Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 10] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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der Untertitel des Buches. Diese Worte kennzeichnen den Geist, in dem es geschrieben ist — nicht seinen Inhalt. Denn das ist die große und angenehme Überraschung: Das vorliegende Werk versucht nicht, das Judentum in ein bestimmtes System zu zwingen. Wir haben seit langem die Gewohnheit angenommen, vom Standpunkt des Zionismus, des Liberalismus, der Orthodoxie zum Judentum Stellung zu nehmen — May bäum unternimmt es, das Judentum aus sich selbst heraus zu erklären und die Richtungen, in die es sich entwickelt hat, vom Standpunkt des Judentums aus zu betrachten. Er tut dies auf ungemein temperamentvolle Art, bewahrt sich aber bei all dem einen völlig selbständigen und persönlichen Standpunkt: etwa wenn er, obwohl dem Liberalismus eng verbunden, dennoch schreibt: „Daß der Gottesdienst in der liberalen Synagoge nicht jüdisch ist, weiß heute außer den Berliner Gemeindeliberalen. .. das ganze deutsche Judentum". Das Buch gliedert sich in 6 Kapitel: ,,Der Chawer", ,,Der Rabbiner", „Der jüdische Gottesdienst", „Haggada und Halacha", „Raum und Grenze der Diaspora", „Das Ghanukka-Wunder". Schon diese Aufzählung verdeutlicht die Struktur des Werkes: nicht ein bestimmtes System, sondern einzelne Probleme, die ihn gerade beschäftigten, haben den Verfasser bei der Niederschrift geleitet. Diese Systemlosigkeit verleiht dem Ganzen einerseits eine starke Lebendigkeit, macht es aber anderseits möglich, daß sidh z. B. in dem Kapitel „Haggada und Halacha" eine eingehende Betrachtung über die jüdische Predigt findet, die vom streng systematischen Standpunkt aus in das Kapitel „Rabbiner" oder „Gottesdienst" gehört hätte. Im Rahmen dieser sechs Kapitel wird eine Vielzahl von jüdischen Problemen behandelt. Dabei bleibt Maybaum niemals im Theoretischen und Abstrakten haften, sondern greift immer wieder in das praktische Tagesleben hinüber: Wenn er jüdische Gemeinschaft, Kehilla kedoscha, als weder vom Tode noch vom Leben, sondern von Gott her bestimmt definiert hat, zieht er sofort Verbindungslinien zu den jüdischen Jugendbünden und den jüdischen Parteien; wenn er Halacha als Wandel und jüdische Verwirklichung definiert hat, untersucht er sofort, wie weit sie heute noch und wieder möglich ist. In dieser gründlichen, immer anregenden Art behandelt Maybaum unter anderem die Fragen der jüdischen Gemeinschaft, der Stellung des Judentums zur Kirche, die Funktion des Rabbiners im Gegensatz zu der des Priesters, die Rabbinerausbildung, das Nachwuchsproblem, die Fragen der Gebetbuchreform und des Orgelgottesdienstes, der — als solcher nur im Westen möglichen! — Orthodoxie und des Zionismus, die Bedeutung der Reformgemeinde und des Oneg-Schabbat, des Schulchan aruch und des Lehrhauses im Sinne Franz Rosenzweigs, die Exilsituation in Bezug auf Palästina, die Bedeutung des Wunders als Geschehnis und als Hoffnung. Nicht immer wird man sich mit seinen Ergebnissen einverstanden erklären: So dürfte die Unterscheidung zwischen „Rabbinern" und „Rabbinen", die Maybaum ablehnt, zu Recht bestehen, weil sie die veränderte jüdische Funktion des Rabbiners der Jetztzeit gegenüber dem Rabbiner einer früheren Geschichtsperiode kennzeichnet. Ebenso wird die bitterböse Kritik an der Reformgemeinde wie anderseits die herbe Ablehnung des Oneg-Schabbat — einer jüdischen Lebensform, die doch schließlich noch mitten im Werden ist! — nicht ungeteilten Beifall finden. Aber das ist auch garnicht die Absicht des Buches: es will „einen Beitrag geben zum Ringen des heutigen Judentums um echte jüdische Gemeinschaft". Diesen Zweck erreicht es völlig: gerade als Anregung zur Klärung der eigenen Stellungnahme zum Judentum, die keinem erspart bleibt, dem es mit seinem Judesein wirklich ernst ist, ist Maybaums Buch von größtem Nutzen. Und noch unter einem anderen Gesichtspunkt ist dies Buch zu begrüßen. Goethe hat einmal gesagt, daß der Mensch keinen Zustand schärfer ablehne als den, den er soeben überwunden habe. Es ist in manchen jüdischen Kreisen geradezu üblich geworden, die Entwicklung des Judentums und insbesondere des deutschen Judentums in den letzten i5o Jahren vom jüdischen Standpunkt als dekadent und gänzlich unjüdisch darzustellen. Maybaum zeigt, daß das liberale Judentum, wie es sich im 19. Jahrhundert auf deutschem Boden entwickelt hat, autochthones, legitimes jüdisches Leben repräsentiert. Sein Buch stellt somit einen höchst beachtlichen Beitrag zu der allmählich dringend nötig gewordenen Apologetik des liberalen Judentums dar. Günther Looser Max Dienemann, Liberales Judentum. Nr. 11 der Jüdischen Lesehefte. Schocken Verlag. Eine klassische Untersuchung. Nur, wer einen Gegenstand bis in seine tiefsten Gründe durchdacht und durchforscht hat, ist imstande, ihn auf dem kleinen Raum von nur [\i Seiten so klar und formvollendet darzustellen, wie es dem vere^rungswürdigen Verfasser gelingt. Hier bleibt kein Wunsch offen, alle Fragen werden beantwortet, allen Einwänden begegnet, kaum daß sie geäußert sind. Jedes Wort ist wohl durchdacht, jeder Satz abgewogen, da gibt es kein Zuviel und Zuwenig, das Ganze ist stich- und hiebfest. So zeigt Max Dienemann, was er zeigen will: Die Legitimität des liberalen Judentums. Die Untersuchung zerfällt in drei Teile: Idee, Geschichte,Organisation, sodaß also die Ideologie in ihren Auswirkungen in der Zeit und im Raum in die Erscheinung tritt. Und wer es noch nicht wußte, gewahrt es mit Erstaunen, daß das „Liberale Judentum" ein in sich ruhendes, logisch verknüpftes Gedankensystem ist, in dem es keine Lücken und brüchigen Stellen gibt. So ist es nicht möglich, die von ihm bezogene Position zu erschüttern. Der prinzipielle Unterschied zur Orthodoxie beruht auf der Verschiedenheit in der Stellung zum Offenbarungscharakter der Bibel. Dienemann bleibt auch dabei, daß die Grundlagen des Judentums unwandelbar sind, fügt aber hinzu — und hier trennen sich die Wege —, daß die Formen des religiösen Bewußtseins dem Gesetz der Entwicklung unterliegen, also wandelbar sind. Dabei erhebt der Verfasser die Forderung nach einer Form als dem Ausdruck eines Gemeinschaftswillens mit allem Nachdruck, nach einer Form auf Grund „der Autorität des geschichtlich Gewachsesenen", und er führt nun bis ins Einzelne an höchst instruktiven Beispielen aus, was zu den Lebenselementen des Judentums gehört und was nicht. So ist das liberale Judentum zu definieren, als eine bestimmte Art der jüdischen Frömmigkeit, in Einklang gebracht mit dem Lebensgefühl unserer Zeit. Wie sich diese „religiös-liberale jüdische Lebensordnung" historisch entwickelt hat, ist, wie gesagt, der zweite Teil der Arbeit, die mit der Kultusreform Israel Jacobsohns beginnt und bei Franz Rosenzweig endet. Zum Schluß erhalten wir eine knappe Übersicht über die Organisationsformen, in deren Mittelpunkt die World Union for Progressive Judaisme steht. Erich Lichtenstein Menschen aus französischer Geschichte „Der große Herbst Heinrichs IV." nennt sich das neue Werk von Emil Alfons Rheinhardt (Verlag E. P. Tal &Co., Leipzig-Wien), des dichterischen Biographen der Duse, der Josefine Beauharnais und des Paares Napoleon und Eugenie. Nur den Lebensabend des großen Franzosenkönigs behan- 10