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Central-Verein-Zeitung · 1938-06-02 · 22 (2.6.1938) · page 1

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
17 (1938)
Issue
22 (2.6.1938)
Date
1938-06-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 C.-V.-Zeltung iN'r.22*2.}um.T938 digkeit, Kinder zu betreuen und beruflich auszubilden, nicht Schritt. „\V.ie haben Sie das alles geschafft?" „Wir gaben unsere alten Räume in der Prager Strasse auf,- an den der Jüdischen Gemeinde Berlin, vor allem an Direktor Heinrich Stahl und vielen anderen, fanden wir Halt und so konnte das Heim, das mir so sehr ans Herz gewachsen ist, weiterbestehen. „Jetzt be- Knabeisküsitiung Herrenkieldsing preiswert u. gut bei LUDWQ SpezIaJ-.Angebote für Auswanderer Frankfurt a. M. GegenQber d. Hauptbahnhof treuen wir in unserer Fünfzimmerwohnung etwa 70 Kinder; zu Beginn des Jahres 1934 waren es über 100 Jungen und Mädchen, die wir in den elf Räumen untergebracht hatten und in verschiedensten Fächern ausbilden liessen. Da gab es Elektromonleurkurse für die Knaben. Nähkurse für die Mädchen, Kurse für Handelskorrespondenz. Stenographie und Schreibmaschine, da wurde Klavierunterricht erteilt. Es ist sehr beruhigend für uns, zu" wissen, dass viele der Zöglinge später ihren Angehörigen eine wesentliche Stütze werden konnten. Ich kann Ihnen kaum alles berichten, was sich in den zehn Jahren hier im Heim, das ja Kindertagesheim und Kindergarten ist, alles ereignete! Wir hatten auch eine Kleiderkamraer. um die bedürftigen Kinder mit Kleidung, Schuhen und Wäsche zu versorgen. Uns stand eine ärztliche Kraft zur Seite, die nicht nur unsere Kleinen in Krankeitsfällen behandelt, sondern auch die Eltern zu Hause. Die Verschickung der Kinder in den Ferien ist uns stete ans Herz gewachsen, und wenn Sie unsere Statistiken aus den Jahren 1929/32 durchblättern, dann können Sie feststellen, wieviel Zöglinge aus unserem Heim an der See und auf dem Lande Erholung fanden. Heute haben wir wrie in den Vorjahren zwei Abteilungen in unserem Heim: einen Kindergarten für Zöglinge von drei bis sechs Jahren und einen Hort für schulpflichtige Kinder. Unsere Kleinen spielen tagsüber in den Zimmern und Averden abends wieder abgeholt. Nachmittags kommen sie in den Liegeraum, in dem jedes Kind sein Bettchen, sein Bettzeug und alles andere Notwendige hat. Wir sind sehr froh, dass es uns gelungen ist, selbst recht nervöse Kinder soweit zu bringen, zwei Stunden fest zu schlafen, was doch für ihre Gesundheit so fördernd ist. Mit besonderer Zuneigung hängen die Kleinen an unseren Pädagoginnen, einer Kindergärtnerin, einer Hortnerin, einer Praktikantin und einer Helferin, manchmal kommen auch Schülerinnen aus den Seminaren zu uns, um bei uns praktische Pädagogik zu lernen." „Ja", meinte Therese Aronson, „die Sorgen des Heimes in diesen zehn Jahren waren meine Sorgen, seine Nöte meine Nöte, seine Erfolge und sein segensreiches Wirken* meine Freude und Genugtuung. Diese Genugtuung gibt mir das Bewusstsein, dass das Werk, das ich aufbauen, durfte, steht, das sind Trost und Ansporn für die Mühe um die weitere Erhaltung des TeiteFschen Kinderheimes." Dr. Olga Bloch. jähr in Harn b u r g entschlafen. Nach kaufmännischer Lehrzeit in -seiner" Heimatstadt Lübeck ging der junge Berges nach New-rYork und wandte sich hier" bald der Journalistenlaufbahn zu. Seit 1887 wieder in Deütschland, wurde* er Mitarbeiter des „Hamburger Fremdenblatts", für das er grosse Reporter-Reisen durchführte, über die er auch in Büchern und früher in Rundfunkvorträgen berichtete. 1930 zog er sich vom Journalistenberuf zurück. Mit starkem Interesse verfolgte er die jüdisch-kulturellen Bestrebungen unserer Zeit und die Entwicklung des Jüdischen Kulturbundes. Mit aktivem Sinn nahm er bis in seine letzten Tage an allen Schicksalsfragen, des jüdischen Menschen teil. In einer würdigen Gedenkrede nahm Oberrabbiner Dr. J. Carlebach (Hamburg) von den von einem grossen Freundeskreis zur ewigen Ruhe Begleiteten Abschied. ■ S.E. Aus den Familien Albert Held, Vorstandsmitglied des Ortsverhande* Essen des C.-V., beging am 30. Mai seinen 70. Geburtstag. — Anna Austerlitz geb. Glaser (Berlin W. 15) wird am 2. Juni 75 Jahre alt. — Lehrer a. D. Ehrenreich (Berlin, früher Langenselbold b. Hanau) vollendet am 5. Juni sein 75. Lebensjahr. — Frau Eugenie Krombach (Hamburg) feiert am 8. Juni ihren 85. Geburtstag. Personalien Ermanno Loevinson 75 Jahre Der am 3. 6. 63 in Berlin geborene Historiker hat eine sehr gediegene historische Ausbildung besonders im Hinblick auf die eindringenden Analysen von geschichtlichen Quellen, der literarischen sowohl wie der archivarischen, genossen. Mit diesem Rüstzeug versehen, ging er nach Italien und hat dort^seit 1891 in "den Staatsarchiven von Rom, Parma und Bologna ■wertvolle wissenschaftliche Arbeit geleistet. 1927 wurde er Direktor des königlichen italienischen Staatsarchivs zu Bologna. Abgesehen von "gründlichen Studien zur italienischen Geschichte hat er sich auch vielfach mit der Geschichte der Juden befasst. So hat er u. a. dank seiner genauen Kenntnisse dieser Spezialmaterie die Niederlassungspatente HERBERT LIEBENTHAL Spedition Umzugstransporte nach allen Erdteilen V**- Berlin W 8, Kronenstr. 33 «fl» Fernruf 16 37 40 '" für jüdische Bankiers in den päpstlichen Staaten studiert und sich neuerdings auch mit der Geschichte der Juden von Livorno befasst. Viele Itaiienreisende kennen sein Buch, in welchem er die kunsteifrigen Besucher Roms mit den jüdischen Sehenswürdigkeiten dieser Stadt vertraut macht. Ermanno Loevinson ist der Bruder des 1930 verstorbenen Berliner Justizrats Martin Lövhison. der Mitbegründer und vor allem in der Kriegszeit sehr tätiges Vorstandsmitglied des C.-V. war, und von Henriette May. Beide sind Ehrenmitglieder des Jüdischen Centrai- Vereins. " I. E. Julius Zselenziger Am 24. Mai ist in Potsdam Stadtrat a. D. Julius Zielenziger im Alter von 82 Jahren entschlafen. Mit ihm ist ein Mann dahingegangen, der einen besten Typ verkörpert hat. Einer alteingesessenen jüdischen Kaufmannsfamilie in Potsdam entstammend, war es ihm Herzensbedürfnis, seine Kräfte und seine Zeit in den Dienst seiner Vaterstadt und seiner Heimatgemeinde, der er sich durch Erziehung und Tradition zutiefst verbunden fühlte, zu stellen. Von dem Erfolg, von dem diese seine Wirksamkeit gekrönt war, zeugen seine Beliebtheit und das Ansehen, dessen er sich überall zu erfreuen hatte. Wie er jahrelang als Stadtrat dem Potsdamer Magistrat angehörte, so war er über 40 -lahre lang Mitglied des Vorstandes der jüdischen Gemeinde, dessen Vorsitz er in den letzten' Jahren innehatte. Die Teilnehmer der Tagungen des Preussrschen Landesverbandes jüdischer Gemeinden werden sich noch gern daran erinnern, mit welcher Würde er wiederholt diese Tagungen als Alterspräsident geleitet hat. Trotz seines hohen Alters war er bis wenige Wochen vor seinem Hinscheiden von ungewöhnlicher geistiger und körperlicher Frische, die es ihm ermöglichten, bis zuletzt an allen Fragen des jüdischen. Lebens Anteil zu nehmen. Auch der Jüdische Central-Verem verliert in ihm eines seiner ältesten und treuesten Mitglieder, dessen Andenken hoch in Ehren gehalten werden wird. Dr. R. J. Philipp Berges Philipp Berges, der weit über Hamburg hinaus bekannte Schriftsteller, ist im 75. Lebens- Wann und wo finden Sie Rat? Aus den Gemeinden Augsburg Am 13. Mai starb in Augsburg Emil Gutm a n n , Mitinhaber der früheren Bankfirma Gebrüder Gutmann, die vor Jahren an die Commerz- und Privatbank überging. Der Verstorbene, der hohes Ansehen genoss, hat der Israelitischen Kultusgemeinde Augsburg während eines Menschenalters seine Kraft und sein reiches Wissen zur Verfügung gestellt.- Seiner Initiative und seiner besonderen Mitarbeit ist der Bau der Augsburger Synagoge zu verdanken. Andernach Nach neunjähriger Tätigkeit verabschiedete, sich Prediger M. Stiebet. Seine seelsorgerische Tätigkeit in Andernach und den betreuten Landgemeinden lassen seinen Fortgang doppelt schwer empfinden. Prediger Stiebel folgt einem'- ehrenvollen Rufe als Kantor und Religionslehfer nach Wiesbaden. Dresden Die Gemeinde wird die Erinnerungen an den Tag, an dem vor 100 Jahren die Grundsteinlegung zum Bau der Synagoge stattfand,' am 21. Juni durch einen ernsten Weiheakt begehen. G.J. Mannheim Die Religiös-liberale Vereinigung, an deren Spitze Professor Dr. S. Bil- .1 i g h eimer steht, besteht am 10. Juni dreissig Jahre. So. Geht am 12. Juni für das jüdische Kind! Sonne und Erholung allen "jüdischen Kindern zu schaffen, deren Eltern nicht ii\.dcr Lage sind, ihnen eine frohe Ferienzeit zu bereiten! das.'ist Ziel und Aufgabe der von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in diesem Sommer erstmalig veranstalteten Haus Sammlungen am 12. Juni und 3. Juli. Die Sammler legitimieren sich durch einen orangefarbenen Aus w e i s der Jüdischen Gemeinde zu Berlin ..Für Das Jüdische Kind*', der mit Unterschrift des Sammlers versehen ist. Hcsscn-lVassau und Hessen Frankfurt a. : Mainz Darmstadt Wiesbaden Kassel Glessen Faid» Umhurgr Lahn Bad Ems Worms •Steimreir 9, Zimmer 75—77 (Tel. 25*03),■.■Montag, Miltwöcli, Freiia« 11—13 Uhr. Albinistr. 12 II* (Tel. -1J1S57), Montag, Dienstag. Donnerstag, Freitag, 16—18 Uhr. Kasinostr. 31 (Tel. 6662), Dienstag, 1-6-^17^ Uhr. - ' Bahnhofstr. 25 (Tel. 24010), nacli Vereinbarung. iedeii 1. und 3. Dienstag im Monat. 16%—18 Uhr, Gemeindebibliothelc, Gr. Rosenstr. 22. jeden 1. Dienstag im Monat, 10— 12 Uhr, Gemeindefaaus, Lyonsir. 4. jeden 3. Dienstag im Monat, 11— 12V: Uhr im Gemeindehau? (neben der Synagoge). jeden 2. Donnerstag im Monat, 10».'.—12 Uhr, Werner-Senger- Sirasse 13, bei Albert Metzger, jeden 4. Donnerstag im Monat. 'ns/i—V2li Uhr, Braubaclir: Strasse 17. bei Rabbiner Dr. Laupheimer. jeden letzten Mittwoch im Monat, 15—16 Uhr, Gemeindehaus. Hintere Judengasse 2. Mittel deütschland Dresden Aorddentschland Hannover 8. Juni, 16—19 Uhr. Jüdische Wi r r sch a f t sh il f c. Z r u gh a uss tr. 3, parterre (Tel. 1 4051). Mittwochs, 16—18 Uhr. Landschnftstrasse 6, ptr. '(Bankhaus Meyerstein). Spender, die hei der zweiten Haussammlung (am 3. Juli) der Ferien wegen voraussichtlich nicht in Berlin sind, geben am 12. Juni den doppelten Malerarbeifen / David Friedmann Berlin W 15, Paderborner Str. 9. 97 35 65. Betrag. Postscheckkonto (der Jüdischen Winterhilfe "der Jüdischen Gemeinde Berlin 93446 (mit Vermerk: „Für Das Jüdische Kind")- Das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt Berlin ersucht dringendst, keinerlei Geldbeträge a n unbekannte P e r s o n e n;fiir Auswanderung-' oder andere "Zwecke zur "Verführung zu steilen. Weder die Rabbiner noch andere jüdische Persönlichkeiten fordern telephoniseh oder brieflich zur .'Hergäbe-von Geldbeträgen auf. Für alle diese -Aufgaben (Auswanderung,-: Wohlfahrtsbetreuung, Studentenfürsorge usw.). sind allein: die Stellen des •Jüdischen. Wohlfakrts- und Jugendamts oder der jüdischen Organisationen zuständig. Vor Hergabe von Geldbeträgen empfiehlt sich Fühlungnahme mit der .Zentralauskunftsstelle des Jüdischen Wohlfalirtslind Jugendamts, Berlin C2, Rosens-tr. 2—i (Tel.: ■4167 11). Jiidisch-fheologisches Seminar -(Fraenckelsche Stiftung). Das Verzeichnis der Vorlesungen für das Sommersemester 1938 ist soeben erschienen. Die Vorlesungen haben am 3. Mai: begonnen. Derzeitiger Vorsitzender des Dozentenkollegiums, ist Rabbiner Dr. S.Ochs. .. Die Julius-Höxter-Stiftung:, Frankfurt a.. M.r erlässt in der ..Jüdischen Sckulzeitimg" ein Pr eisa us'schrci 1) e n über „D i e i ii d i s c Ii c Schule in dieser Z c i t;i. Einsendungen in der üblichen Form an den Vorsitzenden des Priifungsausschiiss.es, Dr. Siegfried Braun, Köln-Sülz, Unkeler Strasse 17. Solomon Gold mann gibt bei Bloch Publ. Co. in New-York eine Anthologie 'in fünf Bänden unter dem Titel „Die g ö 1 d e n e Kette" heraus. Sie umfasst repräsentative Stücke der jüdischen Literatur von .,Moses bis Rialik". um Akten. Register. Beschneidunssbüeher. Tora-' wimpeln und Bucheinträue merkwürdig klein erscheinen, es wäre aber ein verhängnisvoller Fehler und bewiese ein^n sträflichen Mangel an Voraussicht und Gemeinsinn, wollte man sich dieser Spree versehtiessen. Jener Gemeindevorsteher, der erst kürzlich, bevor er. nach 'Amerika auswanderte, das Archivgüf seiner Gemeinde unaufgefordert dem Gesamtarchiv überwies, hat jedenfalls die Zeichen der Zeit, verstanden, und mag allen denen, die es angeht, als Muster hingestellt sein. Im Theater Nowosci Warschau. Ende Mai. Einer der repräsentativen Plätze von -Warschau: ist der Opernplatz. Auf der einen'Längs-"' seite erhebt sich das Stadthaus, gekrönt von dem - imposanten Rathausturm, ihm gegenüber aber zieht sich die säulengeschmückte Front der Oper hin, deren Konturen abends im Lichte verdeckter Scheinwerfer plastisch hervortreten. An der westlichen Schmalseite, dort, wo die Bank'Polskiihren Sitz hat, beginnt mit der ulica Bielanska' das jüdische Viertel. Es ist hier am Beginn noch nicht so angefüllt mit Menschen wie in den gedrängt vollen Strassen um die Nalewkf herum. Hier in der Bielanska herrscht noch eine gewisse Geräumigkeit, und so ist denn auch die Weiträumigkeit der erste Eindruck, den'wir beim' Betreten des Grundstücks Nr. 5 empfangen, auf dem das Theater Nowosci breit sich hinlagert. Wie so viele Theater, liegt auch dieses War-' schauer Bühnenhaus nicht au der Strasse, sondern im Hintergrund eines grossen Hofes, zu dem ein Durchgang den Besucher hinführt, mit seinen Szenenbildern und Schausprelerphotos ihn hinlockend und hingeleitend aus der Alltags-, weit .der Strasse in die. Zauberwelt der Bühne." Heute künden die Bilder das Gastspiel von Ida Kaminska ■ und ihrem Ensemble an. und die' Szenenaufnahmen sind 'dem historischen Drama• „Glückel von Hameln" von Max 'Baumann entnommen und zeigen uns jüdische Gestalten in der Tracht des 17. Jahrhunderts. Beides aber, der Name Ida Kaminska und der Titel des Stückes, üben eine grosse. Anziehungskraft auf die jüdischen Massen Warschaus aus, und so strömen denn an diesem Wochenende Hunderte durch die Passage in den Theaterhof hinein. Wer ist Ida Kaminska? Sie ist die Trägerin eines grossen Namens im östlichen Judentum, die Vertreterin einer ehrwürdigen Schauspielertradition. Esther Rachel Kaminska, ihre Mutter, gilt heute noch überall als die bedeutendste' Darstellerin, die das jüdische Theater in den letzten Jahrzehnten gehabt hat- Ihre Mirele Efros in dem gleichnamigen Werk von Jakob Gordin, einem der fruchtbarsten jüdischen Dramatiker, und ihre Verkörperungen anderer klassischer Rollen der. jüdischen Bühne leben in der Erinnerung der theaterbegeisterten Massen •als unerreichtes Vorbild fort. Ihr ausdrucksvolles Antlitz, festgehalten in der Totenmaske, trat - uns entgegen, als wir das Heim des Künstlerpaares Jonas Turkow und Diana Blümerifeld besuchten. Ida Kaminska, die Tochter, ist heute auch schon.die Vertreterin der Generation der Mütter. Denn neben ihr steht: auf der Bühne ihre junge Tochter Ruth Turkow, väterlicherwi? mütterlicherseits von bestem Theaterblut. Gehört doch ihr Vater Siegmund Turkow wie sein eben erwähnter Bruder Jonas gleichfalls einer Dynastie jüdischer Künstler an. Ida Kaminska hat moderne Rollen gespielt, angefangen von Ibsens „Nora" bis zum „Fall Monica", dem in Polen vielgespielten Frauenstüek von Borosow cz- Szczepkowska. Aber viele halten ihre volkstümlichen jüdischen Rollen doch für ihre stärkste Seite, und so hat Ida Kaminska mit sicherem Instinkt nach einer grossen jüdischen Gestalt gegriffen,, nach jener Glückel von Hameln, die uns in ihren Memoiren als treue Gattin und aufopfernde Mutter, als tüchtige Kauimannsfrau mit weltoffenem Geist und frommem Gemüt so anschaulich vor Äugen tritt. Es war der Danziger A utor Max B a u - mann (vgl. C.-V.-Zeitung Nr. 11 von 1938 ..Jüdisches Theater in Danzig"), ein angesehener jüdischer Rechtsanwalt, der vor Jahr und Tag Glückel von Hameln zur Heldin eines vieraktigen Schauspiels gewählt hatte. Der Aufenthalt einer jüdischen Truppe in Danzig machte vor zwei Jahren den Regisseur Weinstock - mit dem Werk bekannt. Er fühlte die Bühnenwirksamkeit des mit kräftigen Strichen gezeichneten Werkes mit sicherem Instinkt heraus und erwarb von Baumann das Recht zur Uebersetzung. Dann bot er es Ida Kaminska an. und diese brachte das Stück mit' einigen Abänderungen im Herbst 1937 in Lodz zur Uraufführung. Daß war vor einem Dreiviertel jähr.. Seitdem ist das Stück bald 150 mal gespielt worden. Es lief monatelang in Lodz, in Krakau, in Lemberg und in den anderen polnischen Städten und weckte stärksten Widerhall bei Presse und Publikum. Seit einigen Wochen ist es in die polnische Hauptstadt und damit in die grösste Judengemeinde Europas gelangt, und man darf annehmen; dass es auch hier seine Zugkraft bewähren wird. 1200 Menschen fasst das Theater Nowosci, ein früheres Operettentheater, in Parkett und zwei ausgedehnten Rängen. Der Besuch ist gut, die Vorstellung beginnt pünktlich 9 Uhr 15 Min. nach Polizeivorschrift, aber einzelne unpünktliche Besucher stören erheblich. In Kenntnis ihres Publikums eröffnet die Regisseurin Ida Kaminska aas Stück mit einem Prolog. Ein Sprecher erklärt die Bilder einer Gemäldegalerie, unter ihnen ein Bildnis der Glückel von Hameln. Er macht das Publikum mit den Lebensumständen dieser,Frau in grossen Zügen bekannt, und dann erst beginnt die eigentliche Handlung, in deren Mittelpunkt die dem Bilde entstiegene Frau steht.. Das Parkett und die Galerie folgen den Vorgängen auf der Bühne mit lebhafter Teilnahme. Der Kriminalfall, dessen Ausgangspunkt das rätselhafte Verschwinden des Ehemannes der Glückel bildet, erregt sofort ihre Spannung. Die unkomplizierte Handlung führt bereits im zweiten Akt zu der grossen Aussprache zwischen der die Mordanklage erhebenden Gattin und dem Städtoberhaupt, und hier unterbricht spontaner Beifall be.i offener Szene die Forderung nach Gerechtigkeit. Ida Kaminska erweist sich als eine klug abtönende Künstlerin, die sparsam mit Wort und Gebärde umgeht, um desto stärkere Wirkungen bei den wenigen leidenschaftlichen Ausbrüchen zu erzielen. Ehien ausgezeichneten Sprecher lernen wir in dem Darsteller des Bürgermeisters kennen, auch sonst ist eine Reihe guter Einzelleistungen und vor aliem ein ausgewogenes Zusammenspiel festzustellen, das dem Werke in jeder Weise gerecht wird. Der dritte und vierte Akt bringt die Gegenüberstellung der Mutter des Mörders, die ihr Kind verteidigt, und Glückeis, die das Andenken ihres Mannes hochhält. In diesen Zusammenprall zweier liebender Frauen tritt die Nachricht, dass auch Glückeis ältester und liebster Sohn sieh in Schuld verstrickt hat. So reift in ihr Verstehen und Verzeihen, und ihr Erlebnis wird ihr zum denkwürdigen Ausdruck eines jüdischen Frauenlebens, den es Kindern und Kindeskindern zu bewahren gilt. Indem sie sich niedersetzt, ihre Lebensgeschichte zu schreiben, verwandelt sie sich in die historische Gestalt des Prologs. Wieder erscheint der Sprecher, um den Zusammenhang zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart herzustellen und damit einen Hauch der Ewigkeit dem Hörer fühlbar werden zu lassen. Starker Beifall folgt dem letzten Fallen des Vorhangs und. ruft Ida Kaminska mit ihren Helfern immer wieder an die Rampe. Der Applaus verstärkt sich, als bekannt wird, dass der Autor im Saale ist. Auch er wird stürmisch gefeiert. Lebhaft das Gehörte und Geschaute diskutierend, entfernen sich die Theaterbesucher, treten hinaus in einen regnerischen Sommerabend, in die Bielanska nahe dem Opernplatz, wo das jüdische Viertel von Warschau beginnt und mit ihm seine schweren Probleme und Sorgen. Dr. Erwin Lichrenstein. Ein ungewöhnlich anziehendes Bild originalen jüdischen Schaffens vermittelte der von der Hunter College Menorah Society jn New-York veranstaltete und von Professor A. W. Binder geleitete Abend der .Jcwish Choral Society". Von .ihrem vielseitigen Talent überzeugte wiederum die Solistin Beatrice Lind (W a g h a 11 e r).

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