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Jüdische allgemeine Zeitung · 1935-03-27 · 13 (27.3.1935) · page 3

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Journal
Jüdische allgemeine Zeitung
Volume
15 (1935)
Issue
13 (27.3.1935)
Date
1935-03-27
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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1. Bei*age 27. März 1935 JÜDISCHE AUGEMEINE ZEITUNG Zum 800. Geburtstag Mofe ben Maimons Der „Führer der Verirrten" Maimonides und die deutfchen Philofoplten Von Dr. EHNST SCHLESINGER Daa philosophische Hauptwerk von Maimonides ist „M o r c Nc buch im, Führer der Verirrten".' Ursprünglich für seinen Sohn Und für seine Schüler in arabischer Sprache geschrieben, 18t es in alle Houptsprachcn übersetzt worden, zunächst ins Hobraiachc und in9- Lateinische. In diesem Werk hat er die Lehre des Judentums vom pliilosophischcn Gesichtspunkte aus behandelt und überall Klarheit verbreitet. Er erhob die Religion des Judentums zur Höhe philosophischer Erkenntnis. Das Werk „Morc Ncbuchim" war nicht nur für das Judentum, sondern auch für die Gcsohichto der Philosophie im Mittelalter bis in die neueste Zeit von großer Bedeutung. Es hat auf die christliche Scholastik anregend und belehrend gewirkt. Kein Werk eines jüdischen Denkers wurde im Mittelalter von christlichen Gelehrten so fleißig gelesen, so eifrig benutzt wie dieses. In der ersten Hillftc des 13. Jahrhunderts, wenige Jahrzehnte nach dem Tode Maimunis, war eine lateinische Übersetzung des Werkes vorhanden und verbreitet. Es liegt die Vermutung "\ #y **n%\ v* h - Aü^rali -N. So schrieb der Verfasser des More Nebuchim Ein Blatt aus dem philosophischen Hauptwerk des Maimonides, arabisch, in hebrüischen Buchstaben geschrieben, daB in der Genisa (Aufbewahrungsort für unbrauchbar gewordene heilige Schriften) der Esra-Synagoge in Kairo gefunden wurde. nahe, daß sie auf Veranlassung des Hohenstaufen-Kaisers Friedrich II. entstanden sei, der ein Freund und Förderer der jüdischen Wissenschaft war. Die beiden Hauptvertreter der christlich-scholastischen Theologie jener Zeit waren der Dominikaner Albertus Magnus und Bein großer Schüler Thomas von Aquino. Diese, haben den Führer des Maimonides in der lateinischen Übersetzung nicht nur eifrig gelesen, sondern auch in ihren Forschungen vielfach benutzt und verwertet. Christliche Gelehrte und Theologen ließen sich sogar nicht selten von Juden in die Lektüre dieses schwierigen Buches einführen und diskutierten mit ihnen übor einzelne Fragen. Moses von Snlerno, der in dor Mitte des 13. Jahrhunderts in Italien wirkte, verband sich mit seinem christlichen Freund, dem hohen Geistlichen Nicolo di Giovcnazzo zur Herausgabe eines Kommentars zum Maimunischen „Führer". Auch auf Baruch Spinoza, der durch sein scharf durchdachtes Gedankensystem der Schöpfer und Begründer der neueren Philosophie geworden ist, hat Maimonides nachhaltig eingewirkt. ■~N Spinoza schloß sich ihm in der Behandlung vieler Fragen nuf dos engste an und entnahm dem „More Nebuchim" nicht nur viele Gedanken, sondern gab ganze Stellen fast wörtlich wieder. Johannes Reuchlin, der Vorlaufer der Reformation, zitiert den „More Nebuchim". Joseph. Scaliger, dor gelehrteste Philologe seiner Zeit, war ein ^begeisterter Verehrer des Maimonides. Er bezeichnet „More Nebuchim" als ein Buch, das staunenswerte Gelehrsamkeit enthülle und auch für christliche Gelehrte unentbehrlich Bei. Johann Buxtorf, der berühmte Hebraist in Basel, lieferte auf Grund der hebräischen Übersetzung von Tibbon eine neue lateinische Übersetzung, die im Julrre 1629 im Drucke erschienen ist. Daraua schöpfte der scharf sinnige Gelehrte L e i b n i z seine tiefe Kenntnis der Maimunischen Religionsphilosophie. In seine hinterlassenen Aufzeichnungen hat Leibniz sein Urteil über das Maimunische Werk gesetzt: „Vortrefflich finde ich das Werk des Rabbi Moses Maimonides,'das den Titel führt: „Führer der Verirrten". Es hat einen viel größeren philosophischen Wert, als ich gedacht hatte, und ist würdig, mit Aufmerksamkeit g_elescn , zu werden. Es war das ein Mann, in der Philosophie und ui den mathematischen Wissenschaften, in der Heilkunde und in der Kenntnis der Heiligen Schrift gleich ausgezeichnet." Auch Hegel hat den „Fuhrer der Verirrten" fleißig gelesen und führt in seiner Darstellung der arabischen Philosophie im Mittelalter mehrere Stellen aus dem Werke des „gelehrten Juden" wörtlich an. Seine Ansichten über das Judentum hat der berühmte Hof- und Kirchenphilosoph zum großen Teil aus dem „Fohrer" geschöpft. Bei seiner Entwicklung des Göttesbeeriffes tfjagt er vom Judentum, daß es Gott als ein unendliches Wesen -'""voll Macht und Weisheit auffaßt; demgemäß nennt er den jüdischen Glauben die „Religion der Erhabenheit". Mit tiefem Blick erkannte der Geschichtsschreiber Johannes von Müller die hervorragende Bedeutung des Maimonides für die Entwicklung der Philosophie und wünschte, daß die Schriften dieses Rabbiners, den er den „Luther der Juden" nennt, in eine der modernen Sprachen übersetzt würden. Einen würdigen VcrkOnder hatten die Maimunischen Lehren an Moses Mendelssohn. Schon in seiner Vaterstadt Dessau als Knabe von kaum dreizehn Jahren lernte Mondclssohn den „Morc Nebuchim" kennen; er befaßte sich mit ihm, bis der tiefe Inhalt dieses Werkes sich nicht nur seiner Scolc einprägte, sondern auch sein Körper ein äußeres Merkmal von diesem Studium erhielt, wie er scherzend zu sagen pflegte. „Der Mann hat mir manche trübe Stunde meines Lebens versüßt und so auf der einen Seite mich zehnfach für das entschädigt, um was er mich in Anbetracht meines Körpers gebracht hat." Mendelssohn hat sich den Gedankenreichtum des Führers in vollstem Maße zu eigen gemacht und in seinen philosophischen Schriften verwertet und weiter fortgeführt. In der neueren Zeit hat dos Studium der Maimunischen Rcligionsphilosophic einen glänzenden Aufschwung gcnommc'n. Der „Führer der Verirrten" wurde in mehrere moderne Sprachen übersetzt, ins Deutsche von Schcycr, Fürstcnthal und Stern; von Fricdländcr ins Englische; von Klein ins Ungarische; von Daviel Mosoni ins Italienische und zuletzt, um 1860, ins Französische von Münk. Ober einzelne Teile sind besondere wissenschaftliche Monographien erschienen. In der Berliner Staatsbibliothek befinden sich 132 Werke von Maimonides und über ihn. An der Spitze dieser Arbeiten Btchcn die großartigen Leistungen Solomon Münks. Wie einst Mendelssohn, so begeisterte »ich dieser Forscher für die Maimunische Rcligionsphilosophic. Als Frucht seiner vieljährigen opferfreudigen Tätigkeit gab Münk den arabischen Urtext des „More Nebuchim" zum ersten Mal heraus. Besondere Erwähnung verdienen das Buch des Rabbiners Dr. Münz über Leben und Werke des Moses ben Maimon, auch die Ausführungen von Heinrich Graetz in seiner Geschichte der Juden. Graetz gibt den Trostbrief des Maimonides an die verfolgten und leidenden Juden in Jemen wieder mit dem auch für heute geltenden Schluß: „Und nun, ihr Brüder, erwäget diese Wahrheiten und lasset euch nicht von dem Ubermaß der Leiden entmutigen. Es dient nur dazu, um euch zu prüfen und um zu zeigen, daß die Nachkommen Jacobs, die Enkel derer, welche am Sinai die Lehre empfangen haben, im Besitze der wahren Religion sind." So hat Maimonides, der größte und einflußreichste Philosoph des jüdischen Mittelalters, unvergängliche Denkmäler geschaffen, und so hat er durch seine Rcligionsphilosophic auf die größten Geister innerhalb und außerhalb deB Judentums eingewirkt. Worte Maimunis Wir haben im Altertum gelitten, und unsere leiden sind nicht geringer geworden, seitdem zwei neue Religionen entstanden sind, die christliche und die mohammedanische. Weil die unsere, eine Lehre der Wahrheit ist, darum müssen wir für sie dulden. Aljer die Leiden werden uns nicht erdrücken: so viele Dränger sich gegen uns erhoben haben, sie sind zugrunde gegangen, Israels Name wird ewiglich bestehen. Die, Leiden sind für uns ein Prüfstein, und es gereicht uns zum Stolz und Ruhme, in ihnen zu bestehen . . . Aus dem Trostarhrelben an die Oemelndo von Jemen. * Es ist )>ekannt und eine in den Werken der Philosophen allenthalben vorgefundene Behauptung, ■ überall wo sie vom Gang der Dinge sprechen: daß der Gang der Dinge auf dieser Niederweit, nämlich der Welt des Entstehens und der Auflösung, nur durch die Vermittlung der Kräfte, die als Ausfluß der himmlischen Sphären sich beurkunden, zustande komme. More Nebuchim 10. Perek. » Es ist als entschieden anerkannt, daß jedes neu ins Dasein eintretende Wesen notwendigerweise eine schaffende Ursache habe, die es, nachdem es vorher nicht gewesen, ins Dasein ruft. More Nebuchim 13. Perek. Die Unkörpcrlichkcit Gottes ist durch Bcwoisc begründet . . . allein die Ewigkeit der Welt ist durch keine Beweise begründet. More Nebuchim 25. Perek. * . . . : daß nämlich alles, was in der Bibel hinsichtlich des Schöpfungswerkes erzählt wird, nicht immer in wörtlichem Sinne genommen werden darf, wie dies die gemeine Masse es auffaßt. More Nebuchim 29. Perek. * Es ist bereits mit äußerster Klarheit auseinandergesetzt worden, daß der Mensch naturgemäß ein geselliges Wesen sei, und daß seine Natur es erfordere, daß er in Gesellschaft lebe. More Nebuchim 40. Perek. * Wisse, daß die Prophetie nach ihrer wahrhaften Beschaffenheit ein von Gott ausgehender Ausfluß sei, welcher vermittels der wirkenden Verstandcskraft zuvörderst über die Vernunftsbefähigung sich ergießt und hierauf über die Einbildungskraft, und Zwei Legenden Die Erscheinung Als Maimonides Mischne-Thora beendet hatte, erschien ihm ein wunderbares Traumgesicht. Er sah seinen verklärten Vater und an seiner Seite eine Gestalt von ehrfurchtgebietendem Aussehen. Die Lippen des Vaters flüsterten: „Hier steht vor Dir Moses, unser Lehrer". Die Erscheinung wandte sich dann zu ihm mit den Worten: „Sei bedankt für Dein Werkl Deine Kraft erneuere sichl" * Der letzte Weg Nicht in Ägypten, sondern in Zions heiligem Boden sollten nach seiner Anordnung die Gebeine des Mannes ruhen, dessen ganzes Leben einem hohen, heiligen Ideale geweiht war. Die dichtende Sage konnte die sterblichen Uberreste Moimtuiis in den Schoß der Erde nicht sinken lassen, ohne ihnen einen Strahlenkranz zu flechten. Als dor Trauerzug seiner Freunde und Schüler sich auf dorn Wege nach dem Heiligen Land befand, fiel, bo erzählt die Sage, eine Schar Beduinen die Lcichentrflger an, aber sie vermochten nicht den Sarg von der Stelle zu bewegen. Überwältigt von diesem Wunder, schlössen Bich die Beduinen dem Trauerzuge an und geleiteten die Bahre bis zur Grabstätte in Tiberias. In Jerusalem aller veranstalteten die Juden eine öffentliche Totenfeier unter Beten und Fasten. Das Grab in Tiberias Ein sefardischer Jude bewacht die Statte, an der Maimonides beigesetzt wurde. Aula.: Szkolny und Soanenteld

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