Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 22 (2.6.1938)
- Date
- 1938-06-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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XVII. Jahrg. / Nr. 22 Berlin, 2. Juni 1938 Preis 10" Pfennig ALLGEMEINE ZEITUNG DES JUDENTUMS Geschäftsstelle (Verlag, j, Schrifüeitung, Anzeigenannahme, Yertrieosabteilang): Berlin W 15, Emser Str. 42. Fernspr.: 92 8141—45. Telegr.-Adr.: Central glauben, Berlin. Postscheckkonten: Berlin 70344, Prag J'SIS, Zürich VIII 26 363. Bankkonto: Mosler. Sösskind & Co., Berlin W8. Die C.-V.-Zeituns erscheint wöchentlich am Donnerstae. Eedaktionsschlnss: Dienstag. Bestellungen nimmt jedes Postamt und die Geschäftsstelle entgegen. Zustellung erfolgt durch die Post, di.i die Gebühren durch den Postboten erhebt. Bezugspreis Vierteljahr!. SIRpf. (einschl. 22,74 Rpf. Postzeitungsgebühr) zuzügl. 13 Rpf. Bestellgeld. Für Ausland vierteljährl. 2,30 RM (umgerechnet m dioLandeswährunsr) einschl. Zustellgebühren. Einzelnummer 10 Rpf. (Ausland 20 Rpf.). Im Falle höh. Gewalt besteht kein Anspruch auf Nachlief, od. Rückvergütung der gezahlten Beträge. — Anzeigengehuhren: Preisliste 6 gnltig. Uie 12gcsp. mm-Zeile 20 Rpf., f. Stellengesuche 10 Rpf., f. Familienanzeigen 16 Rpf., weit, ermäss. Grundpreise s. Preisl. Einzelanzeigen nur geg. Vorauszahl. — Anzeigenschluss: Dienstag. Platzu. Datenvorschnften ohne Verbindlichkeit. MPie Schranke i. A. H. Die Verpflichtimg am Sinai, deren festliche Wiederkehr wir in diesen Tagen begehen, machte aus wandernden Beduinen- Stämmen ein Volk. Dem Zwang Aegyptens waren sie eben entzogen worden. Nun stellten sie sich freiwillig unter ein Gesetz, das ihnen durch einen der ihren herabgebracht wurde. Dem Zwang Aegyptens war jeder selbst und unmittelbar preisgegeben, an jedem wirkte er sich unvermittelt und offenkundig aus. Zwischen Gesetz und Volk am Sinai war Mittler und Geheimnis notwendig. Die Schranke um den Berg versperrte den Zugang zum Geheimnis und war lebensrettend zugleich. Unsere Geschichte durch die Zeiten ist die ewige Wiederholung dieser Abfolge von unmittelbarem Zwang unter die Forderung der Welt, die um uns lebt, und Wiederherstellung unserer Beziehungen zum eigenen Gesetz, zum Geheimnis seiner ewig verpflichtenden Kraft. Es scheint, als ob Zwang von aussen und inneres Gesetz in einem Zusammenhang stehen, der bewirkt, dass gelockertem Zwang eine gelöstere Verpflichtung zum Gesetz entspricht und umgekehrt. Und es scheint weiter, als ob in den Zeitabschnitten des geringeren Zwanges der Wunsch, das Geheimnis los zu werden und die Schranken zu durchbrechen, größer ist als sonst. Die eigene oft unerkannte Ursprungsbasis, so meint man, könnte leicht entbehrt werden, wenn man auf dem sichtbaren Untergrund seiner Epoche ungestört lebt. .Wenn es dann immer wieder geschieht, dass diese Fundamente für uns zu Flugsand werden, dann-beginnt die Suche nach dem eigenen Urgrund. Geschichtliche Erfahrung hilft praktisch wenig inmitten geschichtlichen Zeit. Aber soviel sollte gewusst und zugleich vertrauensvoll geglaubt werden, dass dieses Fundament unerschüttert da ist; man muss sich nur darauf begeben. Gesetz ist hier nicht etwa als Kompendium religiöser Vorschriften gedacht, sondern als die Initiativkraft, nach 'der wir zum Weg durch die Geschichte einmal angetreten sind, als diese Verbindung von Glauben, wo Geheimnis waltet, und Wissen, wo der freie Wille leiten muss. Und wenn gefragt wird, worin dieses Geheimnis eigentlich bestehe, so sei gewusst, dass sein wesentlicher Inhalt in der Ehrfurcht vor unserer Geschichte enthalten ist, in dem Bewusstsein dieses letzten unentschleierbaren Restes von Rätselhaftem, dass wir heute noch sind, als Jaden sind, dass es immer Judentum geben wird, solange sich Juden von keiner Zeitentwicklung die Erfahrung ihres Volksgedächtnisses nehmen lassen: dass von unserer oft so Ungewissen Gegenwart die gewisse Zukunft nicht nur durch die Schranken des, Glaubens an unser inneres Lebensgesetz getrennt ist. Man muss es nur wieder aufspüren und dabei die Schranke respektieren. II. Eine geistige Erscheinung wirkt auf Menschen um so kräftiger, je deutlicher sie in sichtbar lebenden und schaffenden Persönlichkeiten ihre Verkörperung erfährt. Das Gegenständliche überzeugt leichter als das nur gedacht Gesagte. Am 6. Juni, fast am Festtag selbst, wird Claude Goldsmid Moiitefiore 80 Jahre alt. Wir haben unsere Festtagsbeilage unter seinen Namen gestellt. Die Beiträge haben, auch wo sie ihn nicht nennen und keinen Hinweis auf ihn enthalten, auf ihn bezug — und damit zugleich auch auf die Möglichkeit eines jüdischen Lebens, das sich nicht kunstreich ausbalanciert auf der schmalen Grenze zwischen Wissen-wollen und Glauben-können hinbemüht, sondern aufrecht schreitend seinen Weg geht. Dafür danken wir dem Manne, in dem sich Gesetz und Geheimnis, Zwang und Freiheit zur jüdischen Persönlichkeit einen. III. Auch in kleineu Dingen des Lebens wird mitunter der Mangel an Ehrfurcht vor - einem grossen Erleben und vor den Menschen, an denen die Zeit n i c h t vorbeigegangen ist, deutlich, und Schranken können auch dort übersehen werden. Wir Juden in Deutschland stehen in dem uns zugewiesenen Bereich sehr oft vor der Notwendigkeit, das Grosse und Wichtige zugleich mit dem fast lächerlich Kleinen zu tun und zu sagen. Anderes ist auch kaum möglich, wo so vielen Menschen die alte Lebensmitte genommen ist und manche von ihnen nicht etwa auf die mühevolle Suche nach einer neuen gehen, sondern sich im eigentlichen Sinne des Wortes ..gehen" lassen. Eine geistige Riehtungslosigkeit, solange sie nicht für sich Propaganda macht, hat wenigstens nach aussen keine Folgen. Aber eine Richtungslosigkeit im Benehmen wirkt sich nicht nur gegen den einen aus, der sich damit vergeht, sondern gegen unsere Gesamtheit. Der Vorstand der Berliner Jüdischen Gemeinde hat sich veranlasst gesehen, einen Appell an die jüdische Bevölkerung in Berlin zu richten, in dem er, kurz gesagt, zum besseren Benehmen in der Öffentlichkeit auffordert. Die Beschämung, dass ein solcher Aufruf überhaupt notwendig war, wird nur dadurch .schwach gemildert, dass man den festen Willen, gegen Unzuträglichkeiten in den eigenen Reihen anzugehen, freimütig bekundet. Wir wissen, der Appell meint nur einen verschwindend'kleinen Kreis der jüdischen Bevölkerung, und wir hoffen, dass sich gerade die, die es angeht, getroffen fühlen. Aber diese sind nicht nur in Berlin zu finden. Aus diesem Grunde sei ihm durch den Hinweis an dieser Stelle eine über Berlin hinausreichende Wirkunggegeben. Wo Takt und Ehrfurcht nicht ausreichen, muss moralischer Druck Schranken ziehen.. Weizmanns Brief an die Andatskommission Diese Festtagsnummer enthalt v. a.: Schowuaus 5698, Claude G. Montefiore gewidmer mit Beiträgen von Leo Baeclc, Max Dienemann, Ismar Eibogen, fgn'az Maybaum, Werner van der Zy! Korrespondentenberichte aus Argentinien, Nord.amerika, Surinam, Polen, der Schweiz und Palästina Die Beilagen Wirtschaft der Woche / Palästina-Umschau / Sportblatt / Schachecke Die Denkschrift, die die Jewish Agency dem Generalsekretär des Völkerbundes zur Weiterleitung an die, Ständige Mandatskommission überreicht &at, wird in einem Begleitschreiben Chaim Weizmanns an den High Commissioner Sir Harold MacMichael mit einem eindrucksvollen Kommentar versehen. In ihm werden sämtliche Forderungen und Beschwerden, die die Denkschrift mit ausführlichem Material unterbaut, noch einmal wie in einem Brennspiegel zusammengefasst und mit nachdrücklicher Wucht vorgetragen. Bevor Weizmann auf Einzelheiten zu sprechen kommt, steckt er den Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Ereignisse der Berichtsepoche bewegten: die britische Palästinapolitik, Terrorismus, wirtschaftliche Schwierigkeiten und — das A und 0 des jüdischen Aufbaus, seine Chance und sein Schicksal — die Festsetzung der Einwanderungsquote. Schon diese erste Skizze ist unbefriedigend genug; die Palästinapolitik ist nach der Veröi'fentlicliung des Peel-Berichtes in ein Stadium der Ungewissheit getreten, die das Vertrauen untergrub, der Terrorismus wuchs besonders in der zweiten Hälfte des Jahres, die Wirtschaft litt ausser unter den Auswirkungen dieser Erscheinungen unter der Preissteigerung am Weltmarkt und dem Dumping spanischer Orangen, und die Einwanderung schliesslich wurde einer willkürlichen Beschränkung unterworfen. Trotz alledem hat die jüdische Bevölkerung ihre Widerstandskraft bewiesen. Ihre landwirtschaftliche Produktion ist gestiegen, auf industriellem Gebiet wurden Fortschritte erzielt, die Ausfuhr von Citrusprodukten stieg auf eine bisher noch nie erreichte Höhe und der Tel- Aviver Hafen wurde ausgebaut und dem Passagierverkehr eröffnet. Nach dieser Einleitung wird zunächst die politische Entwicklung einer eingehenderen Prüfung unterzogen. Weizmann erwähnt die Resolution der Jewish Agency vom letzten Züricher Kongress im August 19;>7, in der u. a. die wiederholte Bereitschaft, mit den Arabern zu einer Verständigung zu gelangen, erklärt wurde, und stellt fest, dass die Regierung es ..unter den gegenwärtigen Umständen nicht für zweckmässig gehalten habe, eine solche Konferenz einzuberufen''. Er schildert dann die fortgesetzten Verzögerungen, unter denen schliesslich das gegenwärtige Stadium der Arbeitsaufnahme der Technischen Kommission erreicht worden sei. - „Es kann leider sehr wenig Zweifei darüber herrschen*', sagt Weizmann au dieser Stelle, „dass die fortgesetzte Verschlechterung sowohl der öffentlichen 'Sicherheit wie der wirtschaftlichen Lage in weitem Masse auf den Zustand des Zweifels und der Unbestimmtheit zurückzuführen waren, die durch die fortgesetzte Untätigkeit der Regierung hervorgerufen wurden". Eine Begrenzung dieser Uebergangsperiode auf ein Minimum sei eine dringende Notwendigkeit. Mit der ganzen Ausführlichkeit und dem vollen Nachdruck, der diesem Gegenstand zukommt, legt Weizmann sodann die einzelnen Phasen der britischen Einwanderungspolitik dar, die durch eine Aufgabe des Prinzips.der wirtschaftlichen Fassungskraft zugunsten eines politischen Maximums charakterisiert ist. Er erkennt zwar an, dass in der letzten Q.uotenfestsetzung vom 16. März 1938 gewisse geringfügige Verbesserungen gegenüber der vorhergehenden — namentlich in bezüg auf Studenten und die Frauen und Kinder der schon im Lande Befindlichen — enthalten seien, betont aber mit aller Entschiedenheit die Unzulänglichkeit auch dieser Schedule und findet starke Worte, um die Notwendigkeit der sofortigen Wiederherstellung des wirtschaftlichen Maximums deutlich zu machen: „Ich möchte die Gelegenheit wahrnehmen, den Ausdruck des tiefen Bedauerns der Jewish Agency darüber zu wiederholen, dass die Regierung es für notwendig befunden hat, in einem so bemerkenswerten Grade von der übernommenen Verpflichtung, die jüdische Einwanderung zu erleichtern, abzuweichen." Im weiteren Verlaufe des Begleitschreibens werden noch die Frage der illegalen Einwanderer, die Abwehr des Terrorismus und die Notwendigkeit der Einleitung grosszügiger wirtschaftlicher Hilfsmassnahmen behandelt. Es werden praktische Vorschläge für die längst fällige Legalisierung der Illegalen nach dem Vorschlage der Peel-Kommission, für eine neue Anleihepolitik und für die weitere Heranziehung von Juden zur Terrorbekämpfung dargetan. Aber alle diese Materien, deren Wichtigkeit gewiss unbestritten ist und von Weizmann am allerwenigsten übersehen wird, dienen gewissermassen nur dazu, um zum Schluss einen dringenden Appell zur Beseitigung der Einwanderungsbeschränkungen noch einmal vor einen besonders wirkungsvollen Hintergrund zu stellen. Keine andere Massnahme, so schliesst Weizmann seine Ausführungen, würde so wirksam dazu beitragen, das Vertrauen an die Zukunft des Landes wieder zu beleben und eine konstruktive Initiative auszulösen. Die Not weiter Teile der jüdischen Diaspora lässt sie noch gebieterischer erscheinen. Für Hunderttausende von Juden ist Palästina fast der einzige Lichtstrahl. Die Jewish Agency vertraut in allem Ernst darauf, dass die Mandatsregierung alles tun wird, was in ihrer Macht steht! um diese Hoffnung zu erfüllen. E. R.-J. (hie Zahlen vnd Daim des Berich f er. bringen wir in der „Palästina-Umschau". Evian Professor Norman B entwich, der bekannte jüdische Sozialpolitiken beschäftigt sich mit den Aussichten der für den 6. Juli nach Evian einberufenen Konferenz. Er betont, dass die Beratungen völlig unabhängig vom Völkerbund sein würden, da die Initiative nicht vom Völkerbund, sondern von den Vereinigten Staaten ausgegangen sei, und dass deswegen die Bewegungsfreiheit der Konferenz erheblich sei. Selbstverständlich werde man die Fühlungnahme mit den Genfer Instanzen aufrecht erhalten, ihre Erfahrung.heranziehen und ihre Institutionen sich nutzbar machen. Die Konferenz biete seit 1933 zum erstenmal die Hoffnung auf eine wirksame und umfassende Behandlung des Problems. Der internationale Weg sei mit den Trümmern von Konferenzen bedeckt, die aus Mangel an Vorarbeit in den wichtigsten Punkten versagt hätten. Dieser Fehler müsse jetzt vermieden werden. Aufgabe der beteiligten Regierungen müsse es sein, die Zulassungsbedingungen zu erleichtern. Die finanziellen Grundlagen, die Einwanderungshilfe, die Maschinerie der Einwanderimg und schliesslich die Niederlassung der Neuankömmlinge müssten von den jüdischen Gemeinschaften geschaffen und getragen werden. Aus der- Konferenz nahestehenden Kreisen wird als erstrebenswertes Ziel bezeichnet, einen Plan zu schaffen, der innerhalb von vier Jahren die Auswanderung von 200 000 Juden aus Mitteleuropa ermöglicht. Der Wanderungsstrom soll nach Ansicht dieser Stellen wie folgt jährlich geleitet werden: Nach USA 20 000, nach Palästina 10 000, nach Südamerika 10 000. nach den britischen Dominien und Europa 10 000. Als Kostenaufwand wird ein Betrag von jährlich 3 Millionen Pfund in Ansatz gebracht. Ausser-