Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seife 6 C.-V.-Zeitung Nr. 22 * 2. Juni 1938 Im Ringen um Bindung und Freiheit Von Max Dienemann Eines der wesentlichen Werke des verehrungswürdigen Dr. Claude Montefiore ist seine „Bible for honie reading". Wir Juden haben in deutscher Sprache kein ähnliches Buch, "das die Bibel in den Gebrauch des Hauses einführt sie für den Gebrauch in der Familie handlich macht. Man könnte sagen: aber wozu bedarf es eines solchen Buches? Man schlage einfach die Bibel auf und lese in ihr! Aber von jeher schon ist es so gewesen, dass man zum Verständnis der Bibel einer Erklärung, einer Einführung "bedarf, Es ist nicht jeder imstande, die Bibel zu verstehen, aus ihren, oft gar nicht einfachen Gedankengängen sich das zu erobern, was gemeint ist. Wäre es anders, dann hätte es auch in alten Zeiten nicht eines Raschi und all der anderen Erklärer bedurft. Die Bibel ist auch nicht ein Buch, in dem man liest, wie man in jedem anderen Buch liest, in der Freude an dem Geschehenen, aus dem Interesse an Ihrn, aus Wissensbegier, aus Lernwillen. Wo man sie nur als ein Erzeugnis des jüdischen Geistes liest, als Spiegel jüdischer Geschichte, als Dokument unserer frühen nationalen Kultur, geht ein Wesentliches ihrer Wirkung verloren. Wenn man sie liest, wie man Homer oder Tacitus liest, auch wenn das Bewusstsein hinzukommt, dass es die eigene Vergangenheit und nicht die eines fremden Volkes ist, in die man sich vertieft, fehlt ein Element, das der Bibel ihren vollen Charakter gibt; es fehlt dann das Bewusstsein der' Verbindlichkeit. Es ist das Besondere der Bibel, dass sie uns mit Autorität gegenübertritt. Aber der Mensch unserer Tage, selbst wenn er aus der Epoche des unbedingten Freiheitsdenkens herausgeschritten ist. den hemmungslosen Individualismus des verflossenen Jahrhunderts überwunden hat, selbst wenn er sich zu der Erkenntnis durchgerungen hat. dass die Führung des Lebens einer Autorität unterstellt sein muss, selbst sogar wenn er der Autorität über Einzelheiten der Lebensführung und nicht nur über Ziel und Richtung Macht gibt, ist noch nicht gewillt, sich der Autorität eines Buches zu unterstellen, nur deshalb, weil seine Vorfahren und die Tradition, in der sie lebten, dieses Buch als göttlichen Ursprungs bezeichneten. Er will sich das- Recht wahren, selbst zu entscheiden, ob er das Buch als göttlich anerkennt und ob er es, wenn er es im ganzen als göttlich bejaht, in allen seinen Teilen und in allen Einzelforderungen also göttlich empfinden kann. So entsteht das schwere Problem des Ineinanderkiingens' von Autorität und Freiheit. Man muss es sofort deutlich sagen: das Problem besteht in "dieser Richtung und in dieser Stärke nicht für den Juden, der sich als orthodox empfindet. Sobald man glaubt, dass die gesamte Tora die wörtliche Offenbarung Gottes ist, dass alles, was im rabbinischen Schrifttum bis zum Schulchan Aruch niedergelegt ist, göttliche Offenbarung ist, besteht kein Problem. Und wer in solchem Glauben ist, dem wird jeder Gehorsam gegenüber jeder Forderung, sie mag ihm sogar unverständlich sein, leicht fallen. Aber dem Glauben kann man nicht befehlen, er ist da, oder er ist nicht da. Und wenn er nun nicht da ist? Jener oben skizzierte Glauben erfuhr im vorigen Jahrhundert eine starke Erschütterung. Man lernte die Bibel kennen als ein Werk, in dem mancherlei Schichtungen übereinander gelagert sind, so dass es als Spiegel vieler Epochen des jüdischen Volkes erscheint, nicht-nur als eine einmalige Offenbarung einer bestimmten Tagreihe. Man schritt hinein in ein Denken, das. bei allem Gehorsamwillen, der eigenen Vernunft ihr Recht zuerkannte, und man wollte daher nicht etwras tun. was man nicht auch aus der eigenen Vernunft heraus bejahen konnte, wenn man Grund und Zweck nicht verstand. Man erkannte das rabbinische Schrifttum als den Niederschlag der durch Jahrhunderte sich fortsetzenden Bemühungen, das Wort der Schrift lebendig zu machen zur Gestaltung und Formung des täglichen Lebens, also als das Werk von Menschen, wenn auch noch so frommen, so doch Menschen, also nicht als Offenbarung Gottes. Man kann nicht sagen, dass das alles im 19. Jahrhundert funkelnagelneu in die Erscheinung trat, es hat in der Geschichte des Judentums Perioden gegeben, in denen all das schon zutage trat und formend war. Diese Perioden hatten anderen Platz gemacht, der Historiker kann nachträglich sagen, dass darum schon früher einmal gekämpft worden war; im Bewusstsein des Juden des 19. Jahrhunderts wrar diese Problemstellung jedenfalls eine neue. Aber das Leben verläuft nicht nach Prinzipien und fesien Regeln. Je mehr man einem Denken folgte, das sich auf das Recht der eigenen Entscheidung stützte, um so mehr zerflatterte das religiöse Leben und löste sich in ungezählte Einzelwillen auf. Und aus dem instinktiven Gefühl, dass die schrankenlose Freiheit die Ordnung des Gemeinschaftslebens auflöse, formte sich ein Wille, eine Ordnung zu finden, die freiheitlich ist und zugleich unter Autorität steht. Sein sichtbares Zeichen war im Judentum in Deutschland erstmalig auf den Rabbinerversammlungen in den vierziger Jahren hervorgetreten, sein Ausdruck war dann die Aufstellung der Richtlinien im Jahre 1912, die man sehr falsch als einen- Willen des Abbaus gewertet hatte, die vielmehr der Wille einer Ordnung und eines Aufbaus war. Dann aber wurde das Thema im grossen Massstabe auf der Tagung des Weltverbandes für progressives Judentum in London im Jahre 1936 aufgenommen. Der Referent stellte damals den allerwärts sich kundtuenden Drang zu einer Ordnung des jüdischen Lebens in den Vordergrund. Er ging aus von dem Bekenntnis, das« «die Bibel in dem grossen Zuge ihrer Forderung Eingebung und Offenbarung ist, und er zeigte auf, wie es das Merkmal der biblischen Ordnung ist, nur die grosse Linie und die Richtung des Tuns zu ziehen und das Einzelne .in die Freiheit des Tuenden zu stellen. Er versuchte dann, an die Stelle der im Be/wusstsein so vieler nicht mehr lebendigen Autorität des Wortes als einer göttlichen Offenbarung, die Autorität des Volksbewusstseins zu setzen. Den Einwand, dass dieses Volksbewusstsein nichts Festes, sondern ein Sichwandelndes ist, begegnete er mit der Feststellung, dass darin eben das Element der Entwicklung sich kundtut, zu deren Macht undOSinfluss sich zu bekennen ein wesentlicher Bestandteil eines nichtorthodoxen Denkens ist. Er zeigte so, wie an die Stelle einer Autorität von oben gleichsam eine Autorität von unten heute tritt. Er gab dann ferner einen Hinweis darauf, wie man in einer Reihe von bestimmten Forderungen an den einzelnen ein religiöses jüdisches Leben neu aufbauen könne, in dem das Element der Autorität vorhanden ist und zugleich die Freiheit der Lebensgestaltung, der Gestaltung des religiösen Lebens gewahrt ist. An dieses Referat schloss sich eine bis auf den heutigen Tag sich fortsetzende Diskussion an. Es trat zunächst in die Erscheinung, dass die Menschen im angelsächsischen Raum eine andere Auffassung vom Ineinanderklingen vom Individuum und Gemeinschaft haben als die aus dem deutschen Raum. Sie beharren unentwegt darauf, dass dem Individuum in der Gestaltung des religiösen Lebens jegliche Freiheit zustehe, dass man diese in jedem Lebensbezirk einengen könne, nur nicht im religiösen. Es ist bemerkenswert, dass im amerikanischen Judentum, in dem allerdings die individualistische Gestaltung des Lebens am stärksten war, ein grösseres Verlangen nach einer Richtlinie für eine gemeinsame Formung und Ordnung des religiösen Lebens zutage trat. Der Versuch einer Namhaftniachung bestimmter Forderungen, wenn auch in grossen Zügen, begegnete dem Einwand und der Furcht, es könnte damit ein neuer „liberaler Schulchan Aruch" aufgestellt werden, gegen welchen sich das Gewissen jedes Nichtorthodoxen wenden müsse. Es war an sich leicht, dem entgegenzustellen, dass diese Furcht höchst unbegründet ist, dass es gerade zum Wesen des Schulchan Aruch gehört, dass er die Alltagsmünze des Tun prägt Du gabst uns Demut, Herr... Von Edith L. Meyer Du gabst uns Demut, Herr, doch Leidenschaft. Und zu der Bürde fügtest, du die Kraft, dass unsre schwachen Schultern nicht zerbrechen, Der Unrast, die uns tief im Blute schwang, gabst du ein Ziel: den Wüsten wandergang, das Suchen nach den Heimatweideflächen. So, nirgend wurzelnd, denn im Ungefähr, erahnen wir die ew'ge "Wiederkehr am strengen Ablauf aller Zeitgeschehen. Und tief verwebt ins dunkle Schicksalsnetz fügt sich die Seele, Herr, dem Weltgesetz. Du gabst uns Demut — gib uns Ueberstehen! und nicht die Grossmünze, dass zu ihm die Autorität einer Gesetzgebungsbehörde gehört und nicht die Autorität des Volksbewusstseins, dass in jener heute zu ziehenden Richtlinie die Wandelbarkeit der Form einbezogen jst, während ein Schulchan Aruch gerade die Kanonische Festlegung unter Ausschaltung der Freiheit ist: aber so leicht es war, darauf aufmerksam zu machen, so tief steckte in den meisten die Furcht vor jeder Festlegung, dass sie vor jedem solchen Versuch auszusprechen, was man als unbedingte Forde- Deuter o-Jesaja Von Ignaz Maybaum Prophet der Tröstung Israels Die Kapitel 40—55. im Buche Jesaja hängen untereinander so zusammen, wie die Teile eines Buches, das als geistige Einheit nur einen einzigen Verfasser haben kann. Der Verfasser dieser Kapitel 40—55 ist jedenfalls nicht der Prophet Jesaja. Der erste, der dies erkannt hat, war ein Jude, nämlich der im 12. Jahrhundert lebende Ibn Esra. Diese Erkenntnis ruhte lange Zeit, bis im 19. Jahrhundert die Bibel nach wissenschaftlichen Methoden durchforscht wurde. Unter den vielen wichtigen und unumstösslichen Resultaten der modernen Bibelwissenschaft ist es eine von allen Sachverständigen anerkannte Einsicht, dass der Verfasser dieser 15 Kapitel im Buche Jesaja ein Jude der babylonischen Exilszeit ist. Nicht Jesaja, der um 700 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung lebte, und an dessen Reden im Buch der Bibel jene Kapitel 40—55 sich anschliessen, hat über das Leben, Leiden und Hoffen der eineinhalb Jahrhunderte später lebenden Generation vorhergesagt, sondern ein zwischen 590 und 580 geborener, zwischen 546 und 538 vor der gewöhnlichen Zeitrechnung wirkender Prophet hat seine im babylonischen Exil lebende Generation gelehrt ihr Schicksal jüdisch zu meistern. Wir kennen den Namen dieses Propheten nicht, der aus der jüdischen Lehre alles das zum Bewusstsein seines Volkes brachte, was dieses Volk wissen musste, um aufrecht und hoffnungsvoll zu tragen, was es damals zum ersten Male kennenlernte: das Exil, die Galut. Manche nennen diesen Propheten den zweiten Jesaja oder — griechisch — den Deuterojesaja. Manche sprechen von ihm als vom grossen Namenlosen. Manche nennen ihn den Propheten der Heimkehr, weil die Heimkehr nach Zion ein Kernstück seiner Reden ist. Andere sehen wieder in der Herausarbeitung der Weltaufgabe Israels die grosse Leistung des Propheten und nennen Ihn den Propheten der Missionsidee. Schliesslich spricht man noch von ihm als von dem Propheten der Gottesknechttexte, weil in seinen Reden einen wichtigen Raum die Stellen einnehmen, in denen er die Erwählung Israels unter dem Bilde der 'Gottesknechtschaft darstellt. Alle seine Wirkungen werden zusammengefasst, wenn man. ihn — wie das der Midrasch tut — den grossen Tröster" nennt Denn bei ihm ist die Prophetie — Tröstung. Der heilige Weg Die Heimkehr des Volkes nach Zion ist der Punkt, von dem die Tröstung unseres Propheten ausgeht. Es wird sich im Verlaufe der folgenden Darlegungen selbst erweisen müssen, ob gesagt werdenkann, die Heimkehr ist das Moment seiner Tröstung, oder ob gesagt werden muss, die Heimkehr ist ein Moment seiner Tröstung. Aber der Wille, der nach Zion drängt, kann sich nicht in einer politischen oder sozialen Bewegung erschöpfen. In der Heimrung aufstellen sollte, zurückschaudern. Ernster schon war der Einwand anderer tief Religiöser, die sich auch bei solcher Richtlinie vor der Möglichkeit, dass das religiöse Leben in ein Schema verfallen könnte, formelhaft werden könnte, fürchteten. Geradezu erschütternd aber war das Bekenntnis so mancher jungen Menschen, dass sie sich in Wahrheit nach einer Regelung sehnten, dass sie für ihr Leben gern „tun" möchten, dass sie aber nicht „tun" können, wo ein Glauben noch, nicht vorhanden ist. Sie schrien förmlich nach diesem Glauben, dass man ihn nicht vermittelt erhalten kann, dass er aus eigenem aufblühen muss. So seltsam es klingen mag, gerade diese Menschen fühlen sich als von Franz Rosenzweig beeinflusst Er hatte die Formel geprägt: tu nur das, was du tun kannst, das aber tu auch. Nun hatte er sich aus seinem Eigenen zu einem Tun durchgerungen; aber das Wort blieb doch bestehen, das man nur tun solle, was man tun kann. Und wie nun, wenn einer fühlte, dass er nicht tun kann, weil ihm der verpflichtende Glaube fehlt? Man stand und steht erschüttert vor der Ehrlichkeit dieses Bekennens und dem religiösen Ernst dieses Suchens. In den auf die Tagung folgenden Monaten wurde um die hier angeschnittenen Fragen in kleinen Zirkeln gerungen. Man suchte nach Wegen und Mitteln zu einer Gemeinsamkeit eines geordneten Tuns zu gelangen. Auf einer Konferenz im Juli 1937 rang man besonders um die Bestimmung des Begriffs der „Tradition". Man prägte dafür die Formel, dass „Tradition die Formung und Gestaltung der geistigen Grundlagen der Gemeinschaft ist und ihres seelischen Gutes". Es ist damit alles gesagt, was ausy nichtorthodoxer Auffassung zun) Verständnis dieses schwierigen Wortes — aber es ist ja nicht nur ein Wort, sondern eine höchst wirkliche Lebensmacht -- gesagt werden kann. Man suchte ferner den „Verpflichtungsgrund" der Tradition zu bestimmen und tat es mit folgender Formel: „Der Verpflichtungsgrund liegt in der Anerkennung der gottbezogenen Existenz und Geschichte Israels und in der Anerkennung des methaphysischen Lebensgesetzes des Volkes". Referat, und Formulierungen stammen von dem Schreiber dieser Zeilen, der des Glaubens ist, dass er damit das ständige Ringen um Autorität und Freiheit im Fluss hält. Gegenwärtig arbeiten drei in Amerika, England und Deutschland gebildete Gruppen daran, in einer fasslichen Darstellung „Gedanke und Praxis des progressiven Judentums" zum Ausdruck zu bringen, geleitet von dem Gedanken, dass sich Theorie und Praxis des religiösen Lebens, in jedem Lande nach anderen Gesetzen und Anschauungen entwickelt und ausprägt, und geleitet ferner von der Hoffnung, dass es möglich sein müsse, ein Gemeinsames einer Richtlinie über alle landschaftlich bestimmten Formungen zu finden. Und neben und hinter all dem steht die Tatsache, dass sich in Palästina ein Suchen nach Autorität und Ordnung und Freiheit in eigener Art vollzieht,-und dass hier eine wechselseitige Beziehung und Beeinflussung sich ergeben wird, deren Frucht man nur ahnen, aber nicht wissen kann; um so mehr als da_die Totalität einer Ordnung des jüdischen Lebens in einem staatlichen Geineinwesen neu in die Wirklichkeit tritt. kehr Israels nach Zion geht es um Gottes Sache. So sieht unser Prophet die Heimkehr. „Offenbar wird die Herrlichkeit des Ewigen und alles Fleisch insgesamt schaut es." Das erste Wort, das der Prophet über die Heimkehr sagt, betrifft nicht das heimkehrende Volk, sondern den heimführenden Gott. Gewiss, der Aussangspunkt des Trostes ist für den Propheten das im Exil IeidendeVolk. Er ist nicht mehr der Ansicht, dass das Leid, das' das Volk trägt, gerechte Vergeltung für eine Schuld ist. Nein, man soll Jerusalem sagen, dass sein Leid mehr ist, als was es verschuldet hat. „Hat es doch doppelt empfangen von desEwigen Hand für all seine Sünden." Es ist zu viel, nun ist es genug. Gott ist nicht nur Richter. Er ist barmherzig, und der Mensch, — „all seine Anmut wie des Feldes Blume", oder wörtlicher „all seine Treue wie des Feldes Blume" — der ganz auf die Barmherzigkeit Gottes angewiesene Mensch ist kein Verlorener. „Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit." Er ist der Bleibende, während die Macht und die Kraft der Weltreiche — und sei es die Macht und Kraft Babyloniens, seiner Grosskönige und seiner Priester — wie Blumen verwelken. Dieser mächtige Gott wird jetzt das Volk nach Zion führen. Zwischen Zion und Babylonien liegt die Wüste. Wiederum wie einst geht es also um eine Wüstenwanderung. Aber wiederum wie einst wird sie wunderbar möglich sein. Der Wrüstenweg wird eine einzige Prozessionsstrasse. „Das Krumme wird gerade", und ein ebener Weg entsteht. Der Prophet weiss von solchen Prozessionssfrassen, weil er in Babylon lebt, wo es derlei bei kirchlichen Festen gibt oder auch beim Einzug des Grosskönigs, wobei das politische Zeremoniell religiös geweiht wird. Hier handelt es sich aber nicht um eine kultische, sondern um eine weltgeschichtliche Angelegenheit. Gewiss, auch hier ist alles Geheimnis. ..Horch, einer ruft: in der Wüste bahnet einen Weg." Wer der Rufer ist, wird nicht gesagt. Die Situation ist „theologischer" als bei Jesaja, wo (Kap. VI) geflügelte Seraphim den göttlichen Thron umgeben und ihr dreifaches „Heilig'' einander zurufen. Aber auch hier ist alles voll des Geheimnisses, weil es um das Heilige geht. Das heilige Geschehen vollzieht sich nicht als Ritual, sondern als Geschichte. Im Mittelpunkt dieser Geschichte ist Gott, und dadurch erst geschieht für das jüdische Volk jüdische Geschichte. Höchst deutlich wie Zion als Freudenbotin nicht das heimkehrende Volk, sondern Gott begrüsst. „D a ist euer Gott", ruft die Freudenbotin den Städten Judas zu. Jüdische Geschichte ist nicht Volksgeschichte, sondern Geschichte, in der es für das jüdische Volk um Gott geht. Der Weg des jüdischen Volkes nach Zion betrifft die für dieses Volk so wichtige Einwanderungsfrage. Aber w^enn der Zionismus nur Palästinawanderung wäre und nicht noch etwas anderes, wäre es zu wrenig. Die Zionist wird es vielmehr verstehen müssen oder verstehen lernen, wenn unser Prophet von einer Prozession, einer Wallfahrt spricht, also den Weg des jüdischen Volkes nach Zion als heiligen Weg sieht. /. Tröstet, tröstet mein Volk? spricht euer Gott. I 2. Redet zum Herzen Jerusalems, rufet ihm zu, dass vollendet ist sein Kriegsdienst, dass gebüsst ist seine Schuld, hat es doch doppelt empfangen von des Ewigen Hand für all seine Sünden. I 3. Horch, es ruft einer: In der Wüste bahnet ■einen Wcgfür den Eifrigen, eine Strasse baut in der Steppe unserm Gott! I 4. Jedes Tal wird aufgefüllt, jeder Berg und Hügel geebnet, das Krumme wird gerade, die Bergketten eben. I 5. Und offenbar wird die Herrlichkeit des Ewigen, und alles Fleisch insgesamt schauet es. I ja, der Mund des Ervigen hat geredet / 6. Horch, es sagt einer: rufe! und es spricht zurück: was soll ich rufen? Alles Fleisch ist Gras, und all seine Anmut wie des Feldes Blume. I 7. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn des Ewigen Wind dreinweht. Ja, Gras ist das Volk- / 8. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewig' JUWELIER LIPOWETZKI - BERLIN W 8 .^Ä««<,,!0ia * FR8SDRBCHS7RASSE 193a, ECKE LEIPZIGER STRASSE. ANK. Q. NR. II / 48 541