Gesetzbuches nach der Tora (redigiert von R. Jehuda ha-Nassi) zu ebnen und zu erleichtern. Hatten doch die beiden Gemaren, d. h. die jerusalemischen und babylonischen Diskussionswerke und ihre Nebenzweige, auch die Mischna wieder überspönnen und fast unkenntlich gemacht. Maimonides widmete ihr zum ersten Male methodische Einführungen, Darlegung ihrer Grundsätze und Ziele, wertvolle Exkurse für allzu knapp behandelte Themen. Da gab es die „Pirke. Abot", diese rabbinische Ethik in nuce": Maimonides schuf in den acht Einleituhgskapiteln die psychologische Propaedeutik dazu, gab den Aphorismen einen Rahmen, in dem sie wie Muster in einem Teppich aufleuchteten. Da ging der Abschnitt „Chelek" auf die Frage ein, wer der Seligkeit teilhaftig würde. Maimonides scheute sich nicht, 13 Glaubensartikel dafür aufzustellen, doch so, daß sie nicht sklavisch in ihrem Wortlaut, sondern nach innerster Uberzeugung' erfaßt werden konnten. Auf der Höhe seines Schaffens, da er bereits FürBt der Gemeinden und Leibarzt am Hofe des SultanB geworden war, unternahm er sodann seinen großen „Chibbur", den „Mischne Tora", eine Summa theologia (im Unterschied zur Commentatio} zu verfassen. In diesem gewaltigen, 14teiligen Werke, einem neuen Gesetzbuche, ' wie'"es nach einem treffenden Worte von Ludw. Blau alle 200—250 Jahre „fällig" ist, macht er der Judenheit ein unerwartet neues, unschätzbares Geschenk. Er überhebt sie der zermürbenden Mühe, sich in dem unendlich angewachsenen, rabbinischen Schrifttum wie in einer wilden Berg- und Hügellandschaft zurechtzufinden. Er weiß jede Stoffgruppe an eine passende Stelle zu setzen und wieder in sich zu gliedern, einem Baumeister gleich einem scharf durchdachten Plan gemäß zu gründen, emporzurichten und zu krönen, König und Kärrner zugleich! Und er versieht den Bau mit einer wunderbaren Vorhalle, wohin er die Eintretenden einladt, um mit ihnen die „Grundlagen der Tora" nach ihrer Theorie aus dem Geiste der Offen-' barung und unter Anleitung und oberster Kontrolle der Vernunft zu besprechen. Wahrlich, ein kühnes, unerhörtes Unternehmen, an dem sich denn auch bald enthusiastische Bewunderer und empörte Gegner schieden. * Nichts spricht so deutlich für die epochemachende Tat des Mannes als die ohnmächtigen Versuche, sei es des würdigen Rabbi Abraham b. David von Posquieres, sei es des wenig sympathischen Gaon Samuel ben Ali von Bagdad, das Werk zu verkleinern, zu dessen Rechtfertigung sein Urheber in stolzer Bescheidenheit, aber innerer Überlegenheit nicht viel mehr zu sagen hatte, als etwa Ulrich von Hutten: ich hab's gewagt I Gewagt, den Weg durch das Ge- ■ strüpp der schwierigen, ablenkenden, sagen wir getrost auch abstrusen Diskussionen zu hauen, die dem praktischen Gebrauche hinderlich, dem schlichten Sinne schädlich und daher dem Spezialforscher allein dienlich sind. Gewagt, nicht in arabischer, auch nicht in aramäischtalmudischer, sondern in< schlicht-hebräischer Sprache ein Lehrgebäude des Religionsgesetzes inx allen seinen Teilen, ein echter Niederschlag des rabbinis'chcn Judentums für jedermann zur Einsicht und Belehrung, zur wohl- oder übelwollenden Nachprüfung zu liefern. Erscheint hier nicht aber der gewissenhafte Kodifikator des gesamten jüdischen Rechts als ein orthodoxer Vertreter eines göttlichen, vom Gesamtjudentiim angenommenen, daher unverbrüchlichen Gesetzes? So Soauenfeld