Der israelitische Bote
- Journal
- Der israelitische Bote
- Volume
- 5 (1879)
- Issue
- 46 (13.11.1879)
- Date
- 1879-11-13
- Page
- [Seite 2] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9620169-9625151-9624164--289-9624166- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
bräischcn Psalmen und das alte Testament überhaupt in der Kirche und der christlichen Schule unentbehrlich und fast sämmtliche Kirchenlieder sind den Psalmen nachgeahmt. Man könnte noch hundert andere Beweise aufstellen, was alles das Christenthum dem Judenthume zu verdanken hat. Das Alles sollte besonders die christliche Geistlichkeit aller Confessionen und Sekten bedenken und beherzigen; dann würde die Verfolgungsfuckt und der unverdiente Haß, den besonders diese Klasse der Christenheit seit Jahrhunderten gegen die Juden genährt und nicht ermüdet, die Juden zu verachten, zu verhöhnen und nicht ermüdet die Juden zu verdächtigen und das Volk gegen diese geringere Anzahl von friedlichen Bewohnern in Wort und Schrift zu hetzen, aufhören. Möchte die höhere und niedere Geistlichkeit ferner bedenken, daß sie ihre Würden, Titel, Tracht und kirchliche Einrichtungen lediglich den Juden zu verdanken haben. Denn ohne Judenthum gäbe es weder Papst noch Kardinal, weder Erzbischof noch Bischof vnd wie sonst die geistlichen Würden heißen mögen, ja es.gäbe nicht einmal einen evangelischen Dorfprediger, folglich auch nicht einen Hofprediger Stöcker, der im Weinberge des Herrn derartig arbeitet und in seinem Berufe Nächstenliebe gegen alle Menschen zu predigen, nicht aushört, die Juden und das Judenthum öffentlich zu schmähen, zu lästern, anzuklagen und förmlich Judenhetzen hervorzurufen. Wie kann ein solcher Mann, mit Talar und Bäffchen angethan, die Kanzel besteigen, ohne zu erröthen vor feinem vom Judenthume abstammenden Erlöser, wenn er von der Nächstenliebe, von Nachsicht, von Vergebung und Liebe der Feinde, vom Frieden predigen will? Wenn man den Herrn Hofprediger Stöcker und seinen Anhang fragen würde, die Hand aufs Herz, was hat Ew. Hochwürden zu Ihrem unauslöschlichen Judemhasse veranlaßt? Haben Ihnen die Juden irgend ein Unrecht zugefügt? Sind die Juden nicht ruhige und friedliche Bewohner eines jeden Staates? Haben sie weniger Patriotismus gezeigt, als die Christen? Sollen etwa alle Juden rein wie Engel, rein von jedem Makel sein, während Ihre christlichen Mitbrüder nur Menschen sein dürfen; also fehlen können? Ihr ganzes Auftreten, Ihre Agitation gegen die Juden ist Ihrem geheiligten Amte schnurstraks entgegengesetzt, und hat Ihnen eine traurige Berühmtheit verschafft, die eben kein humandenkender und seinem Berufe treufolgender Geistlicher mit Ihnen theilen möchte. Ein Geistlicher, ein Seelensorger soll ganz seiner Kirche, seiner Gemeinde, kurz seinem Berufe: Nächstenliebe zu lehren, Frieden zu verbreiten und zu stiften und in stiller bescheidener Zurückgezogenheit leben; die Kirche, die Kanzel allein sei sein Platz, wo er zu reden und gottesfürchtig zu lehren hat; nicht aber im Gewühle und Geräusche öffentlicher profaner Versammlungen, um den Samen der Zwietracht und der Feindschaft zwischen Menschen und Menschen zu säen, um Bruder gegen Bruder zu Hetzen! Dazu hat Gott Sie gewiß nicht berufen und mit Beredsamkeit ausgerüstet; das ist offenbar ein Mißbrauch der göttlichen Gabe. Ein Geistlicher sollte überhaupt der Politik fern bleiben, das ist nicht sein Feld, das er zu pflegen hat. Sie kennen vermuthlich die heilige Schrift bester als ich, der ich ein schlichter Laie bin, und so werden Sie denn wissen, was der Prophet Maleachi 2,10 zu allen Menschen spricht. Dieser eine Vers von den Hunderten, welche das ehrwürdige alte Buch der Bücher lehrt, möge Sie und Ihre Gesinnungsgenossen in Bezug auf die Juden, ^unterrichten, wie Sie Ihr Amt aufzufaffen haben. *) Indem wir dem geehrten Herrn Mitarbeiter unser Bedauern ausdrücken, diese seine Arbeit nicht früher veröffentlicht haben zu können, bringen wir heute unverkürzt diesen populären Artikel, der gewiß vielen unserer Leser wie aus dem Herzen gesprochen sein wird. (Die Red.) Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen' Deutschland. Bonn. Die östereich-ungarische christliche Geistlichkeit hat immer und meistens zu Gunsten der Freiheit ihren Einfluß geltend gemacht; die Bestrebungen der Judencmancipation haben an dem Clerus Oesterreich-Ungarns eine nachhaltige Stütze gehabt. Nunmehr werden sich auch die Rabbinen des genannten Landes den politischen Angelegenheiten zuwenden. Bei der Reichsrathswahl in Kolomea - Suiatyn - Buczacz kandidrrte neben dem Staatsanwalt Wilhelm Lezauski, der Oberrabbiner von Krakau, R. Simon Sofer; dererhielt 931, sein Gegner 788 Stimmen. Das »bene Resultat machte eine engere Wahl nöthig, x ging der Oberrabbiner mit einer absoluten Majorität von 1400 Stimmen als Sieger hervor. Ueber den Gewählten meldet die „B:B. Ztg.": «Der Gewählte ist der Sohn des verstorbenen preßburger Rabbiners R.Moses Sofer und hat unter der Anleitung seines Vaters die rabbinischen Studien gemacht. Er verheirathete sich schon im Alter von 17 Jahren mit einer gewissen Mirjam Sternberg aus Nagy-Karoly und wurde mit 22 Jahren als Rabbiner nach Mattersdorf in Ungarn berufen. 1858 wählte ihn die Kultusgemeinde von Krakau zu ihrem OberMabbiner. Derselbe erfreut sich in der jüdischen Gelehrtenwelt des Rufes eines großen Talmudisten. — (Zur Stöcker-Literatur). Chacun ä sa fagon. Auch das „Neue baierische Volksblatt" hat seine eigene Art, — die Juden zu lieben. Wenn auch nicht viel toleranter wie Stöcker und seine Leute, so ist es doch viel vernünftiger und verdient schon deßhalb einigen Respect. Hören wir den „Protest" des g. Blattes: „Im Namen der katholischen Sache müssen wir gegen ein solches Gebühren ganz entschieden protestiren und wir warnen die Freunde und Anhänger der katholischen Volkspartei dringend, sich an Demonstrationen gegen die Juden zu betheiligen. Die Emanzipation der Juden war freilich ein Fehler, der durch die liberale Gesetzgebung noch bedeutend verhängnißvoller gemacht worden ist. Aber für denselben sind keineswegs die Juden, sondern lediglich die Gesetzgeber verantwortlich zu machen. Eine wahrhaft christlich-konservative Politik und eine vom Geiste des Christenthums erfüllte Gesetzgebung wird den Einfluß der Juden auf das richtige und für die Gesammtheit ungefährliche Maß zurückführen, eine Judenhetze aber, wie sie von gewissen Herren beliebt wird, ist durchaus verwerflich und zwecklos; man müßte denn eine allgemeine Abschlachtung der Juden im Schilde führen." Indem wir jüdischerseits gegen die Art des Protestirens des „N. B. V." entschieden protestiren, müssen wir ihm doch anderseits Dank sagen, für die Abwechslung der Tonart, die es in das langweilige, weil immer und ewig monotone, Concert der Judenfeinde einführt. Denn in der Thal fängt die Stöcker-Literatur uns immer mehr anzuwidern als zu ärgern an. r. Bonn. (Die Candidatur Lasker) veranlaßt die «Schlesische Presse" vom 1. Nov. zu einem vierspaltigen Leitartikel, welcher — für die Wiederwahl in Breslau des großen Patrioten wie hellsehenden Staatsmannes plaidirend, und dessen eventuelle Stellung den national-öconomischen Fragen der Zukunft im deutschen Reiche gegenüber bezeichnend — also schließt: Eines Arguments, das man hier und da gegen ihn ausgespielt hat, sollten wir eigentlich an dieser Stelle, wo wir zu liberalen Männern reden, gar nicht erwähnen: es ist dies der Umstand, daß Lasker nicht das Glück hat,. dem christlichen Bekenntnisse anzugehören. In einem Staate, in dem Jeder nach seiner Fa^on selig werden kann, der von jeher das kostbare Gut der Gewissensfreit hochgehalten und in welchem soeben erst zur Leitung eines der höchsten Aemter, des Justizministeriums, vom Kaiser selbst ein aus jüdischen Kreisen stammender Beamter berufen worden, in einem solchen Staate sollte es liberale Männer geben, in deren Augen ein von dem herrschenden Glauben abweichendes Bekenntniß ein Makel wäre? Das können wir nicht glauben, und darum hoffen wir, daß unsere Parteigenossen sich im bevorstehenden Wahlkampfe einmüthig um ihre Führer schaaren werden, mit dem Rufe: „Hie Lasker!" Es wäre überflüssig, unserseits auf die Bedeutung des Wiedereintritts in die Kammer unseres berühmten Glaubensgenossen näher hinzuweisen. Zu einer Zeit, wo man es ablehnt, (ob geflissentlich oder nickt, Mci&e dahingestellt) es verschmäht vielleicht, Angriffen auf's Judenthum energisch und mit voller Macht entgegenzutreten*) gäbe es wahrlich nichts Erwünschtes, als einen Mann in der Kammer zu wissen, dessen warmfühlendes Herz für seine Nation uns garantirt, in seiner Person einen treuen wie beredten Anwalt unserer Interessen zu haben. *) Eine Petition in der Affaire Stöcker ist von den Stadtverordneten zu Berlin abgewiesen worden; von Seiten des isr. Gemeindevorstandes haben wir längst ein Dementi in Bezug auf die demselben zugeschriebenen Schritte in derselben Affaire. Red. Bonn, im Nov. (Ein furchtbarer Prediger). In dem Buche „totPn “ID1Ö" (nach Angabe des Verfassers das 18: literarische Werk, womit derselbe die hebräische Literatur bereicherte) von R. I. Cohn-Zedek finden wir folgende interessante Notiz: «Als ich nach London kam" — Verf. ist seit einigen Jahren Prediger in L. bei dem Vereine «Zur Förderung von Thora und Wissenschaft" — und daselbst bekannt gewesen war, daß ich in Holland 43 Vorträge, in Paris 65 (in verschiedenen Synagogen daselbst und oft in Anwesenheit Ihr. Ehrw. des Oberrabbiners von Frankreich Hrn. Isidor, "nd des von Paris Hrn. Zadoc Cahn, deren Gegenwart natürlich nicht verfehlte, ein zahlreiches Publikum heranzuziehen) beehrte man mich — mit Einwilligung S. Ehrw. des Hrn. Oberrabbiners von England Dr. Adler — mit einem Vortrage, der auch mit Beifall ausgenommen wurde. Seit der Zeit, ungefähr zwei Jahren, hielt ich hier in 13 verschiedenen Synagogen 279 Reden. — Am verflossenen Rosch-Haschana beehrten mich auch die Herren: Baron Nathaniel von Rothschild und Hr. Lionel Cohn mit ihrer Gegenwart, wo ich vor einer Versammlung von 4—5000 Personen das Gottes-Wort verkündete." — Hierzu sei nur noch bemerkt, daß es der Verfasser mit seiner oratorischen Aufgabe nicht so sehr leicht nimmt. S. 9 äußert er sich also: „Nicht jeder Verf. muß Prediger sein, doch sollte jeder Prediaer Verfasser sein, indem er sich bestrebte, immer etwas Neues, und bestände dies auch nur in der Erklärung der Agava, zu schaffen. — Bonn, 10. Nov. „Die Juden haben es ja". Mit dieser kurzen aber recht gehässigen Bemerkung begleitet die hier erscheinende „D. Reichs-Zeitung" eine auch von andern Journalen aufgenommene Notiz, in der es sich um eine Vergeudung von 3 Millionen Franken von Seite des pariser Hauses Rothschild handelt. Das Palais Debrousse in der Avenue Marigny zu Paris soll nämlich vom Hause Rothschild daselbst um die genannte Summe erstanden worden sein, um bald darauf demolirt zu werden, um Gartenanlageu Platz zu machen. Nun läßt es der abenteuerliche Charakter dieser Nachricht allerdings zweifelhaft erscheinen, ob dieselbe zu den Thatsachen gehöre oder einfach als Zeitungsente hinzunehmen sei. So viel jedoch steht gewiß, daß die D. R. Z. falls das Haus Rothschild ein nichtjüdisches gewesen wäre, die Sache mit ganz andern Augen betrachtet haben würde, sie würde vielleicht in dem vorliegenden Falle einen ritterlichen Zug zu entdecken gewußt haben. Nicht so dem jüdischen Hause gegenüber. Da urtheilt nicht mehr der nüchterne Verstand, da redet die Neidsucht: «DieJuden haben es ja." Arme Deutsche Reichs-Zeitung! der der Luxus des Hauses Rothschild so viel Aergerniß bereitet, ohne dabei zu bedenken; daß erstens, die Flüssigmachung eines Capitals von 3 Millionen der Welt im Allgemeinen größere Vortheile bietet als die Erhaltung eines Palais, daß zweitens, ja nach Allem die 3 Millionen Geldes in christliche Hände gerathen sind, und daß drittens, die Demolirnng des Palais Debrousse, sowie die an dessen Stelle zu errichtenden Gartenanlagen vielen Arbeiterfamilien Existenz verschaffen. — Und wer weiß, ob nicht auch einst so mancher haffensmüde Mitarbeiter, so manche Leser der D. R. Z. bei ihrem Vergnügungsaufenthalte in der Seinestadt in den freundlichen, duftigen und schattigen Anlagen der Avenue Marigny körperliche und geistige Erholung zu finden suchen werden? r. Bonn, 10. Nov. Ter Rücktritt des Herrn Dr. Adler, Oberrabbiner von England, dem Gesundheits- Rücksichten zu Grunde liegen, wird aus London gemeldet. Nach einer anstrengenden Amtsthätigkeit in einer Zeit von fast 4 Jahrzehnten zieht der berühmte Rabb. sich zurück, seinem Sohne, Herrn Dr.Hermann Adler die Leitung des großen Rabbinats anvertrauend. Indem wir dem Vater eine bessere Gesundheit wünschen, rufen wir dem Sohne zu: fttKI ptn. Aus Westphalen. Eine frohe Botschaft ist es, die ich Dir, lieber Leser! heute zu überbringen habe. In unserm in religiöser Beziehung mit Recht so sehr in Mißkredit gekommenen Westphalen hat sich eine kleine orthodoxe Separalgemeinde constituirt, ein Ereigniß schwerwiegend in seinen Folgen, das, wenn es Nachahmung finden und der gütige Gott dazu seinen Beistand verleihen wird — und gewiß wird dieser bei einer so guten und gerechten Sache nicht ausbleiben — zur Conservirung des wahren, unverfälschten und unverkürzten traditionellen Judenthums, zur Wiederbelebung des so sehr gesunkenen religiösen Sinnes das seinige beizutragen nicht verfehlen kann und wird. Hr. Samuel Kahn in Witten, der, wie wir beiläufig zu bemerken uns erlauben, die dortige Gemeinde-Synagoge schon seit Jahren nicht mehr besucht hat und zwar aus dem «inzigen Grunde, weil man in derselben einen Gottesdienst eingerichtet hat, der den Anschauungen des wahrhaften Judenthums schnurstraks zuwiderläuft, (die sogenannten Cultusreformen haben auch hier wie in vielen andern westphälischen Gemeinden den Culminationspunkt erreicht; es fehlt an einer Frauengallerie, Männer und Frauen sitzen nebeneinander, vnj ^2 und andere heilige Gebete sind abgeschafft, Harmonium und gemischterLChorgesang eingeführt.) Dieses und noch so manches Andere hatte Hrn. Kahn veranlaßt, an den verflossenen D Will einen j Separatgottesdienst einzurichten, dem auch mehre Mitglieder der wittener Gemeinde beigewohnt hatten. Viele derselben, bei denen der rel. Sinn noch nicht ganz erloschen ist, und nur der Anregung bedarf, um wieder Zweckt und belebt zu Q a