Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1938)
- Date
- 1938-04-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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7. Xpril 1938 Der Israelit Nr. 14 Seite 3 ZUR WANDERUNGSFRAGE. (Fortsetzung von * Seite 1.) eines neuen Gebildes oder zu einem Ausbau des bestehnden Völkerbund-Amtes des High-Conimissioners führen wird. Auf alle Fälle wird es die Aufgabe der Juden s 'e'I'b s t sein, vor der' Größe der weltgeschichtlichen Verantwortung, die ihnen in diesem^ Augenblicke auferlegt wird, ihre inneren Gegensätze und organisatorischen Zersplitterungen,, endlich einmla zu vergessen und ein einheitliches, wirksames und umfassendes Instrument zu schaffen, dessen Existenz oder dessen Existenzmöglichkeit wenigstens auf jüdischer Seite offensichtlich die Voraussetzung für die Ausführbarkeit der amerikanischen Anregung ist. Das Instrument muß einheitlich, wirksam und umfassend sein. Was haben wir heute? Wir erfreuen uns der Wirksamkeit großer, erfahrener und hochverdienter Organisationen, von denen sich eine — die ICA. —- hauptsächlich, die anderen nebenher ein wenig mit Kolonisationsproblemen befassen; . wir haben für die „Technik des W a n - derns" zwei weitere, trefflich arbeitende Organisationen und es gibt sogar ein sogenanntes „Comite d'Entente", in dessen Rahmen 'ICA., Joint und Council einige Male im Jahre miteinander Fühlung nehmen. Es fehlen also anerkanntermaßen Einheit, Wirksamkeit und (auch nach der sachlichen Seite) umfassender Charakter. Was zunächst die Einheit betrifft, so genügt es nicht, wenn Vertreter der paar größeren Organisationen sich gelegentlich begegnen, sondern es bedarf einer ständig arbeitenden, hauptamtlich besetzten Zentralstelle, die sämtliche an Wanderung und Kolonisation legitim interessierten, überterritorialen Körperschaften ohne Ausnahme zusammenfaßt. Sonst wird es irnmer unvermeidlich sein, daß ebensor wohl ehrlicher Eifer als naheliegendes Prestige- Interesse bald diese, bald jene Organisation zu einem Vorgehen auf eigene Faust verleiten und den Staatsmännern das unerquickliche Schauspiel völliger Anarchie auf jüdischer Seite auch in den Stunden höchster Gefahr dargeboten wird. Aber noch mehr. Durch die bloße Addition der vorhandenen Organisationen wird höchstens Einheit, jedoch noch lange keine Wirksamkeit erreicht. . Die Organisationen sind samt und sonders, wie es in der Natur der Sache liegt, in einer zum Teil Jahrzehnte langen Arbeitsroutine festgefahren; ihre Erfahrung und Intelligenz ist unentbehrlich', sie bedarf aber der Ergänzung und Auffrischung durch die besten jüngeren Köpfe und s t äir.k s t e n Energien auf dem Gebiete der'' P o 1 i t i k , der Kolonisa tiönswirt- Schaft,, der F i n a n z t e c h n i k , über die das jüdische Volk verfügt. Ihnen werden sich auch hervorragende nicht jüdische Sachverständige mit reichen Erfahrungen auf dem Gebiete der Siedlung und Wanderung anzureihen bereit sein, Endlich muß immer wieder auf die selbstverständlich scheinende, bisher aber fast vollkommen unbeachtet gebliebene Tatsache hingewiesen werden, daß Auswanderer Menschen, Doppelwes^en von Körper und Geist, sind, ja daß ihre Seelea, in dem Fegefeuer der Umschichtung; und Umsiedlung in fremde Kulturwelten einer liebreichen, sachkundigen Betreuung noch in weit, weit höherem Maße bedürfen als unter normalen Umständen. Wenn das zu schaffende zentrale Wanderungs- und Siedlungsamt uns endlich nach außen die bitter notwendige einheitliche Vertretung in Wände-, rungs- und Siedlungsfragen gäbe, wenn es alles Wirtschaftliche, Kölohisatorische, Finanztechnische ebenso weitschauend, willensstark und umfassend handhabte, wie es Heute nicht der Fall sein kann, so b 1 i eb e di e Auf g ab e doch nur halb gelöst, wenn m an in d er bisherigen Weise an die jüdische Seele vergäße. Der politischen, kolonisatorischen, finanztechnischen Abteilung des Wanderungs- und Siedlungsamtes muß eine religiös-kulturelle Abteilung ebenbürtig zur Seite treten, die die Verantwortung dafür trägt und tragen kann, daß die Verbreiterung der jüdischen Gola — soweit es in Menschenmacht steht — nicht G'tt behüte zu einem vernichtenden Verlust an j üdischer Substanz führt. Nur die intensivste Einwirkung des Geistes der jüdischen Tradition, die allein uns durch die Jahrtausende hindurch geistig lebendig und moralisch gesund erhalten hat, kann dem gewaltigen Umpflanzungsprozeß der jüdischen Massen seinen lebensgefährlichen Charakter für die Volksexistenz nehmen. Vielleicht wäre es zweckmäßig, daß die dem Liaison-Committee des High Commissioner angehörigen jüdischen Organisationen die amerikanischen Bruder-Vereinigungen zu einer Aussprache mit dem obigen Programm einlüden, damit von jüdischer Seite wenigstens in dieser ernsten Stunde nichts versäumt wird, um der Initiative des amerikanischen Staatsdepartements eine möglichst einheitliche und umfassende Mithilfe durch die freie Wohlfahrtspflege der Juden in den westlichen Ländern zu sichern. Wochenrundschau, Erleichterung in Frankreich? — Judensiedlung wie sie sein soll. — nun nur Worte? Eine Wa- Unabhängig von der amerikanischen Aktion hat das französische Innenministerium, wie aus Paris gemeldet wird, einer jüdischen Delegation mitgeteilt, daß die französische Regierung beabsichtige, in Anbetracht der Lage der Juden in Mittel- und Osteuropa einer Anzahl von illegal nach Frankreich eingewanderten Juden die Möglichkeit zur Ansiedlung auf dem Lande zu geben. Diejenigen, die diese Möglichkeit akzeptieren, sollen in Frankreich bleiben können. Die Zahl; der illegal in Frankreich befindlichen Juden wird auf 8000 geschätzt. Um die Mittel zu ihrer Ansiedlung aufzubringen, sollen die Kräfte der jüdischen Organisationen herangezogen werden. Der Plan ist, wie Staatssekretär Serre mitteilte, noch nicht vom französischen Kabinett angenommen worden, habe aber beste Aussicht, vom Kabinett gebilligt zu werden. Staatssekretär Serre hat die Vertreter einer Reihe zentraler jüdischer Organisationen, darunter des Joint, der Ica und des Ort, zu einer Konferenz ein-' geladen, um mit ihnen das Projekt zu besprechen. Die Organisationen sollen eine Summe von 2 0 Millionen Francs für die Ausführung" des Planes: garantieren. In A r g e n t i n i e n gibt es eine jüdische Kolonie unter dem Namen Avigdor, die aus 61 Familien besteht, die alle aus Deutschland dorthin ven der Ica verbracht wurden. Nach einem 'Berichte der Ica wurde die Kolonie 1936 gegründet. 21. Familien j wurden 1936, weitere 31 im Jahre 1937 und 9 im Januar und Februar 1938 angesiedelt. Insgesamt umfaßt die Kolonie 393 Menschen, und während der kurzen Zeit ihres Bestehens gab es bereits acht Heiraten; und sieben Geburten. 'Die Kolonisten haben 32 ha von den ihnen insgesamt5-zur Verfügung stehenden 75 ha urbar1 gemacht. Sie hatten gute Ernten an Weizen, Flachs, 'Reis, Mais und:anderen Früchten. Viele sind bereits in der Lage, mit den Rück2ahlungen' der Anleihen zu beginnen, die ihnen von der Ica gegeben wurden. Die im Jahre 1937 angesiedelten Kolonisten konnten bereits 13 ha urbarmachen; auch sie haben bereits gute Erfolge zu verzeichnen. Außerdem hat die Ica noch 34 Familien aus Deutschland in ihren Kolonien L. Cohen — L. Oungre und Moisesvill.e angesiedelt. Auch von dort werden erfreuliche landwirtschaftliche Erfolget gemeldet. Wir freuen uns, diesem,,Berichte noch hinzufügen zu können, daß seit einiger Zeit in Avigdor ein durchaus zuverlässiger Schochet stationiert ist,, der als thorakundiger Mann auch die Kinder unterrichtet und den Erwachsenen die nötige religiöse Belehrung bietet. Alles in allem eine Siedlung, wie sie die Landesorganisation der Agudas Jisroel in Deutschland für alle neuen überseeischen Unternehmungen erstrebt. * * Herr Rabb. Dr. Michalski, Karlsruhe, schreibt uns: Bei den gerecht denkenden Juden unserer Tage, auch wenn sie religiös-liberal gesinnt sind, bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß die Orthodoxie die Heimstätte für die Heimkehrer erhalten hat. Zwei Aeußerungen liberaler Wortführer in der vorigen Woche finden Worte der Anerkennung für die Orthodoxie. Unter dem Titel „Diaspora-Zerstreuung" schreibt Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum (C. V.¬ Zeitung Nr. 13 v. 31. 3. 38): „Wir wissen jetzt, was das heißt: Zerstreuung, Diaspora. Wissen wir auch, wie sich das Judentum der Diaspora gegenüber verhielt? Die große Leistung des pharisäischen Judentums, also des rabbinischen Judentums, also des Judentums, das für uns trotz der liberalen und zionistischen Epoche das gültige ist (von uns gesperrt' gedrückt) war diese: die Diaspora wurde organisiert. Es wurde bewirkt, daß das Volk der Zerstreuung ein Volk sein konnte, eine innig miteinander zusammenhängende Gemeinde". Zur Entpflichtung Caesar Seligmanns als Rabbiner schreibt Max Dienemann in der gleichen Nr. der C. V.-Zeitung; „Hat er doch selbst in seiner grundlegenden „Geschichte der jüdischen Reformbewegung", in der er die Summe der Entwicklung im 19. Jahrhundert zog, darauf hingewiesen, wie falsch es war, daß man in den „Flegeljahren der Reform" auf die Bedürfnisse der Orthodoxen nicht gebührend Rücksicht nahm." Wird jetzt die. gebührende Rücksicht genommen? Warum kann bei der Reichsvertretung nicht erreicht werden, daß die Jeschiwoth in Deutschland so unterstützt werden, daß sie allen Gesuchen um Aufnahme stattgeben können? Es sollte doch die geistige Berufsausbildung auf den Lehrstätten „des r'abbmi-1 sehen Judentums, also des Judentums, das für uns trotz der liberalen und zionistischen Epoche das gültige ist," wenigstens der körperlichen gleich geachtet und gefördert werden. Warum wird der Keren Hatorah in Deutschland, diese Spitzenleistung idealer Juden, die mit verzweifelt letzter Kraft diese „innig miteinander zusammenhängende Gemeinde" in der Zerstreuung zu erhalten sich müht, durch mangelnde Unterstützung gezwungen, blutenden Herzens Aufnahmegesuche verarmter Eltern ablehnen zu müssen?! Warum Wird dem Keren Hajischuw, dessen heißes Sehnen und ganzes Trachten nichts anderes erstrebt, als das rabbinische Judentum zur Grundlage der „innig miteinander zusammenhängenden Gemeinde" im heiligen Lande zu machen, von einigen jüdischen Instanzen in Deutschland noch nicht einmal die Erlaubnis für eine Sammlung gegeben? Dürfen wir nicht an die gerecht denkenden Juden unserer Tage, für die Dr. Maybaum und Dr. Dienemann ihre Ausführungen geschrieben haben, die Frage richten: Warum nur Worte? Wmm STRUMPFHÄUS METZGER ZEIL 81 'auch HörrertWäsche;.Trikotagen,, und Badewäscn© mii ii übergangfr Mäntel für Herj^n Knaben; Frankfurt a. M. Hindenburgplatz 12 am Hauptbahnhof.