Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Journal
- Blätter der Jüdischen Buchvereinigung
- Volume
- 3 (1936)
- Issue
- 1 (2.1936)
- Date
- 1936-02-01
- Page
- [Seite 8] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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zunächst die Gestalten aus Werfeis früheren Büchern wieder: Kind und alter Mann, treue Magd und guter Kamerad, die armen Kreaturen und die Gezeichneten; aber sie kehren wieder als Gestorbene, die nur noch in der Erinnerung schattenhaft vegetieren, und doch nicht ganz verschollen und geschwunden sind, so daß sie nun störend oder tröstend mit ihrem Nachleben in unser Leben ragen. Allmählich weiten sich über Landschaften hin die Motive und Formen des Buchs zum Hymnus. Und hiermit stürzt sich Werfel wieder in den Strom der Gebete, Anrufungen, Fragen, Verzweiflungen, Verfluchungen, Visionen, Erleuchtungen, die seit seinen Anfängen als seine hinreißendsten und am meisten jüdischen Schöpfungen gelten, mit ihrem Suchen nach Gott, dem BeAvußtsem der Verantwortung, dem Schuldgefühl und Selbsterlösungstrieb des erkennenden Menschen. Werfeis Dichtung wird allenthalben zur religiösen Dichtung, zu einer Dichtung, die garnicht „bewußt" jüdisch gemeint ist, und doch mehr Jüdisches enthält, als das meiste der gewollt jüdischen Lyrik heutiger jüdischer Jugend. Keiner der neueren jüdischen Dichter seit den spanischen Hymnikern des Mittelalters ist , außer neuerdings Karl Wolfskehl, so in die Bahn der Propheten eingerückt wie Werfel mit seinen jüngsten Hymnen in Gehalt, Ton und Form, und vor allem in der Intensität des Aufgerissenseins, des Schreis, der Beschwörung, der ersehnten Gottnähe. Fast auf jeder Seite des letzten Gedichtbuchs springt dem Leser Jüdisches ins Auge. Die Vision ,,Die Lichttiere" überschreibt er selbst als ,,kabbalistisch". Die Sprache entstand, als die Erzengel aus der Schöpfung die Stücke eines ungesungenen Hallelujah schlugen, daher die Heiligkeit der Dichtersprache. Die Notwendigkeit des bösen Triebs, der erst den guten offenbar werden läßt, wird zum Wort: ,,Gott selbst schickt mir das Übel in die Quere / Als tiefere Notwendigkeit des Heils". Wie das Rosenöl, längst verbraucht, noch aus der leeren Tube duftet, so erfüllt die Gott-Essenz, längst vom Menschen vergeudet, noch das All mit ihrem Hauch. Die Frage „Wem angehör' ich also?" beantwortet er: ,,Ich bin sein, / Denn Sein ist sein, und schmieg mich, nun ich wein', / In seine offne Vaterhand hinein". Das Gedicht „Verzweifelter Stand des Menschen" trägt das Motto: „Gott schuf die Welt aus dem Nichts". Werfel will Gott begegnen „im Dornbusch des Worts, im stotternd zerrissenen Strauch", und wie er einst mehrfach die Berufung des Moses besang, so jetzt die Erweckungen und die Visionen der späteren Propheten: ,.Ezechiels Gesicht von der Auferstehung", ..Die Erweckung des Propheten Jesaia", „Die Himmelfahrt des Propheten Elia", ,,Die drei Jünglinge im Feuerofen". Und Werfel fühlt sich selbst, berufen; wie die Propheten, muß er wider Willen nach Gottes Willen sprechen: ..Und wenn ich denke,Vater, denke Du!!", „Wenn ich schreibe. Herr, sei ich Dein Stift, / Tauch mich in mein Blut als Deine Feder. . . Herr, hier bin ich! Faß mich an und schreib!". In den prophetischen und psalmodierenden Gedichten von ..Schlaf und Erwachen" wird das Reale im Strudel des Geistigen aufgelöst, so daß es seine tiefsten Geheimnisse preisgibt. Hier ist das Unsagbarste gesagt, und zwar in unsagbar sagbarer Form gesagt, mit einer Herrschaft über die Sprache, als Dienerin des kaum Aussprechbaren und bisher nicht Ausgesprochenen, wie es in der heutigen Dichtung nur Rilke erreichte. Freilich wird diese Wortkunst manchmal zur Kunstfertigkeit, aber dann schreit Werfel auf: „Gib mir nicht Macht über die Sprache, gib der Sprache Macht über mich!". Zwar fühlt Werfel in dem Gedicht „Das Bleibende", gerührt von der immer gleichbleibenden Daseinsweise der sässigen Völker, sich „selbst ohne Volk, ohne Land", aber im „Mysterium der Ausenvählung" tröstet er sein Volk über den Leidensweg, den es zu Ende gehen muß: „So oft du feig versuchst, ihn abzukürzen, / Muß ich dich in dich selbst zurückestürzen", und wozu es aufgehoben ist, das wird kundgetan, „Wenn die Posaune durch die Tiefen schauert,/ Und du dein Überstelm hast überdauert". Wie sehr sich Werfel zu seinem Volk und dessen Bestimmung gefunden hat, das erweist sein Bibelspiel, in dem jener Weg des Leids: „De/- Weg der Verheißung" geschildert wird von Abraham bis in unsere Tage. Dies Werk, im Einverständnis mit Max Reinhardt geschaffen für eine Aufführung, die in diesen Wochen zunächst in New York stattfindet, ist eine Schau größten Ausmaßes: Schaustück wie dichterische Schau, anknüpfend an die Mysterienspiele des Mittelalters. Jüdisches Schicksal dringt hier in unser Auge und Ohr in Gestalt einer „zeitlosen Gemeinde Israels, in einer zeitlosen Nacht der Verfolgung". Diese Gemeinde mit ihren immer gültigen Typen versammelt sich in der Synagoge, um des Spruchs zu harren, der über ihr Schicksal entscheidet. Der Rabbi beginnt aus der Bibel zu lesen ... „Und der alle Weg soll uns kräftigen für den neuen Weg, der morgen beginnt." Die Vorlesung geht über ins Spiel der Gestalten aus der Bibel, von den Erzvätern über Mose, die Könige und Propheten, bis zur Zerstörung Jerusalems, doch so, daß immer das Synagogenvolk im Spiel mit dem Bibelvolk ist, durch Fragen, Klagen, Zweifel und Jubel. Als der Spruch der Austreibung verkündet wird, vereinigt sich die ausziehende Gemeinde mit dem Zug der biblischen Gestalten, um der Endzeit entgegenzuwandern. Das Werk ist als Szenarium zu werten, das erst durch die Darstellung erweisen kann, ob es geglückt ist: Zeitliches ins Zeitlose zu erhöhen, um als zukunftweisendes Symbol zu wirken. JUDISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG DU 2eiiuH% des religiös - liberalen Judentums Die 2eikmf der Familie, der Frau u. der Jugend DU lUilÜHfr des Angestellten u. des Kaufmanns DU Zeitung, des Akademikers u. des Theologen Probenummern kostenlos und unverbindlich vom Verlag JÜDISCHE ALLGEMEINE ZEITUNG" 9erlin-CharloHenburg 2, 9leibtreustr. 2" 8