Mannheim
Compact Memory

Blätter der Jüdischen Buchvereinigung · 1936-02-01 · 1 (2.1936) · p. [Seite 9]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)

OCR text

12 entity mentions

BiUldfajpCUUutoQtH Albert Lewkowitz, Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts (Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums). Breslau (M. & H. Marcus Verlag) IQ35; Gr. 80 XII, 57o Seiten. Seit mehr als zwei Jahren haben wir eine gültige Beschreibung und Deutung des Prozesses, der eintrat, als sich das westeuropäische Judentum mit der Emanzipation vom grundsätzlich gesetzestreuen Standpunkt ablöste. Max Wiener hat in dem besten Buch, das uns seit iq33 aus dem Kreis der Juden in Deutschland geboten wurde, „Die Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation" (Philo-Verlag, Berlin, io33), nicht nur durch äußere Ordnung ziemlich undurchsichtige Stoffmassen deutlich gemacht, sondern schon den eigentlichen Vorgang der gegenseitigen Durchdringung des europäisch-jüdischen Geistes nach Beendigung der Ghetto-Existenz mit großer Schärfe getroffen. Das neue Werk von Albert Lewkowitz macht den Versuch, das gesamte europäische Geistesleben von Kant bis Bergson im Zusammenhang mit dem Judentum zu behandeln. An dieser Art der Bewältigung eines selten zersplitterten und wenig homogenen Wissensmaterials sehen wir erst, wie bedeutend die Leistung von Wiener ist, der von der jüdischen Seite die Verwandlung des Judentums durch Eindringen einer fremden Wewlt schildert. Das Eindruckvollste seiner Darstellung ist, wie er das Unaufhaltsame des Herganges, den inneren Bedeutungswandel selbst, z. B. die säkulare Veränderung der Orthodoxie, bei äußerer Beibehaltung der Pflichtlehre, begreifen lehrt. Demgegenüber liegt die Stärke des umfangreichen Bandes von Lewkowitz in einer mehr äußeren Systematisierung der bekannten geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts in ihrer Berührung mit dem Judentum". Die wirkliche gegenseitige Affizierung beider könnte ja erst gezeigt werden, wenn die Begriffe „Geist" — „Jüdischer Geist" — „Die europäischen Geisteshaltungen und ihre Kriterien", geschärf t, vor allem aber die zunächst harmlose Verknüpfung „und" im Haupttitel im höchstmöglichen Maße begrifflich geklärt würde. Darum kümmert sich Lewkowitz weniger, und dieser Unbekümmertheit verdanken wir eine saubere übersichtliche Zusammenstellung der einschlägigen „Wellanschauungen" und ihrer Vertreter. Der Stoff wird in drei große Abteilungen gesperrt: Die Weltanschauung des ethischen Rationalismus (Kant; sein Einfluß auf Bendavid, Salomon Maimon, Moritz Lazarus, Hermann Cohen). — Die Weltanschauung des Pantheismus (Romantik; ihr Einfluß auf die verschiedensten Richtungen von Heine, Isaak Bernays, S. R. Hirsch, Zunz, Abraham Geiger, Graetz, Steinheim, Herzl, Martin Buber). — Die Weltanschauung des Naturalismus (Ludwig Feuerbach, Spencer, Sigmund Freud, Marx und Engels, Schopenhauer, Nietzsche, Bergson). Infolge der Unschärfe der Begriffe wird hier Philosophiegeschichte mit einem vielfarbigen Scheinwerfer getrieben. Analysen von Systemen und Gestalten sind mit Urteilen über die religiösen und politischen Richtungen des Judentums im 19. Jahrhundert vermengt, wobei bald die rein historische, bald die systematisch-philosophische Methode verwendet wird. Das Verdienstliche des Werkes von Lewkowitz bleibt die Zusammentragung der vielen jüdischen und nicht-jüdischen Denker: es liegt in der Natur einer solchen Sammlung, daß das Ideengebäude der einzelnen Denkerpersönlichkeiten nur in einem abgekürzten Grundriß wiedergegeben werden kann, wobei das Jüdisch- Eigentümliche (etwa bei S. R. Hirsch oder Bernays, aber auch bei den Begründern des Zionismus) unscharf wird und manchmal sogar in ©inen peinlichen, lexikonartigen Relativismus hineingerät. Das gilt zunächst für das Werk im Ganzen, in das viel zu viel hineingepackt ist. Nimmt man die Einzeldarstellungen aus ihrem an und für sich losen Zusammenhang heraus, so erfreuen einige Bearbeitungen gerade durch den Extrakt und das Rezept, das manchmal die Durchnahme großer zweitrangiger Systeme (man denke etwa an Steinlieim oder Formstecher) erspart. Darin liegt freilich auch wieder das Gefährliche von solchen historischen, vielseitigen Abrissen. Die Monographie einer einzigen Gestalt auf dem Zeithintergrund, im engsten Zusammenhang mit dem Zeitgeist, zeitlich nach rückwärts und vorwärts gut orientiert, immer durchdrungen von der eigentlichen Problematik der jüdischen Komponente, das wäre die Forderung der Stundej. Der vorliegende Grundriß hat sich eine andere Aufgabe gestellt, die er auf interessante, wenn auch nicht immer befriedigende Art gelöst hat. Ludwig Feuchtwanger Ignaz Maybaum: „Parteibefreites Judentum'. Philo-Verlag. Zeiten des Umbruchs, in denen neue Kräfte am Werden, sind, jetler Tag neue Probleme heraufführt und die Ereignisse des Lebens sich fast überstürzen, bringen die Gefahr mit sich, daß über den Notwendigkeiten des Tages die ewigen Ideale, nach denen das Leben sich ausrichtet, zurücktreten oder sogar völlig in den Hintergrund gedrängt werden. Rabbiner Dr. Ignaz Maybaum darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, diese Gefahr erkannt und durch das vorliegende Buch abgewendet zu haben. Aus der heutigen Situation her betrachtet er das Judentum — um dann vom Judentum aus die heutige Situation zu gestalten. „Lehrende Führung und priesterliche Gemeinschaft" lautet Max Lichtwitz BUCH- UND STEINDRUCKEREI m 1&6Z fakatihl duccU , OtualitätsdaUk Berlin SW19, Neue Grünstr. 30 FERNSPRECHER: A 6 MERKUR 2936 9

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.